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Rezensionsaufsatz

Die Ein-Mann-Theorie. Reinhart Koselleck auf der Zeitenschwelle zum Klassiker


Abstract

An examination of the recent reception of Reinhart Koselleck (1923–2006) on the occasion of his centenary shows that the transition from an emerging to a genuine field of research has been completed. Nonetheless, there is a contemporary ambivalence towards his work that oscillates between theoretical debate and superficial evocation. In particular, some persistent theoretical deficits in historical scholarship call for a more systematic and deeper engagement with Koselleck’s work. The new literature shows: increasingly rich sources provide the basis for numerous ongoing and potential research projects.

Keywords: Review Essay, Huhnholz, Sebastian/Jung, Ludwig/Käppner, Anton, 2024, Reinhart Koselleck, Historiografie, Historik, Ikonografie, Begriffsgeschichte

How to Cite:

Huhnholz, S., (2024) “Die Ein-Mann-Theorie. Reinhart Koselleck auf der Zeitenschwelle zum Klassiker”, Neue Politische Literatur 69(2). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-024-00602-1

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© The Author(s) 2024 under CC BY International 4.0

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2024-10-09

Ein Koselleck-Jahrhundert – erste Sondierungen

Ein Jahrhundert nach seiner Geburt 1923 in Görlitz gilt Reinhart Koselleck nicht allein als unangefochtenes Mastermind begriffsgeschichtlicher Forschungsansätze. Jubiläumsgerecht tritt er uns mittlerweile auch als mitunter recht populäre Allzweckwaffe, allemal als universeller Metaphernspender entgegen. Angesichts einer nicht nur vom deutschen Bundeskanzler ausgerufenen „Zeitenwende“ genießen assoziationsoffene Stichworte über Geschichte eben Konjunktur.1 Orientierung in der ohnehin stattlichen Menge von Koselleck-Referenzen und Koselleckiana zu behalten, ist darum zuletzt nochmals schwieriger geworden. Dafür entwickelt unsere Literaturabhandlung zunächst einen konzeptionellen Rahmen, sortiert besonders auffällige Interpretationslinien der neueren und neuesten Forschung und stellt deren Beiträge anschließend gruppenweise und abschließend auch schlaglichthaft vor. Trotz des Anliegens, der Fülle neuen Materials näherungsweise gerecht zu werden, muss – NPL-adäquat – theoretisch, politologisch und historiografisch relevanten Dimensionen Vorrang zukommen. Denn nicht allein zwei neue Monografien, vier besonders gehaltvolle Sammelbände, verschiedene Schwerpunkthefte, viele Abhandlungen sowie diverse mit oder zu Koselleck arbeitende Artikel liegen vor. Auch eine Flut von Zeitungsberichten, Einzelrezensionen, Konferenzen, Tagungen und Workshops2, national wie international, zeigt: Die Zahl derer muss beachtlich sein, die sich von und über Koselleck Reflexion versprechen.

Voranzustellen ist zunächst einmal unser Eindruck, dass der Mensch Reinhart Koselleck an die Stelle des methodologischen Paradigmas des Historikers Koselleck getreten ist. Was die Begriffsgeschichte einst leisten sollte – ideologiekritische, zeitenspezifische und entwicklungsgeschichtliche Reflexion kollektivierender Semantiken – verbürgt nun ihr populärster Vertreter. Was eine interessierte Öffentlichkeit mit Koselleck anzufangen versteht, weist über dessen Profession auffallend hinaus. Das ist nicht nur erfreulich. Denn das Reden mit Kosellecks Formeln und die allgemeine Berufung auf ihn ist häufig doch ein Formulieren ohne Fundament geworden. Selbst das Theorem der „Sattelzeit“ – es handelt sich dabei um einen „der erfolgreichsten Begriffe innerhalb der Geschichtswissenschaft und weit über sie hinaus“3 – dient als oft inhaltsarme Schablone sowie als vergesellschafteter Konversationsbegriff.4 Auch das Sammeln von Koselleckiana hat bisweilen kultische Züge angenommen. Abertausende Habseligkeiten, Memorabilien und diverse andere Artefakte aus dem privaten Bestand Kosellecks wurden katalogisiert und wollen Aufmerksamkeit.5 Hier keimt, was Koselleck selbst als „beiläufige Definition eines Klassikers“ anführte: „[U]nmöglich, zu ihm zurückzukehren, aber ebenso unmöglich, über ihn hinauszukommen.“6

Bald zwei Jahrzehnte nach seinem Tod und angesichts auch – so mochte man bislang meinen – ausreichender Publikationen, die bereits in Kosellecks später Lebensphase ansetzten und sich seit 2006 nochmals vermehrten, ist also keinerlei Sättigung der Koselleck-Industrie erkennbar. Musste Kari Palonen noch vor 20 Jahren feststellen, es gebe „keine gute Literatur zu Koselleck“7, schien diesem Zustand mittlerweile abgeholfen. Zu Person, Werk und Werkentwicklung lagen längst einschlägige Titel und zahlreiche Deutungen vor. Noch „im Jahr seines Todes“ ist Koselleck unter die „Klassiker der Geschichtswissenschaft“ eingereiht worden.8 Die Auflage eines eigenen DFG-Eliteprogramms, das unter seinem Namen „besonders innovative und im positiven Sinne risikobehaftete Forschung“ für „besondere wissenschaftliche Leistungen besonders ausgewiesener Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler“ fördert9, bestärkte das Renommee. Dennoch lässt sich auch über Reputation und Prestige hinaus eine „steile Aufwärtskurve“ der Rezeption feststellen – „quantitativ wie qualitativ“10 und vermehrt global. Koselleck „is now en vogue“. Person und Werk sind präsent „in the humanities and historical social sciences, both in Germany and internationally“11, und die Messlatte des Wissenswerten und Diskussionswürdigen wird durch einige neuere Titel erheblich höher gelegt.

Gewiss stand die äußerliche Akribie des Gelehrtenprojekts der „Geschichtlichen Grundbegriffe“ immer schon im auffälligen Gegensatz zum experimentellen, abwägenden, oft essayistischen und vielfach rhetorisch-situativ dem eigenen Sprechdenken abgelauschten Stil von fast allen anderen Texten Kosellecks. Die drehten sich zentral um geschichtstheoretische Anliegen in Abgrenzung von geschichtsphilosophischen Traditionen. Und sie waren nicht zuletzt versucht, den Ansatz und die Ergebnisse der Lexikonreihe als einen, freilich besonders gewichtigen Baustein und als Werkzeuge propädeutischer Redlichkeit zu beglaubigen: Wie ist „Geschichte“ möglich; wie, wann und warum kam es zu welchen sinngebenden Vorstellungen historischer Bewegungsmuster, kollektivierender Selbstverortbarkeit in je einer Zeit und zu geschichtspolitischen Ermächtigungsappellen; wie zu eigendynamischen Visionen der „Zukunft“12 jenseits allein chronologischer (und dazu alternativer, etwa zirkulärer oder pendelhafter) Anordnungen oder unverbundener Berichte bis paralleler Erzählungen.13

Angesichts eines aus vielen Gründen „unhaltbaren Chronozentrismus“ der europäischen Neuzeit (so der späte Jan Assmann14) ging es dem Kritiker Koselleck auch darum, die je aktuelle legitimationsstiftende Retroaktivität der politischen Indienstnahme großer Begriffe bloßzulegen. Es galt, die nachträgliche Interpretation, Auswahl, Sortierung, Um- und Überformung historischen Geschehens durch aktivistische, pädagogische bis tröstende Narrationen transparent zu machen. So sollte einerseits die prinzipielle Offenheit, Kontingenz und Variabilität erzählter Konstruktionen mittels analytischer Durchdringung erinnert beziehungsweise miterinnert werden. Andererseits konnte durch materialgesättigte Evidenz vor der Indoktrination durch Geschichtsbilder gewarnt werden – eine dualistische Dialektik des Politischen in seinem Denken, die gemeinhin auf den Einfluss Carl Schmitts zurückgerechnet wird – der unablässige Diskurs darüber kann hier nicht Thema sein.15 Dass der ‚Weltbürgerkriegsdenker‘ Koselleck in diesem für den frühen Kalten Krieg typischen Gefechtsfeld nicht unbefangen war, ist weithin bekannt und wird seit spätestens 1960 notorisch kommentiert16, mit zunehmendem Alter auch von ihm selbst. Doch die so auffällige und vordergründig einfach kritisierbare Stellung, die Koselleck der eigenen Person (exemplarisch) beimaß und dabei auf der Relevanz persönlicher Erlebnisse bestand, ist nicht mit Eitelkeit oder Rechthaberei zu verwechseln, sondern als epistemisch-kritische Frage zu verstehen: Wie, in welchem Ausmaß und mit welchen Grenzen wird das Individuum in eine Gruppennarration integriert, wie wird persönlich erlebte Vergangenheit (wessen) Teil von „Geschichte“?

Dieser Erinnerung sind weitere Präliminarien anzuhängen. Sie sind an dieser Stelle fällig, um naheliegenden Missverständnissen vorzubauen. Die eigene Person beziehungsweise die Einzelperson als Quelle reklamiert für Koselleck nämlich nicht Repräsentativität und einen Teil primordialer Kollektivität. Vielmehr stellt sich seine scheinbare Selbstbespiegelung gerade dagegen. Denn auch Kosellecks eigene „Primärerfahrung“, so Manfred Hettling zum Abschluss einer unter dem Titel „Geronnene Lava“17 erschienenen, in vielen Hinsichten aufregenden Quellensammlung, „bedingt […] eine Differenz zu jeder nachträglichen Sinnzuschreibung, sensibilisierte ihn gegen jegliche ideologische Zumutung und gegen jede Zumutung eines vermeintlich kollektiven Gedächtnisses“ (S. 542). Nicht zuletzt dafür stehe „geronnene Lava“, der Newcomer18 unter den Formeln Kosellecks (beziehungsweise den ihm zugeschriebenen).19 Einst wohl mit dem Bombenkrieg assoziiert20, taucht sie spätestens 1993 im Werk auf und meint das Spektrum der in den Körper eingebrannten, sinnlich abrufbaren Prägungen, „die ein Leib in sich speichert“ und die „durch den Tod […] zum Ende“ kommen.21 Sie ist Synonym der „Primärerfahrung“, „die in den Leib gegossen ist und unverrückbar bleibt“ als Manifestation eines „Vetorecht[s] der eigenen Erinnerung“, die „ich mir nicht kollektivieren [lasse]“.22 Das klingt trotzig, verweist aber auf Quellen des Selbst (Narben, Behinderungen, Träume, Süchte und so weiter), denen die Ordnung, Anordnung und Einordnung durch Zweite widerstrebt. Leben und Geschichte, Singularität und Kollektivsingular, Individual- und Kollektivkörper stehen dabei in unvermitteltem Kontrast. Eine ‚geschichtliche‘ Fremddeutung, eine Übertragung, die Enteignung zur Erfahrung zweiter Hand ist hier nicht möglich; der komplexe Quellenstatus sinnlicher Wahrnehmungen ist entsprechend fragwürdig.23 Das erinnert an Rudolf Augsteins bekannte Inversion zur Frage der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, welche militärische Leistung er am meisten bewundere. Augstein, wie Koselleck und Loriot ein „23er“, antwortet: „Meinen Rückzug aus der Ukraine.“

Es ist wichtig, diese Polarisierung von Individuum versus Geschichte als eine Ausprägung des vieldiskutierten „Vetorechts der Quellen“ (Koselleck) im Blick zu behalten, will man zum einen dem Überdruss an der rasenden Totalverwertung der Supermarke Koselleck vorbauen und die starke Fokussierung auf Koselleck als Person nicht als Ego-Show abtun. Zum anderen ist hervorzuheben, dass das Credo reflektierter Selbstpräsentation derzeit als besonders produktiv gilt: Die „Gesellschaft der Singularitäten“ (Andreas Reckwitz), ihre Identitätspolitiken24 und ihre Empfindsamkeiten gegen unautorisierte Eingemeindungen25, die Verflüchtigung des „methodologischen Nationalismus“26 auch zugunsten einer mehrfach ‚globalen‘ Begriffsgeschichte27 und die Diversifizierung sozialer Identitäten unter Globalisierungs-, multiplen Migrations- und digitalen Selbstkommodifizierungsvorzeichen lassen Koselleck mehr wie einen Avantgardisten denn als Liberalkonservativen erscheinen. Die gegenwärtige Popularität jedenfalls geht nicht restlos im Zeitzeugen Koselleck und dessen Werk auf.

Für unser Vorhaben effizient ist es daher, die dekonstruktivistische Prämisse dieser Agenda an dieser Stelle nur einmal zu erinnern, sie so als kontinuierliches Vorzeichen von Kosellecks Lebenswerk zu markieren und es im Weiteren dem Lesepublikum zu überlassen, das Motiv im Folgenden immer wiederzuentdecken, statt unsererseits permanent zu kommentieren. Ein freier Vortrag des schon betagten Koselleck formulierte die Sache eindrucksvoll wie folgt:

Die Aufgabe des Historikers, möchte ich zugespitzt sagen, ist nicht Identität zu stiften. Der Historiker muss gegen den Strich lesen und muss jede Identität verhindern, um die Konflikte freizulegen, die von der Identität zugedeckt werden. Dann kann man sich verständigen. Dann kann man Frieden schließen. Man kann Frieden nur dann schließen, wenn man die Konflikte aufdeckt, die zu schlichten sind. Der Historiker hat die Aufgabe, nicht Identität zu stiften, sondern sie zu vernichten, um dann neue Wege freizulegen, die dann kommunikativ entstehen. Jetzt haben wir genug Konfliktstoff.28

Diese Provokation bündelt viele der Stränge, die im Weiteren nicht als Synthese, sondern über Einzelschriften aufgerufen werden. Denn dass ‚Geschichte‘ bereits ‚gemacht‘ wird, sobald von ihr überhaupt die Rede ist, dass also ‚Geschichte‘ selbst eine politisch-soziale, gesellschaftliche, kulturelle, kurzum immer ideologische Konstruktion ist, bedingt neben Kosellecks persönlicher Abneigung gegen Instrumentalisierungen seine professionelle Mahnung, sich „dem Zwang zur Theorie“ zu stellen.29

Das war durchaus propädeutisch gemeint und keine akademische Marotte aus der westeuropäischen Hochzeit der ‚Theorie‘. Denn wer ohne ‚Theorie‘ verfährt, forsche gewissermaßen unbewusst, passiv oder unredlich: ohne genügenden Ausweis des eigenen, unvermeidlich selbst geschichtlichen Beobachterstandpunkts, den Koselleck auch darum schon sehr früh als immanent politischen reflektierte. Dagegen bedurfte es vielleicht nicht der einen, nicht nur einer einzigen Theorie, wohl aber einer forschungspraktisch unverzichtbaren Reflexivität über kategorische Grundlagen sozialzeitlicher Beweglichkeit, der selbst historisch bedingten Variabilität ihrer vermeintlich „formale[n] Dauerkriterien“30, kurzum der „systematischen Prämissen der sogenannten ‚Geschichte an sich‘“, um historiografisch und überhaupt wissenschaftlich seriös zu arbeiten. Andernfalls, so jüngst Ulrike Jureit mit und pro Koselleck, einen Brief an Christof Dipper aus dem Jahr 2000 zitierend, wäre die Forschung eine allzu offene Praxis: „‚Denn sie wissen nicht, wovon sie sprechen‘“.31

Die Rezeption hatte sich zu dieser Hierarchie von Theorie und Empirie nie durchweg produktiv verhalten, mitunter mehr parasitär: Der Name Koselleck firmierte bisweilen als hinreichend mythisches Einstiegscodewort für eine irgendwie ‚theoretische‘ Erdung des eigenen Vorgehens, um sich danach bloß seiner Metaphern, oft sogar nur assoziativ seiner Aufsatztitel zu bedienen. Auch heute ist nicht immer auszumachen, ob die fundamental relativistische Behauptung Kosellecks in der Literatur verstanden worden ist und stillschweigend mitgeführt wird (gleich ob kritisch oder nicht), dass einerseits unsere begriffliche Welt unaufhebbar identitätspolitisch ist, weshalb die Begriffe Voraussetzung für Politik und ‚Geschichte‘ überhaupt sind, und andererseits ein Entkommen nur möglich ist durch Subjektivität (der Anerkennung individuellen Erlebens) oder Abstraktion (theoretische Reflexion und Kunst).

Anzeichen dafür sind aber auszumachen, denn Teile der jüngsten Koselleck-Forschung konzentrieren sich stark auf je einen dieser beiden Pole und liefern damit produktive Schlüssel zu einem allmählich konturierten Gesamtwerk mit kontinuierlichen Grundmotiven ohne fixen Kompositionsgedanken. Andere dagegen erläutern, dass das Basisparadigma von der Geschichte als Semantik weiterhin ein Nischendasein fristen muss, solange die Reichweite der Hypothese gesellschaftlicher Selbstauslegung und Selbstformung durch Begriffe verkannt bleibt. Eine wahlweise theoriesimulierende Erwähnung der Begriffsgeschichte à la Koselleck oder aber deren Reduktion zur eher methodischen Hilfswissenschaft jedenfalls habe, folgt man der zugleich einschlägigsten wie schärfsten Kritik aus jüngerer Zeit, in eine Sackgasse geführt.32 Dass Kosellecks Werk „wegweisend“ ist, wird zwar allenthalben anerkannt. Warum es das ist, beispielsweise weil mit Kosellecks Temporalitätskonzept „[m]oderne Demokratie und moderne Zeit […] auf konstitutiver Ebene miteinander verbunden“ sind, politisch besehen gewissermaßen gemeinsam auf- und gemeinsam abtreten können, verliert sich aber mitunter.33 Dass Kosellecks Ansatz „semantischer Kämpfe“ die Entstehung der Selbstbeschreibung einer epochalen Formation namens Moderne rekonstruieren wollte, muss immer wieder erinnert werden.34 Dass spätestens seit Max Webers „Objektivitäts“-Aufsatz ein Begriff vom Begriff schon Theorie impliziert und – von Koselleck unterstrichen – auf eine Theorie der Geschichte ebenso verweist wie auf die Politizität von Geschichte als Diskursfeld, dass mithin eben kein ‚vortheoretisches‘ Arbeiten mit Kosellecks oder überhaupt semantologischen Ansätzen möglich ist, ist in der gegenwärtigen Literatur tatsächlich sehr in den Hintergrund gerückt.35 Vielleicht geht das auch mit einer gewissen Ratlosigkeit einher, zumal unter manchen zeitpolitischen Standardnarrativen unserer Epoche keine fixierbaren Diskursbegriffe liegen: etwa beim Beharren auf vermeintlich evidenten „Fakten“ in einer nicht nur „postfaktischen“ Konstellation stärkster Ungewissheiten36 oder im absurden Rekurs auf „zukünftige Generationen“ angesichts eines ökologischen Kollapses, der gerade keine, oder immerhin keine lebenstaugliche Perspektive zuzulassen scheint37, oder auch mit Blick auf dagegen schwingende Staatskreditkreisläufe, an denen unser fiskalisches Vokabular scheitert.38 Die wissenschaftsgeschichtlich spannend aufgearbeiteten Kontextbedingungen der politisch-sozialen Begriffsgeschichte jedenfalls sind wenigstens in solchen Hinsichten vielleicht doch etwas überhistorisiert39, wenn aus ihnen nicht mehr die Einsicht folgt, dass auch der Transformation heute bedeutender Grund- und Leitbegriffe ein gemeinsamer Zusammenhang unterstellt gehört.40 Die Theoriemelodie der metahistorischen Intention von Koselleck ist jedenfalls weithin verstummt.

Das versteht sich wenigstens vordergründig in einer Gegenwart wie unserer, die Begriffe vermehrt als vorbelastet kritisiert oder milieustrategisch ‚kontaminierend‘, also als Sprachwaffen gebraucht und so eine durch Tabugrenzen geschützte Binnendiskurspflege ermöglicht41, die das politische Ringen um begriffliche Deutungshoheit effektiv abkürzt. Die daraus resultierende „Annäherung von Begriffs- und Zeitgeschichte“ macht Forderungen nach einer stärkeren Verschränkung von Semantologie und Diskursanalyse einerseits zwingend.42 Andererseits werden die Probleme dadurch nicht kleiner: Die Distanz zum Untersuchungsgegenstand schwindet und die derzeit wissenschaftspolitische Undenkbarkeit angemessen großer und interdisziplinärer Forschungsverbünde lässt kleinstteiligen Spezialistenisolationismus befürchten. Damit ist der Status quo der Begriffsgeschichte im Prinzip schon umrissen: Zwar werden die Politik der Sprache und die Sprache der Politik heute durchaus routiniert und gesellschaftlich breit registriert bis reflektiert – das Stich- und Reizwort „Gendern“ mag als exemplarisches Sinnbild mobilisierender Dauerentrüstung genügen. Es herrscht beileibe kein Mangel zumal an aktivistischen Fibeln für den korrekten beziehungsweise gegen den unkorrekten Sprachgebrauch, die mal wohlmeinend-integrativ und mal auf exklusiven Distinktionsgewinn aus sind oder eine eigene Tradition reklamieren.43 Auch die Produktion zeitgenössischer Suchbewegungen in „Glossar“- oder in Essay-Form ist nicht abgerissen, mit der die Emergenz von Gesellschaftlichkeit durch den kollektiven Gebrauch bestimmter „Schlüssel“- und „Grundbegriffe“ publikumswirksam untersucht wird.44 Und wenigstens sporadisch wird endlich inter- und transkulturellen Verschlingungen von Denkfiguren nachgegangen.45 Gemeinsame Großbewegungen von Begriffen oder semantischen Clustern aber werden – ob zu Recht, ist hier nicht zu klären – kaum mehr vermutet. Gesellschafts- und sprachpolitisch verzweigte Tiefenbohrungen mit interdisziplinärer Qualität bleiben die Ausnahme und bestätigen mithin den „eklatanten Mangel an Theorie“.46

Dafür ganz anders ergeht es Kosellecks eigenen Begrifflichkeiten und der Persönlichkeit ihres Stifters. Als Konstrukteur einprägsamer Neologismen, die als metabegrifflich gemeinte Metaphern der distanzierten Analyse helfen sollten, hatte Koselleck bereits zu Lebzeiten stetig an Anziehungskraft gewonnen. Waren seine lebendigen Wortkreationen einst sozusagen Notbehelf: Werkzeuge des Versuchs, die Analyse begriffssprachlich ausgedrückter Indikatoren und Faktoren durch abstraktere und abstrahierende Formen und Formeln zu betreiben, gehören viele dieser Instrumente von mitunter ungeheuerlicher Suggestivkraft heute selbst zum Metaphernkanon der Bildungssprache: Erfahrungsraum, Erwartungshorizont, Sattelzeit, Zeitschichten und anderes mehr – gewiss auch, weil ihre Ursprünge verschwommener werden. Offenbar steckt Koselleck an. Sachlich-nüchtern formulierte Überschriften jedenfalls finden sich in der eindrucksvollen Zahl jüngster Artikel, Bücher, Veranstaltungen und Zeitungstitel wenige. Manch sprachwissenschaftliche Abhandlung scheinbar mühelos ersetzend, sind viele Formulierungen Kennzeichen von Ungewissheit und Vorsicht. Wir müssen das beim Blick auf die jüngsten Koselleck-Festspiele berücksichtigen: dass Interesse und Wertschätzung nicht zwingend für Entwicklung und Präzision stehen müssen, sondern womöglich mehr noch für Orientierungsbedarf und Zweifel. Manches von dem, was die aktuelle Rezeption interessiert, huldigt zwar äußerlich dem Theorietanker Koselleck, aber treibt doch im Kielwasser seiner Neigung zur heuristischen Hypothese, zur kausalitätsunsicheren Korrelation, zum eigensinnig Vorläufigen, „stets begleitet von dem Gefühl, nur ein Zwischenergebnis zu formulieren“.47 Mit dieser doppelten Ambivalenz – ein tentativer Forscher Koselleck und eine im guten oder schlechten Sinne unorientierte, von großen Autoritäten und starren Paradigmen jedenfalls freie Koselleck-Rezeption – wird umgehen müssen, wer sich auf den Koselleck von heute einlässt.

Überblick und jüngere Rezeptionsstränge

Das Material dafür geht noch immer nicht aus – und das ist erklärungsbedürftig. Immerhin war auf Kosellecks berühmte Promotion „Kritik und Krise“ und die akribische Habilitation über Preußen keine Monografie mehr gefolgt. Verstreute, zuweilen erst nach seinem Tod 2006 geordnete Aufsätze sind die Regel. Zunehmend werden sie übersetzt und seit über einem Jahrzehnt erfahren auch die Briefwechsel und Netzwerkkorrespondenzen verlässliche Zuwendung – ob in ideen-, begriffs- und philosophiegeschichtlichen Zeitschriftenabhandlungen oder als Edition. Das Jubiläum setzt diesen Modus fort und ordnet allmählich auch die schon bekannten, aber verstreuten Miszellen.48 Eigendynamisch scheint ein Vollständigkeitsanspruch entstanden zu sein. Nachlassfundstücke von studentischen Referaten bis zu Rezensionen werden publiziert, Ergänzungen und Korrekturen zu schon Veröffentlichtem angeboten, et cetera.49 Auch sortierende Angebote von mitunter größtem Nutzen finden sich – stellvertretend dafür sei nur Stefan Rebenichs Beitrag „Reinhart Koselleck und die Alte Geschichte“50 erwähnt.

Für all diese Produkte hatte Koselleck aus dem Milieufundus tiefer Gelehrsamkeit schöpfen können sowie aus einem familiär angelegten Netzwerk bildungsbürgerlicher Eliten, das obendrein einen schier abenteuerlichen Einfluss auf sein Überleben als junger Mann hatte sowie auf dessen nachfolgenden Werdegang und ausgeprägten Instinkt für andere aufstrebende Intellektuelle der Nachkriegsära. Die privilegierte Herkunft trug ihm Unzähliges zu: Ideen, Lektüren, Kontakte.51 So konnte Koselleck sich bald auch einer weiteren Maßlosigkeit bedienen. Am Ende seines Lebens sollte er über 30.000 Objekte angesammelt, verstaut oder irgendwie sortiert haben: Zettelkästen, Schuber, Bücher, Tagebücher, Zeichnungen und Aufzeichnungen aller Art, Fotos, Kunstwerke. (Die teilweise Unterbringung im ‚Schwimmbad‘ des Privathauses ist eine Metapher für sich.) Erst allmählich hatte man sich über all das einen Überblick verschaffen können und natürlich hängen wieder einmal irgendwie alle mit allen zusammen. Die auf wenigstens drei Standorte aufgeteilte, nach anfänglichem Stottern mittlerweile hochtourig laufende Archivmaschinerie befördert verlässlich immer mehr Funde samt Mehrfachentdeckungen ans Licht. Wie ein Luftschloss steht das so aufgetürmte Bollwerk dieser „Materialfluten“52 gegen die Erfahrung des Absurden und Kontingenten, des bizarren, mitunter kafkaesken, traumwandlerischen Erlebens und traumatischen Erinnerns des eigenen Überlebens. Kosellecks Theorieversuche sind von diesem dynamischen Fundament nachweislich geprägt.53

Es ist darum durchaus ironisch und dies gleich doppelt, wenn nun ein so unverrückbares Datum wie der eigene Geburtstag zum einen und zum anderen eine Fixierung der historisch-konkreten Person Reinhart Koselleck Anlass einer regelrechten Veröffentlichungswelle und rasanter Sprachbildsurferei wurden. Denn Jahrestage und kausale Entwicklungserzählungen stehen im Kontrast zu Kosellecks Mantra und Methode54; umlaufende Metaphern drohen, von intellektuellen Substituten zu selbstgenügsamen Phrasen zu kristallisieren. Und auch darüber hinaus ist Skepsis angezeigt. Nicht jeder Glückwunsch, zumal bei einem Jubiläum, ist unbedingt interessant, nicht jede persönliche Erinnerung allgemein relevant. Einiges ist ganz offen, etwa Kosellecks Handlungen als Soldat und einige bislang nicht geklärte, aber öffentlich diskutierte Gerüchte etwaiger Übergriffigkeit.55 Bei alldem konnte nicht nur eine Reihe großer Zeitungen mitziehen: Das jüngste Karussell aus Rezensionen, Tagungsberichten, Geburtstagsgrüßen und Erinnerungsfragmenten war ein perpetuum mobile. Kosellecks eigene Zunft büßte dabei ihre Deutungshoheit über ihn ein Stück weit ein: Ohne Ironie oder kritischen Unterton wurde ein reichhaltiger Band jüngst sogar „Reinhart Koselleck als Historiker“ betitelt.56

So ist das hiesige Anliegen, neuere und aktuellste Forschungsliteratur von und über Reinhart Koselleck vorzustellen und einordnen zu helfen, einerseits kaum begründungsbedürftig. Andererseits ist zu fragen, welche Darstellungen und Erkenntnisse wirklich neu sind, wo frühere Urteile revidiert und erweitert werden, wo nur übersehen oder wiederholt. Alle Publikationen im Detail zu würdigen, könnte freilich nur misslingen. Eine Abstufung nach Disziplin, Sujet oder Tiefe wiederum würde angesichts der thematischen und dimensionalen Verflechtungen nur irreleitende Scheinordnung bieten. Auch eine einzelne Forschungsprojekte etwa nach Umfang oder Koselleck-Verbundenheit privilegierende Darstellung hätte Tücken, würde beispielsweise Kreativität und Kritik hintanstellen. Stattdessen würdigen wir im Anschluss an die hiesige Markierung einiger genereller Linien im Überblick (2.) den jüngsten stark biografischen Schwerpunkt (3.), stellen geschichtstheoretische Erträge vor (4.) und widmen uns materialreichen Perspektiven auf die nicht nur politische Ikonologie (5.). Vor einem sodann sehr kurzen Resümee (7.) erlauben wir uns noch eine exemplarisch gemeinte Fokussierung auf zwei Projekte verschiedener Art und Thematik (6.). Dieses Schlaglichtduo versammelt sicher mehr best cases als leicht kritisierbare Mangelware. Damit ermäßigen wir aber zwei genretypische Herausforderungen des Rezensionsaufsatzes: dass manche Veröffentlichungen doch eher Studiumsfrüchte sind, die mehr Lektürearbeit dokumentieren, als dass sie Neues brächten, weshalb Vertiefungen ins Detail nicht angezeigt wären. Und dass gleichzeitig die anlassbezogenen Publikationen in Menge, Spannbreite und Tiefe doch so gehaltvoll sind, dass sie zwar einen Aufsatz lohnen, aber eine erschöpfende und vergleichende Würdigung im Durchschnitt nicht zu leisten ist. Besagte Schlaglichter sollen diese Zumutungen wenigstens sporadisch kompensieren.

Sieht man von Einzeltiteln und Schlaglichtern noch ab, kann allgemein festgestellt werden, dass sich die seit Kosellecks Tod vermehrte Rezeption in einige Stränge teilt. Die schnell einsetzende breite Produktion von Wegbegleiterrückblicken, Dokumentationen und posthumen Publikationen nicht allein fragmentarischer Fundstücke und mal mehr, mal minder gehaltvoller Briefwechsel hat den Weg planiert. Die Frage nach Herkunft und Zukunft der Begriffsgeschichte regte zu vielbeachteten Nachbetrachtungen der Person und Persönlichkeit Kosellecks an57, gab Anlass zu umfassenderen Darstellungen der paradigmatischen Spielarten58 und motivierte neue Forschungsaktivitäten zur Semantologie.59 Die zu Lebzeiten begonnenen Schriftensammlungen – „Vergangene Zukunft“ (1979), „Zeitschichten“ (2000), „Begriffsgeschichten“ (2006) – wurden ausgeweitet. Übersetzungen (die selbst Gegenstand der Koselleck-Forschung geworden sind, siehe Kapitel 6 „Schlaglichter“) und reformierte Forschungsstrukturen sowie simultan entstandene Nachbarparadigmen der Begriffsgeschichte haben die Internationalisierung und Historisierung Kosellecks verstärkt.60 Auch Generations- und Zeitzeugenrückblicke mehren sich in diesen Jahren natürlich61, und mutmaßlich Erinnerungswürdiges wie Exkursionen werden dokumentiert.62

Durch all dies war bereits vorgezeichnet, was das Sprudeln der schier endlosen Nachlassquellen nun bestätigt und dabei die Perspektiven nochmals weitet: Kaum etwas dessen, was Koselleck als professioneller Historiker schrieb, kam ohne den doppelten Boden des eigenen Erlebens aus. Die Kreativität verschiedener Fächer stimulierende, methodisch innovative und thematisch erhellende Konzentration auf seinerzeit unkonventionelle Quellen und deren Kritik (Begriffe, Träume, Gedenkformate und so fort) war, folgt man der mit Abstand einfühlsamsten und kritischsten Interpretation aus der jüngsten Literatur, ein indirektes Einzingeln der „‚Katastrophe des Dritten Reiches‘“, ein biografisches Totem. Denn Koselleck hat „zu diesem Teil seiner und auch zu der entsprechenden allgemeinen Geschichte nie geforscht […]. Kosellecks Form der Verarbeitung zielte nicht auf die empirische Erforschung dessen, was geschehen war. Er wählte einen anderen Weg, indem er seine biographischen Erlebnisse und die daraus gewonnenen Erkenntnisse in theoretische Begriffe und Konzepte übersetzte“63 – Theorie also als Therapie. Kosellecks Suche nach Halt durch Abstraktion in einer dynamisch sich wandelnden Begriffssprache fand ihre insofern etwas hintersinnige Würdigung in der Verleihung des Sigmund-Freud-Preises durch die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung im Jahr 1999. Es wirkt konsequent, dass der Quellenband „Geronnene Lava“ mit eigenen Traumaufzeichnungen Kosellecks endet. Hier finden seine Traumata, deren Sublimierung im Beruf des sich selbst methodisch analysierenden Historikers und der akademische Totenkult um Koselleck irgendwie stimmig zusammen.

Diesem nun erkennbar abebbenden, allmählich vielleicht ausgeforschten Trend gegenüber ungebrochen ist die Suche nach Kosellecks Historik. Auch sie allerdings wird derzeit dem Personalisierungstrend unterworfen. Hier schreiten (unten genauer zu betrachtende) Differenzierungen zwischen Kosellecks Theorie der Moderne, seiner Semantologie und seiner Theorie geschichtlicher Zeiten – kurzum, zwischen Politischer Theorie, konkreter historiografischer Methode und geschichtswissenschaftlich-propädeutischer Methodologie – voran. Dabei werden mittlerweile immer mehr Materialgattungen als nur die üblicherweise schriftlastigen und gelehrtensprachlichen Quellen einbezogen. Sinnbildlich dafür steht ein Titelentwurf Lisa Regazzonis: „From Concept to Monument“ (2021). Der im Inhaltsverzeichnis des Sammelbandes noch so gelistete, mutmaßliche Vortragstitel64 wurde im Beitrag selbst verändert. Die seit Jahren beobachtbare – teils durch die räumliche Nachlassdifferenzierung nach materialen Quellengattungen erklärliche – Würdigung der Bedeutung von nicht-wort- und begriffssprachlichen Indikatoren gesellschaftlicher Transformationen für den kunstaffinen Koselleck setzt sich hier umfassend fort und wird vertieft.

All demgegenüber stark reduziert worden sind Auseinandersetzungen mit Kosellecks politisch-sozialen Leit- und Lieblingsbegriffen – Bund, Geschichte, Krise, Revolution und so weiter. Hier sind eher neue, von Kosellecks Anliegen und Tradition emanzipierte Suchbewegungen zu verzeichnen. Im Sinne von Kosellecks eigener Heuristik moderner Grundbegriffe ist das natürlich nur konsequent: dass am Ende der Moderne die für diese Epoche politisch konstitutiven Kampfbegriffe erlöschen oder sich transformieren, sich dann de- oder aber re-radikalisieren, allemal re-partikularisieren. Sie verlieren sowohl ihre sich sachlich wechselseitig plausibilisierende Kohärenz, büßen ihre einander positionierende Stabilität ein und können die einst enthusiasmierende Kollektivität allenfalls noch in romantischen Nischen imaginieren oder auf populistisch beliebigen Bühnen unbeholfen nachahmen.65 Das Verblassen semantischer Mobilisierungs- und Erklärungskräfte mag manch einen noch überraschen und bisweilen auch zu politischen Sorgen veranlassen. Aber es fügt sich letztlich noch bestärkend in das Spektrum besagter akademischer Trends: Fokussierung auf die konkrete Biografie der Person, Ausnüchterung des intellektuellengeschichtlich abstrakten Denkerkults, Interesse weniger an Kosellecks empirischen Studien statt der Brauchbarkeit seiner Theorie der Geschichte selbst.

Diese durch aktuelle Tendenzen vorgezeichneten jüngsten Trends vorwegskizziert, mündet allerdings ein gemeinsamer Grundzug vieler neuer Spezialpublikationen in ein Dilemma: Sie schließen die Biografie mit Theorie kurz. Nur etwas überpointiert gesagt: Theoriefundamente werden nicht im Systematischen des allgemeinen Erkenntnisobjekts ‚Geschichte‘ gesucht, sondern systematisch in den subjektivierbaren Besonderheiten des persönlichen Zugriffs. Noch stärker überzeichnet, um den Verdacht deutlich zu markieren: Die Beobachtung der Person Kosellecks ersetzt in Teilen der neueren Literatur die Beobachtung seiner Theoriearbeit, die Arbeit an seiner Theorie und die theoretische Arbeit. Koselleck selbst ist dann die ‚Theorie‘, eine Ein-Mann-Theorie. Und, bedenklicher noch für die spärlichen Verallgemeinerungschancen des so Ermittelbaren: Er ist dann bloß Argument. Denn was Koselleck ‚theoretisch‘ formulierte, kann umstandslos mit Verweis auf die Person historisiert und so auch leicht verworfen werden. Kosellecks Problem ist dann immer schon erledigt, individualisiert oder aus der Zeit gefallen.

Am Anfang das Absurde: Neues zur Biografie

Umso wichtiger ist das Zugeständnis, dass letztgenannter Trend sich nicht beliebig in die Literatur geschlichen hat. Wie eingangs begründet, hatte Koselleck selbst auf die konstruktive Bedeutung persönlicher Erfahrung insistiert. Nun nimmt man ihn, rekonstruktiv, beim Wort, und getragen durch die Archive leisten wichtige Teile der neueren Literatur einer motivischen Personalisierung materialgesättigten und wohlbegründeten Vorschub. Das spricht nicht für biografische Allesdeutung. Aber aufgrund von Kosellecks Selbstzeugnissen und des sozialisierten Nachlasses ist die Psychologisierung des Werks weder respekt- noch schamlos und sie erklärt tatsächlich viel.

Der schmale Grat zwischen Trauma und Tabu, Ernst und Irrwitz, Erleben und Wiederkehr, Authentizität und Einbildung, Faktizität und Manipulation, Autonomie und Verführung kennzeichnete schon Kosellecks eigenen, immer wieder autobiografisch begründeten Fokus auf das Extreme, Persönliche, Totale. Vor aller Wissenschaft war er mit Friedrich Schiller, Hamlet und Franz Kafka gestartet: „publizistische Gehversuche“ mit den Meistern der Diachronie, Albtraumpolitik, Zeitfaltung.66 Gleich fünf neue Publikationen erlauben nun neue, oftmals intensive, ja intime Blicke auf Koselleck, die dem Rechnung tragen: Der von Manfred Hettling und Wolfgang Schieder 2021 herausgegebene Band „Reinhart Koselleck als Historiker“67, die intellektuelle Biografie Stefan-Ludwig Hoffmanns von 2023 „Der Riss in der Zeit“68, Ulrike Jureits „Erinnern als Überschritt“69 von 2023 sowie die von Manfred Hettling, Hubert Locher und Adriana Markantonatos herausgegebene Textsammlung „Geronnene Lava“ (2023)70 beziehungsweise separat unten besprochen das von Lisa Regazzoni 2023 herausgegebene „Im Zwischenraum der Dinge“71. Wir beobachten dabei teils eine Rückverwandlung des strengen Begriffshistorikers in einen hin und her geworfenen Menschen mit früh beschädigtem Leben – samt der gestärkten und nochmals verstärkten Neigung manch einer Rezeption zu einer kausal-mechanischen Projektion der Spätwerkschablone auf die nun eben bestens archivierten Folien der jungen Jahre. Der vor wenigen Jahren dank der Edition der Korrespondenz zwischen Koselleck und Carl Schmitt so beeindruckend reif vorgestellte Koselleck72 tritt also wieder etwas zurück. Dies gemeinsam – Kosellecks Selbstdeutung, alter Forschungsstand und neue Ego-Quellen – bedingt die Gravitation einer Reihe weiterer aktueller Publikationen in Richtung des jungen, oft kann man sagen: eines noch jüngeren Koselleck als des bis dato in der Literatur präsenten.

Im Sommer 1942 zerquetscht dem Artilleristen der 6. Armee eine pferdebespannte Lafette beide Füße. Auf makabre Weise retteten ihn so seine Lieblingstiere vor Stalingrad. Das Pferd, apokalyptisch, sprachbildlich und epochal, wird zu einem Leitmotiv des überlebenden Historikers. Wie ‚sauber‘ der einfache Gefreite bis dahin geblieben sein kann, ist schwer zu sagen. Koselleck wich dem aus – es gibt vibrierende Interviewstellen, an denen er sich stoppt, abrupt in die Rolle des Historikers oder des Beobachters der Beobachter schlüpft und die Gesprächspartner auch nicht nachsetzen – und immerhin in dieser Hinsicht bleibt auch der neueren Forschung nur, einmal mehr Skepsis zu notieren. Sie verweist auf die vieldokumentierten, den Jüngeren und den aus dem Exil Zurückgekehrten befremdlichen Vertrautheiten unter Veteranen, auf Kosellecks Wirken mit nationalsozialistisch Vorbelasteten (Carl Schmitt, Otto Brunner, Werner Conze und anderen) und mit Kriegsverbrechern (skandalbedingt wird vermehrt Hans Robert Jauß erwähnt73) sowie auf eine seit Helmut Schelskys „Die skeptische Generation“ (1957) verhandelte Distanz zwischen den Feldjahrgängen und den entscheidend jüngeren Intellektuellen der kommenden „68er“.

Der ideologische Zunder Letzterer war Kosellecks Sache nicht. Er fürchtete die retrospektive wie die revolutionäre Sinnstiftung. Mit ‚der‘ Geschichte ist er keineswegs per Du, ausdrücklich aber mit der eigenen. Beide Brüder Kosellecks sterben im Krieg. Der kleine Bruder Eckart durch Ausbombung, der ältere Wolfram fällt Mitte April 1945. Erika Marchand, eine schizophrene Tante aus dem hugenottischen Stamm mütterlicherseits, wird im Rahmen der „Aktion T 4“ vergast. Zwei Drittel von Kosellecks Schulklasse bleiben im Krieg. Die eigene Kriegsgefangenschaft in Auschwitz und Karaganda treibt ihn an den Rand des Wahnsinns. Eine von ihm selbst wild assistierte Horroroperation in der kasachischen Gulag-Steppe überlebt er gegen jede Wahrscheinlichkeit.

Nach dem Höllenritt nimmt Koselleck im sagenumwobenen Heidelberg diverse Studiengänge auf. Intellektuelle Eliten der alten und der neuen Zeit geben sich am amerikanisierten Neckar die Klinke in die Hand. Auch die existenzialistische Szene des Nachkriegshedonismus nimmt der künstlerisch ambitionierte und talentierte Koselleck mit, jazzt die Heidelberger Bohème.74 Doch der noch relativ junge Mann hat schon zu vieles erlebt, schnell scheint er zu altern. Das Weiterleben im Idyll hat etwas Verzerrtes. All die Tode begleiten sein Leben. Tatsächlich wirkt es häufig so, als würden die Toten als Argumente in Kosellecks späteren wissenschaftlichen Arbeiten reanimiert. Sie entwickeln jedenfalls ein etwas gespenstisches Eigenleben nicht nur in Kosellecks Theorie, wenn er immer wieder subjektive Motive reklamiert und zu Kategorien des Erlebens, Erfahrens und so weiter abstrahiert, die sich aber von seiner Person doch nicht immer lösen lassen oder gar nicht lösen lassen sollen.

Mitunter manisch wird er fortan ihren Wirkungen nachspüren. Er sammelt und erforscht Formen und Medien ihrer Repräsentation, ihre Zeitschleifen und geschichtspolitischen Abgründe. Dass sein Denken nützlich für die akademische Haunto- und Dämonologie, ob Geister‑, Gespenster-, ‚Hexen‘- oder Okkultismuskunde sein könnte, die zumal in der deutschen Nachkriegszeit zauberhaftes Material findet75, liegt auf der Hand.76 Auch darum kann viel der jüngeren Literatur zeigen: Das Surreale, Seltsame, Unglaubliche, Unsagbare, das nur metaphorisch, symbolisch, künstlerisch Darstellbare bildet nicht erst den Abschluss des Werks – es markiert den Anfang.77 Mithin erscheint die Rationalität des berühmten begriffshistoriografischen Riesenvorhabens plötzlich wie ein Selbstbehandlungsprojekt, wie ein versetzter Effekt von Absurditätswissen, wie eine nur anders extreme Zwischenphase im Leben des jungen und des alten Koselleck. Und dass er seine immer wieder bedankte Gattin Felicitas „Fee“ nennt, sollte immerhin erwähnt werden.

Die Publikation, die die Verschlingung von Biografie und Geschichtstheorie zu einer Art memorialen Mindestethik am eindrücklichsten aufzeigt, ist der schon benannte Band „Geronnene Lava“. Die Herausgebenden lassen das umfängliche Buch umgehend mit Originaltexten beginnen, was den Eindruck stärkt, es handele sich um eine Sammlung aus Kosellecks Hand. Das durchgehende Motiv bilden Fragen der sprachlichen, diskursiven und ikonischen Darstellbarkeit des gewaltsamen Todes. Dadurch erhält, erstens, das maßgeblich ikonologische Großprojekt Kosellecks einen Publikationsort. Die bekannten Texte über Krieger- und Reiterdenkmale finden hier zueinander. Zweitens werden Kosellecks öffentliche Interventionen in die Denkmalskontroversen der vereinigten Bundesrepublik gesammelt, drittens seine vielschichtigen Überlegungen zur Differenz von Erinnerung und kollektivem Gedächtnis dokumentiert, und schließlich noch, viertens, teils erhellende autobiografische Notizen aus dem Nachlass platziert.

Das ist teils schwere Kost. Im ikonologischen Teil zeigt sich in dieser Zusammenschau eine so große Reihe theoretischer Fragmente, dass einerseits einmal mehr belegt wird, dass Koselleck bildsprachliche Darstellungsmittel, identitätspolitische Repräsentationstrends und Stilmoden mit Einschränkungen analog zum begriffssprachlichen Paradigma interpretierte, während man andererseits doch über die bekannten Thesen nicht hinauskommt (Demokratisierung des Gedenkens; abstrakter werdende künstlerische Formensprache und wagnisreiche Irritabilität nebst zugehörigem Erläuterungsbedarf; nationalisierende Säkularisierung; Passivierung des Opfers und der Aufopferung in Richtung der Viktimisierung des leidvollen, vielleicht sinnlosen Sterbens auch der „Gefallenen“; Täter-Opfer-Diffusion und anderes mehr). Und trotz der mittlerweile fortgeschrittenen „Historischen Hippologie“78 erhält man auch nur weitere anspielungssatte Bruchstücke über den Pferdekomplex. Kosellecks konkretes „Reiterbuch“ dazu wurde nicht geschrieben und selbst seine allgemeinere These, dass, wer Muster einer die politischen Kulturen übergreifenden politischen Ästhetik am Werk sieht, auch spezifisch politische Sinnlichkeit unterstellen muss, die sich aber mit ikonologischen und bild- beziehungsweise motivgeschichtlichen Mitteln allein nicht vermessen lasse, liegt weiter brach vor uns. „Hier stehen Historik und Ikonologie auf demselben Grund“ (Nachwort von Manfred Hettling in: „Geronnene Lava“, S. 520), weil begriffliche und visuelle Darstellbarkeitsprobleme so komplex zusammenhängen und Fragmente der Politischen Ikonologie/n um Wilhelm Pinder, Martin Warnke, Koselleck, Klaus von Beyme und anderen zu verstreut sind.79 Man fragt sich unwillkürlich wieder einmal, warum hierzu noch immer kein transdisziplinärer Forschungsbereich eingerichtet wurde. Einem der Herausgeber – Manfred Hettling – bleibt in einem präzisen Nachwort nur, die Stränge zu sortieren und dabei auch die kleine Zahl von teils erschütternden Ego-Dokumenten zu kommentieren.

In ikonografischer Hinsicht empfiehlt sich, diesen Band zusammen mit älteren Arbeiten der Mitherausgebenden80, mit dem unten genauer zu besprechenden Band „Im Zwischenraum der Dinge. Eine Annäherung an die Figurensammlung Reinhart Kosellecks“ sowie „Reinhart Koselleck und das Bild“ zu lesen.81 Überdies hat Carsten Dutt ein bereits veröffentlichtes Interview „Zum Politischen Totenkult“ korrigiert, das gut in „Geronnene Lava“ hätte aufgenommen werden können und Antworten zu Kosellecks Kurzschluss von Semantik und Semiotik verdichtet.82

In biografischer Hinsicht ist ratsam, „Geronnene Lava“ um die erhellenden Darlegungen zur Person zu ergänzen, die Manfred Hettling und Wolfgang Schieder in „Koselleck als Historiker“ lieferten. Ihr Sammelband hatte zu Teilen als erste Adresse für manche Publikationen und Projekte fungiert, die mittlerweile abgeschlossen vorliegen. Seiner Zeit beziehungsweise dem Jahrestag gewissermaßen etwas voraus, beleuchtete und vertiefte er kritisch bereits viele Facetten zu Leben und Motiven Kosellecks. Die Bedeutung Otto Brunners sei herausgehoben (Reinhard Blänkner, S. 112–148) und das Verhältnis zu Werner Conze (Wolfgang Schieder, S. 149–170), zwei Kontextualisierungen, nach denen die landläufige Rede von „Kosellecks“ Lexikon so leicht nicht mehr fallen sollte. Vor allem bietet der gediegene Auftakt der Herausgeber die mit Abstand nüchternste Darstellung des relevanten Sachstandes zu Koselleck als universitärem Forscher. Denn auf relativ wenig Raum fallen die einschlägigen Prägungen, Stationen und Namen; experimentelle Teile wie die Ikonologie bleiben ausgespart und vor allem versuchen Hettling und Schieder, was vielen anderen misslingt: statt die schier unendliche Zahl der Ego-Dokumente zu preisen, eine Auswahl nach deren „Gewicht“ für Kosellecks „Selbstbeschreibung“ und Werk zu wagen (S. 10).

Demgegenüber auf Vollständigkeit angelegt und zugleich eine Werkbiografie bietend, hat unter dem insofern einerseits tiefstapelnden Titel „Der Riss in der Zeit. Kosellecks ungeschriebene Historik“ Stefan-Ludwig Hoffmann eine vermutlich auf lange Zeit bleibende Gesamtdarstellung vorgelegt, die andererseits einen finalen Rahmen bieten will für Kosellecks aufgegebenes Projekt, das zu rekonstruieren und zu denken sehr viele Artikel mehr oder minder vergeblich wagten. „Ist das vielleicht das Interessante an Kosellecks Historik: dass sie nicht geschrieben werden konnte?“, befragte Achim Landwehr für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ Hoffmanns Versuch, Kosellecks fragmentarische Geschichtstheorie unter anderem biografisch-stationär zu verfolgen und in den Zeitläuften der westeuropäischen Nachkriegszeit und Bonner Konsolidierung zu situieren.83 Das ist insofern konsequent, wie Hoffmann behauptet: „Koselleck glaubte offensichtlich nicht daran, dass sich die Geschichte in ein schlüsselfertiges Theoriegebäude verwandeln lasse. […] Worum es ihm bei der tastenden Suche mit ‚Vorgriffen‘ und ‚Hypothesen‘ ging, war die Frage, ob es nach der Katastrophengeschichte seiner Zeit noch möglich ist, geschichtliche Erfahrung in historische Erkenntnis zu überführen“ (S. 20f.). Antwort und Ergebnis sind bekannt.

Auch das Buch Hoffmanns schöpft aus dem Nachlass. Der Autor verarbeitet behutsam allerlei Sekundärliteratur und gewinnt anhand einer beachtlichen Menge bislang unbekannter Quellen teils faszinierende Perspektiven zumal auf den jungen Koselleck. Und Hoffmanns ironischer Move, mit einer minutiösen Widerlegung von Kosellecks berühmter Antrittsvorlesung über Albrecht Altdorfers Gemälde „Alexanderschlacht“ einzusteigen, versöhnt kurzzeitig mit dem schweren Stand, der Biografien neuerdings nachgesagt wird – eine Hagiografie, Apotheose gar, war nicht geplant. Diese Mischung aus biografischer Hermeneutik, Quellenhebung und -kombination samt intellektuellengeschichtlich aussagekräftigen Momentaufnahmen, klug gezogenen Erzähllinien und umsichtigen Wertungen komplettiert das Bild eines breit und tief gelehrten jungen Mannes mit Vorgeschichte, ausgeprägten künstlerischen Neigungen, sehr viel dezentem Eigensinn und einem romanhaft anmutenden Netzwerk, berühmten Verwandten, prominenten Lehrern von Karl Löwith über Ernst Forsthoff und Hans-Georg Gadamer bis Viktor von Weizsäcker sowie allerlei schon frühen Who’s-Who-Begegnungen von Eric Hobsbawm und Carl Schmitt über (vielleicht) Hannah Arendt, den jungen Jürgen Habermas, Christian Meier und Martin Warnke.

Geschichtstheoretische Erträge

Während sich in den vergangenen Jahren eine zunehmende Zahl von Zeitschriftenartikeln und viele akademische Publikationen mit dem Zusammenhang von Kosellecks Arbeiten zum politischen Totenkult, dessen öffentlichen Interventionen zur Erinnerungskultur und deren Wandel im wiedervereinigten Deutschland beschäftigt hatten, liegt mit Ulrike Jureits „Erinnern als Überschritt“ endlich eine integrierte monografische Betrachtung in systematischer Absicht vor, die sich dem Verhältnis von ‚Erfahrung‘ und ‚Erinnerung‘ und dessen geschichtstheoretischer Bedeutung im Werk Kosellecks widmet. Eine solche Darstellung sei er schuldig geblieben, zumindest komme dem Begriff der ‚Erinnerung‘ in dessen Gesamtwerk eine erstaunlich nebensächliche Bedeutung zu und müsse erst noch in Beziehung gesetzt werden zu anderen methodologisch relevanten Begriffen, die von ihm stärker reflektiert wurden.

Jureit reagiert dabei auf eine gelegentlich benannte84, geschichtstheoretisch besonders erstaunliche Lücke: auf den Umstand, dass die häufig eingeklagte oder beanspruchte professionelle Reflexion der Bedingungen zumal öffentlich wirksamer Geschichtsdarstellungen geistes- und sozialwissenschaftlich eigentlich uneingelöst geblieben ist. Gerade hier entfaltet Jureits Darstellung interdisziplinäre Kraft und verdient schon darum genauere Berücksichtigung für die akademische Vorbereitung, Begleitung und Erforschung von gesellschaftlichen bis wissenschaftlichen Debatten über öffentliches Gedenken. Gewiss war Kosellecks lebenslange Denkbaustelle einer tragfähigen Theorie der Geschichte vermutlich mehr als geschichtswissenschaftliches Propädeutikum gedacht: als schon erwähnte Frage nach den strukturellen Bedingungen (verschiedener) Geschichtspfade, historischer Möglichkeiten und Interpretationen. Aber gerade weil Koselleck einen eigenwilligen und komplexen Analyseapparat dafür entwickelte, konnte er eine Reihe öffentlicher Erinnerungsdiskurse und kollektiver Repräsentationsversuche detailliert als Geschichtspolitik deuten, kritisieren, teils vorführen. Dass er sich dabei im Alter als public historian85 selbst in geschichtspolitischen Interventionen (über-)engagierte und etwas verkämpfte, wirft eine bislang nahezu unbearbeitete Problematik auf: Der späte Koselleck unterlief seinen eigenen wissenschaftlichen Theorieanspruch, indem er notorisch, im Alter zunehmend störrisch, ja eingeschnappt auf die (ethische, empirische und para-theoretische) Superiorität seiner oben benannten, letztlich autobiografisch reklamierten und argumentierten Dimensionen individueller ‚Erfahrungen‘ und des subjektiven ‚Erinnerns‘ verwies. Dieser Umstand hat das globale Interesse und den oftmals entweder eklektischen oder hagiografischen Zugriff auf Kosellecks Werk in erwähnter Weise verwirrt: Wahlweise sei Kosellecks Zugriff ungenügend oder dieser sei gar nicht theoriefähig.

Dieses vielleicht aporetische Dilemma verhandelt „Erinnern als Überschritt“ in besonderer Weise. Denn einerseits mag man Koselleck theorielogisch zustimmen, dass es so etwas wie ein „kollektives Gedächtnis“ nicht geben kann: Jede Gruppenrepräsentation mit retroaktivem Wahrheitsanspruch sei per se fiktionalisierende Geschichtspolitik. Andererseits resultiert just daraus aber das end-of-history-Dilemma des sich postideologisch lesenden liberalistischen Zeitalters. Und das wiederum ist ja selbst geschichtstheoretisch brisant: Die ethisch, demokratisch und politisch unhintergehbare Pluralität von Erfahrungen behindert kollektive Erinnerungsoptionen und befördert partikularistische Sinnstiftungen durch re-individualisierende ‚Geschichte/n‘, durch subjektiv gefällige Wahl-Wahrheiten. Sie verleitet zu einer Differenzierung beziehungsweise Fragmentierung auch öffentlichen Gedenkens und verstärkt einige der gegenwärtigen Phänomene subjektivierender Aneignung von kollektivem Gedächtnis, etwa erlebnisorientierte Geschichtsinszenierungen (zum Beispiel reenactments und Mitmach-Denkmale) oder ethnopluralistische, populistische und sektiererische post-truth histories. Damit wäre Kosellecks berühmtester Kollektivsingular – ‚die‘ Geschichte – erledigt (was programmatisch ja auch Kosellecks erklärter Wunsch war). Kontraintuitiverweise aber wächst genau darum besagte Theoriebedürftigkeit.

Das trifft sich – in be- und verstärkender Absicht nebenbei vermerkt – mit dem von Lisa Regazzoni vermessenen Unbehagen, so etwas wie Kollektive in der Retrospektive überhaupt noch zu unterstellen und sie mit Identitäten zu belegen, die letztlich historische Fremd- oder gegenwärtige Zuschreibungen seien. Schon der Begriff „die Römer“ ergebe „kaum Sinn“, sondern könne „lediglich“ als eine dekonstruktionsbedürftige „Sprachkonvention“ aufgefasst werden.86 Die koselleckianische Tragweite des damit aufgeworfenen Problems ist offenkundig: Ist die Geschichtswissenschaft aktive (Mit‑)Konstrukteurin gesellschaftlicher Eingliederungshilfen und Exklusionsmuster? Reproduziert sie die sozialen Selbst- und Ordnungsbilder der nationalstaatlichen Epoche? Ist sie Helfershelferin identitärer Projektionen? Oder aber besteht, nach aller (Selbst‑)Kritik, ihre Aufgabe nur mehr darin, einstige, mutmaßlich subtil bis brachial autoritäre Kollektivierungsnarrative infrage zu stellen, zu differenzieren, das immanente othering vorzuführen und all den zum Verstummen verdammten Subalternen pflichtschuldig Gerechtigkeit anzudienen?

Für Teile der postkolonial längst sensibleren Sozialwissenschaften ist eine solche Perspektive nicht neu; für die Geschichtswissenschaft indes ist sie existenzieller, denn die Fluchtlinie der entkollektivierenden Dekonstruktion ist die Reduktion auf den Einzelfall, der dann nicht mehr exemplarisch ist, sondern jenes Unikat, so nochmals Koselleck, das „ich mir nicht kollektivieren [lasse]“. Jureit sieht und begründet das außerordentlich scharf. Kosellecks hinterlassene Aporie nämlich ist dann kein professionelles Defizit seiner vielgesuchten und vermeintlich unvollendeten „Historik“, sondern eine gesellschaftspolitische Konsequenz der Moderne und mithin eine Herausforderung erst unserer Zeit. Die Historikerin Jureit – als einstige Mitorganisatorin der zweiten „Wehrmachtsausstellung“ einschlägig erfahren – liefert hier eine fachgerechte Begründung der gesellschaftswissenschaftlichen Bedeutung Kosellecks, wo bislang personalistische und dekonstruktivistische bis diffamierende Deutungen dominierten. Dies ermöglicht es ihr, die von Koselleck als „systematisch“ reklamierten (auto-)biografischen Dimensionen des Erfahrens und Erinnerns gleichsam sensibel zu kontextualisieren beziehungsweise zu würdigen und zugleich ihre Verallgemeinerungshorizonte zu prüfen.

Vor diesem Hintergrund stellen sich die über mehrere Kapitel von Jureit dokumentierten Stationen von Kosellecks Biografie und Interventionen in einem anderen Licht dar als dem der etablierten Forschung und der aktuellen Jubiläumsliteratur. Die teils akribische Rekapitulation zumal seiner dramatischen Jugendjahre (vor allem Krieg und Gefangenschaft) besitzt zwar einigen Neuigkeitswert und kontextualisiert Kosellecks Begriffsbildung seit den 1950er Jahren, zeigt seine transdisziplinäre Ausbildung und lebenslange intellektuelle Kombination von Historiografie, Philosophie, Soziologie und Kunstgeschichte sowie seine intensive Auseinandersetzung mit Werken etwa von Immanuel Kant, Martin Heidegger, Georg Simmel, Maurice Halbwachs, Karl Mannheim, und Hannah Arendt. Gerade durch diese Kontextualisierung gelingen Jureit aber auch gehaltvolle Verallgemeinerungen. Insbesondere konkretisiert sie Kosellecks geschichtstheoretisches Angebot hinsichtlich seiner Relevanz für zurückliegende und für aktuelle geschichtspolitische Debatten und Herausforderungen. Anders gesagt: Kosellecks geschichtstheoretische Arbeiten werden nicht auf Resultate autobiografischer Zufälligkeiten reduziert. Sie werden nicht ad acta historisiert, durch Subjektivierung verharmlost oder professionell deklassiert. Kosellecks autobiografische Beispiele wie auch eine Vielzahl neuerer Archiv- und Nachlassfunde dienen Jureit vielmehr dazu, den systematischen Gehalt zentraler Begrifflichkeiten in seinem Werk herauszustellen (beispielsweise Generativität, Geschichtlichkeit, Zeitschichten und Erfahrungsraum).

Auf die Heranführung an das Thema über die zwei zentralen Begriffe ‚Erfahren‘ und ‚Erinnern‘ folgen eine biografische und werksgeschichtliche Annährung an Kosellecks Auseinandersetzung mit insbesondere (west-)deutscher Erinnerungspolitik und Totenkult, eine detaillierte Besprechung von Kosellecks Interventionen mit Berliner Fokus auf die Neue Wache und das Holocaust-Mahnmal sowie eine Rückbindung an die Historik, Diskussionen der weiteren analytischen Kategorien (Erleben, Erzählen und so fort). Die biografische und werksgeschichtliche Einbettung sowie die Chronik der geschichtspolitischen Interventionen dienen Jureit dabei zur Rekonstruktion des analytischen Begriffsgefüges Kosellecks einerseits, dem Aufzeigen der Bedeutung für die Untersuchung begrifflichen Wandels in Kosellecks eigenem Spätwerk andererseits.

Vorrangig nutzt Jureit Kosellecks eigene Schriften einschließlich posthumer Veröffentlichungen sowie die Bild- und Textnachlässe. Mit Zugang zu wichtigen Leseexemplaren Kosellecks war es ihr möglich, deren Rezeption etwa anhand der Abnutzung und des zunehmend konsistenten Notizensystems innerhalb der Lektüren nachzuzeichnen. Mit der Erschließung solcher Quellen wird auch die Enttäuschung, Entrüstung und Polemik Kosellecks über das Scheitern seiner im dritten Kapitel (Untertitel: „Leidenschaft – Ernüchterung – Resignation“) beschriebenen geschichtspolitischen Interventionen verständlicher. Mit der von Koselleck seinerseits von Heidegger entliehenen Formulierung „Erinnern als Überschritt“ bringt Jureit in ihrem Titel das Kondensat des Erinnerns in Kosellecks Spätwerk als Transformationsprozess vom primären Erfahrungsraum in sekundäres Erfahrungswissen auf den Begriff. Dieser Prozess vollzieht sich nach Koselleck als sprachlich vermittelte Erfahrungsverarbeitung und im nächsten Schritt als Auswertung sprachlich-symbolischer Repräsentationen. „Erinnern als Überschritt“ nimmt daher nicht nur die Erinnerung, sondern vor allem den Überschritt selbst in den Blick: Was wird erinnert? Wer wird erinnert? Und möglicherweise: Wer erinnert? In diesem Kontext wird auch deutlich, aus welchen geschichtstheoretischen Überlegungen heraus Koselleck den Begriff der „kollektiven Erinnerung“ ablehnte, wie er sich in der bundesdeutschen Debatte etabliert hatte: Es fehle an einem kollektiven Subjekt.

Im Direktvergleich mit der neuerlich wieder besonders schillernden Vielfalt von Forschungen über und mit Koselleck fällt eine Qualität besonders ins Gewicht: Neben dem ästhetischen Anspruch und dem langwierigen Ringen um die richtigen Worte und den treffenden Ton liegt der Erfolg von Kosellecks eindrücklichem Stil in einer gewissen Schwebe des Satzbaus. Lässt man sich nicht von der grellen Schlagworthaftigkeit der oft brillanten, freilich nicht immer passenden Großmetaphern Kosellecks blenden, dann wird sichtbar, dass deren eingängige Überzeugungskraft häufig von einem Geflecht relativierender Formulierungen getragen wird. Mit denen nimmt Koselleck das (zu) Apodiktische jedes gelingenden Wortbilds oft wieder zurück. Diesen preisgekrönten Stil versteht Jureit bestens und sie pflegt ihn durchgehend selbst: Weder das Ungefähre noch das absolute, gar eine überpräzise terminologische Fixierung oder aber, umgekehrt, die Flucht ins Allgemeine kennzeichnen ihre Beschreibungen. Selbst bis in vordergründig unscheinbare Passagen hinein zeichnet sich das ganze Buch durch eine leichtgängige Genauigkeit des Ausdrucks aus, die die für Koselleck, seine para-abstrakten Metaphern und seinen markanten Sprachstil typische Ambivalenz und Ambiguität brauchen (siehe nur als Beispiel S. 89). Der wahlweise unterschätzte Schriftsteller wie auch (nach eigener Aussage) „gescheiterte“ Theoretiker wird dadurch dreifach gelungen beleuchtet: Er wird darstellerisch gewürdigt, er wird kritisch erklärend vorgestellt und er wird dadurch aktualisiert, dass Jureit sehr ernst nimmt, was Koselleck vielen seiner Selbstauskünfte und Werkzielen gemäß wollte.

Begreifbares

Dem ‚historisch‘ kaum darstellbaren eigenen Denken gegenüber steht die soziale Übertragungsleistung und originäre Veranschaulichungskraft sensorischer Erfahrbarkeit. Zwischen Theorie und Koselleckiana liegt insofern ein „Zwischenraum der Dinge“. Dieser von Lisa Regazzoni – Inhaberin des auch fachhistorisch bedeutenden Bielefelder geschichtstheoretischen Lehrstuhls – mit Unterstützung der Familie Koselleck herausgegebene Band ist eine „Annäherung an die Figurensammlung Reinhart Kosellecks“. Das Buch liegt open access vor (wodurch gegenüber dem Printexemplar unter anderem der haptische Eindruck der Inventarklappkarte entfällt) und ermöglicht darum leicht das hier Empfohlene: sich ein eigenes Bild zu machen. Denn Gegenstand und Charakter der Einzelbeiträge lassen sehr viel mehr und noch genauere Eintritte in Nahräume des späten Koselleck zu, seines Wohnhauses und seiner Familie. Wie bei einigen Ego-Dokumenten in „Geronnene Lava“ kann daher Beklommenheit aufkommen. Balanciert zwar durch einige ironische Gesten und possierliches Allerlei nämlich sind Schmerz, unverdrängte Erlebnisse und traumatische Erinnerungsfetzen stille Leitmotive des oft einfühlsamen, unweigerlich intimen Bandes – mit dem entscheidenden Unterschied zu „Geronnene Lava“, dass durch den gleichwohl persönlichen Charakter der Figurensammlung eben nicht Koselleck über sich spricht, sondern seine ‚Dinge‘ über ihn. Nicht ohne sachliche Rechtfertigung oder ohne dingliche Ordnung, aber doch in einem Ausmaß, das berühren und stellenweise betreten machen mag.

Der Anlass ist schnell berichtet: Nach den umfänglichen textlichen (Marbach) und bildlichen Nachlassteilen (Marburg)87 sind im Rahmen einer Schenkung der Familie im Jahr 2021 schließlich auch rund 140 dreidimensionale Objekte Kosellecks in öffentliche Hände gegeben worden. Die Großarchive hatten die äußerlich platten Dinge erworben – die „Flachware“ (S. 12) der Texte und Bilder. Nun folgen Figuren, weil die Frage auftaucht, wie angemessen das „Ausdividieren des Bestandes nach Mediengattungen (Schrift, Bild und Ding)“ überhaupt und besonders in Kosellecks Fall ist: Welche „Rolle“ spielt das aus dem Nachlass „zunächst aussortierte Objektensemble in Kosellecks Denkraum“, besitzt es „eine Relevanz für die Erforschung seines Werks“ (ebd.)?

Das sind gewichtige Fragen. Denn Koselleck ging mit vielen Habseligkeiten auf Tuchfühlung. Manche hielt er in Griffnähe, verwendete sie unspezifisch. Die Funktion als Erinnerungsstützen und assoziative Symbolträger ist im Einzelnen plausibel, doch war bislang keine Deutung als Ensemble erfolgt. Nach Vorbild der ersten Annäherungen an Kosellecks Bildarchiv88 zeugt dieser Band darum nun von ersten Ordnungen und Interpretationen des Figurenarchivs. Mit starkem Hang zur Historischen Hippologie handelt es sich um allerlei Geschenke und Memorabilien unterschiedlichster Art, die, ob Kunst oder Kitsch, von Büsten und Fossilien und Münzen über Miniaturdenkmäler und Motivvasen bis zu symbolbesetzten Zinnsoldaten und Plüschtieren reichen.

Diese Dinge bilden offenbar kein Archiv historischer Spielzeuge. Die Objekte sind nicht Anschauungsmaterial spielerischer Identitätsfindung und imaginationsreicher Kultursozialisation89, sondern Denkwerkzeuge. Offenkundig hat sich Koselleck mit Gegenständen umgeben, deren haptische und optische Qualitäten besondere Dimensionen öffneten und ästhetisch andere Funktionen besaßen als die Massen von Bildern und Schriften im Hause Koselleck. Zeitliche Zuordnungen, Aufstellungen, innerhäusliche Migration oder Gruppen- und Sammelumzüge sind nicht vollends verlässlich dokumentiert. Gesichert ist, dass Koselleck die Dinge kreativ nutzte. Er sortierte sie assoziativ, gestaltete sie ironisch um, hielt sie in Griffnähe oder spielte einfach damit. Lebens- und alltagsgerecht verschwammen dabei die Grenzen zwischen höflicher Aufbewahrung nett gemeinter Mitbringsel, sentimentalen Erinnerungsstücken, steter Trauerarbeit (etwa um den ausbombungsbedingten Verlust eigener Kindheitsgegenstände) und gezielter Kollektion. Die mutmaßlich auch professionelle Relevanz vieler Artefakte ist darum unvermeidlich deutungsoffen, spekulationsempfänglich bis kryptisch. Doch gelingen einigen Beiträgen des Bandes klare Nachweise.90

Als naheliegendes Beispiel sei nur Jan Eike Dunkhases präziser Artikel über Koselleck und das Pferd (S. 123–130) erwähnt, einem der Rezeption mittlerweile vertrauten Sujet, in dem sich verschiedene Schichten von Werk und Person derart faszinierend verwoben und verdichtet finden, dass schon gefragt worden ist, ob hier Kosellecks warburgianische „Pathosformel“ (S. 15) zu finden sei. Wenngleich Koselleck seine hippologische Assoziationswerkstatt erst ab 1997 durch häusliches Arrangement geeigneter Objekte origineller organisierte (vgl. ebd.), bleibt das Motiv selbst originär. Kosellecks eigensinnige „Liebe zum Pferd“ (S. 122) hat die Sprache nicht nur der Geschichtswissenschaft objektiv verändert. So besehen ließen sich sein Dienst in der Reitergefolgschaft der Hitlerjugend, die Soldatenzeit an der Ostfront im Tross bespannter Artillerie samt „allmorgendliche[r] Sattelzeit“ (S. 124), das von Adolf Loos so genannte „Pferdezeitalter“91, Kosellecks alternative Epochensequenz von Vorpferde‑, Pferde‑, Nachpferdezeitalter, ferner seine umfänglichen Sammlungen und ersten Studien zu einer demokratisierungstheoretischen Politischen Ikonografie des Pferdes am (lediglich repräsentativen) Beispiel des Reiterdenkmals, dessen Verschwinden aus dem Bereich der Postkartenfähigkeit und der ikonischen Transposition vom hohen Reiter zum Unbekannten Soldaten breiter verstehen. Kosellecks systematische Argumente einer historischen und herrschaftstypologischen Auswahl des Pferdesujets (zum Beispiel Reiterdenkmal als dynastisch-monarchische Kategorie hoheitlicher Erhabenheit und anderes) treten dahinter zurück. Bemerkenswert auch für gegenwärtige Forschungen über Mensch-Tier-Beziehungen und animal politics ist92, dass Koselleck zeitlebens von apokalyptischen Erinnerungen an das Leid der Pferde im Schlachten- und Kriegshorror heimgesucht wurde. Einige Schmerzen Kosellecks übersetzten sich in das obsessive Jagen, Sammeln, Ordnen und Vergleichen einschlägiger Motive, wird verschiedentlich kolportiert (aber deshalb besaß nicht alles, was Koselleck hortete, die umfängliche Fotosammlung etwa, zwingend mehr als profane Notizfunktion). Dass der Mustang sowohl Jagdflugzeug wie auch ein legendäres Automobil mit vielen Pferdestärken wurde und die Lokomotive Adelbert von Chamisso als „Dampfross“ (S. 174) galt, ist dagegen kulturgeschichtlich schön. Und vom Schaukelpferd erzählen wir erst gar nicht. Verengungen auf dies oder das wären einfach allzu vordergründig. Denn offenbar sollte – wie vermehrt bemerkt, aber wenig beforscht wird – die semantologische Methodik der politischen Moderne-Theorie Kosellecks nicht bloß metaphernhalber um eine ikonologische Dimension ergänzt werden.

Es ist bekannt und einleuchtend, dass der späte Koselleck nach vor allem künstlerischen Äquivalenzquellen für lexikalisch angezeigte begriffliche Transformationsvorgänge suchte. Zu oft aber begnügt sich diese Beobachtung mit der Projektion schriftsprachlicher Innovationen auf ästhetische, vor allem bildsprachliche Repräsentation. In platonischer Tradition sind Bilder dann Trugbilder, Schatten der Wahrheit, bestenfalls Abbilder von Worten der Wahrheit. Die eigentlich vorgängige Frage nach den medienkategorischen Gründen der kulturellen Dominanz und historiografischen Bevorzugung (schrift‑)sprachlicher Quellen wird hintangestellt. So droht übergangen zu werden, dass die bei der historischen Analyse marginalisierten Sinne und Sinnträgermedien Informationen eigener Art (v)ermitteln: Das Hören, Riechen, Schmecken und das Tasten wirken vielfach selbsttätiger, direkter, unmittelbarer als eine visuell gelesene Schriftquelle. Freilich sind sie – mit bezeichnender Ausnahme des Dinglichen – auch flüchtiger. Die insofern nicht einfach selbstverständliche Hegemonie der Sprache und der Abstraktion gegenüber dem Stofflichen und Konkreten unterläuft die in Kosellecks populärem Bonmot von Begrifflichkeit und Begreifbarkeit eingefasste haptische Metaphernspur des Greifens und hier setzt besagter Band auf eine niemals zu simple Art eben an. Insofern ist auch völlig zu Recht von einer ‚wissenschaftlichen Aufwertung‘ der (An‑)Sammlung gesprochen worden (S. 35). Denn ihr mit dem Band sicher noch nicht ausgeschöpfter Erkenntniswert ist – lässt man sich aufgeschlossen und mithilfe der Sorgfalt der interdisziplinär Beteiligten darauf ein – selbst in den spielerischen und den künstlerischen Facetten beachtlich.

An Dunkhases Beitrag zeigt sich besonders exemplarisch, was die Kunsthistorikerin und Koselleck-Ausstellungskuratorin Britta Hochkirchen (siehe S. 99–122) verallgemeinert: Dass die „große[] Heterogenität“ selbst innerhalb der zwei motivisch zentralen Themenfelder von Kosellecks Sammlung „Pferde und Denkmäler“ „mit Blick auf ihre Materialität, die Datierung, ihre zeitliche und regionale Referenz und letztlich auch ihre Größe und den damit einhergehenden Maßstab“ zwar eine Herausforderung der „Skalierung von Geschichte und historischer Erkenntnis“ birgt (S. 99), aber generell nochmals interessanter wird, wenn man die (bislang aufgrund der Konzentration auf Kosellecks Bildsammlung und die übliche Textlichkeit der Forschung) dominierenden Perspektiven ergänzt um weitere Sinne. Schnell wird dann ‚begreiflich‘ und ‚erinnerlich‘, warum Koselleck selbst im Alter eine Skizze über „Politische Sinnlichkeit“ vorgelegt hatte.93 Denn wenn schon Fragen nach den Bedingungen der Möglichkeit von Geschichte für den Geschichtstheoretiker Koselleck bekanntlich anthropologisch konnotiert sind94, wäre es inkonsequent, diesen Befund nicht methodologisch auszuweiten, also auf die Quellenkunde und das den Quellen von Koselleck zugeschriebene „Vetorecht“ zu übertragen. Insofern nämlich Koselleck als Propädeutiker nach den vorhistoriografischen Bedingungen und Konstanten geschichtlicher Erfahrbarkeit fragte, müssten sinnliche Wahrnehmungsweisen und ihre unterschiedlichen Wirkungsmöglichkeiten für ihn von zentraler Bedeutung gewesen sein: Der eigene Blick konnte im vorfotografischen Zeitalter nicht authentisch eingefangen werden; das Bilderverbot tat ein Übriges. Akustische, haptische und olfaktorische Impressionen sowie die damit verbundene Sensorik des Schmeckens sind Erlebenszugänge, für deren Speicherung zwar noch weniger Medientypen kultiviert wurden als für visuelle Reize. Die aber sollten umso weniger vernachlässigt werden – was dem Umstand, dass die Bandherausgeberin und Bielefelder Nach-Nachfolgerin Kosellecks Regazzoni historische ‚Materialspezialistin‘ ist, eine ganz eigene Note gibt. Darüber hinaus ist denn auch olfaktorischen und weiteren sensorischen Aspekten in den letzten Jahren endlich vermehrte geschichtswissenschaftliche Aufmerksamkeit zuteilgeworden.

All dies ändert allerdings wenig am vielfach unbestimmten Charakter der Figurensammlung. Dass klassische Motive fehlen – die Kentauren etwa – unterstreicht den persönlichen und kontingenten Touch. Der Band versucht dieser Unbestimmtheit Rechnung zu tragen, indem er ersatzweise den genius loci nutzt: Aufnahmen im Wohnhaus, Positionierungen der Dinge und einige Selbstinszenierungen Kosellecks werden als Informations- und Interpretationsquellen verwendet. Dass sich beim Betrachter punktuell die Peinlichkeit einstellt, er müsse eine fremde Dachkammer mit all ihren privaten Angelegenheiten recht indiskret durchstöbern, ist kaum zu verhindern und wird durch die einmal mehr rollenkonfuse Mitwirkung der Familie Koselleck nicht eben geringer. Der Band bewältigt dieses anlassgerechte beziehungsweise der Schenkung eigene Eindringen und die zugehörigen transgressiven Unvermeidlichkeiten durch den klugen Ernst des archäologischen Blicks: Das Verspielte, Museale, aber auch die para-sakrale Atmosphäre, das die allzu nahbare Privatsphäre vieler Ego-Dokumente verströmt, wird durch eine Zurücknahme in die Position der Materialerschließung und die Perspektive auf die Koselleck’sche Kulturtechnik des Sammelns etwas entzaubert und als Begleiterscheinung der Pionierleistung hingenommen. Man sammelt, sortiert, stellt selektiv Interessantes schon einmal vor – und wartet ab.

Auf diese Weise schlägt die respektvolle Sensibilität nicht in instrumentelle Obszönität um und vielleicht auch diese spezielle Konstellation bewahrt den Band davor, uns Vordergründiges aufzunötigen. So wird eine Vielzahl von klugen und beiläufigen Beobachtungen über die Artefakte, ihre Herkunft, ihre Anordnung, ihren Gebrauch durch Koselleck geteilt, ohne ihre Bedeutung zu fixieren oder ihnen eindeutige Effekte zu unterstellen. Das wird einerseits dem besagten Gebrauch seiner Dinge durch Koselleck gerecht, vermeidet andererseits eine Vorfestlegung, die angesichts der deutlichen Überzahl von Pferdefiguren und Reitermotiven in der Sammlung nahegelegen hätte.

Die Beiträge des Bandes wissen und lassen wissen (vor allem im Beitrag von Judith Blume und Sarah Elena Link über „Sammlung als Prozess“, S. 65–82), dass sie unterscheiden wollen zwischen einem Sammelsurium, einer Ansammlung und einer Sammlung, dass also die Dinge auch für sich sprechen und nicht nur für oder durch Koselleck, dass sie nicht reduzibel sind auf Erinnerungen, sondern gerade als Sammlung offen für zukünftige Deutungen und Verwendung. Herkunft, Sortierung (sowohl als Auswahl wie auch als Anordnung), Aufbewahrung, privater Wert und wissenschaftliches Interesse sind dafür sorgfältig zu unterscheiden und auch dem Komischen, Liebenswürdigen, Zärtlichen wächst dann mehr Objektivität und Erklärungskraft zu als dem ersten Anschein. Wenn Charlotte Tacke unter dem Titel „Die Demokratisierung des Reiterdenkmals“ (S. 49–61) ein mittlerweile ironisch-ikonisch bekanntes Spielzeugpferd auf Rädern akkurat beschreibt (ein „Plagiat eines chinesischen Spielzeugs, das in den 50er Jahren unter der Bezeichnung WP183 vermarktet worden ist, mit den Maßen L 20 × H 22 × B 10,5 cm“), einem „Schimmel“ mit „rote[n] Ohren, große[n] schwarze[n] Augen […], eine[r] grell orangene[n] Mähne“ et cetera, auf dessen Rücken ein Reiter „mit aufgeklebtem Koselleck-Gesicht“ sitzt, ergänzend ausgestattet mit einem „schwarzen Talar mit violettem Rand“ und einer sowohl als „Reiterhut“ wie auch als „Doktorhut“ (S. 54–56) deutbaren Kopfbedeckung, dann öffnet sich ein kleiner Kosmos. Das einstige Geburtstagsgeschenk für Koselleck integrierte schon viele Charakter‑, Zeit‑, Werk‑, Generationen- und Sozialspezifika. Die Aufnahme und heutige Verwendung durch und für die Koselleck‑, Ikonografie- und Hippologie-Forschung ist mehr als lächerliches Spezialistenfaible oder humoriges Symbol allein.

Schlaglichter

Kommen wir mit zwei exemplarischen Schlaglichtern zum Schluss. Eine äußerst anregende ‚Spielwiese‘ stellt seit Anfang 2023 der Jubiläumsblog „KOMPOSITA Koselleck 100“ bereit, den Bettina Brandt, Jonathon Catlin, Jana Kristin Hoffmann und Lisa Regazzoni auf der geistes- und sozialwissenschaftlichen Bielefelder Digitalplattform „Hypotheses“ initiierten und der seither beständig erweitert wird. Die wohl noch laufende Sammlung ist ein gleichermaßen seriöses, innovatives und einschlägig bestücktes wie liebevolles, verspieltes und neugieriges Projekt. Es lädt ein, Einsichten und Anregungen, die Koselleck bietet, zu teilen und mit ihnen zu experimentieren. Der Name „KOMPOSITA means something composite: an eclectically-assembled birthday gift and at the same time an inspiration arising from the tension between the heterogeneous, which for Reinhart Koselleck was connected with composite metaphors, with spaces of experience, horizons of expectation, sluices of memory, and layers of time“.95

Dass dieser offene Anspruch gerade experimentell begabten Beiträger_innen entgegenkommt, versteht sich von selbst. Umso mehr darf betont werden, dass die out-of-the-box-Option ihre Anregungsziele übererfüllt: Nur wenige Beträge klammern an akribischen Maßstäben; der Mehrzahl hilft das offene Format, subjektive Lasten, substanzielle Werkstattprobleme und work-in-progress-Fragmente unbefangener vorzustellen. Oft ist das erhellend. Dazu zählen etwa Beiträge über die Herausforderungen, Koselleck und seine tiefen Metaphern in verschiedene Sprachen zu übersetzen96: die Geologie der „Zeitschichten“ als Ablagerungen beziehungsweise Sedimente, als gewichtige Anordnungen, die erdrücken, verschüttgehen, vulkanische Eruptionen („Lava“) verfestigen, Bohrungen und Grabungen erfordern und von tektonischen Verschiebungen langsam oder plötzlich betroffen sind et cetera – solche attraktiven Wortspielereien sind keine, weil Koselleck sie ernst nahm und die Übersetzung dem genügen muss. Nicht minder herausfordernd sind Kosellecks analytische Temporalitätstermini: Vergangen(heit), Zeitenpluralität, Beschleunigung, Krise. Und auch einige Grundbegriffe – komplementäre, konträre und kompositäre – finden Aufnahme: Welt/Umwelt, Minderheit–Mehrheit und immer wieder faktisch statusfluide Fixierungen von Habitus über Horizont und Generation bis Kollektiv.

Mit einem zweiten Schlaglicht – Christophe Boutons Beitrag „Die Beschleunigung der Geschichte bei Koselleck. Eine Studie zu einer historischen Kategorie der Moderne“97 – sei einerseits wenigstens indirekt auf einen schon 2021 verlegten Sammelband verwiesen – der hier nicht in Gänze gewürdigt werden kann – andererseits ein abschließendes Beispiel für sozialwissenschaftlich anschlussfähige und zeitdiagnostisch aufschlussreiche Perspektiven genannt. Boutons knappe Fallstudie versteht es nämlich meisterhaft, die Kategorie der „Beschleunigung“ von der bekannten historischen Bedeutung (Eschatologie) über ihre für Koselleck paradigmatische Relevanz (säkularisierende Ideologisierung) weiterzuführen zur epochalen Diagnostik technischer Beschleunigung im Anthropozän. Damit wird erinnert, was lange offenkundig war, aber in der aktuellen Koselleck-Forschung augenscheinlich wenig interessiert: dass Kosellecks semantologischer Zugriff auf eine bestimmte Zeitspanne (sagen wir einfach: auf die Sattelzeit) eine Theorie der Moderne nicht zur Voraussetzung hatte, sondern als Ergebnis versprach. Zu den ersten beiden Dimensionen – begriffsgeschichtliche Methode und Untersuchungszeitraum – wurde bis in die jüngste Zeit hinein viel Gehaltvolles gesagt. Zur Moderne-Theorie indes (genauer: zu deren Relevanz nach dem Ende der ‚modernen‘ Konstellation) kann sich die Geschichtswissenschaft freilich viel weniger professionell äußern als Teile der Sozialwissenschaften, und genau hier ist Boutons Beitrag anregend, wenn er – zugegebenermaßen seinerseits mehr Schlaglichter und prominente Positionen aufrufend – auf gesellschaftstheoretische Zeit- und Beschleunigungsforschungen verweist. Zur Veranschaulichung zitieren wir kurzerhand die markante „Schlussfolgerung“:

Ziel dieses Beitrags war es, mittels einer mehrdeutigen historischen Kategorie, wie sie die Beschleunigung darstellt, insofern sie sowohl die Begriffsgeschichte mit ihren „Kronzeugen“ als auch die Theorie der geschichtlichen Zeiten und die Reflexion der Moderne in Anspruch nimmt, das Vorgehen Kosellecks um ein konkretes Beispiel zu ergänzen. Ebenso ging es darum, die heuristische Fruchtbarkeit dieser Kategorie in Bezug auf das Verstehen unserer aktuellen Weltlage aufzuzeigen, und das über den Zeitraum, den Koselleck untersuchen konnte, hinaus. In den Diskursen zum Anthropozän kommt die Kategorie der Beschleunigung in mehrfacher Hinsicht, in ihren technischen wie in ihren apokalyptischen Ausformungen, zur Anwendung. Es bleibt zu hoffen, dass die dritte von Koselleck unterschiedene Form, die politische Beschleunigung in Verbindung mit dem revolutionären Projekt, die Gesellschaft zu gestalten, sich nicht überholt hat, wie [Hartmut] Rosa es vertritt, sondern im Gegenteil, dass sie es erlaubt, eine Alternative zum apokalyptischen Diskurs der Kollapsologen ins Auge zu fassen, nämlich eine politische Antwort auf die Dringlichkeit des Klimawandels, auf nationaler wie auf internationaler Ebene. (S. 99)

Diese Hoffnung deckt sich mit der mahnenden Einschätzung Falko Schmieders, laut der das „Beschleunigungsaxiom und die damit verbundenen Fragen nach einer politischen Steuerung und Gestaltbarkeit der Geschichte […] Koselleck als unseren Zeitgenossen [zeigen], der sich an Problemen abgearbeitet hat, die immer noch ungelöst sind und sich weiter verschärft haben. Seine These der Theoriebedürftigkeit der Geschichtswissenschaft müssen wir heute, im Zeichen des Anthropozäns, wohl nicht nur als Aufforderung verstehen, den theoretischen Prozess um die vermeintlich erledigte Geschichte neu anzustrengen, sondern auch als Frage nach den gesellschaftspolitischen und praktischen Einsätzen der Wissenschaft“.98 Und genau hier sei der Platz für die oft reklamierte sozialwissenschaftliche Mitarbeit, denn Koselleck selbst könne uns selbstverständlich keinen adäquaten Begriff für die Gegenwartsgesellschaft liefern, zumal uns angesichts von rasendem Artensterben und den biophysischen Grenzen der Menschenkondition Zeitlichkeiten brisanter Art in die Quere kommen99 und Fragen der „Lebenszeiten“ aufrufen100, die Kosellecks Lebens- und Arbeitswelten übersteigen.

Schlussbetrachtungen

Mit all den tiefen Perspektiven und der materialen Erdung, die uns die sorgfältige Archivierung und professionelle Pflege von Kosellecks Artefakten und Kontakten mittlerweile ermöglicht, ist die Grundlage für Fließbandproduktion und „Koselleckologie“101 immer perfekter geworden. Lücken und neue Fragen sammeln sich dadurch fast im Alleingang; ältere Themen erledigen sich oder emanzipieren sich von Kosellecks Nimbus. Beispielsweise scheint man trotz neuen Materials und kontextualistischer bis historisierender Perspektiven102 weiterhin eine kritische Ausgabe von „Kritik und Krise“ für überflüssig zu halten (immerhin eine der kontroversesten Dissertationen deutscher Sprache überhaupt), während zur Arbeitsgruppe „Poetik und Hermeneutik“ immer mehr Material für rein intellektuellengeschichtliche Dissertationen anfällt, weil mittlerweile die verschiedenen Nachlassarchive zueinander sprechen103, wohingegen wiederum die neueste Historische Semantologie fernab der Spurrillen Kosellecks eine rigorose Entpolitisierung pflegt.104

So öffnen die neue Präzision und Vielfalt einerseits Freiräume, verengen sie andererseits teils auf das, was Kosellecks eigene Schablonen hergeben. Einesteils gelingt es, Koselleck erfolgreich über die Schwellen des material und des iconic turn zu hieven, Begriffs‑, Bild- und Gefühlswelten systematischer zu kombinieren und dadurch Wirkungskraft, Vermittlungsfunktionen und Leistungsfähigkeit der Metaphern und Materialien aus der bisweilen geringschätzig als bloße Substitute oder symbolistische Hilfsmittel von ‚eigentlicher‘ Erkenntnis und Wortsprache missverstandenen Schmuddelecke zu holen.105 Dabei wurden derart viele Lebensdinge oft noch unbestimmten Nutzens gehortet, dass vorerst wohl nur der Einschätzung verallgemeinernd und ausweitungsfähig beizupflichten bleibt, von „Koselleck allein als Begriffshistoriker zu sprechen, greift zu kurz“ angesichts der „Tragweite […], die die Beschäftigung mit dem Visuellen und dem Sehsinn im Rahmen seines wissenschaftlichen Denkens einnahm“.106 Andernteils ist das dabei zwischen Generalisierung und Relativierung geöffnete Universum an thematischen Kombinationen zwar ganz neu und besonders, zementiert aber zugleich den Quellenfundus Koselleck durch die wenigstens im deutschen Forschungsraum stark museale Neigung, Authentizität für Autorität auszugeben. Was fehlt, ist dann nicht leicht zu sehen – beispielsweise eine Elementen-reflexive Erweiterung des Koselleck’schen Metapherngeologismus, die auf nicht nur schmittianische Liquiditätseinflüsse von „Land und Meer“ über „Bewegung“ und Kosellecks „Schwimmhalle“ bis zur „Lava“ einginge.107 In diesem Zusammenhang vermisst man auch weiterhin substanzielle Auseinandersetzungen mit Kosellecks Begriff der Ökonomie und ökonomischen Begriffen.

All das bestätigt aber nur: die Erschließung des reichhaltigen Nachlasses Kosellecks ist mittlerweile weit vorangeschritten. Ist es zwar keinesfalls mehr zu wiederholen erforderlich, welche als kanonische Texte Kosellecks gelten und was als gängige Schlagworte von „Sattelzeit“ über „Erfahrungsraum“ und „Erwartungshorizont“ bis zu „Begrifflichkeit“ und „Begreifbarkeit“ unverzichtbar scheint, so ist also doch das, was die jüngere Literatur von und über Koselleck zutage bringt, weit mehr als bloße Ergänzung. Ohne Koselleck geht es offenbar nicht mehr. Paradigma und Text werden fast ganz und gar von Person und Kontext aufgesogen. Zunehmend firmiert Koselleck dabei als eigener Typus, als eine repräsentative Persönlichkeit und – die museale Akribie, mit der scheinbar belanglose Habseligkeiten archiviert werden, spräche dafür – wohl sogar als eine epochale Projektionsfläche goetheanischer Art.

Offenkundig ist der Schritt vom geschichtswissenschaftlichen zum allgemeineren Klassiker genau jetzt vollzogen worden. Einerseits liefern dabei Kosellecks Werk und Vita, sein aktives Wirken und die Selbsttätigkeit des Nachlasses weitere Bausteine einer bundesrepublikanischen Institutionalisierungs‑, Demokratisierungs‑, Liberalisierungs‑, Ideologie- und Intellektuellengeschichte. Sie sind somit zugleich Zeugnisse der Bonner Republik exakt von deren Anfang bis zu ihrer Überführung in den Berliner Betrieb. Mochten nach Kosellecks Tod freundschaftliche Mitteilungsbedürfnisse sowie wissenschaftspolitische Deutungs- und Diadochenkämpfe ins Kraut schießen, die man anfangs noch unter Erinnerungs- und Würdigungsaspekten verbuchen konnte, dürfte mittlerweile klar sein, dass ein regelrechter Koselleck-Markt entstanden ist, der dank öffentlicher Prüfungs- und Stöberangebote eine Nachfrage eigener Art generiert und intensiviert. Der Kanon also sitzt und auch die Schwelle der Internationalisierung ist genommen, der Quellenfundus ist weder ausgeschöpft noch verstaubt, die Untiefen der Vergleichsmöglichkeiten – „Koselleck und …“ – öffnen unendliche Weiten.108

Andererseits zeigt – Pars pro Toto – das „Komposita“-Projekt, dass die unordentliche Vielzahl der von Koselleck angedeuteten, aufgerufenen oder angeregten Problemstellungen für die Frage ineinander verschlungener Zeitschichten konzeptionelle Baustellen hinterlässt, die – ob nun mit oder ohne Koselleck – zeittheoretische Arbeit erfordern. Hier ist, bei allem Respekt gegenüber einigen Leistungen, die nötige konzeptionell-theoretische Anstrengung noch immer nicht hinreichend und für größere (fachliche und interdisziplinäre) Diskurse verständlich geleistet worden. Überraschenderweise fehlen etwa größer angelegte Systematisierungen – eine Art Kategorienlehre von physikalischen, sozialen und geschichtlichen Grundbegriffen der Zeit, von Geschichtsmodellen und Geschichtlichkeitstheorien bis hin zu einem Metaphernkatalog, je hierarchisiert nach Prägnanz, Relevanz und fachlicher Signifikanz.109 Die aber wären wohl erforderlich, wollte man auch für die wissenschaftliche Ausbildung und Methodenlehre der Beliebigkeit entfliehen, mit der Koselleck vielleicht pflichtschuldig als Theorieonkel oft doch recht locker mal hierhin und mal dorthin platziert wird. Das nämlich wird seinem Anspruch kaum gerecht, dass die Validierung von Forschungsergebnissen nicht allein über Quellenkenntnis, -kunde und -kritik erfolgen dürfe, sondern mit einer wissenschaftstheoretisch-propädeutischen und der epistemisch-konzeptionellen Ebene im Sinne einer „Didaktik“ verschränkt werden müsse. Dieses Manko zeigt sich beispielsweise an der Allgemeinheit, mit der viele aktuelle Arbeiten Kosellecks anthropologische Reflexionen, die seit den frühesten Studien des Junggelehrten auf die Politische Theorie und Philosophie zurückgriffen110, wenn überhaupt reduzieren auf das bekannte Korsett Leben/Sterben, vorher/nachher beziehungsweise früher/später, innen/außen, oben/unten. Dabei attestieren sie diesen wahlweise eine schmittianische Prägung oder nehmen diffuse Kombinationen dieses Erbes mit den heuristischen Leitannahmen der „Geschichtlichen Grundbegriffe“ vor. Beides ist nicht falsch, aber doch bekannt und immer wieder aufs Neue gesagt. Der fraglos berechtigte Wunsch nach kritischer oder konzeptioneller Emanzipation von den sozial- und von spezifisch gesellschaftstheoretischen Hintergrundtheoremen Kosellecks liefert für die nach ihm blühende Semantologie indes noch keinen adäquaten Ersatz. Die eigene Standortbezogenheit heutiger begriffshistorischer Unterfangen müsste schon die methodologischen Beweggründe bedenken, jene häufig und treffend sogenannten Bedingungen der Möglichkeit von Kosellecks Geschichtstheorie, um Kosellecks trans- und interdisziplinären Zugriff weiter zu dekonstruieren, dabei wenigstens den geschichtsphilosophiekritischen Anspruch zu übernehmen und den Anschluss an die sozialwissenschaftliche Seite der Semantologie nicht unnötig zu verstellen.

Die Sozialwissenschaften inklusive der sozialtheoretischen Philosophie wiederum – und dies ist eher ein Negativbefund – pflegen kein ordentliches Verhältnis zur „Koselleckologie“. Die vieldiskutierte Reihe fortschrittsskeptischer Schriften jüngeren Datums kommt ohne Koselleck aus, neue Grundbegriffskataloge ebenso111, und auch politiktheoretische Angebote können wenigstens hierzulande recht gut ohne Koselleck leben.112 Erfolg hatte Koselleck immerhin insoweit, wie ein unilinearer Geschichtsglaube heute nicht mehr akademisch operabel ist; Termini und Konzeptionierungen der „Regression“ beherrschen die zeitdiagnostische Szene und alle paar Jahre keimt eine Neo-Posthistorie. Es hieße aber, auf halbem Weg stehen zu bleiben, verkäme einerseits der pflichtschuldige Nekrolog auf unlineare Prozesse zur Eingangsphrase geschichts- und politisch-ideenhistorischer Arbeiten, während andererseits die Historische Semantologie bloß ihre Offenheit für sozialwissenschaftliche „Perspektiven“ betont, diese aber produktiv und organisatorisch kaum einlöst. Man mag es auf hiesige Forschungsstrukturen und traditionelle Fachkulturen schieben: Interdisziplinäre Arbeiten sind jedenfalls Ausnahmen.

So bleiben (zu) viele Beiträge unterhalb der Strukturierungs- und Reflexionsreichweite, die Koselleck über Disziplingrenzen hinweg zu bieten hätte. Ehrfurcht und die Neigung, Theorie zu meiden, dominieren. Insbesondere die lebensgeschichtliche Interpretation, also die Theorierekonstruktion ad personam gespickt mit einer Rekombination von Leitmotiven, begnügt sich faszinierender Fülle zum Trotz damit, das Koselleck’sche Programm gewissermaßen als Privattheorie zu verstehen. Doch umso stärker sind Einzelleistungen herauszustellen, denn einige Forscher_innen wirken abseits institutioneller Routinen. Jan Eike Dunkhases Neugier verdanken wir fleißige Dokumentationen, Ulrike Jureit hadert offenbar mit einer Theorieschwäche ihres Fachs, Stefan-Ludwig Hoffmanns transatlantische Frische ist unbeeindruckt vom deutschen Betrieb und Gennaro Imbriano organisiert quasi im Alleingang die italienische Etablierung Kosellecks. Kurzum, die Koselleck-Forschung über Person, Methode, Theorie und Erkenntnis spezialisiert sich und sie bedient dabei das ganze Spektrum von populärer Assoziativität, interessiertem Erstkontakt, epochaler und geografischer Expansion, methodologischer Revision und ambitionierter Rekonstruktion unvollendeter Werkstränge. Man wartet regelrecht auf die – schon aus Qualitätssicherungsgründen womöglich sehr angeratene – Gründung einer Fachzeitschrift.

Auswahlbibliografie

  • Archiv für Begriffsgeschichte 64 (2022), H. 1: Die Erfindung der Aufklärung.

  • Barash, Jeffrey Andrew/Bouton, Christophe/Jollivet, Servanne (Hrsg.): Die Vergangenheit im Begriff. Von der Erfahrung der Geschichte zur Geschichtstheorie bei Reinhart Koselleck, 264 S., Alber, Freiburg/München 2021.

  • Brandt, Bettina u. a.: KOMPOSITA. Contributions to Reinhart Koselleck’s „Space of Resonance“, in: Geschichtstheorie am Werk, 24. Januar 2023, URL: <https://gtw.hypotheses.org/files/2023/10/Brandt-Catlin-Hoffmann-Regazzoni_KOMPOSITA_PDF.pdf> [Zugriff: 26. Mai 2024].

  • Contributions to the History of Concepts 18 (2023), H. 1: Celebrating Reinhart Koselleck’s 100th birthday.

  • Hettling, Manfred/Schieder, Wolfgang (Hrsg.): Reinhart Koselleck als Historiker. Zu den Bedingungen möglicher Geschichten, 461 S., Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2021.

  • History of European Ideas 49 (2023), H. 1: The Present of the Historik. Historicizing Koselleck’s Theory of Historical Times.

  • Hoffmann, Stefan-Ludwig: Der Riss in der Zeit. Kosellecks ungeschriebene Historik, 392 S., Suhrkamp, Berlin 2023.

  • Jureit, Ulrike: Erinnern als Überschritt. Reinhart Kosellecks geschichtspolitische Interventionen, 192 S., Wallstein, Göttingen 2023.

  • Koselleck, Reinhart: Geronnene Lava. Texte zu politischem Totenkult und Erinnerung, hrsg. v. Manfred Hettling/Hubert Locher/Adriana Markantonatos, 572 S., Suhrkamp, Berlin 2023.

  • Regazzoni, Lisa (Hrsg.): Im Zwischenraum der Dinge. Eine Annäherung an die Figurensammlung Reinhart Kosellecks, 208 S., Bielefeld UP, Bielefeld 2023.

Funding

Open Access funding enabled and organized by Projekt DEAL.

Notes

  1. Grundlegend dazu Demandt, Alexander: Metaphern für Geschichte. Sprachbilder und Gleichnisse im historisch-politischen Denken, Beck, München 1978; nun Schäfer, Rieke (= Rieke Trimçev): Historicizing Strong Metaphors. A Challenge for Conceptual History, in: Contributions to the History of Concepts 7 (2012), H. 2, S. 28–51.
  2. Einen Überblick mit weiterführenden Verweisen liefert unter anderem Daniela Di Pinto im Bericht zur Kooperationstagung der TU Chemnitz und der Akademie Herrnhut für politische und kulturelle Bildung „Reinhart Koselleck und die Zeitgeschichte“, URL: <https://www.hsozkult.de/conferencereport/id/fdkn-137384> [Zugriff: 2. Juni 2024]. Zu ergänzen sind die Tagungen „Das Ende aller Gewissheiten und die (De‑)Stabilisierung von Begriffen. Perspektiven einer Begriffsgeschichte der Gegenwart“ (ZZF Potsdam), „Das Ende in der Geschichte. Epoche, Friede, Fortschritt“ (DHI Paris, zu dieser URL: <https://www.hsozkult.de/event/id/event-137010> [Zugriff: 8. April 2024]) und die von Gennaro Imbriano in Bologna ausgerichtete Tagung „Krise – Souveränität – Europa. Moderne Konzepte – zeitgenössische Debatten“.
  3. Mrozek, Bodo: Die sogenannte Sattelzeit. Reinhart Kosellecks Geschichts-Metapher im Erfahrungsraum des Krieges, in: Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte 75 (2023), H. 2, S. 133–153, hier S. 134.
  4. Eine jüngere Spezialdebatte hierzu markiert indes den Forschungsstand, siehe das Daniel Fuldas Arbeit diskutierende Schwerpunktheft Archiv für Begriffsgeschichte 64 (2022), H. 1: Die Erfindung der Aufklärung; sowie Décultot, Elisabeth/Fulda, Daniel (Hrsg.): Sattelzeit. Historiographiegeschichtliche Revisionen, De Gruyter, Berlin 2016.
  5. Man könnte vermuten, dass dieses Phänomen der „Musealisierung“ ein Bielefelder Spezifikum ist. Maren Lehmann beschreibt „Musealisierung“ als „Bielefelder Weg“: Lehmann, Maren: Das Fehlerproblem, in: Beyes, Timon u. a. (Hrsg.): Niklas Luhmann am OVG Lüneburg. Zur Entstehung der Systemtheorie, Duncker & Humblot, Berlin 2021, S. 59–78. Immerhin hat das dortige Zentrum für interdisziplinäre Forschung auch Kosellecks Counterpart Hans-Ulrich Wehler eine Kathedralenminiatur gestiftet: einen Nachbau der Bibliothek samt Schreibmaschine, Schreibdurchschlägen und sonstigen Reliquien – ironisch konterkariert durch den aus Platzgründen dort aufgestellten Billardtisch des Instituts. Auch Niklas Luhmanns sagenumwobener Zettelkasten ist mittlerweile ein Schrein (siehe neben jüngeren Luhmann-Schwerpunkten das Niklas Luhmann-Archiv der Universität Bielefeld, URL: <https://niklas-luhmann-archiv.de> [Zugriff: 26. Mai 2024]). Ähnliches scheint Koselleck zu widerfahren. Wo dabei die Grenze zwischen Forschung, Musealisierung und Sakralisierung verläuft, ist naturgemäß nicht immer auszumachen.
  6. Koselleck, Reinhart: Goethes unzeitgemäße Geschichte (orig. 1993), in: ders.: Sinn und Unsinn der Geschichte, hrsg. v. Carsten Dutt, Suhrkamp Berlin 2014 (orig. 2010), S. 286–305, hier S. 287.
  7. Palonen, Kari: Die Entzauberung der Begriffe. Das Umschreiben der politischen Begriffe bei Quentin Skinner und Reinhart Koselleck, LIT, Münster 2004, S. 13.
  8. Dutt, Carsten: Kosellecks Wende zur Pragmatik, in: Archiv für Begriffsgeschichte 62 (2020), S. 209–235, hier S. 209.
  9. Siehe Deutsche Forschungsgemeinschaft: Reinhart Koselleck-Projekte, URL: <https://www.dfg.de/foerderung/programme/einzelfoerderung/reinhart_koselleck_projekte/> [Zugriff: 26. Mai 2024].
  10. Dutt: Wende (wie Anm. 8), S. 209.
  11. Brandt, Bettina u. a.: KOMPOSITA. Contributions to Reinhart Koselleck’s „Space of Resonance“, in: Geschichtstheorie am Werk, 24. Januar 2023, URL: <https://gtw.hypotheses.org/files/2023/10/Brandt-Catlin-Hoffmann-Regazzoni_KOMPOSITA_PDF.pdf> [Zugriff: 26. Mai 2024].
  12. Diesem Sujet Kosellecks ist in dessen Tradition Lucian Hölscher weiter nachgegangen, zuletzt siehe nur Hölscher, Lucian: The Discovery of the Future in Early Modern Europe, in: Archiv für Begriffsgeschichte, 64 (2022), H. 2, S. 90–109, in Vertiefung seiner einschlägigen Monografie von 2016. Angekündigt ist zudem White, Jonathan: In the Long Run. The Future as a Political Idea, Profile, London 2024 (i. E.).
  13. Wie methodologisch komplex diese Denkart mittlerweile ist, zeigt neuerdings Kreuzer, Marcus: The Grammar of Time. A Toolbox for Comparative Historical Analysis, Cambridge UP, Cambridge 2023.
  14. Assmann, Jan: Die Achsenzeit – zur Geschichte einer Idee, in: Polylog. Zeitschrift für interkulturelles Philosophieren 38 (Winter 2017), S. 23–39, hier S. 38.
  15. Neuere Dokumentationen – insbesondere von Dunkhase, Jan Eike (Hrsg.): Reinhart Koselleck, Carl Schmitt. Der Briefwechsel. 1953–1983, Suhrkamp, Berlin 2019; dazu auch Imbriano, Gennaro: The Temporality as History. Structures of the „Political“ and the Concept of Politics in Reinhart Koselleck, in: Barash, Jeffrey Andrew/Bouton, Christophe/Jollivet, Servanne (Hrsg.): Die Vergangenheit im Begriff. Von der Erfahrung der Geschichte zur Geschichtstheorie bei Reinhart Koselleck, Alber, Freiburg/München 2021; Huhnholz, Sebastian: Von Carl Schmitt zu Hannah Arendt? Heidelberger Entstehungsspuren und bundesrepublikanische Liberalisierungsschichten von Reinhart Kosellecks „Kritik und Krise“, Duncker & Humblot, Berlin 2019 – gehören nicht zum jüngsten Forschungsstand und die akademische, fortwährend polarisierende Debatte muss als hinlänglich bekannt vorausgesetzt werden.
  16. Für verschiedene Dimensionen dessen vgl. aus jüngerer Zeit die „Zweite Lesung“ über Jürgen Habermas’ „Verrufener Fortschritt – verkanntes Jahrhundert“ (vom Mai 1960), in: Merkur Blog, 21. März 2024, URL: <https://www.merkur-zeitschrift.de/2024/03/21/video-sebastian-huhnholz-ueber-juergen-habermas/> [Zugriff: 8. April 2024]; Dunkhase, Jan Eike: Weltbürgerkrieg und Freundschaft. Ivan Nagels Heidelberger Reminiszenz, in: Zeitschrift für Ideengeschichte 12 (2018), H. 1, S. 87–100; Rohbeck, Johannes: Koselleck und die Geschichtsphilosophie des 18. Jahrhunderts, in: Forum Interdisziplinäre Begriffsgeschichte 8 (2019), H. 1, S. 86–92; drastisch zuletzt Kellerer, Sidonie: Kosellecks Latenzzeit, in: Philosophie Magazin, 21. April 2023, URL: <https://www.philomag.de/artikel/kosellecks-latenzzeit> [Zugriff: 8. April 2024]; dies.: Rechte Metapolitik, in: Philosophie Magazin, 8. Februar 2024, URL: <https://www.philomag.de/artikel/rechte-metapolitik?utm_source=pocket-newtab-de-de> [Zugriff: 8. April 2024]; dies.: Reinhart Koselleck. Aufklärer der Aufklärung oder Stratege kultureller Hegemonie? Ein kritischer Kommentar zu „Kritik und Krise“, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 71 (2024), H. 5, S. 695–720. Zudem lohnt der Hinweis auf jüngste Arbeiten zum Sohn Werner Sombarts, dem Jugendfreund Nicolaus, der Koselleck mit Schmitt bekannt machte: Erbe, Günter: Nicolaus Sombart. Utopist, Libertin, Dandy, Böhlau, Köln u. a. 2023; Gostmann, Peter/Wagner, Gerhard (Hrsg.): Große Gegenwart. Zur Erinnerung an Nicolaus Sombart (1923–2008), Harrassowitz, Wiesbaden 2024.
  17. Koselleck, Reinhart: Geronnene Lava. Texte zu politischem Totenkult und Erinnerung, hrsg. v. Manfred Hettling/Hubert Locher/Adriana Markantonatos, Suhrkamp, Berlin 2023.
  18. Siehe schon Pernau, Margrit/Tremblay, Sébastien: Dealing with an Ocean of Meaninglessness. Reinhart Koselleck’s Lava Memories and Conceptual History, in: Contributions to the History of Concepts 15 (2020), H. 2, S. 7–28.
  19. Mittlerweile ist aufgearbeitet, dass zentrale Begrifflichkeiten und zahlreiche Hypothesen Kosellecks anderer Herkunft sind, neuerdings siehe nach Joas, Hans/Vogt, Peter (Hrsg.): Begriffene Geschichte. Beiträge zum Werk Reinhart Kosellecks, Suhrkamp, Berlin 2011; und Tietze, Peter: „Der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit“. Richard Koebners und Reinhart Kosellecks historische Semantik-Forschungen zwischen Historismus und Posthistoire, in: Forum Interdisziplinäre Begriffsgeschichte 5 (2016), H. 2, S. 6–22; nur Hoffmann, Stefan-Ludwig: Der Riss in der Zeit. Kosellecks ungeschriebene Historik, Suhrkamp, Berlin 2023, S. 84ff.; Jureit, Ulrike: Erinnern als Überschritt. Reinhart Kosellecks geschichtspolitische Interventionen, Wallstein, Göttingen 2023; Steinmetz, Willibald: Reinhart Koselleck’s Metaphorical Language. An Application of Historical Semantics to one of its Founding Figures, in: Geschichtstheorie am Werk, 24. Januar 2023, URL: <https://gtw.hypotheses.org/11421> [Zugriff: 26. Mai 2024]; und zum „Kollektiv“ Müller, Ernst/Schmieder, Falko: Begriffsgeschichte und historische Semantik. Ein kritisches Kompendium, Suhrkamp, Berlin 2016, S. 202, Anm. 37; sowie Regazzoni, Lisa: Auf der Suche nach neuen Wegen zur historischen Erforschung von Kollektiven, in: Geschichtstheorie am Werk, 11. Januar 2022, URL: <https://gtw.hypotheses.org/1933> [Zugriff: 22. Mai 2024].
  20. Dunkhase, Jan Eike: Glühende Lava. Zu einer Metapher von Reinhart Koselleck, in: Barash/Bouton/Jollivet (Hrsg.): Vergangenheit im Begriff (wie Anm. 15), S. 155–164.
  21. Koselleck, Reinhart: Krieg [Autobiographische Notiz] (orig. 1993), in: ders.: Geronnene Lava (wie Anm. 17), S. 454–456, hier S. 455.
  22. Ders.: Ich war weder Opfer noch befreit [Interview] (orig. 2005), in: ebd., S. 429–436, S. 431f.
  23. Im Kontext des jüngeren sensitive turn dazu Mrozek, Bodo: Wahrnehmungsgeschichte, in: Geschichtstheorie am Werk, 30. Januar 2024, URL: <https://gtw.hypotheses.org/25132#footnote_40_25132> [Zugriff: 20. April 2024].
  24. Pars pro Toto: Fukuyama, Francis: Identity. Contemporary Identity Politics and the Struggle for Recognition, Profile, London 2018.
  25. Ther, Philipp: Kollektive Zuschreibungen und individuelle Erfahrungen. Zum Verhältnis von Makro- und Mikrozugängen in der historischen Soziologie, in: Geschichtstheorie am Werk, 1. Februar 2022, URL: <https://gtw.hypotheses.org/1959> [Zugriff: 29. Mai 2024].
  26. Berger, Stefan: History and Identity. How Historical Theory Shapes Historical Practice, Cambridge UP, Cambridge 2022.
  27. Pernau, Margrit: Einführung. Neue Wege der Begriffsgeschichte, in: dies. (Hrsg.): Geschichte und Gesellschaft 44 (2018), H. 1: Neue Wege der Begriffsgeschichte, S. 5–28; dies.: Can Koselleck Travel? Theory of History and the Problem of the Universal, in: Contributions to the History of Concepts 18 (2023), H. 1, S. 24–45.
  28. Koselleck, Reinhart: Gibt es ein kollektives Gedächtnis? (orig. 2003), in: ders.: Geronnene Lava (wie Anm. 17), S. 405–411, hier S. 411.
  29. Ders.: Über die Theoriebedürftigkeit der Geschichtswissenschaft (orig. 1972), in: ders.: Zeitschichten. Studien zur Historik, Suhrkamp, Frankfurt a. M. 2003, S. 298–316, hier S. 299.
  30. Ebd., S. 301.
  31. Jureit, Ulrike: Über die Unaufgeräumtheit der Geschichte. Zur Aktualität von Reinhart Koselleck, in: Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken 77 (2023), H. 893, S. 56–67.
  32. Müller, Ernst/Schmieder, Falko: Begriffsgeschichte zur Einführung, Junius, Hamburg 2020; dazu auch die Rezension von Tietze, Peter: „Der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit“. Richard Koebners und Reinhart Kosellecks historische Semantik-Forschungen zwischen Historismus und Posthistoire, in: Forum Interdisziplinäre Begriffsgeschichte 5 (2016), H. 2, S. 6–22.
  33. Barbehön, Marlon: Die Realität der Zeit und die Ereignishaftigkeit der Demokratie. Überlegungen zur Temporalisierung der Demokratietheorie im Anschluss an Arendt und Rancière, in: Zeitschrift für Politische Theorie 13 (2022), H. 1–2, S. 91–112, hier S. 97f.; siehe bereits den ‚Koselleckianer‘ Palonen, Kari: The Politics of Limited Times. The Rhetoric of Temporal Judgment in Parliamentary Democracies, Nomos, Baden-Baden 2008.
  34. Dipper, Christof: Reinhart Kosellecks Konzept „semantischer Kämpfe“, in: Forum Interdisziplinäre Begriffsgeschichte 5 (2016), H. 2, S. 32–41; Hellerma, Juhan: Koselleck on Modernity, Historik, and Layers of Time, in: History and Theory 59 (2020), H. 2, S. 188–209.
  35. Allerdings finden sich umso mehr zeittheoretische Versuche, die explizit mit oder im Anschluss an Koselleck vorgehen, wir nennen hier nur Hölscher, Lucian: Zeitgärten. Zeitfiguren in der Geschichte der Neuzeit, Wallstein, Göttingen 2020; und Barbehön, Marlon: Bilder der Zeit im politischen Denken, in: Theorieblog, 5. Dezember 2023, URL: <https://www.theorieblog.de/index.php/2023/12/bilder-der-zeit-im-politischen-denken/> [Zugriff: 8. April 2024]; ders.: Zeichen der Zeit. Umrisse einer Politischen Theorie der Temporalität, Campus, Frankfurt a. M./New York 2023; sowie o. g. Tagung „Das Ende in der Geschichte“ (wie Anm. 2).
  36. Kumkar, Nils: Alternative Fakten, Suhrkamp, Berlin 2022.
  37. Siehe nur Möckel, Benjamin: „What Has Posterity Ever Done for Me?“. Future Generations, Intergenerational Justice, and the Chronopolitics of Distant Futures, in: History & Theory 62 (2023), H. 4: Chronopolitics. Time of Politics, Politics of Time, Politicized Time, S. 66–85.
  38. Huhnholz, Sebastian: Austerität und Ausnahme. Die Politik der Staatsausgaben nach der Karlsruher Entscheidung, in: Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken 78 (2024), H. 898, S. 5–19.
  39. Müller/Schmieder: Begriffsgeschichte zur Einführung (wie Anm. 32).
  40. Vgl. Adler-Bartels, Tobias u. a. (Hrsg.): Politische Grundbegriffe im 21. Jahrhundert, Nomos, Baden-Baden 2023.
  41. Knobloch, Clemens: „Charismatische Wörter“. Zur Anatomie massendemokratischer Kampfbegriffe, in: Forum Interdisziplinäre Begriffsgeschichte 11 (2022), H. 1, S. 27–37; Koschorke, Albrecht: Identität, Vulnerabilität und Ressentiment. Positionskämpfe in den Mittelschichten, in: Leviathan. Berliner Zeitschrift für Sozialwissenschaft 50 (2022), H. 3, S. 469–486.
  42. Müller/Schmieder: Begriffsgeschichte zur Einführung (wie Anm. 32), S. 161.
  43. Siehe zum Beispiel Ranan, David (Hrsg.): Sprachgewalt. Missbrauchte Wörter und andere politische Kampfbegriffe, Dietz Nachf., Bonn 2021; Lobin, Henning: Sprachkampf. Wie die Neue Rechte die deutsche Sprache instrumentalisiert, Dudenverlag, Berlin 2021; Ofuatey-Alazard/Arndt, Susan (Hrsg.): Wie Rassismus aus Wörtern spricht. (K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutscher Sprache. Ein kritisches Nachschlagewerk, Unrast, Münster 42021; Weißmann, Karlheinz/Lehnert, Erik (Hrsg.): Staatspolitisches Handbuch, Bd. 1: Leitbegriffe, Antaios, Schnellroda 2009.
  44. Siehe das Spektrum von Bröckling, Ulrich/Krasmann, Susanne/Lemke, Thomas (Hrsg.): Glossar der Gegenwart, Suhrkamp, Frankfurt a. M. 2004; über Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg.): Stichworte zur Zeit. Ein Glossar, transcript, Bielefeld 2020; Ranan: Sprachgewalt (wie Anm. 43); Schmidt-Lauber, Brigitta/Liebig, Manuel (Hrsg.): Begriffe der Gegenwart. Ein kulturwissenschaftliches Glossar, Böhlau, Wien u. a. 2022; bis Nassehi, Armin: Gesellschaftliche Grundbegriffe. Ein Glossar der öffentlichen Rede, Beck, München 2023.
  45. Siehe Mulsow, Martin: Überreichweiten. Perspektiven einer globalen Ideengeschichte, Suhrkamp, Berlin 2022; Schmieder, Falko/Töpfer, Georg (Hrsg.): Wörter aus der Fremde. Begriffsgeschichte als Übersetzungsgeschichte, Kadmos, Berlin 2017.
  46. Zum Beispiel Rieger-Ladich, Markus: Das Privileg. Kampfvokabel und Erkenntnisinstrument, Reclam, Ditzingen 2022, S. 167ff.
  47. Hoffmann: Riss (wie Anm. 19), S. 21.
  48. Insbesondere Koselleck: Geronnene Lava (wie Anm. 17).
  49. Siehe unter anderem die Beiträge von Dunkhase, Jan Eike: Die Frage nach der Geschichte. Eine Doppelrezension Reinhart Kosellecks aus dem Jahr 1950, in: Archiv für Begriffsgeschichte 64 (2022), H. 2, S. 65–80; und von Dutt, Carsten mit Koselleck, Reinhart: Zum Politischen Totenkult, in: ebd., S. 81–90.
  50. Rebenich, Stefan: Reinhart Koselleck und die Alte Geschichte, in: ebd., S. 7–30.
  51. Auf die thematische und materiale Vorlage von „Kritik und Krise“ in den Werken von Arno Koselleck, dem Vater, und Johannes Kühn, dem Doktorvater und Patenonkel, wurde gelegentlich hingewiesen. Forschungen zu Kühn in diesem Zusammenhang laufen derzeit mindestens bei Manfred Hettling und bei Marian Nebelin.
  52. Hoffmann: Riss (wie Anm. 19), S. 21.
  53. Die erhöhte Sensibilität für diese Dimension verdankt sich dem initialen Aufsatz von Dunkhase, Jan Eike: Absurde Geschichte. Kosellecks historischer Existentialismus (= Aus dem Archiv, Bd. 8), Deutsches Literaturarchiv Marbach, Marbach 2015; mittlerweile auch ders.: Frage nach der Geschichte (wie Anm. 49); ders.: Zwischen Kafka und Hamlet. Reinhart Kosellecks publizistische Anfänge im Kontext, in: Archiv für Begriffsgeschichte 64 (2022), H. 2, S. 31–44; ders.: Absurdität, in: Geschichtstheorie am Werk, 21. März 2023, URL: <https://gtw.hypotheses.org/13906> [Zugriff: 8. April 2024]. Dazu ferner Hoffmann: Riss (wie Anm. 19), S. 27. Die auch dadurch immer zahlreicheren, aber noch nicht ausgeleuchteten Nebenpfade und Zufallsfunde öffnen weitere Blickwinkel, etwa auf die Kafka-Motive des jungen Koselleck, siehe nur Mehring, Reinhard: „Kafkanien“. Carl Schmitt, Franz Kafka und der moderne Verfassungsstaat. Dekonstruktion und Dämonisierung des Rechts, Klostermann, Frankfurt a. M. 2022; Manow, Philip: Nehmen, Teilen, Weiden. Carl Schmitts politische Ökonomien, Konstanz UP, Konstanz 2022, S. 25ff.
  54. Darauf wies wegen eines anderen Jubiläums hin Wildt, Michael: Rezensionsessay. 1923 als Kristallkugel?, in: H‑Soz-Kult, 22. August 2023, URL: <https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-132999> [Zugriff: 8. April 2024].
  55. Ein Überblick zur Auseinandersetzung findet sich unter Perlentaucher. Das Kulturmagazin: 9PUNKT. Die Debattenrundschau, 27. April 2023, URL: <https://www.perlentaucher.de/9punkt/2023-04-27.html?highlight=Zur%C3%BCck#a91687> [Zugriff: 26. Mai 2024].
  56. Hettling, Manfred/Schieder, Wolfgang (Hrsg.): Reinhart Koselleck als Historiker. Zu den Bedingungen möglicher Geschichten, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2021. Full disclosure: Einer der Autoren (Huhnholz) war ein Beiträger besagten Bandes.
  57. Insbesondere Joas/Vogt 2011: Begriffene Geschichte (wie Anm. 19); Dutt, Carsten/Laube, Reinhard (Hrsg.): Zwischen Sprache und Geschichte. Zum Werk Reinhart Kosellecks, Wallstein 2013; Olsen, Niklas: History in the Plural. An Introduction to the Work of Reinhart Koselleck, Berghahn, Oxford/New York 2014 (orig. 2012); Imbriano, Gennaro: Der Begriff der Politik. Die Moderne als Krisenzeit im Werk von Reinhart Koselleck, Campus, Frankfurt a. M./New York 2018; Asal, Sonja/Schlak, Stephan (Hrsg.): Was war Bielefeld? Eine ideengeschichtliche Nachfrage, Wallstein, Göttingen 2009.
  58. Müller/Schmieder: Begriffsgeschichte und historische Semantik (wie Anm. 19); dies.: Begriffsgeschichte zur Einführung (wie Anm. 32).
  59. Insbesondere Geulen, Christian: Plädoyer für eine Geschichte der Grundbegriffe des 20. Jahrhunderts, in: Zeithistorische Forschungen 7 (2010), H. 1, S. 79–97; Pernau (Hrsg.): Neue Wege (wie Anm. 27); Schmieder, Falko u. a.: Bestandsaufnahme begriffsgeschichtlicher Forschung zum 20. Jahrhundert, in: Forum Interdisziplinäre Begriffsgeschichte 8 (2019), H. 1; Müller, Ernst/Picht, Barbara/Schmieder, Falko (Hrsg.): Das 20. Jahrhundert in Grundbegriffen. Lexikon zur historischen Semantik in Deutschland [Projektbroschüre], Schwabe, Berlin 2022; und dazu nun dies. (Hrsg.): Das 20. Jahrhundert in Grundbegriffen. Lexikon zur historischen Semantik in Deutschland, Schwabe, Basel 2024ff.
  60. Siehe dazu nun das Spezialheft von Jordheim, Helge/Regazzoni, Lisa/van den Akker, Chiel (Hrsg.): Journal of the Philosophy of History 17 (2023), H. 3, Special Issue: Reinhart Koselleck in the Anglophone World.
  61. Zum Beispiel Meier, Christian: Letzter Besuch bei C. S., in: Zeitschrift für Ideengeschiche 4 (2010), H. 3, S. 103–106; nochmals Joas/Vogt: Begriffene Geschichte (wie Anm. 19); Dunkhase: Weltbürgerkrieg (wie Anm. 16); Hoock, Jochen: Reinhart Koselleck, la génération 45 et le cas Schmitt, in: Revue de Synthèse 142 (2021), H. 1–2, S. 213–231; jubiläumsbedingt etwa Gilcher-Holtey, Ingrid: Die Lehre eines Fotos aus der Zeitung – Kosellecks Habitus, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 97, 26. April 2023.
  62. Barash, Jeffrey Andrew: Three Memorable Excursions with Reinhart Koselleck, in: Geschichtstheorie am Werk, 21. Februar 2023, URL: <https://gtw.hypotheses.org/files/2023/11/Barash_Three-Memorable-Excursions_PDF.pdf> [Zugriff: 26. Mai 2024].
  63. Jureit: Erinnern als Überschritt (wie Anm. 19), S. 49.
  64. Barash/Bouton/Jollivet (Hrsg.): Vergangenheit im Begriff (wie Anm. 15), S. 9.
  65. Als nur ein Beispiel siehe Wildt, Michael: Volk, Volksgemeinschaft, AfD, Hamburger Edition, Hamburg 2017.
  66. Dunkhase: Kafka und Hamlet (wie Anm. 53), S. 31.
  67. Hettling/Schieder (Hrsg.): Koselleck als Historiker (wie Anm. 56).
  68. Hoffmann: Riss (wie Anm. 19).
  69. Jureit: Erinnern als Überschritt (wie Anm. 19).
  70. Koselleck, Reinhart: Geronnene Lava (wie Anm. 17).
  71. Regazzoni, Lisa (Hrsg.): Im Zwischenraum der Dinge. Eine Annäherung an die Figurensammlung Reinhart Kosellecks, Bielefeld UP, Bielefeld 2023.
  72. Dunkhase (Hrsg.): Briefwechsel (wie Anm. 15).
  73. Siehe Westemeier, Jens: Hans Robert Jauß. Jugend, Krieg und Internierung, Konstanz UP, Konstanz 2016.
  74. Hoffmann: Riss (wie Anm. 19), S. 63.
  75. Black, Monica: Deutsche Dämonen. Hexen, Wunderheiler und die Geister der Vergangenheit im Nachkriegsdeutschland, Klett-Cotta, Stuttgart 2021.
  76. Knapp dazu Pernau, Margrit: Stones and Jinns. Time between Layers of Sedimentation and Hauntology, in: Geschichtstheorie am Werk, 24. Januar 2023, URL: <https://gtw.hypotheses.org/11375> [Zugriff: 26. Mai 2024]; und zu ihr Ifversen, Jan: Traveling Concepts. On the Road with Margrit Pernau, in: Contributions to the History of Concepts 19 (2024), H. 1, S. 1–12.
  77. Siehe auch Ifversen, Jan/Kølvraa, Christoffer: Groping in the Dark. Conceptual History and the Ungraspable, in: Contributions to the History of Concepts 18 (2023), H. 1, S. 1–23.
  78. Siehe Raulff, Ulrich: Das letzte Jahrhundert der Pferde. Historische Hippologie nach Koselleck, in: Locher, Hubert/Markantonatos, Adriana (Hrsg.): Reinhart Koselleck und die Politische Ikonologie, Deutscher Kunstverlag, Berlin 2013, S. 96–109; ferner Dunkhase, Jan Eike: Koselleck und das Pferd oder das Ende des Dingzeitalters, in: Regazzoni (Hrsg.): Zwischenraum (wie Anm. 71), S. 123–130.
  79. Siehe nur Probst, Jörg (Hrsg.): Politische Ikonologie. Bildkritik nach Martin Warnke, Reimer, Berlin 2022; Brandt, Bettina/Hochkirchen, Britta (Hrsg.): Reinhart Koselleck und das Bild, Bielefeld UP, Bielefeld 2021; Hoffmann: Riss (wie Anm. 19), S. 85.
  80. Insbesondere Locher/Markantonatos (Hrsg.): Ikonologie (wie Anm. 78).
  81. Brandt/Hochkirchen (Hrsg.): Bild (wie Anm. 79).
  82. Beispielsweise: „Insofern sind die Totenkultanalysen immer wichtiger geworden, weil von der Semantik zur Semiotik nur ein kleiner Schritt ist, der allerdings den Status der Sprache im Hinblick auf die Bildwelt verändert. Diese Veränderung ist gleichsam in den Sinnen nachvollziehbar, über Auge und Ohr und auch über die anderen Sinne des Menschen, [worin] eine anthropologische Grundfigur sich abzeichnet, die die persönlichen Erfahrungen mit der öffentlichen Erinnerung und Geschichtsforschung verbindet“, in: Koselleck, Reinhart/Dutt, Carsten: Totenkult (wie Anm. 49), hier S. 84.
  83. Landwehr, Achim: Auf den Spuren des Denkmaljägers, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 95, 24. April 2023, S. 12.
  84. Etwa Barash, Jeffrey Andrew: Überlegungen über Historische Zeit, kollektives Gedächtnis und die Endlichkeit des historischen Verstehens im Ausgang von Reinhart Koselleck, in: ders./Bouton/Jollivet (Hrsg.): Vergangenheit im Begriff (wie Anm. 15), S. 35–53.
  85. Saupe, Achim: „Jedes Denkmal ist eben eine Versteinerung …“. Reinhart Kosellecks Zeitschichten-Paradigma und die Erinnerungskultur, in: Bösch, Frank u. a. (Hrsg.): Public Historians. Zeithistorische Interventionen nach 1945, Wallstein, Göttingen 2021, S. 116–130.
  86. Regazzoni: Suche (wie Anm. 19).
  87. Der Bildnachlass ist mittlerweile hier digital einsehbar: Deutsches Dokumentationszentrum für Kunstgeschichte – Bildarchiv Foto Marburg: Bildindex der Kunst und Architektur, URL: <https://www.bildindex.de/bilder/gallery/encoded/eJzjYBJS5GIvyEzWTczJEeLKzi9OzclJTc7WkWJ29HNRYi7JydZiEJJHKOEoSs3My0gsKkFWAAB7LhJl> [Zugriff: 26. Mai 2024].
  88. Siehe Locher/Markantonatos (Hrsg.): Ikonologie (wie Anm. 78); dazu Huhnholz, Sebastian: Staatszombies. Sterbekulte, Leviathane und andere Goldene Kälber der jüngeren politischen Ikonologie, in: Zeitschrift für Politische Theorie 5 (2014), H. 1, S. 136–142. Zudem – und auch den Karikaturisten Koselleck nochmals einbeziehend – Catlin, Jonathon: Koselleck and the Image, in: Journal oft he History of Ideas. Blog, 12. Dezember 2018, URL: <https://www.jhiblog.org/2018/12/12/koselleck-and-the-image/> [Zugriff: 26. Mai 2024].
  89. Dazu nun allerdings Kühberger, Christoph (Hrsg.): Mit Geschichte spielen. Zur materiellen Kultur von Spielzeug und Spielen als Darstellung der Vergangenheit, transcript, Bielefeld 2021; und für schon ‚größere Kinder‘ Jureit, Ulrike: Magie des Authentischen. Das Nachleben von Krieg und Gewalt im Reenactment, Wallstein, Göttingen 2020.
  90. Die nachfolgende Passage gibt aus praktischen Gründen nur die bandinternen Seitenzahlen anstatt extensiver Auflistung der Einzelbeiträge wieder.
  91. Der unseres Erachtens wichtige Loos-Bezug zu einem geistes- und kulturgeschichtlichen Schlüsseltext des 20. Jahrhunderts, namentlich „Ornament und Verbrechen“ (1913), ist seltsam verkannt. Dazu mit ikonologischen Bezügen einzelne Beiträge in Huhnholz, Sebastian/Hausteiner, Eva Marlene (Hrsg.): Politische Ikonographie und Differenzrepräsentation (= Sonderband 34 des Leviathan. Berliner Zeitschrift der Sozialwissenschaft 46), Nomos, Baden-Baden 2018; dafür aber weist auch Dunkhase auf den einschlägigen Raulff: Jahrhundert (wie Anm. 78) hin, von dem auch die treffliche Formulierung von Kosellecks „historischer Hippologie“ stammt.
  92. Siehe nur Donaldson, Sue/Kymlicka, Will: Zoopolis. A Political Theory of Animal Rights, Oxford UP, Oxford u. a. 2011; Ladwig, Bernd: Politische Philosophie der Tierrechte, Suhrkamp, Berlin 2020; Mittelweg 36. Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung 23 (2014), H. 5: Politische Tiere.
  93. Koselleck, Reinhart: Politische Sinnlichkeit und mancherlei Künste, in: Arnold, Sabine R./Fuhrmeister, Christian/Schiller, Dietmar (Hrsg.): Politische Inszenierung im 20. Jahrhundert. Zur Sinnlichkeit der Macht, Böhlau, Wien u. a. 1998, S. 25–34. Dass die Beschäftigung länger zurückreicht, findet sich mit weiteren Verweisen ebenfalls bei Regazzoni (Hrsg.): Zwischenraum (wie Anm. 71), S. 24, Anm. 15f.
  94. Kurz dazu Müller/Schmieder: Begriffsgeschichte und historische Semantik (wie Anm. 19), S. 321–328.
  95. Brandt u. a.: KOMPOSITA (wie Anm. 11).
  96. Erwägungsreich dazu schon im Band Koselleck, Reinhart: Sediments of Time. On Possible Histories, übers. u. hrsg. v. Sean Franzel/Stefan-Ludwig Hoffmann, Stanford UP, Stanford, CA 2018; ferner Jureit: Erinnern als Überschritt (wie Anm. 19), S. 101f.; Jordheim/Regazzoni/van den Akker (Hrsg.): Special Issue (wie Anm. 60).
  97. Bouton, Christophe: Die Beschleunigung der Geschichte bei Koselleck. Eine Studie zu einer historischen Kategorie der Moderne, in: Barash/Bouton/Jollivet (Hrsg.): Vergangenheit im Begriff (wie Anm. 15), S. 76–99.
  98. Schmieder, Falko: Beschleunigungsaxiom, in: Geschichtstheorie am Werk, 18. April 2023, URL: <https://gtw.hypotheses.org/14790> [Zugriff: 2. Juni 2024].
  99. Siehe dazu nur Pernau, Margrit: Chronocenosis. How to Imagine the Multiplicity of Temporalities Without Losing the Emphasis on Power and Conflicts, in: History & Theory 62 (2023), H. 4: Chronopolitics. Time of Politics, Politics of Time, Politicized Time, S. 123–131.
  100. Jordheim, Helge: Natural Histories for the Anthropocene. Koselleck’s Theories and the Possibility of a History of Lifetimes, in: History and Theory 61 (2022), H. 3, S. 391–425.
  101. Mrozek, Bodo: Rezension zu Ulrike Jureits „Erinnern als Überschritt“, in: sehepunkte 23 (2023), Nr. 7/8, 15. Juli 2023, URL: <https://www.sehepunkte.de/2023/07/38013.html> [Zugriff: 1. Juni 2024].
  102. Neben genanntem Dunkhase (Hrsg.): Briefwechsel (wie Anm. 15) und Huhnholz, Sebastian: Bielefeld, Paris & Cambridge. Wissenschaftsgeschichtliche Ursprünge und theoriepolitische Konvergenzen der diskurshistoriographischen Methodologien Kosellecks, Foucaults und Skinners, in: Gasteiger, Ludwig/Grimm, Marc/Umrath, Barbara (Hrsg.): Theorie und Kritik. Dialoge zwischen differenten Denkstilen und Disziplinen, transcript, Bielefeld 2015; etwa Quélennec, Bruno: ‘Light on the Enlightenment’ or ‘Counter-Enlightenment’? Rereading Reinhart Koselleck’s Critique and Crisis in its Context(s), in: History of European Ideas 49 (2023), H. 1, S. 56–71; und Pinhas, Benjamin: Reinhart Koselleck and the Crisis of Historical Science in the Context of Post-War German Historiography, in: ebd., S. 89–101; sowie oben, Anm. 15f.
  103. Vgl. etwa Schmitz, Alexander/Lepper, Marc (Hrsg.): Hans Blumenberg, Carl Schmitt. Briefwechsel. 1971–1978, Suhrkamp, Berlin 2021; Dunkhase, Jan Eike/Zill, Rüdiger (Hrsg.): Hans Blumenberg, Reinhart Koselleck. Briefwechsel. 1965–1994, Suhrkamp, Berlin 2023; ferner Boden, Petra/Zill, Rüdiger (Hrsg.): Poetik und Hermeneutik. Interviews mit Beteiligten, Fink, Paderborn 2017.
  104. Nun Müller/Picht/Schmieder (Hrsg.): 20. Jahrhundert (wie Anm. 59).
  105. Ansätze dazu schon bei Müller/Schmieder: Begriffsgeschichte und historische Semantik (wie Anm. 19), etwa S. 615–783; ferner Brandt, Bettina: Writing Political History after the „Iconic Turn“, in: Steinmetz, Willibald/Gilcher-Holtey, Ingrid/Haupt, Heinz-Gerhard (Hrsg.): Writing Political History Today, Campus, Frankfurt a. M./New York 2013, S. 351–357; und nochmals Mrozek: Wahrnehmungsgeschichte (wie Anm. 23).
  106. Brandt/Hochkirchen (Hrsg.): Bild (wie Anm. 79), S. 113.
  107. Für Räumliches immerhin Olsen, Niklas: Spatial Aspects in the Work of Reinhart Koselleck, in: History of European Ideas 49 (2023), H. 1, S. 136–151.
  108. Angekündigt ist zum Beispiel eine von Chiel van den Akker, Helge Jordheim und Lisa Regazzoni herausgegebene Ausgabe des „Journal of the Philosophy of History“ zum Thema „Koselleck and the Philosophy of History“, siehe H‑Soz-Kult, 6. Mai 2022, URL: <https://www.hsozkult.de/event/id/event-117625> [Zugriff: 13. Juni 2024].
  109. Allerdings Hölscher: Zeitgärten (wie Anm. 35).
  110. Escudier, Alexandre: Un „premiere“ Koselleck néo-hobbésien? De Kritik und Krise à l’„ontologie historique“ et retour, in: Barash/Bouton/Jollivet (Hrsg.): Vergangenheit im Begriff (wie Anm. 15), S. 200–220; Huhnholz, Sebastian: Die (un-)endliche Geschichte. Reinhart Kosellecks „Historik“ zwischen geschichtswissenschaftlicher Methodologie und Politischer Theorie, in: Hettling/Schieder (Hrsg.): Koselleck als Historiker (wie Anm. 56), S. 371–401.
  111. Nassehi: Gesellschaftliche Grundbegriffe (wie Anm. 44).
  112. Vgl. zum Beispiel de Boer, Jan-Hendryk/Westpahl, Manon: Der Kompromiss in Geschichte und Gegenwart. Politische und historische Perspektiven, in: Neue Politische Literatur 68 (2023), H. 2, S. 140–170; vs. Rojek, Sebastian: Kompromiss und Demokratie. Eine begriffsgeschichtliche Annäherung, in: Historische Zeitschrift 316 (2023), H. 3, S. 564–602; allerdings Adler-Bartels u. a. (Hrsg.): Politische Grundbegriffe (wie Anm. 40); Barbehön: Bilder der Zeit (wie Anm. 35); ders.: Zeichen der Zeit (wie Anm. 35).

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