Helden – und Heldinnen – haben seit einiger Zeit in Deutschland wieder Konjunktur. Allerdings nicht vorrangig in der lange vorherrschenden kriegerisch-todesverachtenden Form der Vergangenheit. Die ‚neuen‘ Heldinnen und Helden bewähren sich eher im Alltag oder im Sport, gemäß dem „postheroischen“ Stadium der westlichen Gesellschaften (Herfried Münkler). Auch Öffentlichkeit und Forschung interessieren sich seit einiger Zeit für dieses Thema: Ausstellungen werden gezeigt, Sonderforschungsbereiche organisiert, Bücher publiziert. In diesem Kontext ist die sozialwissenschaftliche Arbeit von Anna Kavvadias zu sehen, mit der sie an der Humboldt-Universität zu Berlin promoviert wurde.
Gestützt auf die einschlägige Literatur, Reden, Briefe, Manifeste, einzelne Fotos und Filmaufnahmen sowie Zeitungsartikel gilt das besondere Augenmerk von Kavvadias „den Akteuren der Heroisierung, der Analyse der Gründe für deren Heroisierungsbemühungen, der Mittel, die zur Heroisierung verwendet wurden und der Bedeutung und Funktionen, die sie neuen oder historischen revitalisierten oder umgedeuteten Heldenfiguren zuschrieben“ (S. 11). So möchte sie „epochenübergreifende Merkmale von Helden und Heroisierungen“ herausarbeiten (ebd.). Um das Forschungsfeld nicht zu sehr einzuschränken, verzichtet sie auf eine „essentialistische Definition“ (S. 9) des Begriffs „Held“. Stattdessen versucht sie zu klären, was die ‚Heldenwürdigkeit‘ bestimmter Personen oder Handlungen ausmachte, wie die „Sehnsucht nach Helden jenseits von Trivialisierung, Veralltäglichung und Zivilisierung“ (S. 2) zu erklären ist.
Die Studie ist in zwei Teile gegliedert. Zunächst untersucht die Autorin Vorstellungen des Heroischen im Deutschland des 18. und 19. Jahrhunderts und in der DDR. Sie beleuchtet die Rolle der preußischen Könige bei der Konstruktion von Helden, unter anderem durch die Verleihungen von Orden für besondere militärische Leistungen. Entgegen der gängigen Verengung auf Kriegshelden existierten aber auch andere, zivilere Bilder, wie ein Eintrag im „Universal-Lexicon Aller Wissenschaften und Künste“ von 1735 belegt: Danach war ein Held einer, „der von Natur mit einer ansehnlichen Gestalt und ausnehmender Leibesstärcke begabet, durch tapfere Thaten Ruhm erlanget, und sich über den gemeinen Stand derer Menschen erhoben“ habe (S. 21). Seit Friedrich Wilhelm IV. von Preußen wurden in steigendem Maße „Gelehrte, Künstler und Musiker“ (S. 32) als „Geistesheroen“ verehrt, in den Einzelstaaten des Deutschen beziehungsweise des Norddeutschen Bundes – als Ausdruck der zunehmenden revolutionären Stimmung – auch Anführer von Aufständen. Am Beispiel des Mitbegründers des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, Ferdinand Lassalle, veranschaulicht Kavvadias, wie „Helden der Arbeiterklasse“ konstruiert wurden. Weitere Stationen sind das Kaiserreich – mit kurzen Seitenblicken auf den „Hauptmann von Köpenick“, der als „schalkhafter Held“ (S. 49) den Militarismus bloßstellte, und die Auseinandersetzung mit dem Heldentum in Theodor Fontanes „Stechlin“ –, die Weimarer Republik mit ihrem Widerstreit zwischen der Heroisierung der Soldaten und der Kritik am sinnlosen ‚Opferheldentum‘, und der Nationalsozialismus, der ungewollt entscheidend zur Diskreditierung des Heldischen und der Heldenverehrung in Deutschland beitrug. Den Abschluss des ersten Teils bildet ein kurzer Abschnitt zu den Bemühungen in der DDR, nach dem Vorbild der Sowjetunion neue Heldenbilder zu propagieren: Arbeiterhelden, Kosmonauten oder erfolgreiche Sportlerinnen und Sportler.
Der zweite Teil des Buchs befasst sich mit Helden und Heroisierungen in der Bundesrepublik bis 1989. Großen Raum nimmt die vom Westberliner Innensenator Joachim Lipschitz angeregte Initiative zur Ehrung der „Unbesungenen Helden“ ein, der „Menschen, die sich während des Nationalsozialismus für Juden in unterschiedlicher Weise eingesetzt haben“ (S. 86). Eine wichtige Inspiration dazu kam von dem gleichnamigen Buch Kurt Grossmanns aus dem Jahr 1957, das zugleich ein neues Verständnis erkennen ließ: Seine Helden waren „selbstlos, uneigennützig, dem Humanismus verpflichtet“ (S. 87). Im Zentrum des zweiten Teils steht indes der Umgang mit dem Widerstand des 20. Juli 1944. Kavvadias bezieht sich hier vor allem auf das öffentliche Gedenken. Nur langsam änderte sich die Sicht auf die Verschwörer, und aus „Verrätern“ wurden „Helden“. Diese Heroisierung bot überdies die Möglichkeit, „an ein ‚anderes Deutschland‘ zu erinnern, dessen Protagonisten durch ihre Opferbereitschaft die Ehre Deutschlands gerettet hätten“ (S. 113). Kürzere Abschnitte widmet die Autorin den „Märtyrern der Freiheit“, das heißt den Aufständischen des 17. Juni 1953 in der DDR, den freilich erst deutlich später zu „Helden von Bern“ geadelten Fußballweltmeistern von 1954 sowie den Anflügen eines „Starkults“ um Rudi Dutschke – Versuche aus seinem eigenen Umfeld, ihn „zum Helden zu überhöhen“ (S. 172), konnte sie allerdings nicht ausfindig machen. Zum Abschluss fasst Kavvadias die wichtigsten Ergebnisse ihrer Untersuchung auf knappen vier Seiten zusammen: „Voraussetzung für eine Heroisierung war, dass die potenziellen Helden nicht nur den jeweiligen Kriterien vom Hervorragenden entsprachen, sondern auch Schlüsselwerte der sie heroisierenden Personen oder Gemeinschaft verkörperten“ (S. 174). Die wichtigsten Mittel waren entsprechende Narrative, die Verleihung von Auszeichnungen, Denkmäler und kanonisierte Festakte.
Das Buch bietet differenzierte Einblicke in den Kosmos der ‚alten‘ und ‚neuen‘ Heldinnen und Helden und klärt über Genese, Bedeutung und Funktion der unterschiedlichen Heldenbilder auf. Bedauerlich ist, dass Kavvadias im Teil zur Bundesrepublik den eingangs erwähnten Alltagsheldinnen und -helden keine Beachtung schenkt. Und enorm störend ist, dass Namen von Forschern oder handelnden Personen falsch geschrieben werden: Helmut Bredig statt Berding, Werner von Heften statt von Haeften, Alexei Stochanow statt Stachanow, um nur einige zu nennen. Am insgesamt sehr positiven Gesamteindruck ändern diese Defizite freilich nichts.
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