2023 publizierte Eckhard Jesse in der „Zeitschrift für Politikwissenschaft“ eine Analyse von 15 Autobiografien deutscher Politikwissenschaftler. Ziel war, Näheres zu den Persönlichkeiten, zum von diesen Persönlichkeiten mitgeformten eigenen Fach, zu den Schulbildungen und den Netzwerken des Faches sowie zur Wahrnehmung und Mitgestaltung der jeweiligen Zeitgeschichte durch diese Persönlichkeiten zu eruieren. Die vorliegenden Erinnerungen von Jürgen Wilfried Falter gehen, nachdem sie zunächst dem Familien- und Freundeskreis vorbehalten bleiben sollten, nach eigenem Bekunden auf diese Anregung zurück (S. 6).
Der erstgenannte Zweck, die Darstellung der eigenen Persönlichkeit, wird jedenfalls aus Sicht des gänzlich von außen blickenden Rezensenten vollauf bedient. Der Leser erfährt Eingehendes zur Herkunftsfamilie – der Vater war hessischer Allgemeinarzt, der sich aus bescheidenen Anfängen hocharbeitete; die Mutter Fremdsprachenkorrespondentin – und zu Kindheit und Volksschulzeit, die mit zeitweilig starken emotionalen Schwankungen, aber auch bürgerlich-humanistischer Lektüre, katholischer Sozialisation und Ministrantendienst verbunden war. Falters Persönlichkeit wurde dann an Progymnasium, Gymnasium und im Internat geformt, nach rückblickender Selbsteinschätzung vor allem gekennzeichnet durch eine gewisse Technik- und Naturwissenschaftsbegeisterung, weltanschaulichen „Antiextremismus“ (S. 66), Erwachen historisch-politischen Interesses und liberal-kritischer Reflexion, auch dank des zeitweiligen Lehrers und später bekannten Philosophen Kurt Flasch und eines Onkels. Seine aufkeimenden Glaubenszweifel, romantischen Anfänge, schließlich die Abitursnoten verknüpft Falter mit Kritik an Massenabitur und Bestnoteninflation heute.
Näher an die Fachwahrnehmung und allmähliche -mitgestaltung rücken die Erinnerungen an das nicht durch Wehrdienst verzögerte oder unterbrochene Studium der Fächer Germanistik, Geschichte und Politikwissenschaft, deren Wahl Falter nicht eingehender expliziert, in Heidelberg und Berlin; nach Erwerb des politikwissenschaftlichen Diploms an der Freien Universität Berlin ergänzt durch einen kurzzeitigen Aufenthalt in den USA. Das dann professionell bestimmende Feld der Wahl- beziehungsweise Politiksoziologie habe er nach einem Seminar über die NPD und angesichts von deren (vorübergehenden) Wahlerfolgen gefunden (S. 121, 136). Es wie alle weiteren Themenfelder methodisch bewusst werturteilsfrei empirisch-analytisch umzusetzen, führt Falter auf Einsichten aus dem damaligen sogenannten Positivismusstreit und insbesondere Arnold Brechts Politiktheorie zurück (S. 126). Promovieren zu wollen erschien dem mittlerweile trotz nach Eigeneinschätzung eher individualistischen (S. 102), gleichwohl gut vernetzten und bereits publizistisch erfahrenen Diplomierten nichts weniger als „naturgemäß“ (S. 136). Der Wechsel auf eine Assistentenstelle an der jungen Universität Saarbrücken zu dem persönlich unbekannten, dank US-Erfahrung aber offenbar besonders liberalen, zudem charismatischen (S. 159) Politikordinarius Karl Kaiser erfolgte auf Empfehlung eines befreundeten Wissenschaftlichen Assistenten. Falters erste erfolgreiche eigene Bewerbung – auf eine Professur für sozialwissenschaftliche Methodenlehre an der Neubiberger Bundeswehrhochschule – war offenkundig dadurch begünstigt, dass die gefragte einschlägige fachliche Spezialisierung noch selten und die Hochschule im links geprägten Zeitgeist insgesamt umstritten war. Was der Autor zur damaligen Konfrontation von militärischer und akademischer Kultur dort notiert, sollte zu entsprechenden Untersuchungen Anlass geben.
Hinsichtlich des Aspekts der internationalen Verflechtung der deutschen Politikwissenschaft, der Einführung des (sozialwissenschaftlichen) Behavioralismus in die bundesdeutsche Debatte, des Sonderfalls der Habilitation eines bereits professoral Bestallten und der Bedeutung groß angelegter Forschungsprojekte liest sich das fünfte Kapitel („München I“, S. 165–219) besonders interessant. Mit dem „wohl“ wieder auch durch Karl Kaiser geförderten Ruf an das „traditionell sozialdemokratisch-gewerkschaftlich geprägte“ Zentralinstitut für sozialwissenschaftliche Forschung der FU Berlin für den „als bürgerlich-liberal eingestufte[n] und als quantitativer Empiriker bekannte[n]“ und deshalb „kühl“ empfangenen Bundeswehrhochschulprofessor (S. 221) war 1983 nicht nur die oberste akademische Elitenebene erreicht, sondern auch das reputationsträchtigste Thema schlechthin gefunden: Hitlers Wähler- und Anhängerschaft (vgl. zur NSDAP-Mitgliederstichprobe S. 252–257). Der erste größere Fernsehauftritt erfolgte nicht ohne eigene Nachhilfe (S. 223). Die erste Auflage des Bestsellers zu Hitlers Wählerschaft wurde vom zunächst angefragten Verlag abgelehnt. Wer die historiografiegeschichtlich meist ignorierte, aber wichtige Autobiografie des Einzelgängers Rainer Zitelmann kennt, wird dessen Einschätzung durch seinen zeitweiligen Vorgesetzten und Doktorvater mit Interesse zur Kenntnis nehmen (S. 229f.). Für eine Praxeologie der Politikwissenschaft von erheblichem Interesse sind die verstreuten Darlegungen zur Büro- und Computerausstattung, Arbeitsmaterialienbeschaffung, Arbeitsorganisation und so weiter, die im Erinnerungsgenre üblicherweise fehlen. Erfrischend klar fällt unter anderem die Kritik an der Kollektivschuldthese aus (S. 234–236). Der Seitenblick auf das Berliner Gesellschaftsleben belegt Unterschiedlichkeit wie gelegentliche Durchmischung der Kreise. Dass der Autor selbst erfolgreiche Empfehlungen durchaus auch mit politischer Wertung unternahm, belegt die Angabe auf Seite 261. Das „Fazit der Wiedervereinigung“ schätzt der nunmehr unbezweifelbar prominente Politologe in nachvollziehbarer Argumentation als „nahezu uneingeschränkt positiv“ ein (S. 273).
Falters letztem Wechsel, demjenigen nach Mainz, lagen nach eigenem Bekunden erwartungsgemäß sowohl berufliche als auch private Motive zugrunde, und er war mit einem neuerlichen, als einschneidend empfundenen (vgl. S. 285) Wechsel des Untersuchungsfeldes verbunden. Jetzt ging es um die Folgen der Wiedervereinigung, die Aussichten der bayerischen Regionalpartei CSU im veränderten bundesdeutschen Parteiengefüge und um politischen Extremismus. Die Grundposition durchzuhalten, empirische Befunde nicht in Sollenspostulate umzumünzen oder unkommentiert ummünzen zu lassen, gestaltete sich für den zum Medienprofessor aufsteigenden und entsprechende Vernetzungen aufbauenden Mainzer offenkundig schwieriger. Gleichwohl kann Falter auch „Kollateralnutzen“ der eigenen Medienpräsenz verbuchen (S. 331), bietet er einige wichtige Überlegungen zum Expertenwesen in den Massenmedien und zieht er eine (gemischte) Bilanz seines Vorsitzes der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft. Unvermeidlich persönlich geprägt stellen sich die abschließenden Erinnerungen an Begegnungen mit mehr oder weniger prominenten Politikern dar; Neues bringt dabei auch der Absatz zum inszenierten Skandal um die akademische Schülerin Kristina Schröder. Schließlich dürfen die Erfahrungen als Dekan und Zeitbeobachter etwa hinsichtlich politischer Korrektheit, Wokeness, Gendern et cetera Aufmerksamkeit beanspruchen, die das selbstbewusste Haupt der wichtigsten rationalistisch-liberalen empirischen Richtung, aber nicht unbedingt einer eigenen Schule in der deutschen Politikwissenschaft erwartungsgemäß höchst kritisch sieht.
Um die beeindruckende Fülle und Offenheit dieser durchaus auch selbstkritischen Memorialien wissenschaftsgeschichtlich fruchtbar zu machen, käme es jetzt auf eine überzeugende konzeptionelle Grundlegung dieser Untersuchungsperspektive an. Dabei könnte zum Beispiel auch auf Ansätze in der Geschichtswissenschaft, etwa das Konzept des scholarly self (Herman J. Paul), zurückgegriffen werden.
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