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Einzelrezension

Herrmann, Steffen: Demokratischer Streit. Eine Phänomenologie des Politischen, 403 S., Nomos, Baden-Baden 2023.


Keywords: Review, Herrmann, Steffen, 2023, Politische Philosophie, Phänomenologie, Demokratischer Streit, Demos, Teilhabe, Kratos, Freiheit, Doxa

How to Cite:

Richter, E., (2024) “Herrmann, Steffen: Demokratischer Streit. Eine Phänomenologie des Politischen, 403 S., Nomos, Baden-Baden 2023.”, Neue Politische Literatur 69(2). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-024-00598-8

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© The Author(s) 2024 under CC BY International 4.0

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2024-07-30

Erbitterte Auseinandersetzungen prägen mehr denn je die politische Alltagserfahrung. Mal handelt es sich um den programmatischen Streit über die angemessenen Wege zur Bewältigung der vielfachen Krisen, mal herrscht ideologischer Streit über die Rolle des Staates, der politischen Amtsträger oder der Bürgerinnen und Bürger. Und vermehrt kommt es in den westlichen Demokratien sogar zum grundsätzlichen Streit über den Sinn und Erfolg demokratischer Herrschaft schlechthin. Dabei treten immer schärfer Unversöhnlichkeiten hervor, die bis hin zu gewaltsamen Auseinandersetzungen führen. All das liefert Gründe genug, um sich in aller Ausführlichkeit mit den Erscheinungsformen und Funktionsweisen des demokratischen Streits auseinanderzusetzen. Steffen Herrmann vollzieht das als Philosoph der phänomenologischen Schule in seiner hier vorliegenden, an der Fernuniversität Hagen angefertigten Habilitationsschrift. Eine philosophische Auseinandersetzung mit dem demokratischen Streit führt natürlich zu einem sehr eigenwilligen Zugang zum Thema. Nicht die konkreten Anlässe, Verlaufsformen sowie die jeweiligen politischen, sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Ursachen des demokratischen Streits stehen im Mittelpunkt, sondern seine idealtypischen Muster und die Modelle seiner konstruktiven Praktiken – obwohl sich Herrmann immer wieder um die Veranschaulichung seiner Befunde anhand aktueller politischer Ereignisse bemüht.

Herrmann verfolgt sein philosophisches Anliegen, indem er drei Gestalten des Streits unterscheidet und diese nach allen Regeln detailverliebter Tiefenanalyse in ihren Begründungsmustern, Tücken und Schwächen auseinandernimmt, alles vor dem Hintergrund einer Überfülle an theoriengeschichtlichen Verweisen. Erstens geht es um den Streit über die Berechtigung, sich politisches Gehör zu verschaffen, zweitens um die machtpolitischen Rahmenbedingungen der Konfliktaustragung, und drittens um den grundlegenden Gegenstand des Streits. Herrmann ordnet diesen drei Dimensionen die jeweiligen Leitbegriffe ‚Demos‘, ‚Kratos‘ und ‚Doxa‘ zu. Die phänomenologische Einfärbung seiner Studie soll nach eigenem Bekunden darin zum Ausdruck kommen, dass er die Streitmodelle in der philosophischen Beobachtung von subjektiven lebensweltlichen Erfahrungen und Einstellungen zu verorten versucht, wodurch „präreflexive Grundannahmen“ (S. 32) zutage treten sollen. Damit möchte der Autor einem normativistischen Überschwang vorbeugen, der abstrakt erarbeitete Modellvorstellungen der politischen Realität belehrend überstülpt. So will Herrmann Vorurteile, Fehleinschätzungen und innere Widersprüche sichtbar werden lassen. Sein explizites phänomenologisches Bekenntnis weckt freilich falsche Erwartungen: Nur vereinzelt werden die präreflexiven Bedingungen der konkreten Verlaufsformen und der Hintergründe des demokratischen Streits erkennbar; meistens steht die begründungslogische Plausibilität von Modellen im Vordergrund, die aus dem Fundus der Philosophiegeschichte stammen. Der spezifisch phänomenologische Erkenntnisgewinn wird nicht recht klar.

Das Thema des Demos führt Herrmann zur Einsicht, dass die Frage nach dem Kreis derjenigen, die zum demokratischen Streit zugelassen sind, enorme Bedeutung aufweist und immer wieder – oft sublim oder gar hinterlistig – von restriktiven Zugangssperren durchdrungen ist. Identitätsgesättigte Vorstellungen vom Demos sprechen ganzen sozialen Gruppen das Recht ab, gehört und in die demokratische Teilhabe samt des dazugehörigen Streits aufgenommen zu werden. Demonstrative und dramatische Kämpfe um soziale und politische Anerkennung und Gleichheit werden erforderlich.

Das Thema des Kratos erläutert Herrmann anhand des schillernden Begriffs der Freiheit. Um die Freiheit zur politischen Teilhabe zu realisieren, bedarf es laut Herrmann einiger institutioneller Rahmenbedingungen. In diesem Großkapitel tritt Herrmann als normativer Politiktheoretiker hervor, der letztendlich auf die Vermeidung von politischem Streit zielt. Anhand zahlreicher theoriengeschichtlicher Referenzen arbeitet er seine Sympathie für das Modell einer Räterepublik aus. Deren kleinteilige politische Selbstorganisation soll dazu dienen, einer Bevormundung durch den Staat vorzubeugen und somit politische Freiheit als Handlungsfreiheit und als Mittel zur Selbstbestimmung zu entfalten. Alle institutionellen Einrichtungen, die Partizipation ermöglichen und fördern, wie insbesondere direktdemokratische Verfahren, dienen Herrmann zur Veranschaulichung seiner Vorstellung über eine von Beherrschung losgelöste Inklusion und Partizipation. Unvermeidliche Gruppendifferenzen sollen durch Maßnahmen des Minderheitenschutzes bewältigt werden, politische Teilidentitäten sollen zugelassen werden, um Diskriminierung vorzubeugen. Hier verliert sich Herrmann in der kritischen Erörterung zahlreicher institutioneller Vorschläge, Modelle und Maßnahmen, die seinem phänomenologischen Grundanliegen entgleiten: Er entfernt sich weit von der Frage, welche konkreten lebensweltlichen Bedingungen dazu beitragen, dass Gesellschaften offenbar immer weiter in konkurrierende Gruppenidentitäten zerfallen.

Das Thema der Doxa handelt Herrmann weitgehend anhand antiker Rhetorikmodelle ab, was die Erfahrungen aus den revolutionären Umbrüchen des ausgehenden 18. und des 19. Jahrhunderts ebenso ausblendet wie die Erkenntnisse aus dem 20. Jahrhundert als dem verhängnisvollen „Zeitalter der Ideologien“. Herrmann referiert in zermürbender Ausführlichkeit platonische Dialogschriften, Ludwig Wittgensteins Sprachtheorie sowie Hannah Arendts Ausführungen zur Urteilskraft, um deutlich zu machen, dass dem Streit über unterschiedliche Weltanschauungen zumeist eine konstruktive Grundierung und Pointe fehlt. Er versucht nachzuweisen, dass der politische Streit stets von einem Streit um die bevorzugte Lebensform ausgeht. Es komme deshalb darauf an, dem Gegenüber die entsprechende Präferenz nicht vorzuhalten oder aufzudrängen, sondern ihm diese in sorgfältiger, ausgewogener Überzeugungsarbeit nahezubringen. Auch hier löst sich das Thema des demokratischen Streits schrittweise auf und weicht der Vorstellung eines vollendet dialogischen, gemeinsamen Ringens um die besten, allseits akzeptablen politischen Lösungen.

Das Werk von Steffen Herrmann ist stark vom Charakter der Qualifikationsarbeit geprägt: Es liefert den Ausweis von stupender Gelehrsamkeit, was sich vor allem in der Ausführlichkeit und Gründlichkeit der Argumentation sowie in der überbordenden Anzahl von Referenzen auf die einschlägigen philosophischen und politischen Theorien und Argumentationslinien ausdrückt. Das erzeugt aber gleichzeitig eine befremdliche Ferne zum Verständnis und zur Erklärung der zeitgenössischen Erscheinungsformen eines verschärften politischen Streits. Diese lassen sich kaum aus der Kontrastierung zu den untersuchten Idealtypen heraus und im Modus der dargebotenen begründungslogischen Systematik verstehen, sondern machen eher eine wortgetreue „phänomenologische“ Betrachtung erforderlich, die alle Aufmerksamkeit auf die lebensweltlichen Details ihres jeweiligen Entstehungs- und Wirkungszusammenhangs richtet.

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