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Einzelrezension

Berg, Mia/Kuchler, Christian (Hrsg.): @ichbinsophiescholl. Darstellung und Diskussion von Geschichte in Social Media (Historische Bildung und Public History, Bd. 1), 246 S., Wallstein, Göttingen 2023.


Keywords: Review, Berg, Mia/Kuchler, Christian (Hrsg.), 2023, Public History, Geschichtsdidaktik, Social Media, Instagram, @ichbinsophiescholl, Erinnerungsort, Authentizität, Rezeption

How to Cite:

Gundermann, C., (2024) “Berg, Mia/Kuchler, Christian (Hrsg.): @ichbinsophiescholl. Darstellung und Diskussion von Geschichte in Social Media (Historische Bildung und Public History, Bd. 1), 246 S., Wallstein, Göttingen 2023.”, Neue Politische Literatur 69(2). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-024-00596-w

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© The Author(s) 2024 under CC BY International 4.0

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2024-01-07

„Stell Dir vor, es ist 1942 auf Instagram …“ – mit diesem Post startete der Instagram-Kanal „@ichbinsophiescholl“ im April 2021 seine Präsentation der letzten elf Monate des Lebens der Sophie Scholl. Als Zeitreise und radikal subjektive Darstellung von den Sendeanstalten SWR und BR konzipiert, begleiteten die Abonennt_innen des Kanals die von Schauspielerin Luna Wedler dargestellte Sophie Scholl, die ganz im Stil der Selfie-Kultur das (unsichtbare) Handy nutzte, um von ihrem Alltag, aber auch von ihrem Weg in den Widerstand zu berichten. Der Kanal gewann in sehr kurzer Zeit über 900.000 Follower_innen und knapp 700.000.000 Beitragsaufrufe. Gerade weil der Kanal so viel – und nicht nur positive – Aufmerksamkeit auf sich zog, war und ist es notwendig, dass sich Historiker_innen zu diesem Phänomen äußern. Dem kommen Mia Berg und Christian Kuchler mit diesem Sammelband nach. Mit einem interdisziplinären Team an Autor_innen beleuchten sie die historischen Kontexte selbst, präsentieren dann mit drei weiteren Kapiteln einen sehr guten Einblick in die Produktionsbedingungen und Rezeptionen des Phänomens und schließen mit der Frage nach der Bedeutung dieses Medienereignisses ab.

Hans Günter Hockerts stellt zunächst neueste Erkenntnisse zu Sophie Scholls Geschichte vor und skizziert präzise, wie sich der Erinnerungsort Sophie Scholl in Deutschland entwickelte. Nils Steffen hingegen präsentiert Instagram als neue Quelle für die Geschichtswissenschaft. Beide Texte etablieren damit den geschichtswissenschaftlichen Blick auf das Phänomen „@ichbinsophiescholl“.

Den Herausgebenden ist es hoch anzurechnen, dass sie das Kapitel „Produktion“ mit einem Beitrag von Lydia Leipert beginnen lassen, die als Teamlead „Film Digital“ beim Bayerischen Rundfunk für das Projekt „@ichbinsophiescholl“ mitverantwortlich zeichnet. Diese Innenperspektive ermöglicht es den Lesenden, sowohl die Produzierenden als auch die Forschenden in ihren jeweiligen Schaffenswelten wahrzunehmen. Tobias Ebbrecht-Hartmann ordnet den Kanal in seinem Beitrag in einen größeren Kontext ein, in dem er ähnliche Projekte („@eva.stories“ und das „Anne Frank Video-Tagebuch“) vorstellt und vor allem die Ich-Perspektive der drei Projekte analysiert. Hier wird bereits deutlich, dass in diesen Projekten der Begriff der Geschichte eine Umdeutung zu erfahren scheint: Sowohl die simulierte Zeitreise als auch die damit verbundene Chronik als Darstellungsmodus lassen verschwimmen, was eigentlich eine historische Erkenntnis ausmacht. Den Erfolg der Projekte als „historische“ kann Ebbrecht-Hartmann sehr gut über das Ineinandergreifen von Authentizitätssimulationen über Ego-Dokumente einerseits und Selfie-Ästhetik andererseits erklären. Die Medienwissenschaftler Christian Schwarzenegger und Erik Koenen gehen der Frage nach, wie die Figur Sophie Scholl auf dem Kanal inszeniert wird. Dafür haben sie eine qualitative Inhaltsanalyse durchgeführt, in der sie sich sowohl auf Strategien der biografischen und historischen Narration konzentrieren als auch auf die Frage, wie der Account eine „Social Media-Authentizität“ herstellt. Sie identifizieren dabei Posts, die moderierende und erörternde Funktionen erfüllen, dem narrativen Weltenbau dienen und schließlich solche, die das Narrativ vorantreiben. Sie können damit sehr gut ein Spannungsverhältnis zwischen historisch verbürgter Person und nahbarer Gegenwartsinszenierung identifizieren, die von den Macher_innen des Kanals permanent aufrechterhalten werden musste, um Reichweite und Interaktion zu erzielen.

Im Kapitel „Rezeption und Aneignung“ sind drei Beiträge versammelt. Zum einen ordnen die Medienwissenschaftlerinnen Tanja Thomas und Martina Thiele den Kanal „@ichbinsophiescholl“ in ein breiteres Angebot zur Thematisierung von (weiblichem) Widerstand gegen den Nationalsozialismus ein. So werden die nuancierten Arbeiten von Geschichtsjournalistinnen und Historikerinnen wie Jasmin Lörchner, Bianca Walther oder Laura Baumgarten, aber auch Nora Hespers sichtbar und es zeigt sich, dass „@ichbinsophiescholl“ tatsächlich nicht exemplarisch für die Repräsentation von Geschichte verstanden werden kann. Thomas und Thiele haben die mediale Berichterstattung, die begleitend zu „@ichbinsophiescholl“ erschien, strukturanalytisch ausgewertet und stellen die Studie kurz vor. Sie legen offen, wie stark das Angebot des Kanals selbst, aber auch die mediale Reaktion Sophie Scholl abermals als „Konsensheilige“ erscheinen lassen. Obwohl andere Kommunistinnen, Sozialistinnen oder Jüdinnen ungleich mehr Widerstand gegen die Nazis geleistet haben, wird auch mit diesem Projekt Sophie Scholl als Ikone einer gesamtdeutschen Widerstandserzählung weiter etabliert (S. 116, indirekt zitiert nach Max Czollek in der Schweizer Wochenzeitung). Auch problematisieren die Autorinnen den Fokus auf Sophie Scholl als Beharrungskraft heteronormativer Geschlechterbilder, denn der homosexuelle Hans Scholl wurde zugunsten seiner Schwester nicht nur direkt nach dem Krieg, sondern auch bis in die Gegenwart weniger oder gar nicht beachtet. Die Medienwissenschaftler_innen Hans-Ulrich Wagner, Jan Rau, Daria Chepurko, Clara Linnekugel und Daniel Wehrend untersuchen wiederum in ihrem Beitrag User_innen-Interaktionen mit dem Kanal „@ichbinsophiescholl“ und stellen eine Mixed-Methods-Analyse vor. Sie fragen nach den Posts, die besonders hohe Resonanzen ausgelöst haben, und analysieren diese qualitativ in einem zweiten Schritt. So können sie sechs Phänomene herausarbeiten: die parasoziale Interaktion mit der Social-Media-Person Sophie Scholl, den Umgang mit starken Gefühlen, Strategien der Veralltäglichung, Aktualisierungen der historischen Bezüge, Auseinandersetzungen mit Krieg, Widerstand und Schuld und schließlich die Beschäftigung mit dem Instagram-Projekt an sich. Nora Hespers und Charlotte Jahnz präsentieren pointiert und zusammenfassend ihre geschichtswissenschaftliche Kritik am Projekt, die vor allem auf Pfadabhängigkeiten der historischen Deutung durch die Art der Präsentation und fehlendes Community-Management eingeht und damit eindrücklich zeigt, dass auch als innovativ wahrgenommene Projekte „sich häufig zu sehr auf einen gesellschaftlichen Konsens stützen, der marginalisierte Perspektiven allzu oft ausblendet“ (S. 145). Der Beitrag belegt, wie wichtig unter anderem die kritisch begleitende Arbeit von Charlotte Jahnz und später auch Katharina Helling sowie Heike Gumz im Account „@nichtsophiescholl“ war, mit der sie der notwendigen geschichtswissenschaftlichen Einordnung von „@ichbinsophiescholl“ eine öffentlichkeitswirksame Stimme verliehen haben.

Im Kapitel „Studien“ (hier etwas missverständlich betitelt, da der Band bereits mehrere empirische Studien enthält) präsentiert der Band drei weitere Studien, die nun überwiegend aus dem geschichtsdidaktischen Feld stammen. Christian Kuchler weißt in seinem Beitrag nach, dass Schüler_innen, insbesondere Personen zwischen 13 und 19 Jahren, nur wenig Berührungspunkte mit dem Projekt hatten, das keine deutlichen Spuren im Geschichtsunterricht hinterlassen hat. Kuchler versteht dies als Anlass, noch stärker als bisher auf die Stimulation einer geschichtskulturellen Kompetenz im Geschichtsunterricht zu achten, damit sich die Lernenden später aktiv und reflektiert mit solchen Angeboten auseinandersetzen können. Dario Treiber diskutiert wiederum, welchen Einfluss Emotionen bei der Rezeption von „@ichbinsophiescholl“ bei den User_innen haben und wie diese analysiert werden können. Die Geschichtsdidaktikerinnen Mia Berg und Elena Lewers haben sich mit den Sozialpsychologinnen Jessica Szczuka und Lea Frentzel-Beyme zusammengetan und parasoziale Interaktionen mit dem Kanal „@ichbinsophiescholl“ untersucht. Sie gehen der Frage nach, inwieweit sich so Prozesse historischen Denkens beobachten lassen. Unter anderem können sie zeigen, dass eine solche Kommunikation zwar das Interesse an der Person Sophie Scholl begünstigt, aber nicht das faktische Wissen über sie fördert.

Im letzten Kapitel „Perspektiven“ ziehen Mia Berg und Christian Bunnenberg jeweils eine Bilanz. Berg zeigt noch einmal auf, wie wichtig die Erforschung von Geschichte in sozialen Medien ist und Bunnenberg konkretisiert dies spezifisch für die akademische public history. Er formuliert Qualitätskriterien für öffentliche Geschichte mit Bildungsauftrag, an denen sich zukünftige Projekte messen lassen müssen.

Aus fast allen Texten wird deutlich, dass das Format des Kanals „@ichbinsophiescholl“ wohl grundsätzlich eine große Reichweite verspricht, aber historisches Lernen mehr Einordnungen in historische Zusammenhänge, mehr Informationen sowie größere Transparenz über die hier konstruierte Geschichte und schließlich auch ein intensiveres Community-Management benötigt. Eine solche virtuelle Zeitreise kann zwar mehr Interesse wecken, ohne das Werkzeug aber, daraus historisches Wissen zu generieren, bleibt es bei einer Unterhaltung. Dann bleibt der Erinnerungsort Sophie Scholl eine entkonkretisierte Inspiration, Gegenwartsorientierung durch Geschichte ist dies allerdings weniger. In diesem Sinne ist das Projekt „@ichbinsophiescholl“ hinter seinem Potenzial zurückgeblieben.

Der vorliegende Sammelband zeigt eindrücklich, dass sich Historiker_innen nicht nur intensiver mit diesem neuen Feld der öffentlichen Geschichte befassen müssen, sondern sich auch eher und öfter am öffentlichen Diskurs als Expert_innen beteiligen sollten. Die Herausgeber_innen belegen wegweisend, wie fruchtbar hier der interdisziplinäre Diskurs sein kann und es bleibt zu hoffen, dass mehr Forschung zu den vielfältigen Angeboten von Geschichte auf Instagram durchgeführt wird.

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