Das, was heute in Deutschland unter dem Namen „Neue Rechte“ bekannt ist, entstand 1968/1969 in Frankreich. So überrascht es nicht, dass mit dem Politikwissenschaftler Stéphane François wieder ein Franzose ein Buch über eine politische Strömung geschrieben hat, die aus nationalkonservativen bis rechtsextremistischen Akteuren besteht. In „La Nouvelle Droite et le nazisme, une histoire sans fin. Révolution conservatrice allemande, national-socialisme et alt-right“ („Die Neue Rechte und der Nazismus, eine endlose Geschichte. Konservative Revolution in Deutschland, Nationalsozialismus und Alt-Right“) geht François der Frage nach, wie die „Neue Rechte“ in Frankreich zum Nationalsozialismus, zur Bewegung der Konservativen Revolution im Deutschland der 1920er Jahre, zum Neopaganismus und zur amerikanischen Alt-Right-Bewegung steht.
Dabei macht er zunächst auch deutlich, dass es die „Neue Rechte“ eigentlich nicht gibt – zu vielgestaltig sei sie, zu viele „ideologische Erneuerungen“ (S. 17) hätten stattgefunden und auch personell habe es immer wieder Abspaltungen gegeben. Dennoch gibt es einige übergreifende Merkmale, die sich auch durch das gesamte Buch ziehen, wie etwa die Ablehnung der „Verwestlichung der Welt“ (S. 22) und des Liberalismus.
In Bezug auf sein eigentliches, titelgebendes Thema arbeitet François gut nachvollziehbar heraus, in welchen Punkten sich die „Neue Rechte“ auf die Konservative Revolution beruft. Kulturpessimismus, Demokratie- und Parlamentarismusfeindlichkeit sowie die Ablehnung des Christentums seien beispielsweise Ideen, die von Intellektuellen wie Ernst Jünger, Carl Schmitt oder Oswald Spengler vertreten und später von Vertretern der „Neuen Rechten“ aufgegriffen worden seien – unter expliziter Berufung auf die Konservative Revolution, die François ausführlich beschreibt, da sie der französischen Öffentlichkeit wenig bekannt sei. Die Gedanken der Konservativen Revolution seien in den 1980er Jahren von Alain de Benoist in die „Neue Rechte“ getragen worden – auch, um explizite Bezugnahmen auf den Nationalsozialismus zu vermeiden. Spezifisch deutsch ist ebenfalls das Wort „völkisch“, das François erst gar nicht übersetzt, da es in Frankreich keine passende Entsprechung gibt.
Das 2014 gegründete Institut Iliade beschreibt François, der als Professor für Politikwissenschaft an der Universität Mons in Belgien lehrt, als Nachfolgerin der von Benoist gegründeten Groupement de recherche et d’études pour la civilisation européenne (GRECE, „Forschungs- und Studiengruppe für die europäische Zivilisation“). Zuletzt organisierte das Institut im Frühjahr 2024 eine Tagung in Paris, zu der auch neurechte Vertreter aus anderen Ländern kamen. Die Veranstaltung zeigt die weiter bestehende Umtriebigkeit der französischen „Neuen Rechten“ und die Netzwerkbildung. Diese geht auch über Europa hinaus: Trotz ihres ausgeprägten Antiamerikanismus rezipiere die „Neue Rechte“ bis heute amerikanische Rassentheoretiker wie Greg Johnson oder Jared Taylor, so François. Er legt außerdem dar, wie die wechselseitigen intellektuellen Einflüsse zwischen „Neuer Rechte“ und Alt-Right-Bewegung gestaltet sind.
Alles in allem zeigt François, dass es eine Kontinuität von der rassistischen und exterministischen ‚alten‘, nationalsozialistischen Rechten zur „Neuen Rechten“ gibt, wobei das Verhältnis insgesamt „komplex“ (S. 73) sei. Unter dem harmlos klingenden Etikett des „Ethnopluralismus“, hinter dem „eine neue Form des Rassismus“ (S. 14) stehe, forderten Vertreter der „Neuen Rechten“ heute einen fundamentalen Wandel in der Migrationspolitik. Auch wenn der Antisemitismus nie „im Zentrum ihrer Ideologie“ (S. 58) gestanden habe, habe die „Neue Rechte“ zu keinem Zeitpunkt eine Abkehr vom Antisemitismus vollzogen, so François weiter. Daneben habe es personelle Kontinuitäten gegeben beziehungsweise es gebe sie noch immer. Während sich früher beispielsweise ehemalige SS-Mitglieder in der „Neuen Rechten“ engagiert hätten, gehörten ihr heute frühere Neonazis an. Dies trifft auch auf Deutschland und Österreich zu, denn Personen wie Benedikt Kaiser oder Martin Sellner waren vor ihrem Engagement in der „Neuen Rechten“ in neonazistischen Milieus aktiv.
Zur „Neuen Rechten“ erscheinen in Deutschland und Frankreich sehr regelmäßig neue wissenschaftliche Abhandlungen, zuletzt beispielsweise der Sammelband „Brennpunkte der ‚neuen‘ Rechten. Globale Entwicklungen und die Lage in Sachsen“, herausgegeben von Stefan Garsztecki, Thomas Laux und Marian Nebelin, und der Aufsatz „La ‚Nouvelle Droite‘ écologique au XXIe siècle. Post-croissance, biorégionalisme et ‚réforme de la vie‘“ („Die ökologische ‚Neue Rechte‘ im 21. Jahrhundert. Post-Wachstum, Bioregionalismus und ‚Lebensreform‘“) von Stefan Rindlisbacher. Durch seine sehr spezifische Fragestellung hat François’ Buch einen großen Mehrwert.
Wie wichtig eine kritische Auseinandersetzung mit der „Neuen Rechten“ gerade in Deutschland ist, zeigt sich daran, dass ihre Akteure mittlerweile Bundes- beziehungsweise Landtagsmandate innehaben, als Mitarbeiter von Abgeordneten tätig sind, als Fraktionsreferenten arbeiten oder ihr Gedankengut in Zeitschriften wie „Sezession“ oder „Die Kehre“ verbreiten – mit dem Ziel, die ideologische Hegemonie (zum Beispiel in kulturellen Fragen) in Deutschland zu erlangen und auf diese Weise politische Änderungen zu erreichen. François’ Buch führt noch einmal eindrücklich den demokratie- und damit verfassungsfeindlichen Charakter großer Teile der „Neuen Rechten“ vor Augen.
Das Buch ist zudem schon fast ein Nachschlagewerk zur „Neuen Rechten“, weil sein Verfasser so viele Akteure, Gruppierungen und Theorieorgane (vor allem Zeitschriften) erwähnt und charakterisiert, darunter viele Namen, die lediglich im wissenschaftlichen, nicht im öffentlichen Diskurs eine Rolle spielen, wie zum Beispiel die Religionswissenschaftlerin Sigrid Hunke oder die Zeitschrift „Sparta“. Wegen der vielen Nennungen wäre es schön gewesen, wenn das Buch nicht nur ein Personenregister, sondern auch einen Sachindex aufgewiesen hätte.
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