Eine Analyse der politischen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Ägypten in der Nachkriegszeit verspricht aus verschiedenen Gründen, aufschlussreich zu sein. Für die Bundesregierung und deutsche Unternehmen war Ägypten in geostrategischer (aufgrund des Suezkanals) und wirtschaftlicher Hinsicht ein zentraler Staat im Nahen Osten. Dazu war das Land wichtiger Protagonist im Nahost- und Ost-West-Konflikt. Es wurde deshalb lohnendes Beschäftigungsfeld für Experten. Darunter befanden sich auch (ehemalige) Nationalsozialisten und überzeugte Antisemiten. Diese genossen häufig den Schutz der dortigen Regierung, zum Teil unter König Faruq, nach dem Putsch der ‚Freien Offiziere‘ (1952) und während der Präsidentschaft von Gamal Abdel Nasser (1956–1970). Schon verschiedentlich haben sich Forschungsarbeiten mit der Frage beschäftigt, ob eine Verbindung zwischen diesen deutschen Akteuren in Ägypten und der späten Anerkennung Israels durch die BRD im Jahr 1965 bestand. Nun stellt sich auch Ulrike Becker dieser Problematik.
Gleich zu Beginn sorgt die Lektüre für Irritation. Denn die Studie analysiert eben nicht die „westdeutsch-ägyptischen Beziehungen der Nachkriegszeit“ (Untertitel). Vielmehr beschäftigt sie sich mit rein westdeutscher Politik mit Blick auf oder im Verhältnis zu Ägypten zwischen 1951 und 1965. Von der Frage einmal abgesehen, ob hier der Begriff der ‚Nachkriegszeit‘ wirklich zielführend ist, analysiert die Studie kaum ägyptische Akteure, Perspektiven oder Quellen. Auf eine gleichrangige westdeutsch-ägyptische oder gar ägyptisch-deutsche Analyse zum Thema muss die Forschung auch weiterhin warten. Gleiches gilt für Perspektiven der USA, der Sowjetunion oder Israels, die hier allenfalls indirekt Beachtung finden. Die vorliegende Monografie bleibt damit eine etwas antiquiert anmutende Untersuchung internationaler Politik durch eine rein nationale Perspektive.
Am Anfang steht ein Vorwort des renommierten US-amerikanischen Historikers Jeffrey Herf. Es fasst die Thesen der 765 Seiten starken Studie konzis zusammen, unterstreicht deren Relevanz und bietet einen schnellen Einstieg in das Buch, der sonst mühsam wäre.
Die Studie fragt, ob die westdeutsche Außenpolitik in Bezug auf Ägypten personell, politisch und ideologisch von der NS-Vergangenheit und gerade von Antisemitismus geprägt war (S. 21). Der Ansatz ist vielversprechend, da neben Diplomaten und politischen Entscheidungsträgern der BRD auch Militär- und Rüstungsberater, Wirtschaftsvertreter, Kaufleute und Lobbyisten miteinbezogen werden, wenn sie Einfluss auf den politischen Entscheidungsprozess nahmen (S. 66). Zwei der sechs Kapitel untersuchen eher das Wirken von deutschen Experten in Ägypten: von Militärberatern und ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit (Kapitel 2) und die Rolle ihres militärischen Wissens (Luftkampf und Raketen) im ägyptisch-israelischen Konflikt (Kapitel 4). Daneben befassen sich Kapitel 3, 5 und 6 stärker mit den bundesdeutschen politischen Problemen in Bezug auf diese Experten, auf Proteste gegen das Luxemburger Abkommen (Wiedergutmachungsabkommen zwischen der BRD und Israel von 1952) und auf die Frage, ob Israel ein ‚Störfaktor‘ für die bundesdeutsch-ägyptischen Beziehungen gewesen sei. Zwar machen die einzelnen Schwerpunktsetzungen der Kapitel Sinn, der Zusammenhang der Gesamtstruktur des Textes bleibt jedoch recht unklar (S. 63–66) und erscheint etwas willkürlich.
Ebenso lässt die Einleitung den an einem wissenschaftlichen Austausch interessierten Leser etwas ratlos zurück. Statt einem Forschungsstand und einer daraus abgeleiteten Fragestellung stehen eher ein historischer Abriss, die Aufzählung von Forschungsarbeiten und die Darstellung einzelner argumentativer Schwerpunkte (etwa in Abschnitt 1.2.3). Die Autorin scheint einer minutiösen Rekonstruktion von vergangenen Ereignissen größeres Gewicht beizumessen als wissenschaftlichen Argumenten, was angesichts des interpretatorischen Potenzials der Quellenarbeit der Studie schade ist. Ein Beispiel hierfür ist der Satz: „Einige neuere Aufsätze liegen inzwischen über die Arbeit von Militärberatern vor“ (S. 38f.). Welche historiografischen Argumente diese Artikel vorbringen, bleibt unerwähnt. Dabei sind doch gerade diese Akteure und diese Forschungsthesen für die hier besprochene Arbeit von zentraler Relevanz. Ein gewissermaßen nachgereichter zweiter Forschungsstand (S. 589–592) zur Frage, ob die NS-Ideologie der Grund für die späte Anerkennung Israels gewesen sei, kann dieses Problem nur ansatzweise abfedern.
An einer These mangelt es der Studie dabei nicht (S. 685–698). Becker kommt zum Ergebnis, dass die ideologische Tradition aus dem Nationalsozialismus die Anerkennung Israels durch die BRD verzögert habe und gerade ein deutsch-arabisches Netzwerk für diese Entwicklung verantwortlich gewesen sei. Dies gelte, auch wenn wirtschaftliche Interessen und der deutsch-deutsche Gegensatz eine gewisse Rolle gespielt hätten. Die Autorin knüpft damit an eine Reihe von Projekten zur Erforschung von NS-Kontinuitäten in der BRD an (insbesondere in Ämtern und Behörden, beginnend 2010 mit der Studie zum Auswärtigen Amt). So neu wie die Autorin vorgibt (S. 21, 38), ist aber weder ihr Ansatz noch sind es ihre Ergebnisse, was einmal mehr auf das Problem des Forschungsstandes verweist. Das Verdienst der Studie ist die detailgenaue Ergänzung und Untermauerung von Thesen, die andere Forscher bereits weitestgehend vorgebracht haben. Das allein wäre eigentlich schon eine ausreichende wissenschaftliche Rechtfertigung einer Dissertation. Die Studie als ein Novum im wissenschaftlichen Vakuum darzustellen, erscheint aber fast schon unredlich.
Hinzu kommt die Form des Textes. Nicht nur seine Länge ist eine Herausforderung, sondern auch ausgreifende Fußnotenapparate (etwa S. 19, 26, 214, 306) und vielzeilige Schachtelsätze (etwa S. 40) machen den Zugang unnötig schwer.
Insgesamt bleibt nach der Lektüre ein sehr heterogenes Bild zurück. Lässt man alle hier aufgeführten Kritikpunkte beiseite, dann bietet die Monografie eine überzeugende, wenn auch nicht neue These. Durch die gesetzten Schwerpunkte ihres Erklärungsansatzes trägt sie zur wissenschaftlichen Diskussion bei. Der Detailreichtum der Studie schafft zudem eine breitere Grundlage für international angelegte Forschungsarbeiten, die hoffentlich folgen werden.
Hinweis des Verlags
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