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Einzelrezension

Niedhart, Gottfried: Pionier und Außenseiter Gustav Mayer. Deutsch-jüdischer Historiker des Sozialismus, 248 S., Dietz Nachf., Bonn 2023.


Keywords: Review, Niedhart, Gottfried, 2023, Biografie, Intellektuellengeschichte, Gustav Mayer, deutsch-jüdischer Historiker, Arbeiterbewegung, Sozialismus, Exil

How to Cite:

Chickering, R., (2024) “Niedhart, Gottfried: Pionier und Außenseiter Gustav Mayer. Deutsch-jüdischer Historiker des Sozialismus, 248 S., Dietz Nachf., Bonn 2023.”, Neue Politische Literatur 69(2). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-024-00592-0

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© The Author(s) 2024 under CC BY International 4.0

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2024-07-23

Im Laufe seiner langen Karriere, in der er wichtige Studien zur englischen, deutschen und internationalen Geschichte sowie zur historischen Friedensforschung hervorbrachte, wurde der Mannheimer Historiker Gottfried Niedhart, jetzt im Ruhestand, zur führenden Person einer Renaissance der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Gustav Mayer (1871–1948), einem deutsch-jüdischen Historiker der frühen deutschen und europäischen sozialdemokratischen Arbeiterbewegung. Außer zahlreichen Aufsätzen über Aspekte von Mayers Arbeit hat Niedhart eine Neuausgabe der Erinnerungen des Historikers (1993) und eine großartige Edition seiner Tagebücher, Aufzeichnungen und Briefe in der Ära des Ersten Weltkrieges (2009) vorgelegt. Den vorliegenden Band kann man deshalb zugleich als die erste wissenschaftliche Biografie Mayers und eine glückliche Vollendung der Bemühungen Niedharts begrüßen.

Gustav Mayer wurde 1871 als Sohn eines prominenten jüdischen Kaufmanns in Prenzlau geboren. Als erstgeborenes von neun Kindern wuchs er in einer großen Familie auf, in der religiöse Vorschriften streng beachtet wurden, sodass die Kindheit des Jungen durch enge Familienbande und einen großen Abstand zur Mehrheitsgesellschaft auch während seiner Gymnasialzeit geprägt war. Es folgte ein Studium der Nationalökonomie in Berlin und Freiburg. Die erste Phase seines beruflichen Lebens schloss eine Anstellung in der Buchhandlung eines Onkels in Berlin ein sowie eine Korrespondentenstelle der Frankfurter Zeitung in Amsterdam und Brüssel. Bis zu diesem Zeitpunkt waren die Hauptthemen schon entwickelt, die Mayers Leben prägen beziehungsweise plagen sollten. Die religiösen und familiären Verbindungen hatten sich gelockert, während sich der Kreis seiner jüdischen und nichtjüdischen Bekannten (auch unter den Führern der deutschen und der internationalen Arbeiterbewegung) stetig vergrößerte, ohne dass er eine feste berufliche Position oder einen bestimmten Sinn für sein Leben finden konnte. Journalismus fand er kaum attraktiver als eine Karriere im Buchhandel. Er fühlte sich isoliert, wie er 1904 schrieb, „ein alleinstehendes Atom, das nie […] in eine größere Einheit aufgehen kann“ (S. 41). Nachdem er 1905 die Tochter einer reichen jüdischen Familie heiratete, war er imstande, sich ein Leben als Privatgelehrter zu leisten; ab 1909 lebte er wieder in Berlin. In dieser Rolle erforschte Mayer die Frühgeschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Auch in diesen glücklichen Jahren litt er jedoch unter starken emotionellen Spannungen, die nun als Konflikt „zwischen seinem Drang nach Unabhängigkeit und dem gleichzeitigen Wunsch nach Gemeinschaft“ zum Vorschein kamen (S. 57). Als politisch fortschrittlicher, aber nicht-marxistischer Jude konnte er die gesuchte Gesellschaft weder in der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung noch als voll akzeptiertes Mitglied der nationalen Gemeinschaft finden. Der Gedanke einer Zuflucht in den Zionismus als alternativer Gemeinschaft lag ihm zeitlebens scheinbar fern, obwohl diese Möglichkeit wohl eine weitere Diskussion in der Biografie verdient hätte.

Der europäische Krieg brachte wichtige Unterbrechungen mit sich, die Niedhart in seiner Edition der Schriften Mayers aus dieser stürmischen Zeit schon eingehend dargelegt hat. Aufgrund seiner psychischen und physischen Schwächen wurde Mayer nicht zum Militär eingezogen. Stattdessen diente er zeitweilig in der Pressezentrale der deutschen Besatzungsbehörde in Brüssel als Verbindungsmann zur Sozialistischen Internationale, zu deren Führung er viele Kontakte unterhielt. 1917 reiste er als Vertrauensmann des deutschen Auswärtigen Amtes nach Stockholm, um über die Friedensinitiative der Internationale und die angespannte Lage in Russland zu berichten. Auch diese Aufträge befriedigten Mayer aber nicht, da er davon überzeugt war, dass seine Vorgesetzten seinen Rat nicht ernst nehmen würden. So kehrte er im Herbst 1917 enttäuscht nach Berlin zurück, um seine wissenschaftliche Tätigkeit wieder aufzunehmen. Auf der Grundlage einer Biografie des jungen Friedrich Engels sowie mit der Unterstützung Friedrich Meineckes und Hans Delbrücks reichte er an der Philosophischen Fakultät der Universität Berlin einen Habilitationsantrag ein, der 1918 im Kolloquium an der Opposition konservativer Historiker, namentlich Dietrich Schäfer und Eduard Meyer, scheiterte. Diese wohl kalkulierte Demütigung des linksliberalen, jüdischen Außenseiters bedeutete einen Tiefpunkt in Mayers Biografie: den Ausschluss aus einer weiteren, diesmal akademischen, Gemeinschaft. Wie er an seine Schwester schrieb, sah er nun „keinen rechten Weg mehr, das ewige einsame Draußenstehen“ zu überwinden (S. 135).

Nach Kriegsende und der anschließenden Revolution öffnete sich doch ein Weg, als seine politischen Freunde an die Macht kamen. Nach schwierigen Verhandlungen erhielt Mayer Ende 1921 ein Berliner Extraordinariat mit einem Lehrauftrag für die Geschichte der Demokratie und des Sozialismus. So bildeten die Jahre der Weimarer Republik den Zeitraum seines größten Glückes, in dem seine Leistungen ihm die erhoffte wissenschaftliche Anerkennung zuteilwerden ließen. In diesem Teil der Biografie findet sich Niedharts knappe Analyse der theoretischen Auffassungen und Methodik Mayers zur Geschichte. Diese basierten, wie Mayer gegenüber Meinecke erklärte, auf dem unwahrscheinlichen Versuch, „eine Synthese von Ranke und Marx“ (S. 156) zu bewerkstelligen. Mayer war immer noch kein Marxist oder gar Materialist, erst recht nicht nach der Bolschewistischen Machtergreifung in Russland. Seine thematische Annäherung an Karl Marx spiegelte sich hauptsächlich in seinen Forschungsinteressen an der Geschichte der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung. Und in dieser Hinsicht war er, wie der Titel dieser Biografie ankündigt, ein „Pionier“. Seine Herangehensweise an Marx sollte jedoch biografisch („Rankisch“, wenn man so will), über die Lebensgeschichten der Führer dieser Bewegung erfolgen. Das Korpus seiner Schriften umfasste demnach detailgesättigte biografische Studien nicht nur über Johann Baptist von Schweitzer (1909) und Friedrich Engels (1920). In den frühen 1920er Jahren rückte Ferdinand Lassalle in den Fokus seiner Arbeit, dessen Leben nach Ansicht Mayers auf die erfolgreiche Synthese von Arbeiterbewegung und Nation hinzudeuten schien. Zwischen 1921 und 1925 bestand Mayers wissenschaftliche Großleistung darin, die Briefe und Schriften Lassalles in sechs Bänden, dann eine Edition der Korrespondenz zwischen Lassalle und Otto von Bismarck herauszugeben. Einen zweiten Band seiner Engels-Biografie konnte er 1932 abschließen. Als Zeichen seiner wachsenden Anerkennung als Historiker der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung wurde er 1928 in die neugegründete Historische Reichskommission berufen.

Die nationalsozialistische Machtergreifung brachte das jähe Ende der glücklichen Zeiten. Binnen anderthalb Jahren wurde die Veröffentlichung der Engels-Biografie in Deutschland unterbunden, die Schriften Mayers aus deutschen Bibliotheken und Buchhandlungen entfernt und deren Verfasser aus dem Staatsdienst, der Berliner Fakultät und der Historischen Reichskommission vertrieben. Die familiäre Lage des 63-jährigen Mayers wurde zunehmend verzweifelt, das Vermögen seiner Frau fast aufgezehrt und die geistige Gesundheit des Historikers, seiner Frau und ihres älteren Sohnes stark angeschlagen. Im September 1934 flüchtete die Familie nach England. Hier wartete eine kümmerliche Existenz auf sie, in der sich der Historiker „durchgehend in der Position des Bittstellers befand“ (S. 188) und auf die Hilfe verschiedener karitativer Stiftungen, zeitweilige Lehrtätigkeit und gelegentliche Anstellungen angewiesen war, etwa als Außenmitarbeiter an dem neu gegründeten Internationalen Institut für Sozialgeschichte in Amsterdam. In düsteren materiellen und seelischen Umständen überlebten Mayer und seine Frau den Zweiten Weltkrieg, nachdem der Sohn 1941 Selbstmord begangen hatte. Der Historiker selbst starb 1948 in London.

Die tragische Geschichte Gustav Mayers hat Gottfried Niedhart kompakt, klar und mit großer Einfühlsamkeit dargelegt. Auf einer breiten archivarischen Grundlage basierend, legt der Überblick den Nachdruck auf den schwierigen persönlichen Kampf Mayers um Anerkennung und die Folgen eines Marginalisierungsprozesses, der mehrere Dimensionen hatte. Es wäre übertrieben, Mayer als typischen Fall zu schildern – zu sehr hat seine psychische Anlage zu den vielen Problemen beigetragen, die sich ihm im Lauf seines Lebens stellten. Übertrieben wäre es dagegen nicht, die von ihm erlebten Sorgen als grundlegend für die Existenz vieler jüdischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu charakterisieren, die während dieser Zeit der Ausgrenzung zum Opfer fielen. Niedharts Biografie ist jedenfalls ein fesselnder Beitrag zur Analyse dieses Leidenswegs aus der Sicht eines prominenten Fallbeispiels.

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