Konstruktionsprinzipien der Autobiografien
Mit dem Namen des französischen Historikers Pierre Nora verbinden sich innovative Konzepte und Ansätze, die seit den 1980er Jahren in der wissenschaftlichen Geschichtsschreibung wie in den Erinnerungskulturen weltweit Einfluss entfaltet haben.1 Dies gilt für die „Erinnerungsorte“ (lieux de mémoire) und die „Gedächtnis-“ oder „Erinnerungsgeschichte“, aber auch für die ego-histoire, die der autobiografischen Selbstreflexion von Historikerinnen und Historikern eine epistemologische Relevanz für die historiografische Praxis verliehen hat.2 Nun hat Pierre Nora (Jahrgang 1931) jüngst selbst in zwei Bänden seine Erinnerungen publiziert, „Jeunesse“ und „Une étrange obstination“, die einen erzählerischen Bogen von seiner Jugend bis in die Gegenwart schlagen.3 Dem Genre der ego-histoire im engeren Sinne lassen sich die autobiografischen Texte von Nora freilich nicht zuschreiben.4 Als methodisch kontrollierte Selbsthistorisierung zielt die ego-histoire nämlich auf eine Intervention in das Feld der Geschichtswissenschaft und ihre aktuellen Debatten, indem sie die Frage stellt, inwieweit ein wissenschaftliches Werk von der sozialen, politischen oder wissenschaftlichen Sozialisation ihrer Verfasserin oder ihres Verfassers geprägt worden sei.5 Die beiden Erinnerungsbände von Nora bieten zugleich weniger und mehr, denn er war nicht nur ein Historiker, der an der École des hautes études en sciences sociale in Paris lehrte und später an der Academie française forschte. Überdies war Nora nämlich seit den 1960er Jahren in führender Position im renommierten Pariser Verlag Gallimard tätig und drückte dort als intellektueller ‚Impresario‘ den Geistes- und Sozialwissenschaften Frankreichs seinen Stempel auf.6 Ein drittes Tätigkeitsfeld schuf sich Nora, indem er 1980 „Le Débat“ gründete, eine der einflussreichsten und produktivsten Intellektuellenzeitschriften Frankreichs der letzten Jahrzehnte, deren Redaktion er bis 2020 gemeinsam mit dem Politikwissenschaftler und Philosophen Marcel Gauchet leitete.
Sein breit gefächertes Lebenswerk versucht Nora in seinen Erinnerungen einzufangen, ohne den Anspruch zu erheben, eine „kontinuierliche oder geordnete Darstellung“ seiner Biografie zu bieten. In ansprechender Prosa betont er das Persönliche und Einzigartige seines Lebenslaufs, und viele Passagen der beiden Erinnerungstexte scheinen dem Impuls des spontanen Erzählens nachzugeben. Obwohl Nora als Pionier der Erinnerungsgeschichte gelten kann, verzichtet er weitgehend auf eine theoretische Fundierung seiner Werke. Den methodischen Anforderungen einer selbstreflexiven Autobiografik genügen die Memoiren insofern nur bedingt. Durchaus zutreffend betont Nora, dass seine Erinnerungen weniger den Maximen der Geschichte (histoire) entsprächen, denen gemäß auch die eigene Vergangenheit methodisch-diszipliniert rekonstruiert werden müsste, sondern dass sie den Gesetzen des spontanen, unbewussten Gedächtnisses (mémoire) folgten (Nora: Jeunesse, S. 14f.).7 Diese im Grunde traditionelle autobiografische Vorgehensweise charakterisiert besonders die Jugenderinnerungen (Jeunesse), die Nora als „Roman der Lehrjahre“ (roman d’apprentissage) konzipiert, um von allen Ereignissen in der Phase seiner Sozialisation zu berichten, mit denen die Eigenart und Richtung seines Lebensweges bis in das hohe Alter verständlich gemacht werden könnte. Da er niemals einen festgelegten Lebensplan entwickelt oder systematisch ein Karriereziel verfolgt habe, könne er seine Autobiografie allerdings nicht rein chronologisch gliedern, sondern müsse sie als „Abfolge von Blöcken, Fakten und heterogenen Erfahrungen“ präsentieren (Nora: Jeunesse, S. 14). Trotz dieses nicht-linearen Aufbaus hält Nora an der Idee der inneren Kohärenz der Erzählung seiner Lebensgeschichte fest und versteht sie im Gegensatz zu Pierre Bourdieu durchaus als „Ausdruck einer subjektiven und objektiven ‚Intention‘“ und keineswegs als „biographische Illusion“.8 Obwohl er lange auf der Suche nach sich selbst gewesen sei und bei Entscheidungen über die Richtung seiner akademischen Karriere wiederholt gezaudert habe, sei er „stets demselben Pfad gefolgt“ und habe letztendlich sein Ziel erreicht (Nora: Une étrange obstination, S. 11). Anders als Bourdieu, der seine eigenen Erinnerungen in der Form einer „Anti-Autobiografie“9 und soziologischen „Selbstanalyse“ vorgelegt hat, nimmt Nora mit seiner Lebenserzählung nicht den „Platz des Forschers“ ein, der nach „Selbstobjektivierung“ strebt, indem er den eigenen Lebensweg distanzierend in die sozialen Konstellationen des Feldes der Wissenschaft und der Intellektuellen einordnet.10 Stattdessen wählt er für seine Autobiografie im Grunde die Form einer „Ich-Genese“ und strebt die Konstruktion einer sinnhaften Lebenserzählung an.11
Den autobiografischen Texten von Nora liegt eine narrative Selbstkonzeption zugrunde, die sich seit Ende der 1990er Jahre deutlich herausgebildet hat. Denn die Texte von „Jeunesse“ und „Une étrange obstination“ entstanden keineswegs ex nihilo oder spontan, sondern sind als Endpunkt eines langfristigen und vielschichtigen Reflexionsprozesses zu betrachten, der in einer Vielzahl von lebensgeschichtlichen Interviews und in autobiografischen Textfragmenten der letzten drei Jahrzehnte dokumentiert ist.12 Auch die voluminöse Biografie zu seiner Person aus der Feder von François Dosse, der Nora als herausragenden Intellektuellen und Erneuerer der Historiografie stilisiert, spielt in diesem Prozess eine gewisse Rolle (Nora: Jeunesse, S. 62).13 Der Wissenschafts- und Ideenhistoriker Dosse beschreibt detailliert den Lebensweg von Nora und kontextualisiert dessen Denken und Werk in den wissenschaftlichen und politischen Debatten seiner Zeit. Dabei stützt sich Dosse auf Interviews mit den Weggefährten von Nora, vor allem aber auf dessen Schriften und auf zahlreiche Gespräche mit dem Protagonisten selbst. Letzteres blieb nicht ohne Folgen für die Konzeption der Biografie, denn deren Interpretationslinie lehnt sich recht eng an das Selbstbild von Nora an, auch wenn dieser in die Recherchen und die Gestaltung der Biografie nicht eingegriffen habe.14 Ob Nora die ihm gewidmete Studie tatsächlich im Detail rezipiert hat, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen, doch dürften die von Dosse mit ihm systematisch geführten Interviews wichtige Impulse vermittelt haben, denn das „autobiografische Gedächtnis“ entfaltet und aktualisiert sich, wie Harald Welzer gezeigt hat, stets im Gespräch und im „Zusammensein mit Anderen“.15
Die über Jahre fortgesetzte Selbstbespiegelung mag einer der Gründe gewesen sein, warum Nora in seinen Erinnerungserzählungen ganz bewusst immer wieder Abstand von sich selbst zu gewinnen sucht, indem er seine eigenen Aktivitäten und Leistungen in einen weiten historischen Kontext einordnet. Autobiografische Betrachtung und Zeitgeschichte werden von Nora jedenfalls narrativ miteinander verflochten. Dazu zieht Nora seine eigenen Schriften der vergangenen Jahrzehnte heran, mit denen er seine zeitgenössischen Auffassungen rekonstruiert, um sie dann unvermeidlich aus heutiger Sicht zu interpretieren und derart in seine autobiografische Erzählung einzuflechten.16
Auf der skizzierten Grundlage präsentiert sich Nora als ein Akteur der Zeitgeschichte, der zwar nicht im Machtzentrum des akademischen Institutionengefüges gewirkt, aber von einer randständigen Position aus die intellektuelle Entwicklung Frankreichs seit den 1960er Jahren mitbestimmt habe (Nora: Une étrange obstination, S. 11).17 Für diese Selbstdarstellung verwendet Nora ein narratives Konzept, das sich bereits 2002 in einem Interview findet, nämlich das eines „Außenseiters in der Mitte“ oder eines marginal central (Nora: Une ètrange obstination, S. 12).18 Mit diesem Interpretament schreibt sich Nora eine strategische Zwischenposition zu, die sich aus dem Umstand ergeben habe, dass er als Historiker keine konventionelle Karriere (mit obligatorischer Habilitationsschrift beziehungsweise thèse) gemacht habe und außerdem parallel dazu über Jahrzehnte als leitender Redakteur, Programmleiter und Reihenherausgeber des Pariser Verlags Gallimard tätig gewesen sei.
Den Begriff des marginal central kombiniert Nora mit einem zweiten narrativen Konzept, nämlich der „seltsamen Beharrlichkeit“ (étrange obstination) seines persönlichen Lebenswegs, das er sogar als Titel für den zweiten Band seiner Erinnerungen verwendet. Das Konzept hat die Funktion eines narrativen Scharniers, das die Jugenderinnerungen mit der Darstellung seiner Karriere als Historiker und Verlagsmitarbeiter im Range eines ‚großen‘ Intellektuellen seit den 1960er Jahren im zweiten Band verbindet (Nora: Jeunesse, S. 65). Weniger systematisch verwendet er den Begriff der „Generation“, der gleichwohl ebenfalls die Erzählung strukturiert, weil sich Nora mit seiner Hilfe erzählerisch einer sozialen Gruppe von Intellektuellen zuordnet und die Herausbildung seiner eigenen Positionen aus der Prägekraft von übergeordneten Erfahrungen und aus den Zeitumständen ableiten kann (Nora: Jeunesse, S. 58f.).19
Ausgehend von den skizzierten Konzepten strukturiert Nora seine Erinnerungstexte durch vier narrative Achsen, mit denen die vielfältigen Fäden seiner autobiografischen Erzählung verbunden werden. Einen solchen narrativen Knotenpunkt stellt vorderhand die Familie dar, von der Nora in „Jeunesse“ sehr persönlich und fast liebevoll berichtet. In „Une étrange obstination“ rücken dagegen das berufliche Leben und die entsprechenden Netzwerke von Freunden, Weggefährten und Kollegen in die erste Reihe. Als weitere narrative Hauptachsen lassen sich die intellektuelle Entwicklung als Historiker, die Tätigkeit als Kulturorganisator im Verlag Gallimard und schließlich sein Engagement als demokratischer Intellektueller und Herausgeber der Zeitschrift „Le Débat“ ausmachen. Aus der autobiografischen Retrospektive streut Nora in seine Texte überdies begleitend Kritik an der Gesellschaft der 2010er und 2020er Jahre ein, auch wenn er sie gemäßigter formuliert als in seinen Zeitungsinterviews der letzten Jahre.20
Familie, jüdische Identität und französisches Nationalgefühl
Pierre Nora stammt aus einer assimilierten jüdischen Familie der bürgerlichen Oberschicht von Paris, was ihn kulturell und sozial zutiefst prägte. Am Anfang seiner Jugenderinnerungen steht die ‚Ursprungsszene‘ der Flucht vor den deutschen Besatzungstruppen in den Midi Frankreichs, die der Jugendliche Nora als den „Sprung in eine andere Welt“ erlebte (Nora, Jeunesse, S. 19f.). Im Vercors musste sich die Familie tarnen und verbergen, die älteren Brüder gingen 1943 in den Untergrund, Pierre Nora selbst entkam äußerst knapp einer Verhaftung und lebte über Jahre in „permanenter Angst“ (Nora: Jeunesse, S. 41). In dieser Phase entwickelten sich in der Familie zwar nicht konfliktfreie, doch von Solidarität geprägte tiefe Beziehungen, die ihn als Jüngsten mit seinen Geschwistern, besonders jedoch mit seinem älteren Bruder Simon verbanden, der als Jurist in den frühen 1950er Jahren in der Regierung des liberalen Reformers Pierre Mendès France mitwirkte und sich als eine Art Mentor von Pierre verstand. Auch der Ablösungsprozess von seinem autoritären Vater, einem einflussreichen Arzt, wird erzählt, ebenso erste Liebesabenteuer und Beziehungsprobleme. Mit solchen Schilderungen veranschaulicht Nora das soziale und moralische Milieu der Pariser Oberschicht, das seine Identität in den Jugendjahren prägte. Dass die Herkunft aus der bürgerlichen Elite manche Türe wie selbstverständlich öffnete und damit ein Sprungbrett seiner intellektuellen Karriere darstellte, reflektiert Nora erstaunlich wenig. Eine ebenfalls wichtige Instanz der Sozialisation war eine Gruppe gleichaltriger Freunde, zu der etwa Pierre Vidal-Naquet, Mona und Jacques Ozouf sowie François Furet zählten, der einer seiner engsten Weggefährten und über Jahre auch sein Schwager war (Nora: Jeunesse, S. 153f.). Dieser Freundeskreis war ein bedeutsamer Ausgangspunkt für die Entfaltung von dauerhaften intellektuellen Beziehungsnetzwerken und den späteren Einfluss von Nora, obschon Emmanuel Le Roy Ladurie übertreiben dürfte, wenn er dem Gespann von Pierre Nora, François Furet und Denis Richet eine führende Position in der „Intellektuellenlandschaft jener Generation“ zuschreibt.21
Auch wenn Nora die für seine Generation von Intellektuellen typische Schullaufbahn absolviert und ein Pariser Elitegymnasium (khâgne) besucht hatte, scheiterte er an der Eingangsprüfung der École Normale Supérieure (ENS), und selbst die folgende Zulassungsprüfung für das höhere Lehramt (agrégation) absolvierte er nicht mit außergewöhnlicher Bravour (Nora: Jeunesse, S. 133–158). Die „Niederlage“ an der ENS wog so schwer für Nora, dass er sie in einem eigenen Kapital verarbeitet und in gewisser Weise als einen der Ausgangspunkte seiner ungewöhnlichen Laufbahn ausweist (Nora: Jeunesse, S. 157, 200). Zwar ging Nora nach dem Examen als Lehrer für einige Jahre an ein Gymnasium in Algerien, erhielt nach seiner Rückkehr sogar ein Forschungsstipendium an der Fondation Thiers und übernahm dank der Patronage des liberalen Historikers Pierre Renouvin und vor allem von René Rémond die Position eines Dozenten an der Sciences Po, doch blieben die angestrebte Staatsthese und die klassische Hochschullehrerlaufbahn auf der Strecke. Dafür macht Nora verschiedene Gründe aus. Von großer Bedeutung war seine Abneigung gegen eine langjährige Tätigkeit an einem Gymnasium in der Provinz, die in der klassischen Laufbahn von Universitätsprofessoren nahezu obligatorisch war, doch dürften andere Faktoren mehr Gewicht gehabt haben (Nora: Jeunesse, S. 198).
Zunächst ist das öffentliche Echo auf die von Pierre Nora 1961 publizierte Broschüre „Les Français d’Algérie“ zu nennen, in der Nora scharfsinnig das „koloniale System“ in Algerien analysierte. Nicht zuletzt aufgrund seiner eigenen Erfahrungen schien Nora die algerische Unabhängigkeit unabwendbar zu sein, die Abwanderung der Franzosen aus Algerien in die Metropole präsentierte er als wahrscheinlichstes Szenario.22 Diese „empathische Distanz“ zur Kolonialherrschaft in Nordafrika rückte ihn als „jungen vielversprechenden Essayisten“ ins Rampenlicht der Öffentlichkeit, doch galt seine nüchterne Einschätzung der Lage der Algerienfranzosen zumindest Teilen der Historikerzunft als Skandal, was seine Karriere zunächst abbremste. In der autobiografischen Rückschau interpretiert Nora seine Gelegenheitsschrift über das französische Algerien dennoch als Impuls für seine weitere Entwicklung, nämlich als Ausgangspunkt seines Interesses für die „Gegenwartsgeschichte“ (histoire du temps présent), die sich weder mit den Perspektiven des vorherrschenden historiografischen Mainstreams der „Annales“-Schule noch mit der Politikgeschichte der Schule von Pierre Renouvin habe bruchlos vereinbaren lassen (Nora: Jeunesse, S. 194, 200, 189–199; ders.: Une étrange obstination, S. 112).
Ein weiteres Ereignis, das Nora ebenfalls von der klassischen Hochschullehrerlaufbahn ablenkte, weil er sich für einige Zeit aus der akademischen Welt in Paris verabschiedete, war eine lange Reise in die USA und nach Mittelamerika, die Nora dank eines großzügigen Stipendiums antreten konnte (Nora: Jeunesse, S. 202). Letztendlich entscheidend dürfte jedoch gewesen sein, dass Nora seine Passion und Berufung für die Tätigkeit als Editor-Herausgeber entdeckte und die quellenkritische Edition der Tagebücher von Vincent Auriol in Angriff nahm. Von dem Umstand, dass ihm solche Editionen im Mainstream der französischen Historikerzunft wenig Prestige vermittelten, ließ sich Nora nicht beirren, und so lancierte er bald eine innovative historische Reihe im Verlag Julliard, die „Archives“, in der umfangreiche Quellentexte in sorgfältig edierter Form herausgebracht und als Taschenbuch für ein größeres Publikum lanciert wurden. Obwohl Nora sich weiterhin auf die Unterstützung seiner Mentoren Renouvin und Rémond verlassen konnte und er an der Sciences Po als Assistent verankert blieb, stellte der Erfolg von „Archives“ die Weichen für Noras rasanten Aufstieg im französischen Verlagswesen. Denn Claude Gallimard, der seinen Verlag für die Sozial- und Humanwissenschaften öffnen wollte, warb Nora als Programmdirektor (directeur de collection) des neuen, in den 1960er Jahren dann tatsächlich rasch boomenden Bereichs an (Nora: Jeunesse, S. 215–225).
Neben den Jahren der ‚Anfänge‘, in denen der Protagonist die Weichen seines Lebensweges und seiner Karriere stellte, befassen sich die Jugenderinnerungen systematisch mit der Frage, welche Rolle das Judentum für Pierre Nora spielte. Den Erfahrungen von Flucht, Verfolgung und Marginalisierung in den Kriegsjahren, welche die assimilierte Familie Nora hart trafen und die Sozialisation des jüngsten Sohns in die bürgerliche Elite der Hauptstadt abrupt unterbrachen, schreibt Nora eine zentrale Bedeutung für seine gesamte Existenz zu. So betrachtete er sich und seinen ebenfalls aus einer jüdischen Familie stammenden Jugendfreund Pierre Vidal-Naquet als „Kinder des Krieges“ (Nora: Jeunesse, S. 48). Seine Identifikation mit dem Judentum war allerdings nicht von der religiösen Tradition geprägt. Nach dem Ende des Kriegs verweigerte Nora mit dem Gestus jugendlicher Opposition sogar die Bar-Mizwa, obwohl sein Vater ein Gespräch mit dem französischen Oberrabbiner arrangiert hatte. Religiös ist Nora auch später nicht geworden, doch näherte er sich seit den 1960er Jahren dem Judentum mehr und mehr an und identifizierte sich mit diesem in hohem Maße. In der autobiografischen Rückschau versteht er das Judentum in einem fast philosophischen Sinne als „Geschichte“, die als solche zutiefst sein Leben geprägt habe: „Für mich ist das Judentum ganz und gar Geschichte. Es ist keine Religion, im Unterschied zum Christentum; es ist ebenso wenig eine Kultur, im Unterschied zum Islam. Es ist Geschichte. Eine großartige Geschichte, welche die Jahrhunderte durchschritten hat“. Unter den Augen seiner Zeitgenossen habe dies zu zwei „Phänomenen gewaltigen Ausmaßes“ (phénomènes monstres) geführt, nämlich einerseits zur Verfolgung des jüdischen Volkes und dem Versuch, es systematisch auszulöschen, andererseits aber auch zur Gründung des einzigartigen Staates Israel: „Wie sollte ich nicht stolz darauf sein, dass mich das Schicksal mit dieser Geschichte verbunden hat“ (Nora: Jeunesse, S. 61).
Für den Prozess zunehmender Identifikation mit dem Judentum sind nach Nora einige seiner jüdischen Freunde und intellektuelle Weggefährten von großer Bedeutung gewesen, deren Bücher er teilweise bei Gallimard publizierte, etwa Léon Poliakov, Georges Friedmann und nicht zuletzt Claude Lanzmann. Dessen Auffassungen von der Shoah, die im öffentlichen Raum Frankreichs mehr und mehr Aufmerksamkeit erhielten, prägten Nora entscheidend. Von großer Relevanz waren aber auch die öffentlichen Auseinandersetzungen mit der Geschichte des Regimes von Vichy und überdies die ‚Rückkehr‘ des jüdischen Denkens, wie es von Emmanuel Levinas vertreten worden sei. Mit seiner spezifischen jüdischen Identität verortet sich Nora in einer „intermediären Generation“ zwischen der letzten des assimilierten französischen Judentums (franco-judaïsme), wie es von Marc Bloch, Raymond Aron oder Georges Friedmann repräsentiert worden sei, und der Generation von 1968. Zu deren herausragenden Exponenten zählt Nora namentlich Bernard-Henri Lévy oder auch Alain Finkielkraut, die sich mit ihren Werken selbstbewusst für die Aufwertung der geschichtlichen Gestaltungskräfte des Judentums (positivité juive) stark gemacht hätten (Nora: Jeunesse, S. 58f.).
Von dieser Entwicklung nicht zu trennen, war für Nora die Problematik des Verhältnisses von jüdischer und französischer Identität. Der Umgang mit dieser Frage ist von zentraler Bedeutung für die autobiografische Selbstverortung Noras, zumal das Thema auch in der Forschungsliteratur zu Noras Werk beziehungsweise zur Gedächtnisgeschichte seit den 1990er Jahren diskutiert wurde. So setzt sich Nora in seinen Erinnerungen an dieser Stelle explizit mit der Forschung kritisch auseinander und weist die These seines Biografen François Dosse zurück, eine jüdisch-französische „Doppelidentität“ habe Noras wissenschaftliche und publizistische Aktivitäten entscheidend geprägt. Das gelte nach Dosse vor allem für Noras Unterscheidung von „Erinnerung“ beziehungsweise „Gedächtnis“ (mémoire) und Geschichte (histoire), die mit seiner doppelten, jüdischen beziehungsweise nationalfranzösischen Identität korrespondiert habe, sowie für die Idee der lieux de mémoire und die Erinnerungsgeschichte (Nora: Jeunesse, S. 62).23 Einen solchen Gegensatz oder eine Dopplung der Identität will Nora als Zeitzeuge in eigener Sache nicht ausmachen.24 So weist er für sich jede Form von exklusivem oder xenophobem Nationalismus zurück und erklärt die ostentative Bekundung der Vaterlandsliebe für unpassend, doch betont er zugleich entschieden seine tiefe Verbundenheit mit Frankreich. Aus dieser persönlichen Identifizierung leitet der Historiker ferner seine Berechtigung zur Kritik der französischen Gesellschaft ab. Dass er in seiner Jugend als Jude verfolgt und marginalisiert wurde, so räumt Nora ein, könnte indessen tatsächlich dazu geführt haben, dass er ein geradezu existenzielles Verhältnis zu Frankreich entwickelt habe. Dies vermöge bis zu einem bestimmten Punkt die Zielrichtung seines Lebenswegs und seine historiografischen Auffassungen sowie sein Interesse für die gesellschaftliche Funktion nationaler Erinnerungsorte zu erklären: „Es ist durchaus möglich, dass in diesem unbewussten Laboratorium eine Mischung von Französischsein (francité) und Judentum (judéité) gefördert wurde, aus der sich jene seltsame Beharrlichkeit (étrange obstination) ergab, die meine Anhänglichkeit an Frankreich genährt hat“ (Nora: Jeunesse, S. 65).
Historiker und Verlagsintellektueller: Ein einflussreicher Außenseiter
Mit den Jugenderinnerungen lässt sich die Vorgeschichte der erfolgreichen intellektuellen Karriere Noras seit den 1960er Jahren erschließen, doch bildet der folgende Band „Une étrange obstination“ nicht einfach einen chronologisch anschließenden zweiten Teil seiner Erinnerungen. Eher handelt es sich um eine vertiefende Erzählung, in der sich Nora auf seine paradoxe Stellung des einflussreichen Außenseiters konzentriert. Ohne einen konkreten Karriereplan sei er mit Leidenschaft und Konsequenz „zwei Berufungen“ gefolgt. Als Historiker und Verlagsintellektueller habe er dank seiner Position ‚am Rande‘ und an der Schnittstelle von zwei verschiedenen intellektuellen Feldern die Entwicklung der Ideen in Frankreich lenken können (Nora: Une étrange obstination, S. 38).
Die Autobiografie präsentiert insofern eine persönliche Erfolgsgeschichte, doch wird zugleich deutlich, dass Nora an seiner marginalen Position, dem verzögerten Aufstieg in die intellektuelle Elite und einem nur langsam wachsenden akademischen Prestige durchaus gelitten hat. Denn um Anerkennung musste er lange kämpfen, da er bei Gallimard zwar zahllose Bände anderer Autoren herausbrachte, aber selbst als Historiker keine großen Monografien, sondern zunächst nur eine Vielzahl von Aufsätzen oder fundierten Vorworten veröffentlicht hat. Im Vergleich zu Historikern, die regelmäßig in historischen Zeitschriften konventionelle Fachtexte veröffentlichten, blieben die zerstreut publizierten Texte Noras für den Mainstream der Zunft gewissermaßen unsichtbar. Für seine frühe Karriere und die Wahrnehmung im akademischen Feld hat Nora insofern zutreffend von einem „Werk auf der Grundlage eines persönlichen Nicht-Werks“ gesprochen (Nora: Jeunesse, S. 232). Das Prekäre seiner Zwischenstellung wird besonders deutlich im Verhältnis zu dem Soziologen Raymond Aron, der Nora zwar schätzte, doch in ihm einen Intellektuellen minderen Ranges gesehen habe, weil er keinem Feld eindeutig zuzuordnen gewesen sei: „Ich glaube, er [Aron] hat niemals wirklich verstanden, welch ein hybrider Typus ich war. Und ich kann ihn verstehen! Für ihn war man entweder Verlagseditor (éditeur) oder an der Universität (universitaire). Man schrieb seine Habilitationsschrift (thèse) oder man publizierte die Bücher von anderen“ (Nora: Une étrange obstination, S. 63f.). Arons Einschätzung war keineswegs untypisch. Bis weit in die 1980er Jahre wurde Nora tatsächlich als eine Art Kulturorganisator und Verlagsfunktionär mit wissenschaftlichen Ambitionen gesehen. Erst die Konzeptualisierung und Herausgabe des mehrbändigen Mammutwerkes „Lieux de mémoire“ (1984–1993) führte zu einem enormen Prestigegewinn. Als Nora 2010/2011 schließlich bei Gallimard seine Aufsätze und Essays in eigenständigen Bänden publizierte, untermauerten diese Sammelwerke nur noch eine herausragende Position im akademischen Feld, die er mit dem Boom der Erinnerungsgeschichte seit Mitte der 1980er Jahre errungen hatte.25
Seine einflussreiche Stellung als marginal central konnte Nora nicht zuletzt deshalb ausbauen, weil er sich in der vom Kalten Krieg polarisierten französischen Gesellschaft keinem der großen politischen Lager zuordnete. Allerdings war Nora keineswegs „ein Mann ohne Meinungen“, zu dem er sich in Anlehnung an Robert Musil in seiner Autobiografie stilisiert (Nora: Jeunesse, S. 230). Denn der Historiker sah sich durchaus in der französischen Tradition kritischer Intelligenz, unterzeichnete Intellektuellenmanifeste und protestierte noch in den 2000er Jahren gegen erinnerungspolitische Eingriffe des Staats.26 Dennoch unterschied er sich mit seiner Form des Engagements von militanten, politisch engagierten Intellektuellen, sei es dem liberalen Aron oder dessen linken Gegenspieler Jean-Paul Sartre.27 Schon in den frühen 1950er Jahren verzichtete Nora – nicht zuletzt unter dem Einfluss seines liberalen Bruders – auf eine Mitgliedschaft in der Historikergruppe der Kommunistischen Partei, obwohl sich seine engsten Freunde dort engagierten (Nora: Jeunesse, S. 153f.). Auf seine Art nahm Nora gleichwohl Partei, denn in den 1960er Jahren kooperierte er mit dem „Nouvel Observateur“, der eine demokratische, antitotalitäre Linke und einen ‚dritten Weg‘ zwischen den Lagern des Kalten Kriegs repräsentierte.28 Im Kreis dieser Zeitschrift fand er eine politische Heimat und viele enge Freunde, so etwa Jacques Julliard: „Kurzum, der Nouvel Obs, das war die Familie“ (Nora: Une étrange obstination, S. 167). In den 1980er Jahren näherte sich Nora allerdings langsam einem progressiven Liberalismus an, ohne jedoch in das konservative Lager zu wechseln (Nora: Jeunesse, S. 132).29
Diese vorsichtige Distanz zur aktiven Politik spiegelt sich überdies in seiner Auffassung des Verhältnisses der Geschichtswissenschaft zur Gegenwartsgesellschaft wider, denn nach Nora muss gerade der Zeithistoriker auf politisches Engagement möglichst verzichten und wie ein „Ethnologe der Gegenwart, ein Ethnologe seiner eigenen Gesellschaft“ agieren, um den notwendigen Abstand zu seinem Forschungsgegenstand einhalten zu können.30 Dieses Verständnis von der Rolle des Zeithistorikers, der objektiv bleiben und sich darum von der Macht fernhalten müsse, geht auf die Politikhistorie der liberalen Schule von Renouvin zurück, der sich Nora verpflichtet fühlte.31 Dennoch ist er als Historiker keineswegs unpolitisch gewesen, denn für ihn bestand kein Zweifel daran, dass die historiografische Praxis den Umgang mit Geschichte und damit die nationale Identität Frankreichs unvermeidlich präge und prägen müsse (Nora: Une étrange obstination, S. 317–326).
Angesichts eines solchen Credos überrascht es nicht, dass Streitfragen der Politik im engeren Sinne in den Erinnerungen von Nora selten thematisiert werden. Dagegen bietet namentlich „Une étrange obstination“ eine Art autobiografische Wissenschaftsgeschichte, in der Nora seinen Beitrag zur Entwicklung der Geistes- und Sozialwissenschaften und der Geschichtsschreibung seit Mitte der 1960er Jahre in den Vordergrund rückt. Allerdings stellt sich der Historiker-Editor nicht als einsamen Kämpfer dar, sondern als Teil von sozialen, manchmal generationell strukturierten Netzwerken, in denen innovative Ideen entwickelt worden seien. Dementsprechend finden sich ausführliche Schilderungen der persönlichen und intellektuellen Beziehungen zu Freunden und Weggefährten, zuweilen tritt Nora in seiner Autobiografie ganz hinter seine intellektuellen Kooperationspartner (wie Michel Foucault oder Georges Duby) zurück, die er ausführlich porträtiert, indem er die wissenschaftlichen Leistungen, den Charakter und die Schwächen seiner Mitstreiter pointiert herausstreicht. Trotzdem zeigt Nora keine Neigungen zum ‚Geniekult‘, die wissenschaftlichen Innovationen der 1970er und 1980er Jahre präsentiert er quasi funktionalistisch als passförmige Antworten auf die massiven gesellschaftlichen Transformationsprozesse jener Epoche (Nora: Une étrange obstination, S. 124f., 169, 200).
Diese Grundidee prägt sowohl die Darstellung seines eigenen Wirkens als Historiker als auch seiner Aktivitäten beim Verlag Gallimard. Mittels der narrativen Zusammenschau der beiden Felder vermag sich Nora als intellektueller Wegbereiter und effizienter Kulturorganisator in Frankreich in der Epoche von etwa 1965 bis 1995 zu präsentieren. Diesem Fluchtpunkt der Erzählung von „Une étrange obstination“ entsprechend nimmt zunächst das Engagement bei Gallimard einen breiten Raum ein. Die Entscheidung für eine Tätigkeit im Verlag war keineswegs eine berufliche Verlegenheitslösung, vielmehr entsprach sie Noras enormer Faszination für das ‚Machen‘ von Büchern (auch in ihrer äußeren Gestaltung) und die besondere „Magie“ des Verlags Gallimard (Nora: Une étrange obstination, S. 23). Das Verlagswesen befand sich in den 1960er Jahren im Aufbruch und in Bewegung, Laufbahnen waren noch nicht standardisiert, und so boten die Verlage Intellektuellen wie Nora erhebliche Entfaltungsspielräume.32 Mehr als andere konnte Nora sie bei Gallimard nutzen und seine Unabhängigkeit gegenüber dem Verlag und dessen Hierarchien wahren, weil er in der akademischen Welt institutionell verankert blieb und über Jahrzehnte zwei institutionell voneinander unabhängige Laufbahnen absolvierte. Als äußerst vorteilhaft erwies sich zudem der Umstand, dass die Humanwissenschaften in den 1960er Jahren boomten und es Nora gelang, in diesem Feld eine Reihe herausragender, aufstrebender Autoren für seine rasch erfolgreichen Reihen (wie die „Bibliothèque des Sciences humaines“ oder später die „Bibliothèque des Histoires“) zu rekrutieren: „Diese Epoche hat mich getragen, und ich habe sie getragen“ (Nora: Une étrange obstination, S. 53).
Tatsächlich bietet die Autobiografie von Nora vielfältige Einsichten in die soziale und institutionelle Funktionsweise eines Verlags, dessen grundlegende Relevanz für eine moderne intellectual history einmal mehr deutlich wird.33 Das gilt zunächst für das Team von Redakteuren, das Nora um sich scharte, und mehr noch für die eindringlich in ihren verschiedenen Schattierungen geschilderten Beziehungen zu seinen Autoren oder engsten Mitarbeitern. So erhalten die biografischen Skizzen eine durchaus systematische Bedeutung, auch wenn Nora an anekdotenhaften Details nicht spart. Aus Arbeits- seien regelmäßig Freundschaftsbeziehungen hervorgegangen, in denen „ein natürliches Vertrauen“ eine enge und kontinuierliche Zusammenarbeit erleichtert habe (Nora: Une étrange obstination, S. 169). Folgt man Nora, befand er sich mit seinen Autoren in einem ständigen intellektuellen Austausch auf Augenhöhe. Damit habe er neuen Ideen den Weg bahnen und den Autoren Entwicklungschancen bieten können (Nora: Une étrange obstination, S. 130). Typisch sind etwa die Freundschaften und verlegerischen Kooperationen mit Georges Duby, Jacques Le Goff oder auch Emmanuel Le Roy Ladurie, die in den Boomjahren der „Annales“-Schule durch Verkaufserfolge, wie im Falle von „Montaillou“ (1975)34, weiter vertieft wurden. So etikettiert sich Nora in der Rückschau als „der aktivste Historiker-Verleger von Historikern in einer unvergleichlichen Epoche“ (Nora: Une étrange obstination, S. 171). Auch wenn die Bedeutung von Verlagen und Lektoren für den Wissenschaftsbetrieb sowie für die Produktion und Produktivität der Geschichtsschreibung in der Forschung generell unterschätzt wird35, dürfte Nora dennoch seinen Rang in der Intellektuellenlandschaft etwas überhöhen, wenn er sich als Antriebskraft der innovativen Tendenzen der französischen Sozial- und Geschichtswissenschaften in der Epoche von den 1960er bis in die 1980er Jahre präsentiert.
Umgekehrt verdankt sich der Aufstieg von Nora in den 1960er Jahren offenbar in hohem Maße den Kooperationen mit einflussreichen Sozial- und Humanwissenschaftlern, wie etwa mit Alphonse Dupront, und allen voran mit Michel Foucault. Durch die Publikation von dessen „Les mots et les choses“ (1966) bei Gallimard sei Nora selbst zu einem „großer Herausgeber“ (grand éditeur) avanciert, so wie man analog von einem „großen Schriftsteller“ (grand écrivain) spreche (Nora: Une étrange obstination, S. 85). Dementsprechend werden die recht schwierigen Beziehungen zu Foucault in einem eigenen Kapitel behandelt, obschon Nora niemals zu einem Parteigänger des Philosophen wurde und später dessen Auffassungen von der gesellschaftlichen Rolle des Intellektuellen strikt ablehnte (Nora: Une étrange obstination, S. 79–108).
Obwohl Nora also seine Leistungen durchaus in Szene setzt, präsentiert er sich in seinen Erinnerungen keineswegs als heldenhafter Einzelgänger. Seine Erfolge als Reihenherausgeber führt er nicht allein auf individuelles Talent, sondern auf intellektuelle Konjunkturen in den Geistes- und Sozialwissenschaften zurück, welche wiederum als Auswirkungen gesellschaftlicher und politischer Transformationsprozesse in Frankreich erklärt werden müssten. Pointiert formuliert er diese Sichtweise in einer Passage, die sich mit den Entwicklungen im Bereich der Geschichtswissenschaften der 1970er und 1980er Jahren befasst: „Die verlegerische Revolution und die historiografische Revolution schritten damals im Einklang voran“ (Nora: Jeunesse, S. 221).
Die Überzeugung, dass intellektuelle und gesellschaftliche Entwicklungen ineinander verschränkt seien, prägen auch die Darstellung von Noras einflussreichsten historiografischen Projekten, die er ebenfalls bei Gallimard lanciert hat, die „Lieux de mémoire“ (1984–1992) und die „Ego-histoire“ (1987). So überrascht es nicht, dass sich die einschlägigen Abschnitte der beiden Erinnerungsbände am weitesten vom Stil persönlicher Erinnerungsprosa entfernen. Die etwas hölzern-distanzierende Behandlung seiner historiografischen Initiativen lässt sich zunächst darauf zurückführen, dass die betreffenden Forschungsansätze und relevanten Konzepte (mémoire, histoire, nation) seit Langem Gegenstand intensiver fachwissenschaftlicher Debatten sind und die Idee der Rekonstruktion von „Erinnerungsorten“ in zahlreichen anderen nationalen Kontexten adaptiert worden ist.36 So erscheint die Autobiografie an dieser Stelle wie die Mischung aus wissenschaftshistorischer Selbstverortung und aktualisierender Bestandsaufnahme aus dem Blickwinkel der frühen 2020er Jahre, die sich verschiedentlich mit liberal-konservativer Gegenwartskritik vermischt.
Das Aufkommen einer neuartigen Sicht auf die Vergangenheit seit Mitte der 1970er Jahre führt Nora auf gesellschaftliche Wandlungsprozesse zurück, die in Frankreich zu einem Bruch des historischen Bewusstseins geführt hätten. Eine solche Transformation habe sich auch auf die Geschichtswissenschaften ausgewirkt, sodass dort das Individuum und die Erzählung eine neue Bedeutung für die wissenschaftliche Praxis gewonnen hätten. Der Fortschrittsglaube habe sich in der von Fernand Braudel und Ernest Labrousse geprägten Historikergeneration in den 1970er Jahren zunehmend verflüchtigt, wodurch die sozialhistorischen Ansätze und ihre Fokussierung auf das Quantifizierbare und Kollektive massiv an Plausibilität eingebüßt hätten. Einen Katalysator dieses Erosionsprozesses macht Nora in dem vom ihm selbst und Jacques Le Goff bei Gallimard publizierten Sammelwerk „Faire de l’histoire“ (1974)37 aus, weil es die traditionelle Strukturgeschichte infrage gestellt habe (Nora: Une étrange obstination, S. 124). Als weitere Ursache für den Wandel der historischen Perspektiven benennt Nora das Aufkommen einer neuartigen Zeitgeschichte (als Gegenwartsgeschichte), deren Entfaltung er gemeinsam mit René Rémond nach 1968 vorangetrieben habe. Schließlich sei in den 1980er Jahren in der Historiografie das „Subjekt“ aufgewertet worden, womit es zunehmend möglich geworden sei, die persönlich-biografischen Vorbedingungen der modernen Geschichtswissenschaft zu berücksichtigen. Dies habe die Tendenz der Historiker zur Selbstreflexivität gefördert, die durch die nun einsetzende Beschäftigung mit der Geschichte der eigenen Disziplin weiter forciert worden sei. Dass dieser Zugang für eine kritische historiografische Praxis unverzichtbar sei und einen epistemologischen Rang verdiene, habe Nora selbst dank seiner Studien zum Werk von Ernest Lavisse schon früh erkannt.38 Für die „Essais d’ego-histoire“ habe er die Fäden zusammengeführt und in den 1980er Jahren im Fach wie in der Öffentlichkeit prominente Historiker der mittleren Generation rekrutiert, die ihre persönlichen, zugleich aber auch gruppenspezifischen Erfahrungen mit der Historiografie dem Publikum autobiografisch dargelegt hätten. Zwar habe der Band nicht sogleich große Verkaufserfolge feiern können, doch habe er maßgeblich zum Durchbruch der neuen geschichtswissenschaftlichen Sensibilitäten und Perspektiven beigetragen (Nora: Une étrange obstination, S. 120–126).39
Den enormen Erfolg der „Lieux de mémoire“ erklärt Nora mit dem Umstand, dass die Bände des umfassenden Werks den Nerv der Zeit getroffen hätten, denn mit dem Umbruch der 1970er und 1980er Jahren habe sich die Geschichte dermaßen beschleunigt, dass die traditionellen Formen der Nationalgeschichtsschreibung und die überkommene französische Nationalidentität rasant an Bedeutung verloren hätten. Für die Beschleunigung der historischen Erfahrung und die Verflüchtigung des Glaubens an die Zukunft macht Nora verschiedene Ursachen aus, etwa das Versiegen des Wirtschaftsbooms der Nachkriegsjahrzehnte, den Untergang der bäuerlichen Gesellschaft, den Relevanzverlust von religiösen Ritualen (lateinische Messe), das Ende der revolutionären Idee, der Tod Charles de Gaulles und der Regierungsantritt von Valéry Giscard d’Estaing. Mit der aufkommenden Unsicherheit habe sich ein neues Geschichtsverständnis und ein andersartiges nationales Selbstbewusstsein durchgesetzt, was einer „Revolution der Erinnerung“ gleichgekommen sei (Nora: Une étrange obstination, S. 200). Das auf linearem Fortschrittsdenken basierende traditionelle, nationalhistorische Narrativ (beziehungsweise der roman national) habe das Bewusstsein der Franzosen nicht mehr bestimmen können. Auch die Wahrnehmung der Gegenwart habe sich verschoben, denn für das Gros der Franzosen sei sie kein Punkt mehr gewesen, an dem Geschichte und Zukunft obligatorisch zueinandergefunden hätten. Nicht die (wissenschaftlich ermittelte, universale und über das Schulwesen an alle Franzosen vermittelte) nationale Geschichte, sondern die persönliche, unmittelbare, von Gefühlen bestimmte Erinnerung habe fortan den Kern des französischen Selbstverständnisses gebildet.40 Darum habe man die Gegenwart festhalten und sich ihrer durch Erinnerung und die Pflege des symbolischen und materiellen Erbes der Nation (conscience mémorielle und conscience patrimoniale) statisch rückversichern wollen. Auf diese Weise hätten die Nation und ihre Geschichte nach und nach ihre einheitsstiftende, universelle Funktion verloren, denn mit der Erinnerungsrevolution seien partikulare Gruppen aufgekommen, welche allein ihre jeweils spezifischen Ziele und Erinnerungen geltend gemacht hätten (Nora: Une étrange obstination, S. 189–208, 324–326).
Vor diesem Hintergrund erscheint die von Nora in den späten 1980er Jahren entwickelte Erinnerungsgeschichte – überspitzt formuliert – wie ein Versuch, die nationale Geschichte und Identität zu bewahren. Nationale Erinnerungsorte ausfindig zu machen und sie zu rekonstruieren, ermöglichte demnach eine neue Form der Geschichtsbetrachtung, die nicht mehr auf die „Darstellung einer historischen Kontinuität“ setzte und die Beschleunigung der Zeitwahrnehmung akzeptierte, zugleich aber mit der notwendigen kritischen Distanz an der Möglichkeit der Pflege einer nationalen Identität festhielt, ohne in Nationalismus zu verfallen.41
In seiner Autobiografie schätzt Nora die Chancen der Erinnerungsgeschichte weitaus weniger optimistisch ein als in den 1990er Jahren.42 Die Entwicklung partikularer Identitäten (etwa von regionalistischen oder Minderheitenbewegungen) stelle, so Nora in seinen Erinnerungen und einigen jüngeren Interviews, nicht mehr notwendig eine Chance zur Emanzipation dar, weil sie die Nationalgeschichte als solche und damit die „kollektive Einheit“ der Nation mehr und mehr zu unterminieren drohten.43 Die „Nation“ gerate durch den Verlust der „Geschichte“ und die Vorherrschaft des Gedenkens sowie der Erinnerung geradezu in Gefahr abzugleiten: „Aber die Sache nimmt eine schlechte Wendung, wenn die Geschichte, die niemandem und allen gehört, nur noch geschrieben werden kann unter dem Druck von Erinnerungsgruppen, die darauf zielen, ihre partikularen Wahrheiten durchzusetzen“ (Nora: Une étrange obstination, S. 324).44 Ebenso kritisch sieht Nora eine staatliche Gesetzgebung, die auf die politische Lenkung der Erinnerung ziele, weil Historiker niemals die „Instrumentalisierung der Vergangenheit im Sinne moralischer Kriterien der Gegenwart“ hinnehmen dürften. Nach Nora steht es in einem freien Staat weder der Exekutive noch dem Parlament zu, „die Vergangenheit zu beurteilen, die historische Wahrheit zu definieren“ (Nora: Une étrange obstination, S. 317–326).
Auch wenn Nora öffentlich gegen die französischen ‚Erinnerungsgesetze‘ der 2000er Jahre demonstrierte, hielt er gleichwohl an seiner Grundüberzeugung fest, der Zeit- und Gegenwartshistoriker müsse auf ein Engagement in der Politik verzichten und sollte sich mit einer quasi ethnologischen Beobachtung der Gesellschaft begnügen. Das gilt im Grunde ebenso für die Zeitschrift „Le Débat“, die er mit der Unterstützung von Marcel Gauchet und später von Krzysztof Pomian von 1980 bis 2020 im Gallimard-Verlag herausgab. Die Gründung der Zeitschrift wird von Nora ebenfalls als Reaktion auf die Umbrüche der 1970er Jahren interpretiert. Nach dem „antitotalitären Schock“, den 1973 die Publikation von Alexander Solschenizyns „Archipel Gulag“ in der französischen Intellektuellenwelt ausgelöst hatte, gründete Nora (mit feinem Gespür für die sich ändernde Marktlage) „Le Débat“, um sich dezidiert von jedem militanten Engagement abzusetzen und eine neue Form der kritischen Auseinandersetzung mit der französischen Gegenwart anzubieten: „Es war nicht die Stunde, die Welt zu verändern, sondern sie zu verstehen“ (Nora: Une étrange obstination, S. 238). So plädierte Nora für das Konzept eines demokratischen Intellektuellen, der mit seinem Expertenwissen die unübersichtliche Gegenwartsgesellschaft entschlüssele, aber nicht sogleich Partei für eine politische Richtung ergreifen dürfe.45 Die Zeitschrift sollte eine Plattform für die Sozial- und Geisteswissenschaften bieten, auf der eine differenzierte Auseinandersetzung mit grundsätzlichen Sachproblemen der nun als undurchdringlich und komplex eingeschätzten Gegenwartsgesellschaft, aber auch eine entsprechend nüchterne Interpretation der Geschichte stattfinden sollte. Es liegt auf der Hand, dass Nora dafür in den frühen 1980er Jahren massive Kritik von rechts wie von links ernten musste. Mit dem Narrativ des marginal central ließ sich die Initiative in seine Autobiografie jedoch füglich einpassen, weil ihr Protagonist zwischen den Lagern des Kalten Kriegs freimütig changierte und beharrlich seine Unabhängigkeit behauptete (Nora: Une étrange obstination, S. 235–245).
Das Zeitschriftenprojekt hat Nora vier Jahrzehnte lang begleitet. Die Einstellung von „Le Débat“ im Jahr 2020 wird keineswegs zufälligerweise ausführlich im Schlussteil seiner Autobiografie kommentiert. Denn dieses Thema bietet Nora die erzählerische Gelegenheit, eine intellektuelle Bilanz zu ziehen und seine Kritik an der Gegenwartsgesellschaft anzubringen. Die Zeitschrift habe sich nämlich nicht länger halten lassen, weil ihr das Lesepublikum weggebrochen sei. Für diesen Verfall macht Nora (mit gelegentlich kulturkritischen Untertönen) eine Nivellierung der „Nationalkultur“ und des allgemeinen Bildungsniveaus an den Sekundar- und Hochschulen verantwortlich, denn der jüngeren Generation sei die klassische Tradition des literarischen Humanismus ebenso fremd geworden wie das Ideal des politisch interessierten, kritischen Bürgers, das für seine eigene Generation noch richtungsweisend gewesen sei. Dagegen sei in der heutigen Gesellschaft die Fähigkeit zu einer umfassenden Reflexion und das Interesse an der Debatte gesellschaftlicher Problemlagen massiv zurückgegangen. Dazu habe eine vom Internet herbeigeführte Transformation der medialen Infrastrukturen des Zeitschriftenmarktes maßgeblich beigetragen, insbesondere die Praxis einer selektiven Abrufung nur einzelner Artikel im Internet, die mit dem ursprünglichen Konzept der Zeitschrift nicht vereinbar gewesen sei. Für „Le Débat“ sei nämlich ein Publikum unverzichtbar gewesen, das Interesse an einer enzyklopädischen Gesamtschau habe und zu einer vollständigen Lektüre der thematisch vielfältigen Hefte bereit sei. „Le Débat“, stellt Nora am Schluss seiner autobiografischen Narration fest, habe es nur in der Epoche der Papierkultur geben können (Nora: Une étrange obstination, S. 331–336).
Das Ende von „Le Débat“ begründet Nora gleichwohl nicht nur mit dem Aufkommen der digitalen Mediengesellschaft. Noch gewichtiger erscheint eine generationelle Argumentationsfigur, die er auch in anderen Texten ins Feld geführt hat. Demnach waren die analytischen Kategorien seiner Generation, die sich in den 1970er Jahren aus der Einsicht in das Ende des revolutionären Zeitalters gespeist hätten, nicht mehr geeignet, um der Komplexität der Gegenwartsgesellschaft gerecht zu werden. Zwar habe „Le Débat“ die Globalisierung der 1990er Jahre produktiv reflektiert, ferner in den 2000er Jahren den Schock der aufkommenden „Macht des Islams“ verarbeitet und das Aufkommen des digitalisierten Finanzkapitalismus seit 2010 intellektuell pariert, doch erfordere die Erklärung der Gesellschaft der 2020er Jahre eine neuartige Interpretation, welche die gealterte Redaktion von „Le Débat“ nicht mehr liefern könne.46
Auch wenn Nora am Ende seiner Autobiografie melancholische Töne anschlägt, versteht er seine beiden Erinnerungsbände gleichwohl als Intervention eines Intellektuellen, welcher der französischen Nation einen Weg in die Zukunft weist (Nora: Une étrange obstination, S. 329–341). Ob Nora mit seiner gegenwartskritischen Botschaft und seinem spezifischen Nations- und Intellektuellenverständnis in dem aktuell von inneren Konflikten und Spaltungen geprägten Frankreich tatsächlich durchzudringen vermag, darf man wohl bezweifeln. Eine solche Form der ‚Aktualität‘ stellt aber ohnedies kein sinnvolles Kriterium der Relevanz von Autobiografien dar, zumal diese unvermeidlich vom politischen und gesellschaftlichen Problemkontext der Zeit ihrer Entstehung geprägt werden. Von größerem Belang für die Einschätzung autobiografischer Texte erscheinen dagegen deren Erzählweise und deren Anspruch auf methodische Reflexivität, den der Pionier der Gedächtnisgeschichte mit seinen beiden Bänden nicht ganz einzulösen vermag. An die analytische und auch literarische Qualität der herausragenden Autobiografien von Intellektuellen der letzten Jahrzehnte reichen „Jeunesse“ und „Une étrange obstination“ jedenfalls nicht heran. So können sich Noras Texte mit der Erzählkunst der Memoiren von Emmanuel Le Roy Ladurie oder mit der historischen und psychologischen Tiefenschärfe der Autobiografien von Edgar Morin oder Annie Kriegel nur bedingt messen.47 Trotzdem stellen die Erinnerungsbände von Nora historische Quellen von Rang dar, weil sie über das französische Verlagswesen seit den 1960er Jahren aus dem Betrieb heraus berichten und damit Studien zu einer von der Ideen- und Intellektuellengeschichte sträflich vernachlässigten Institution anregen. Vor allem aber tragen Noras Bände zu einer Problematisierung der Geschichte der Geschichtsschreibung des späten 20. Jahrhunderts bei, indem sie das Aufkommen der Erinnerungsgeschichte und damit einer der einflussreichen Strömungen der europäischen Historiografie seit den 1980er Jahren lebensgeschichtlich ausleuchten. Die Erinnerungen von Nora werden möglicherweise nicht in den Kanon der Klassiker der französischen Autobiografik eingehen, doch können sie zur Historisierung und kritischen Analyse der Praxis und Perspektiven der Geschichtsschreibung des frühen 21. Jahrhunderts erheblich beitragen.
Besprochene Literatur
Bonnefoit, Régine/Debary, Octave (Hrsg.): Art et lieux de mémoire. Entretiens avec Pierre Nora (= Cahier d’histoire des collections et de muséologie, Thesis 18/2018–2021), 190 S., Alphil, Neuchâtel 2021.
Nora, Pierre: Jeunesse, 240 S., Gallimard, Paris 2021.
Ders.: Une étrange obstination, 344 S., Gallimard, Paris 2022.
Funding
Open Access funding enabled and organized by Projekt DEAL.
Notes
- Soweit nicht anders angegeben, stammen die Übersetzungen vom Verfasser. Vgl. Iggers, Georg G./Wang, Q. Edward/Mukherjee, Supriya: Geschichtskulturen. Weltgeschichte der Historiografie von 1750 bis heute, übers. v. Susanne Hornfeck/Andrea Ott, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2013, S. 267; Yanhong, Huang: Les Lieux de Mémoire and Pierre Nora’s Writing of French National History, in: Wang, Q. Edward/Michihiro, Okamoto/Li, Longguo (Hrsg.): Western Historiography in Asia. Circulation, Critique and Comparison, De Gruyter Oldenbourg, Berlin u. a. 2022, S. 303–332. ⮭
- Nora, Pierre: Les Lieux de mémoire, 7 Bde., Gallimard, Paris 1984–1992; ders. (Hrsg.): Essais d’ego-histoire, Gallimard, Paris 1987. ⮭
- Nora, Pierre: Jeunesse, Gallimard, Paris 2021; ders.: Une étrange obstination, Gallimard, Paris 2022; ferner Bonnefoit, Régine/Debary, Octave (Hrsg.): Art et lieux de mémoire. Entretiens avec Pierre Nora (= Cahier d’histoire des collections et de muséologie, Thesis 18/2018–2021), Alphil, Neuchâtel 2021. ⮭
- Nora, Pierre: Présentation, in: ders. (Hrsg.): Essais (wie Anm. 2), S. 5–7. ⮭
- Aurell, Jaume: Making History by Contextualizing Oneself. Autobiography as Historical Intervention, in: History and Theory 54 (2015), H. 2, S. 244–268, hier S. 246. ⮭
- Vgl. Popkin, Jeremy D.: Ego-Histoire and Beyond. Contemporary French Historian-Autobiographers, in: French Historical Studies 19 (1996), H. 4, S. 1.139–1.167, hier S. 1.140. ⮭
- Vgl. dazu auch ebd., S. 1.143. ⮭
- Bourdieu, Pierre: Die biographische Illusion [1986], in: BIOS. Zeitschrift für Biographieforschung, Oral History und Lebensverlaufsanalysen 32 (2019), H. 1, S. 41–47, hier S. 41. ⮭
- Schultheis, Franz: Nachwort, in: Bourdieu, Pierre: Ein soziologischer Selbstversuch, übers. v. Stephan Egger, Suhrkamp, Frankfurt a. M. 2002, S. 133–150, hier S. 133. Vgl. ferner Pinto, Eveline: Autobiographie, Confessions impersonnelles, auto-analyse, in: Questions de Communication 9 (2006), S. 435–453. ⮭
- Bourdieu: Selbstversuch (wie Anm. 9), S. 9, 11. ⮭
- Holdenried, Michaela: Biographie vs. Autobiographie, in: Klein, Christian (Hrsg.): Handbuch Biographie. Methoden, Traditionen, Theorien, Metzler, Heidelberg 22022, S. 49–57, hier S. 53. ⮭
- Vgl. beispielsweise das umfängliche Interview von Pierre Nora, in: Institut national de l’audiovisuel (Hrsg.): Grands entretiens. Les Collections. Paroles d’historiens, URL: <https://entretiens.ina.fr/paroles-d-historiens/Nora/pierre-nora> [Zugriff: 09.04.2024]. ⮭
- Dosse, François: Pierre Nora. Homo historicus, Perrin, Paris 2011, S. 11. ⮭
- Ebd., S. 7f. ⮭
- Welzer, Harald: Was ist autobiographische Wahrheit? Anmerkungen aus Sicht der Erinnerungsforschung, in: Laferl, Christopher F./Tippner, Anja (Hrsg.): Texte zur Theorie der Biographie und Autobiographie, Reclam, Stuttgart 2016, S. 336–351, hier S. 348. ⮭
- Auch für Nora gilt, dass die Autobiografie beziehungsweise die ego-histoire in erster Linie etwas über die Selbstverortung und Sichtweisen des Autors zum Zeitpunkt der Abfassung des Textes aussagt. Vgl. dazu Aurell, Jaume: L’ego-histoire en perspective. Réflexions sur la nature d’un projet historiographique ambitieux, in: Cahiers de civilisation médiévale 60 (2017), H. 238, S. 125–138, hier S. 136. ⮭
- Vgl. dazu Nora, Pierre: Historien public, Gallimard, Paris 2011. ⮭
- Nora, Pierre: L’ego-histoire est-elle possible?, in: Historein 3 (2002), URL: <https://doi.org/10.12681/historein.97> [Zugriff: 26.03.2024], S. 19–26, hier S. 23. ⮭
- Vgl. dazu die Überlegungen von Depkat, Volker: Autobiographie und die soziale Konstruktion von Wirklichkeit, in: Geschichte und Gesellschaft 29 (2003), H. 3, S. 441–476, hier S. 462. ⮭
- Vgl. Nora, Pierre: Entretien avec l’historien éditeur, qui publie ses memoirs, in: Le Figaro, 15. September 2022. ⮭
- Le Roy Ladurie, Emmanuel: Une vie avec l’Histoire. Mémoires, Tallandier, Paris 2014, S. 90. ⮭
- Dosse: Pierre Nora (wie Anm. 13), S. 77f. ⮭
- Ebd., S. 11f. Vgl. ferner Nora, Pierre: Zwischen Geschichte und Gedächtnis, in: ders.: Zwischen Geschichte und Gedächtnis, übers. v. Wolfgang Kaiser, Wagenbach, Berlin 1990, S. 11–33. ⮭
- Vgl. zu dieser Problematik auch Depkat, Volker: Zum Stand und zu den Perspektiven der Autobiographieforschung in der Geschichtswissenschaft, in: BIOS. Zeitschrift für Biographieforschung, Oral History und Lebensverlaufsanalysen 23 (2010), H. 2, S. 170–187. ⮭
- Nora, Pierre: Présent, nation, mémoire, Gallimard, Paris 2011; ders.: Historien (wie Anm. 17); ders.: Lieux (wie Anm. 2). ⮭
- Nora: L’ego-histoire (wie Anm. 18), S. 24; Sirinelli, Jean-François: Intellectuels et passions françaises. Manifestes et pétitions au XXe siècle, Fayard, Paris 1990, S. 456. ⮭
- Vgl. dazu Khilnani, Sunil: Arguing Revolution. The Intellectual Left in Postwar France, Yale UP, New Haven, CT/London 1993; Sirinelli, Jean-François: Deux intellectuels dans le siècle, Sartre et Aron, Fayard, Paris 1995. ⮭
- Vgl. Winock, Michel: Le siècle des intellectuels, Seuil, Paris 1997, S. 683. ⮭
- Dosse: Pierre Nora (wie Anm. 13), S. 505–513. ⮭
- Toranian, Valérie/Kopp, Robert: „L’Histoire en France a été le nerf de l’unité nationale“. Entretiens avec Pierre Nora, in: Revue des Deux Mondes No 3789 (Novembre 2017), S. 8–30, hier S. 24. ⮭
- Rémond, René (Hrsg.): Pour une histoire politique, Seuil, Paris 1988. ⮭
- Vgl. zu diesem Problemkreis etwa die Darstellung von Schneider, Ute: Der unsichtbare Zweite. Die Berufsgeschichte des Lektors im literarischen Verlag, Wallstein, Göttingen 2015. ⮭
- Vgl. Hübinger, Gangolf: Ideenzirkulation und Buchmarkt. Ein Themenschwerpunkt zu neuen Konstellationen der Verlags- und Intellektuellengeschichte, in: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 27 (2002), H. 1, S. 116–124. ⮭
- Le Roy Ladurie, Emmanuel: Montaillou, village occitan de 1294 à 1324, Gallimard, Paris 1975. ⮭
- Vgl. dazu Scheider: Zweite (wie Anm. 32); Blaschke, Olaf: Verleger machen Geschichte. Buchhandel und Historiker seit 1945 im deutsch-britischen Vergleich, Wallstein, Göttingen 2010. ⮭
- Vgl. etwa Tai, Hue-Tam Ho: Remembered Realms. Pierre Nora and French National Memory, in: The American Historical Review 106 (2001), H. 3, S. 906–922 sowie Raynaud, Philippe: Les lieux de l’historien Pierre Nora, in: Revue des Deux Mondes N° 3767 (Juin 2015), S. 106–117; Kreis, Georg: Pierre Nora besser verstehen – und kritisieren, in: ders. (Hrsg.): Schweizer Erinnerungsorte. Aus dem Speicher der Swissness, NZZ Libro, Basel 2010, S. 327–347. ⮭
- Le Goff, Jacques/Nora, Pierre (Hrsg.): Faire de l’histoire, 3 Bde., Gallimard, Paris 1974. ⮭
- Nora, Pierre: Ernest Lavisse. Son rôle dans la formation du sentiment national, in: Revue Historique 228 (1962), H. 1, S. 73–106. ⮭
- Vgl. dazu bereits die Ausführungen von Nora: L’ego-histoire (wie Anm. 18). ⮭
- Vgl. dazu bereits Nora, Pierre: Wie lässt sich heute eine Geschichte Frankreichs schreiben?, in: ders. (Hrsg.): Erinnerungsorte Frankreichs, Beck, München 2005, S. 15–23. ⮭
- Ders.: Postérité des Lieux de mémoire, in: Bonnefoit/Debary (Hrsg): Art (wie Anm. 3), S. 15–27, hier S. 19. ⮭
- Vgl. dazu ders.: Geschichte (wie Anm. 23), S. 11–33; ferner ders.: Gedächtniskonjunktur, in: Transit. Europäische Revue 22 (Winter 2001/2002), S. 18–31, hier S. 30f.; vgl. dazu Berger, Stefan/Seiffert, Joana: Einleitung. Erinnerungsorte – ein Erfolgskonzept auf dem Prüfstand, in: dies. (Hrsg.): Erinnerungsorte. Chancen, Grenzen und Perspektiven eines Erfolgskonzeptes in den Kulturwissenschaften, Klartext, Essen 2014, S. 11–36, hier S. 13. ⮭
- Toranian/Kopp: „L’Histoire“ (wie Anm. 30), S. 15, 19, 25–27. ⮭
- Vgl. dazu bereits Nora, Pierre: Das Zeitalter des Gedenkens, in: ders. (Hrsg.): Erinnerungsorte (wie Anm. 40), S. 543–575, hier S. 543. ⮭
- Vgl. dazu auch Winock: Le siècle (wie Anm. 28), S. 760; ferner Dosse, François: Pierre Nora ou l’avènement de l’intellectuel démocratique, in: Revue historique 664 (2012), H. 4, S. 921–936. ⮭
- So die Argumentation bei Nora, Pierre: Quarante ans, fin et suite, in: Le Débat 210 (2020), H. 3, S. 3–5, hier S. 4. ⮭
- Le Roy Ladurie, Emmanuel: Paris–Montpellier P.C.–P.S.U. 1945–1963, Gallimard, 1982; Morin, Edgar: Autobiographie, Seuil, Paris 1959/1970; Kriegel, Annie: Ce que j’ai cru comprendre, Laffont, Paris 1991. ⮭
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