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Einzelrezension

Fenemore, Mark: Dismembered Policing in Postwar Berlin. The Limits of Four-Power Government, 272 S., Bloomsbury Academic, London 2023.


Keywords: Review, Fenemore, Mark, 2023, Alltagsgeschichte, Mentalitätsgeschichte, Verwaltungsgeschichte, Alliierte Besatzung, Polizei, Berlin

How to Cite:

Olenik, A., (2024) “Fenemore, Mark: Dismembered Policing in Postwar Berlin. The Limits of Four-Power Government, 272 S., Bloomsbury Academic, London 2023.”, Neue Politische Literatur 69(2). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-024-00589-9

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© The Author(s) 2024 under CC BY International 4.0

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2024-07-16

Im Mai 1948 gingen die Mitglieder des Sicherheitskomitees (Public Safety Committee) der Alliierten Kommandantur über eine personalpolitische Frage letztlich für immer im Streit auseinander. Amerikaner, Briten und Franzosen auf der einen Seite sowie der sowjetische Vertreter auf der anderen Seite konnten sich bei einer Anhörung im Komitee nicht auf einen Fragekatalog einigen. Damit gaben sie einen Vorgeschmack auf den Bruch der Viermächteverwaltung in Berlin einen Monat später. Dass eine Krise um den Assistenten des Polizeipräsidenten im sowjetischen Sektor Willy Schubert (SED) diesen Vorfall ausgelöst hatte, unterstreicht die Bedeutung der Polizei für die alliierte Besatzung im Spannungsfeld der globalen Nachkriegsordnung.

Mark Fenemore spürt in seiner Studie ebendiese Bedeutung auf und besetzt damit eine Forschungslücke. Im Geflecht der Post-Konflikt-Forschung untersucht der Verfasser die interalliierte Konkurrenz und Zusammenarbeit auf dem Feld polizeilicher Kontrolle und Überwachung (policing) in Berlin. Die Berliner Polizei war zweierlei: politisches Instrument der Regierenden und Organisation zur Kriminalitätsbekämpfung. Dieser Doppelfunktion geht Fenemore in Form einer Alltags- und Mentalitätsgeschichte des heraufziehenden Kalten Krieges „from the perspective of local actors“ (S. 11) nach. Lokal Handelnde sind dabei nicht nur die deutschen Amtsträger in Polizei und Verwaltung, sondern vor allem die Alliierten selbst – in Kommandantur und (sektoralen) Militärregierungen.

Der Autor gliedert sein Werk in drei Teile, die chronologisch aufeinander aufbauen. Ausgehend von den Bedingungen unmittelbar nach Kriegsende schildert Fenemore im ersten Teil die Wiederherstellung polizeilicher Ordnung unter den „special conditions and circumstances“ (S. 19) alliierter Viermächtekontrolle. Im Detail betrachtet er die Besatzung und die mit ihr entstehende Machtasymmetrie zwischen Alliierten und Deutschen als Faktor für Verbrechen, insbesondere in den Bereichen Schwarzmarkt und Prostitution beziehungsweise sexuellen Beziehungen. „The shift from combat to occupation mode“ (S. 74), der administrativ zügig vereinbart wurde, gelang den Militärregierungen nur langsam. Der zweite Teil des Buches stellt die Kooperation zwischen den Alliierten und ihr langsames Zerbrechen bis zum 28. Juli 1948 in den Mittelpunkt. Von da an war die Polizei in beiden Stadthälften mit einer immer schärferen Grenzziehung zwischen den Sektoren konfrontiert, die Gewaltausbrüche und diplomatische Zwischenfälle mit internationalem Eskalationspotenzial verursachte. Denn das Zerschlagen des „gordian knot“ (S. 101) einer zunehmend dysfunktionalen Viermächteverwaltung bedeutete die Teilung Berlins. In West-Berlin konnte sich so eine Kooperation zwischen westalliierten Streitkräften und der Polizei entwickeln. Im dritten Teil präsentiert Fenemore zwei Fallbeispiele aus den auseinanderstrebenden Teilstädten, die Einblick geben in die durch die Teilung der Stadt erschwerte sektorenübergreifende Strafverfolgung. Es handelt sich zum einen um die Jugendbande um Werner Gladow sowie zum anderen um die Krankenschwester Elisabeth Kusian als Einzeltäterin.

„Dismembered Policing in Postwar Berlin“ greift auf die Akten der Nationalarchive in Washington, D.C. und London sowie das Archiv des französischen Außenministeriums zurück. Dennoch dominiert für die gesamte Studie immer wieder die amerikanische Überlieferungsperspektive. Beispielsweise wird den militärisch-politischen Besonderheiten der Vereinigten Staaten, wie der Segregation innerhalb der Armee, mit einem Unterkapitel über „interracial sex“ (S. 82–99) Rechnung getragen. Britische und französische Spezifika im Bereich der Besatzung (wie das koloniale Element) erhalten dagegen nicht die gleiche Aufmerksamkeit. Insbesondere für die späten 1940er Jahre wäre die Vielschichtigkeit des westalliierten Lagers einer ‚klassischen‘ Dichotomie des Ost-West-Konflikts gegenüberzustellen.

Ein umfangreiches Register sowie ein Literaturverzeichnis komplettieren die Monografie; bedauerlicherweise fehlt eine Übersicht zu den herangezogenen Archivbeständen und -sammlungen.

Fenemores gut lesbare Arbeit leistet einen wichtigen Beitrag zur Nachkriegsgeschichte Berlins und zur Mikrogeschichte der internationalen Beziehungen. Sie unterstreicht, welchen Mehrwert eine Einbeziehung der Geschichte der alliierten Besatzung für die Geschichte der deutschen Länder und Kommunen nach 1945 besitzt. Anhand der Viersektorenstadt Berlin, die als „Testfall für die […] Idee der kollektiven Sicherheit“ gilt (Arthur Schlegelmilch: Hauptstadt in Zonendeutschland, 1993, S. 94), kann eine Verflechtungsgeschichte beider Perspektiven – wie Fenemore zeigt – gewinnbringend erzählt werden.

Hinweis des Verlags

Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.