Andrew I. Port geht es in seinem Buch „Never Again“ um die Reaktionen der Deutschen auf die ‚anderen‘ Völkermorde. Davon ausgewählt hat er drei, die sich etwa dreißig beziehungsweise fünfzig Jahre nach dem Ende des NS-Regimes auf verschiedenen Kontinenten abspielten: in Kambodscha, Bosnien und Ruanda. Der Untersuchungszeitraum erstreckt sich über mehr als fünf Jahrzehnte, wobei der von den Amerikanern ermöglichte, 1995 unterzeichnete Friedensvertrag von Dayton den Abschluss bildet.
Deutschland gilt Port als das Land der Reue schlechthin, und so kommt er immer wieder darauf zurück, inwieweit zeitgenössische Genozide durch die Brille der spezifischen Erfahrungen mit den antijüdischen NS-Verbrechen heraus wahrgenommen und interpretiert wurden. Das deutsche Beispiel zeige, „how political interests and domestic debates about the past […] influence […] decisions“ (S. 12). Port lässt sich dabei von der These leiten, dass die in Deutschland zum Ausdruck gebrachte Haltung „about crimes against humanity elsewhere offers novel insights into how they came to terms with the National Socialist past“ (S. 13). Außer auf Ports eigenem Aktenstudium beruht die Studie auf zahllosen Stellungnahmen in Buch- und Presseveröffentlichungen und auf einer beachtlichen Zahl von Interviews, die der Verfasser mit Akteuren der jüngeren deutschen Zeitgeschichte geführt hat. Unter ihnen sind nicht nur Politiker, sondern auch unentwegt in der humanitären Hilfe Tätige wie Rupert Neudeck und Monika Hauser.
Einführend schildert Port, wie es in der ersten Hälfte der 1950er Jahre dazu kam, dass die Regierung Adenauer der Genozid-Konvention der Vereinten Nationen vom 9. Dezember 1948 beitrat. Die erst wenige Jahre zurückliegenden Vertreibungen von Deutschen aus Osteuropa spielten dabei eine große Rolle.
Anschließend zeichnet der Autor den Prozess nach, mit dem die Erkenntnis, dass die Durchsetzung eines egalitären, mit rücksichtslosen Massenumsiedlungen verbundenen ‚Steinzeit-Kommunismus‘ Mitte der 1970er Jahre in Kambodscha zu einem Völkermord führte, in der Öffentlichkeit Verbreitung fand. Dabei unterschieden sich in der Bundesrepublik die Sichtweisen in eher links- oder rechtsorientierten Medien; in der DDR wurden die Gräueltaten der Roten Khmer als Ausdruck eines von China ausgehenden maoistischen Irrwegs abgelehnt. Der Sturz des Regimes von Pol Pot im Januar 1979 fiel mit der Erstausstrahlung der Fernsehserie „Holocaust“ zusammen. Wie Port sprachkritisch vermerkt, erschien dieser Begriff, den die Gesellschaft für deutsche Sprache zum Wort des Jahres erklärte, nun immer häufiger in Presseartikeln, in denen über die Gräuel in Kambodscha berichtet wurde. Nachdem jahrelange Machtkämpfe überwunden und ein Friedensvertrag unterzeichnet war, beteiligte sich Deutschland Anfang der 1990er Jahre sogar an der Friedensmission der Vereinten Nationen („United Nations Transitional Authority in Cambodia“). Zu dem Auslandseinsatz entsandte die Bunderegierung erstmals ein erhebliches Truppenkontingent der Bundeswehr, insbesondere unbewaffnetes medizinisches Personal, das sich an den friedenssichernden Maßnahmen, wie der Rückführung von mehreren Hunderttausend Flüchtlingen aus Thailand, beteiligte (S. 141). Damit stieß das internationale Engagement Deutschlands in eine neue Dimension vor.
Im zweiten Hauptteil stehen die „Völkermorde nach der Wiedererlangung der deutschen Einheit“ im Mittelpunkt, also die Verbrechen an der Menschheit in Bosnien und Ruanda. Letzteres gehörte zum Gebiet der ehemaligen Kolonie Deutsch-Ostafrika. Daher war zwar ein historischer Zusammenhang gegeben, am Ende des 20. Jahrhunderts bestanden aber kaum mehr Verbindungen zu dem kleinen frankophonen Land. Während französische Soldaten die „Initiative“ übernahmen (S. 256), die Lage in Ruanda zu stabilisieren, konzentrierten sich die deutschen Bemühungen auf humanitäre Hilfe für jene, die massenhaft ins benachbarte Ausland geflohen und in Lagern untergebracht waren. Es wurden beträchtliche Finanzmittel bereitgestellt, trotz der – besonders gegen Schwarze gerichteten – rassistischen Grundstimmung in Teilen der deutschen Bevölkerung (S. 238–240, 261).
Weitaus stärker erreichte die deutsche Öffentlichkeit das kriegerische Geschehen in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens. In den 1940er Jahren hatte die Wehrmacht sich an der Zerschlagung Jugoslawiens beteiligt und in der Region zahllose Kriegsverbrechen an einer widerständigen Zivilbevölkerung begangen. Diese Wunden waren – auch dank des westdeutschen Zusammenlebens mit einer großen Zahl jugoslawischer ‚Gastarbeiterinnen‘ und ‚Gastarbeiter‘ – etwas verheilt. Umso entsetzter reagierte man, als der von Serben ausgehende Vernichtungskrieg gegen muslimische Landsleute in Bosnien wiederholt offenkundig wurde. Die Hilfsbereitschaft war groß; Deutschland empfing mit 350.000 bis 400.000 aus Bosnien vertriebenen Flüchtlingen mehr als jedes andere Land (S. 217). Hatte man sich viel zu lange dem Selbstbetrug hingegeben, kein Einwanderungsland zu sein, setzte unter dem frischen Eindruck von massenhaft verübter Gewalt ein Umdenken ein, was die Aufnahme von (Bürger‑)Kriegsflüchtlingen in immer größerer Zahl zur Folge hatte.
Zur Beschreibung der NS-Zeit benutzte Begriffe machten im Kontext der Gräuel in Bosnien mehr als zuvor die Runde – und damit der Streit darüber, ob dies überhaupt zulässig sei (S. 185 ff). Port hält fest, der Bezug auf den Nationalsozialismus sei dabei häufig nur ein rhetorisches Mittel gewesen, doch dessen ungeachtet erscheine es wichtig, „wie die Deutschen über ‚andere‘ Genozide sprachen, weil sich daran ablesen lässt, warum sie so reagiert haben, wie sie es taten [Hervorh. jeweils im Orig.]“ (S. 305). Je nach politischem Standpunkt zog man unterschiedliche Lehren aus der deutschen Geschichte, wenn es um die Beteiligung an Friedensmissionen ging (S. 203).
Befürchtungen vor deutschen Großmachtambitionen, stellt Port am Ende fest, „were lagerly unwarranted“, aber das vereinigte Deutschland wurde „more self-assertive and more interventionist [Hervorh. im Orig.]“ (S. 297).
Konsequent geht der Verfasser, wenn er deutsche Akteure erwähnt, auf ihren biografischen und – im Fall der jüdischen oder teilweise jüdischen – ebenfalls auf deren familiären Hintergrund ein. Auch Richard Holbrooke (1941–2010), der das Abkommen von Dayton ausgehandelt hatte, war Sohn einer in Stuttgart gebürtigen Jüdin: Die Familie von Trudi Moos (1920–2009) hatte Hamburg 1933 Richtung Argentinien verlassen.
Nicht nur in Bezug auf die Deutung des Geschehens in Ruanda, als man aufgrund der vorurteilsbeladenen Klischees aus der Kolonialzeit unfähig war, den Konflikt zwischen den ethnischen Gruppen richtig einzuschätzen (S. 263–269), hält Port der deutschen Debatte einen Spiegel vor. Immer wieder kann er in seiner scharfsinnigen Analyse, die eine Vielzahl von sorgsam belegten Äußerungen einbezieht, auch den zeitgeschichtlichen Hintergrund ausleuchten und mit den Erfahrungen verbinden, welche die Deutschen mit der NS-Zeit – und der Erinnerung daran – gemacht hatten. Dabei stellte sich heraus, dass das Land, das sich lange Zeit zugutehielt, gegen die Versuchungen des Rechtspopulismus und Rechtsextremismus immunisiert zu sein, sich dem Trend in anderen Ländern mit Verzögerung anschloss.
Am Ende vermag der Autor zu verdeutlichen, auf welche Weise der Blick auf die ‚neuen‘ Völkermorde das Verständnis dafür veränderte, welcher Auftrag aus dem Holocaust abzuleiten sei – und dass es womöglich mit diplomatischen Anstrengungen und humanitärer Hilfe nicht sein Bewenden haben müsse. So brach sich die Erkenntnis Bahn, dass gegebenenfalls – wie im zerfallenen Jugoslawien – auch mit militärischen Mitteln einzugreifen sei, um Genozidhandlungen Einhalt zu gebieten.
Dies sei auch zuletzt wieder deutlich geworden, wie Ports Nachwort über die Reaktion auf den russischen Einmarsch in der Ukraine und die dort verübten Kriegsverbrechen zu entnehmen ist. Wobei diese „Zeitenwende“ schon unter anderem Vorzeichen stand, wenn Andrew Port erklärt: „the absence of any real discussion about the weight of Germany’s history was more of a rupture than the decision to send heavy weapons to Ukraine“ (S. 318).
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