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Einzelrezension

Kertzer, David I.: Der Papst, der schwieg. Die geheime Geschichte von Pius XII., Mussolini und Hitler, übers. v. Martin Richter/Tobias Gabel, 704 S., wbg Theiss, Darmstadt 2023 (engl. 2022).


Keywords: Review, Kertzer, David, 2023, Papst Pius XII., Mussolini, Hitler, Diplomatiegeschichte, Nationalsozialismus, Faschismus, Judenverfolgung

How to Cite:

Schieder, W., (2024) “Kertzer, David I.: Der Papst, der schwieg. Die geheime Geschichte von Pius XII., Mussolini und Hitler, übers. v. Martin Richter/Tobias Gabel, 704 S., wbg Theiss, Darmstadt 2023 (engl. 2022).”, Neue Politische Literatur 69(2). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-024-00587-x

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© The Author(s) 2024 under CC BY International 4.0

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2024-07-17

Hier geht es um ein schwer zu schreibendes Buch, denn der Verfasser untersucht die Beziehungen des katholischen Papstes Pius XII. zu den faschistischen Diktatoren Benito Mussolini und Adolf Hitler. Das ist schon deshalb nicht leicht, weil der Papst nur formal als Staatsoberhaupt des Vatikans mit den beiden Diktatoren den gleichen völkerrechtlichen Rang, als Oberhaupt der katholischen Kirche jedoch für beide auch eine innenpolitische Bedeutung hatte. Der Autor David I. Kertzer geht davon aus, dass alle Beziehungen zwischen Pius XII. und Mussolini und Hitler – auch die kirchenpolitischen – im Grunde außenpolitischer Art waren und insofern auf diplomatischem Wege verhandelt wurden. Das Buch ist deshalb rein diplomatiegeschichtlich geschrieben. Hitlers Repression der katholischen Kirche in Deutschland und ihr Widerstand dagegen werden nur am Rande behandelt. Nicht diskutiert wird auch die inzwischen anerkannte wissenschaftliche Auffassung, dass die katholische Kirche Italiens an der Basis (bei den Priestern) zeitweise eine politische Säule des faschistischen Regimes gewesen ist. Die beiden wichtigsten Vertreter dieser klerikalfaschistischen Interpretation des italienischen Katholizismus, Giovanni Miccoli und vor allem Enzo Collotti, berücksichtigt Kertzer nicht – Collotti erwähnt er überhaupt nicht, während er Miccoli wenigstens einmal im Literatur-, nicht aber im Personenverzeichnis aufführt.

Der Verfasser rühmt sich, „die erste ausführliche Darstellung der Ereignisse auf Grundlage der vor Kurzem geöffneten Archive“ geschrieben zu haben (S. 23). Damit meint er die von Papst Franziskus 2020 für die Amtszeit von Pius XII. geöffneten vatikanischen Archive. Er führt dafür das Archivio Apostolico Vaticano, das Archivio della Congregazione per la Dottrina della Fede, das Archivio Storico della Segreteria di Stato und das Archivium Romanum Societas Iesu auf. Nicht benutzt hat er in den verschiedenen vatikanischen Archiven offenbar die Carte Pio XII., also den eigentlichen Nachlass Eugenio Pacellis.

Kertzer behauptet, dass sein Buch aufgrund des Zugangs zu diesen Archiven voll sei von „zuvor unbekannten Materials und neuer Enthüllungen“. Er habe dafür „Tausende von Dokumenten gelesen, die für die Entscheidungen Pius XII. zwischen 1939 und 1945 relevant waren“ (S. 23). Damit kann er vielleicht unbedarften Lesern imponieren, für den professionellen Historiker ist es normal, für ein Buch zahllose Dokumente durchzusehen, von denen dann möglicherweise nur wenige zitiert werden. Es kommt nicht auf die Zahl der Dokumente an, sondern darauf, ob sie wirklich bisher unbekannt sind und vor allem darauf, wie sie interpretiert werden. Sieht man die 109 Seiten Anmerkungen des Buches genauer durch (S. 565–674), kommt man aber zu dem erstaunlichen Ergebnis, dass Kertzer gar keine so große Menge an neu in den vatikanischen Archiven aufgefundenen Dokumenten herangezogen hat. Nach einer groben Schätzung sind es nicht mehr als fünfzig. Das könnte daran liegen, dass er nicht so viele für ihn wichtige Dokumente gefunden hat, wie er unterstellt. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass mehr nicht zu finden waren. Das würde bedeuten, dass über das Verhalten von Pius XII. im Zweiten Weltkrieg bereits mehr oder weniger alles bekannt war, als die vatikanischen Archive für Kertzer geöffnet wurden. Entgegen seiner Vorgabe bietet das vorliegende Buch also nicht unbedingt eine „neue Sicht auf den Papst und den Vatikan während des Krieges“ (S. 23f.).

Die ganz große Masse der von ihm zitierten Quellen hat Kertzer Memoiren (zum Beispiel von Galeazzo Ciano und Cesare Orsenigo) oder anderen Primärquellen, vor allem aber wissenschaftlichen Editionen entnommen. Hier sind insbesondere die elf Bände der von Pierre Blet mustergültig edierten „Actes e documents du Saint-Siegè relatifs à la Seconde Guerre mondiale“ zu nennen, die vom Vatikan seinerzeit herausgebracht wurden, um die politischen Angriffe auf Pius XII. zu parieren, die 1963 ihren Ausgangspunkt in Rolf Hochhuths Theaterstück „Der Stellvertreter“ hatten. Dieser Edition hat Kertzer mindestens ebenso viele Dokumente entnommen wie bisher unbekannte aus den vatikanischen Archiven – von den großen nationalen Akteneditionen Italiens, Deutschlands, Frankreichs und Großbritanniens ganz zu schweigen, die er intensiv auswertet. Das darin und in einer umfangreichen wissenschaftlichen Literatur enthaltene Material ist jedoch mehr oder weniger vollständig bekannt.

Es kann daher nicht überraschen, dass die Grundthese von Kertzers Buch kaum von der Einschätzung abweicht, die in der Forschung schon längst vertreten wird – auch ohne Zugang zu den Akten der Amtszeit von Pius XII. Kertzer hat das nur in einer klareren und unmissverständlicheren Sprache zum Ausdruck gebracht als bisher viele katholische Kirchenhistoriker. Das wird besonders in den „Schlussgedanken“ seines Buches (S. 543–553) deutlich, die er eigens seinem „Epilog“ (S. 531–542) angehängt hat. Es empfiehlt sich, diese „Schlussgedanken“ zuerst zu lesen, weil sie – weit mehr als eine bloße Zusammenfassung – erkennen lassen, mit welcher Einstellung Kertzer sein Buch geschrieben hat. Zentral ist auch für ihn das ‚Schweigen des Papstes‘. Er hält nichts davon, dies mit dessen Bestreben zu erklären, die Kirche als Institution zu erhalten. Er sei hier zwar erfolgreich gewesen, „[n]immt man den Papst jedoch als moralische Führungsinstanz in den Blick, so hat Pius XII. versagt (S. 553).“ Die in der Italienischen Republik nach 1946 entstandene Erinnerungskultur, „sich an Pius XII. als eine Heldengestalt zu erinnern“ sieht Kertzer deshalb äußerst kritisch. Er interpretiert sie überzeugend als ein umfassenderes Bestreben, „die unbequeme faschistische Vergangenheit Italiens umzudeuten, eines Bestrebens, das weit über den kirchlichen Bereich hinausgeht“ (S. 552).

Das ‚Schweigen des Papstes‘ beginnt für Kertzer schon mit dem nationalsozialistischen Überfall auf Polen, bei dem er von 600 Massakern an Zivilpersonen ausgeht, was den Erkenntnissen der historischen Forschung in Polen entspricht. Es setzt sich 1940 beim deutschen Überfall auf die Beneluxstaaten fort, obwohl Pius dabei an die drei Staatsoberhäupter – allerdings nichtssagende – Briefe schreibt. Auf die Entfesselung des Krieges gegen Frankreich reagiert Pius überhaupt nicht. Dem Ratschlag, Hitler zu exkommunizieren, der an ihn herangetragen wird, folgt er weder bei dieser Gelegenheit noch später. Zur Verfolgung der Juden schwieg er erstmals 1938, in Deutschland zu dem Pogrom vom 9. November, in Italien zu den faschistischen Rassengesetzen. Mit Hitlers Überfall auf die Sowjetunion 1941 war der Papst deshalb zufrieden, weil dieser dem Kommunismus galt, vor dem er sich seit seiner Zeit als Nuntius während der Münchner Revolutionszeit mehr fürchtete als vor dem Faschismus.

Das Verhalten von Pius XII. gegenüber dem Massenmord an den Juden hat für Kertzer daher eine Vorgeschichte. Erst seit 1941 sah sich der Papst für ihn unaufhörlich „dem Druck ausgesetzt, seine Stimme gegen die deutschen Gräueltaten zu erheben“ (S. 243). Kertzer stellt dar, wie Pius am 16. Oktober schweigt, als in Rom 1.259 jüdische Menschen zusammengetrieben und nach Auschwitz gebracht wurden. Er schweigt auch, als am 23. März 1944 in den römischen Fosse Ardeatine 335 Geiseln von der SS ermordet werden. Beide Male geschah das gewissermaßen vor seinen Augen. Dass er über die an ihn herangetragenen Massenmorde in den deutschen Vernichtungslagern des Ostens schwieg, war dann schon beinahe selbstverständlich.

Umso auffälliger war es, dass sich Pius, wie Kertzer ausführlich darstellt, seit 1942 mehrfach zu den alliierten Bombardements in Italien zu Wort meldete, von dem die großen Städte mit etwa 4.000 Toten und großen Zerstörungen getroffen wurden. Als die Kirche San Lorenzo fuori le mura am Rande von Rom getroffen wurde, begab er sich sogar dorthin, um die Opfer theatralisch zu beklagen.

Das sind alles keine unbedingt neuen Erkenntnisse. Es ist aber das Verdienst Kertzers, das Verhältnis von Pius zu Hitler und zu Mussolini parallel dargestellt zu haben, das bisher fast immer nur zu jeweils einem der Diktatoren untersucht wurde. Dabei kommt heraus, dass sich der Papst von Mussolini lange Zeit eine mäßigende Wirkung auf Hitler erhoffte. So lange die faschistischen Diktatoren auf der Siegerstraße zu sein schienen, war er „sorgsam darauf bedacht, Hitler und die Nazis mit keinem Wort zu verurteilen“ (S. 234). Dem ist zuzustimmen.

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