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Einzelrezension

Telford, Luke: English Nationalism and Its Ghost Towns, 166 S., Routledge, London/New York 2022.


Keywords: Review, Telford, Luke, 2022, Großbritannien, Nationalismus, Brexit, Steel Town, Deindustrialisierung, Arbeiterschicht, Neoliberalismus, Kapitalismus

How to Cite:

Mares, D., (2024) “Telford, Luke: English Nationalism and Its Ghost Towns, 166 S., Routledge, London/New York 2022.”, Neue Politische Literatur 69(2). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-024-00584-0

Rights:

© The Author(s) 2024 under CC BY International 4.0

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Published on
2024-06-27

Sechs Jahre lang hat Luke Telford, inzwischen Dozent für „Criminal Justice and Social Policy“ an der University of York, nach eigener Angabe als Barkeeper in einem Arbeiter-Club gearbeitet. Dies gab ihm Gelegenheit, die Meinungen der Gäste zu politischen und gesellschaftlichen Themen zu hören. Entsprechend groß war seine Empörung, als die akademische Suche nach den Ursachen für die breite Zustimmung zum Brexit und zu Boris Johnsons konservativer Revolution in Nordengland in herablassende Klischees zu münden schien: Die Bevölkerung sei als rassistisch, verführbar und rundheraus dumm charakterisiert worden – und dies auf der Grundlage quantitativ angelegter Studien, die eine genaue Kenntnis der Zusammenhänge vor Ort vermissen ließen. Ist die Situation – fragt Telford – nicht komplexer?

Seine Studie, die auf seiner Doktorarbeit beruht, geht daher anders vor: Der Autor führte 24 Interviews, die er einer qualitativen Auswertung unterzieht. Alle Gespräche fanden mit Einwohnerinnen und Einwohnern aus „Steel Town“ im Nordosten Englands statt. Der Begriff bezeichnet eine Industrieregion, die sich am Fluss Tees in der Nähe der Stadt Middlesbrough entlangzieht und nach einer Blütezeit der Kohle‑, Stahl- und chemischen Industrie inzwischen zu den am stärksten von der Deindustrialisierung gebeutelten Regionen Englands zählt. In den Gesprächen kommen die Hoffnungslosigkeit und Desillusionierung der Bevölkerung zum Vorschein. Nachdem die ortsansässige Industrie in den letzten Jahrzehnten stillgelegt und das letzte Stahlwerk wenige Jahre vor der Corona-Pandemie, in deren unmittelbarem Vorfeld die Gespräche 2018 und 2019 stattfanden, geschlossen wurde, empfinden viele Interviewte einen zermürbenden Kontrollverlust in ihrem Leben. In vielen Erinnerungen der Gesprächspartner aus allen Altersgruppen, je zur Hälfte weiblichen und männlichen, vornehmlich – der Sozialstruktur der Region folgend – ‚weißen‘ Angehörigen der Arbeiterschicht, erscheint die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts als eine Art goldenes Zeitalter, mit Vollbeschäftigung, sicheren und qualifizierten Arbeitsplätzen sowie guter Bezahlung. Inzwischen ist die Sichtweise der Menschen geprägt von schlecht bezahlter, temporärer Beschäftigung, Arbeits- und Perspektivlosigkeit. Und von der Kritik an Einwanderung, Sozialmaßnahmen für Migranten und einer angeblichen Benachteiligung der eingesessenen Bevölkerung.

Telford fordert, solche Haltungen nicht zu verurteilen, sondern sie aus ihrem Kontext heraus zu verstehen. Große Teile seines Buches sind daher der Darstellung des historischen Hintergrundes gewidmet, von den Anfängen „Steel Towns“ in der Industrialisierung über die Behauptung in den Weltkriegen, die Blütezeit der Nachkriegsjahrzehnte bis zum Verfall der ökonomischen und gesellschaftlichen Grundlagen in den ersten Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts. Dies ist vom Ansatz her plausibel – in der Durchführung allerdings mit stark politischer Wertung unterlegt. Telford folgt einem geradezu klassischen marxistischen Geschichtsbild: Grundsätzlich steht die Arbeiterschaft gegen das ausbeuterische ‚Kapital‘, das von den politischen Eliten unterstützt wurde und wird. Telford ist daher kritisch gegenüber den Beschwörungen einer guten alten Zeit durch seine Gesprächspartnerinnen und -partner. Er verweist nicht nur auf den auch in dieser Zeit schon deutlichen Rassismus, sondern vor allem auf den illusionären Charakter dieser Rückschau – die Zeiten von Wohlstand und Vollbeschäftigung konnten nichts anderes sein als eine zeitweilige Aberration auf dem eigentlichen Weg der kapitalistischen Ausbeutung. Als Hauptursache der gegenwärtigen Übel macht Telford den Neoliberalismus aus. Mussten die Arbeiter nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst für das System gewonnen werden, schaltete ‚das Kapital‘ seit den 1970er Jahren durch den Neoliberalismus auf die offene Fragmentierung und Individualisierung der Arbeiterklasse um, um sich erneut voll und ganz dem Ziel der Gewinnmaximierung widmen zu können. Im historischen Abriss finden sich in ihrer schlichten Form eigentlich überholte Einschätzungen wie diejenige, „fascism was the arm of the bourgeoisie acting in its own self-interest to maintain their class position through crises“ (S. 17). Besondere Verachtung hat der Autor für die Labour Party übrig, die er als Weggefährtin des Kapitals schildert, die sich letztlich dazu hergegeben habe, der Ausbeutung ein akzeptables Gesicht zu verleihen.

Das analytische Grundgerüst gibt der Studie ihre Klarheit und einen prägnanten Grundton. Es hat allerdings Nachteile für die Auswertung der Interviews. Zum einen werden breitere globalgeschichtliche Herausforderungen, in denen sich auch die britische Entwicklung bewegte, nicht systematisch in die Analyse integriert. Vor allem aber legt Telford die Aussagen seiner Interviewpartner nicht in einem verstehenden Sinn aus. Wo es passend erscheint, nimmt er sie für die antikapitalistische Position in Anspruch. Äußern sich die Gesprächspartner aber nicht in diesem Sinne, trifft sie der Vorwurf, den „core enemy – capital“ nicht richtig erkannt zu haben (S. 123). Rassistische Äußerungen werden auf diese Weise zu einer Art falschen Bewusstseins, das den Verschleierungstaktiken des Kapitals auf den Leim gegangen ist. Auch der Kernbegriff des Nationalismus bleibt blass konturiert – Telford definiert ihn nirgendwo, sondern es entsteht der Eindruck, dass er deckungsgleich mit einem Konglomerat aus Rassismus, anti-europäischer Haltung und Verärgerung über ‚political correctness‘ ist. Letztlich erscheint daher auch Telfords Analyse, die mit dem Anspruch angetreten ist, der Komplexität der Erfahrungen gerecht zu werden, gerade in ihrer Stringenz unterkomplex. Oft wünscht man sich bei der Lektüre längere Auszüge aus den Interviews und ein Auffächern von deren Bezugssystemen statt der ausschließlichen, geradlinigen Einordnung in ein immer wieder mit denselben Worten beschriebenes antikapitalistisches Narrativ, das an manchen Stellen stärker vom Analyseraster als von den Aussagen der Gesprächspartner her vorgezeichnet zu sein scheint. Trotz der eindringlichen Beobachtungen, die das Buch zu bieten hat, erscheint es doch letztlich eher eindimensional argumentiert.

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