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Einzelrezension

Skrabania, David/Rosenbaum, Sebastian (Hrsg.): Die Volksabstimmung in Oberschlesien 1921. Nationale Selbstbestimmung oder geopolitisches Machtspiel?, 583 S., Brill | Schöningh, Paderborn 2023.


Keywords: Review, Skrabania, David/Rosenbaum, Sebastian (Hrsg.), 2023, Oberschlesien, Volksabstimmung, 1921, Deutschland, Polen, Minderheit, nationale Erinnerung

How to Cite:

Thierfelder, S., (2024) “Skrabania, David/Rosenbaum, Sebastian (Hrsg.): Die Volksabstimmung in Oberschlesien 1921. Nationale Selbstbestimmung oder geopolitisches Machtspiel?, 583 S., Brill | Schöningh, Paderborn 2023.”, Neue Politische Literatur 69(2). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-024-00582-2

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© The Author(s) 2024 under CC BY International 4.0

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2024-06-26

Das vorliegende Werk geht zurück auf eine internationale Tagung im Juni 2021, welche das Oberschlesische Landesmuseum Ratingen zusammen mit namhaften Partnern, wie dem Institut für Nationales Gedenken in Kattowitz (pl. Katowice), anlässlich des hundertjährigen Jubiläums der Volksabstimmung in Oberschlesien 1921 abhielt. Es erschien in der Publikationsreihe „FOKUS“ des Zentrums für Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften. Die 600 Seiten des Buches umfassen sechs klar gegliederte Abschnitte mit insgesamt 31 Beiträgen, eingefasst von Einleitung und gemeinsamen Literatur‑, Personen- und Ortsverzeichnissen.

Der Gegenstand des Sammelbandes ist ein zentrales Moment in der deutsch-polnischen Beziehungsgeschichte des 20. Jahrhunderts. In Deutschland ist die Volksabstimmung aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden. Die polnische Erinnerung wird wiederum durch die drei eng mit ihr in Verbindung stehenden polnischen Aufstände bestimmt. Einzuordnen ist die Volksabstimmung als Teil eines größeren Phänomens nach dem Ersten Weltkrieg, neue Grenzziehungen in sprachlich und national gemischten Gebieten mithilfe von Plebisziten zu legitimieren.

Eine Monografie zur Volksabstimmung fehlt bislang. Die Herausgeber des Bandes David Skrabania und Sebastian Rosenbaum erheben den Anspruch einer multiperspektivischen Annäherung an das Thema. Intention ist, die Forschung erstmals umfassend zu bündeln (S. XXII–XXIII). In der Gesamtschau eröffnet sich durch die Fülle von Themensetzungen und Narrationen tatsächlich ein breit gefächertes Panorama. Die Unterschiede der polnischen und deutschen Rezeption werden sichtbar und, wo nötig, gut herausgearbeitet. Aus heutiger Sicht problematische Aspekte werden nicht ausgespart.

27 Autoren und drei Autorinnen machen aus dem Buch eine Anthologie: Teil I umfasst Einführung und Forschungsstand. Die drei deutschen Autor_innen Guido Hitze (S. 3–10), Juliane Haubold-Stolle (S. 30–40) und David Skrabania (S. 63–80) rekurrieren auf die Dreiteilung der Erinnerung an die Volksabstimmung in Deutschland: erstens als nationales Gedenken bis 1945, zweitens die zunehmende Beschränkung des Themas auf das landsmannschaftliche Milieu der beiden schlesischen Vertriebenenverbände bis Ende der 1980er Jahre, und drittens die völlige Erinnerungsabsenz in der restlichen deutschen Gesellschaft seit dem Zweiten Weltkrieg. Die beiden polnischen Autoren Ryszard Kaczmarek (S. 11–29) und Bernard Linek (S. 41–62) erklären, weshalb die Volksabstimmung für Polen kein positives Narrativ bot, die drei Polnischen Aufstände 1919, 1920 und 1921 (im Polnischen „Schlesische Aufstände“) jedoch über politische Lagergrenzen hinweg einen festen Platz in der nationalen Erinnerungslandschaft erhielten.

Im zweiten Teil werden wichtige internationale Akteure thematisiert. Jörn Leonhard (S. 83–97) erläutert die globalen Zusammenhänge der Volksabstimmung im Kontext der Pariser Friedenskonferenz. Karsten Eichner (S. 98–110) vergleicht die policy von Franzosen und Briten zwischen der Konferenz und der Teilung Oberschlesiens. Evelyne Adenauer (S. 111–123) bespricht Italiens neutralitätsbemühten Einsatz bei der Volksabstimmung, Sascha Hinkel (S. 124–133) die Rolle des Breslauer Bischofs und des Vatikans. Piotr Pałys (S. 134–150) beschreibt anhand von Konsulatsakten den Blick der Tschechoslowakei auf die Volksabstimmung. Maciej Fic (S. 151–168) und Benjamin Conrad (S. 169–185) analysieren die Rollen der beiden konkurrierenden Staaten Polen und Deutschland. Beide Beiträge sind thematisch zentral. Sie überschneiden sich inhaltlich zwangsläufig mit den Teilen III bis V und könnten an einer stärker hervorgehobenen Stelle stehen.

In Teil III geht es um Gründe für den Wahlentscheid, die wahlberechtigte Bevölkerung sowie die gesellschaftliche Unterstützung aus Deutschland und Polen. James Bjork (S. 189–199) erörtert das ungefestigte nationale Zugehörigkeitsgefühl im Grenzraum. Andrzej Michalczyk (S. 263–281) befasst sich mit dem Faktor der (saisonalen) Migration, während Lutz Budrass (S. 232–268) über die Identität der ins Ruhrgebiet abgewanderten Oberschlesier schreibt. Zbigniew Gołasz (S. 200–231) beschreibt wiederum die Genese und Intensität des Engagements der polnischen Zivilgesellschaft für die Volksabstimmung.

Im vierten Teil werden die Plebiszitkampagnen behandelt. Mirosław Węcki (S. 285–301) bespricht das polnische Plebiszitkomissariat. Guido Hitze (S. 302–323) arbeitet die verworrenen deutschen Strukturen heraus. Neben dieser politischen Ebene gab es konspirative und paramilitärische Strukturen: Grzegorz Bębnik (S. 324–345) referiert diese für die polnische, Matthias Lempart (S. 346–363) für die deutsche Seite. Es folgt ein Beitrag über die deutsche und polnische Propaganda von Sebastian Rosenbaum (S. 364–387).

Die Beiträge in Teil V widmen sich dem Ergebnis der – und den Reaktionen auf – die Volksabstimmung. Jakub Grudniewski (S. 391–404) bespricht den organisatorisch formalen Rahmen der Plebiszitregeln. Marek Jurkowski und Beniamin Czapla (S. 405–416) analysieren in ihrem Beitrag das Stimmungsbild in Oberschlesien anhand wichtiger Lokalzeitungen. Rosenbaum (S. 423–442) ordnet in seinem zweiten Sammelbandbeitrag die unterschiedlichen zeitgenössischen Bewertungen ein. Er unterscheidet dabei zwischen behördenintern korrekten Analysen, öffentlich subjektiven Behauptungen und emotionalen Reaktionen im öffentlichen Raum. Dawid Smolorz (S. 417–421) nimmt eine Bewertung des Abstimmungsausgangs anhand des Wohnumfeldes vor. Danach waren die Kriterien Stadt oder Land beziehungsweise prodeutscher Westen und propolnischer Osten bestimmende Faktoren, während weder die auswärtigen Wähler noch das Kriterium Muttersprache wahlentscheidend waren.

Abgerundet wird das Werk in Teil VI durch Fallbeispiele, die Stoff für vergleichende Studien bieten. Die ersten beiden Beiträge erweitern den deutsch-polnischen Kontext des schlesischen Raumes um Tschechien als dritter Konfliktpartei. Jiří Neminářs Beitrag zum Hultschiner Ländchen (S. 445–467) behandelt die mit der Geschichte der Volksabstimmung eng verknüpfte Grenzfestsetzung dieses Konstrukts des Versailler Friedensvertrags. Bartholomäus Fujak (S. 468–487) schreibt über das Teschener Schlesien, wo eine Volksabstimmung zugunsten eines alliierten Schiedsspruchs über die künftige Grenzziehung unterlassen wurde.

In keinem direkten Zusammenhang mit Oberschlesien stand die Abstimmung in Kärnten, über die Wilhelm Wadl (S. 511–520) berichtet. Anhand der Studie lassen sich einige interessante Parallelen zur Volksabstimmung in Oberschlesien herausarbeiten. Über das Ödenburg-Referendum (hu. Sopron) schreibt Áron Máthé (S. 521–535). Auch hier scheint ein Vergleich – insbesondere hinsichtlich der Unterschiede – fruchtbar und eröffnet so einen interessanten neuen Blickwinkel.

Die beiden Beiträge zu Ost- und Westpreußen sowie Schleswig verfehlen das Thema. Dies ist bedauerlich, denn gerade zu diesen Plebisziten wäre ein Vergleich mit der Volksabstimmung in Oberschlesien lohnenswert. Florian Paprotnys Beitrag zur Abstimmung in Ost- und Westpreußen (S. 488–498) ist irreführend; bis auf wenige Halbsätze thematisiert er nur das Plebiszit in Südostpreußen. Sein Fokus auf Masuren bewirkt eine thematische Verkürzung. Zudem basiert der Aufsatz auf älterer Literatur und wichtige Forschung, wie zum Beispiel von Robert Traba (Wschodniopruskość, 2005), fehlt. Grażyna Szelągowska (S. 499–510) schreibt mehr über den Gesamtkontext der ‚Schleswig-Frage‘ als über die beiden Nordschleswig-Abstimmungen selbst, die nur einen sehr geringen Anteil am Inhalt haben. Deutsche Forschung, wie beispielsweise von Jan Schlürmann (Eine Grenze für den Frieden, 2019) oder von Broder Schwensen (Schleswig-Holsteiner-Bund, 1993) bleibt komplett unberücksichtigt.

Das Buch geht weit über das eigentliche Thema der Volksabstimmung hinaus und bettet diese in ein vielfältiges Themenumfeld ein. Die einzelnen Beiträge stehen aber zum Teil nur lose nebeneinander. In Aufbau und Qualität sind sie heterogen. Wünschenswert wäre daher eine stärkere Abstimmung durch die Herausgeber gewesen. Auch ist zu bedauern, dass es kein Konferenzresümee gibt, in welchem etwaige Diskussionen zusammengefasst werden. Neben kleineren orthografischen Fehlern müssen folgende Unklarheiten genannt werden: Die Region heißt im Deutschen Pommerellen und nicht Pommern (S. XIV); das Adjektiv „hakatistisch“ drückt eine radikalnationalistische deutsche Haltung im Osten aus und muss im Deutschen erklärt werden (S. 365); das Personenverzeichnis ist zum Teil fehlerhaft: So fehlt die Nennung von mindestens 15 Belegstellen für Carl Ulitzka. Die Abstimmungen nach dem Ersten Weltkrieg sind durch das besondere Merkmal der auswärtigen Abstimmungsberechtigten gekennzeichnet. Wie sich auch in zahlreichen Beiträgen dieses Bandes zeigt, fehlt für dieses Phänomen noch immer ein allgemeingültiger, präziser Begriff in der deutsch-polnischen Forschung. Der Rezensent plädiert dafür, Termini wie „Emigrant“ oder „Heimkehrer“ als zu unpräzise und pejorativ zu überdenken. Passende Alternativen sind französisch „Votant“ und englisch „Outvoter“ (S. 106, 115 und 154).

Dennoch sei festgehalten: Das vorliegende Werk eignet sich gut für eine Leserschaft mit Vorwissen und leistet einen wichtigen Beitrag für die weitere Forschung.

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