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Einzelrezension

Akyol, Çiğdem: Die gespaltene Republik. Die Türkei von Atatürk bis Erdoğan, 400 S., S. Fischer, Frankfurt a. M. 2023.


Keywords: Review, Akyol, Çi?dem, 2023, Türkei, Türkische Republik, Kemalismus, Islamismus, Modernisierung, Militär, Polarisierung

How to Cite:

Vömel, J., (2024) “Akyol, Çiğdem: Die gespaltene Republik. Die Türkei von Atatürk bis Erdoğan, 400 S., S. Fischer, Frankfurt a. M. 2023.”, Neue Politische Literatur 69(2). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-024-00581-3

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© The Author(s) 2024 under CC BY International 4.0

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2024-06-26

Das Interesse der deutschen Öffentlichkeit an allem Türkischen ist ungebrochen. So findet sich zum 100. Jahrestag der Republikgründung nach Maurus Reinkowskis Einführung nun bereits die zweite breit angelegte Geschichte des republikanischen Jahrhunderts auf dem deutschen Buchmarkt. Çiğdem Akyol gelingt eine souveräne und facettenreiche Darstellung, in der sie ihre langjährige Erfahrung als Türkeikorrespondentin diverser Medien und Autorin eines Länderportraits (2015) sowie einer Erdoğan-Biografie (2016) voll ausspielen kann. Schon im Titel verweist sie auf ihr zentrales Motiv: Die tiefsitzende gesellschaftliche und politische Polarisierung der Türkei, für die sie die rabiate Modernisierungspolitik der Kemalisten zur Verantwortung zieht. Dieses Motiv ist nicht neu, trägt aber in vielen Feldern – besonders in den zahlreichen politischen Konflikten des Landes, auf denen das Augenmerk von Akyols Darstellung liegt. Es birgt jedoch auch einige Fallstricke.

Akyols Stil ist leicht und flott, angenehm zugänglich und gelegentlich auch unterhaltsam. Konsequent bleibt sie im lebendigen Präsens. Elegante Wendungen wie von den Militärputschen als „Fieberschüben“ oder von Kemal Atatürk als dem „Prediger seiner Religion der Logik“ gehen ihr leicht von der Hand. Besonders plastisch stellt sie das Hauptpersonal der politischen Elite dar – geschickt webt sie hierzu immer wieder bilderreiche Anekdoten oder Begebenheiten ein, die abseits der Ereignisfolge den Blick auf die politische Kultur bis hin zum politisch-religiös Imaginären der Republik freigeben. Atatürk, ‚Vater‘ der Republik und zentrale Ankerfigur des omnipräsenten Nationalkultes, erscheint wundersam als Schattensilhouette einer Felsformation seinem Volk. Adnan Menderes, erster demokratisch gewählter Ministerpräsident, kehrt nach seiner Hinrichtung als weißer Reiter wieder und scharrt seine Anhänger um sich. Süleyman Demirel, über vier Jahrzehnte Führungsfigur der republikanischen Rechten und begnadeter Aphoristiker, betont auf Touren durch das ländliche Anatolien seine einfache Herkunft und wird als ‚Stehaufmännchen‘ der Konservativen besungen. Recep Tayyip Erdoğan toppt, während er seine Gefängnisstrafe für das öffentliche Vortragen eines islamistischen Gedichtes antritt, mit einem emotionsgeladenen Poesiealbum die türkischen Charts der späten 1990er Jahre.

Akyol gliedert ihr Material in fünf Kapitel, die die einhundertjährige Republikgeschichte chronologisch in fünf Perioden à zwanzig Jahren aufarbeiten. Oft verlässt sie die Chronologie, um einen Sachverhalt breiter und über die Epochen hinaus auszuführen – was ihr gelingt, ohne dass der Leser den Erzählfaden verliert. Jedem Kapitel ist ein Exkurs beigeordnet, der zentrale Themenkomplexe erörtert, wie die Kurdenfrage, das einflussreiche Präsidium für Religionsangelegenheiten, das lange über alle Entwicklungen wachende Militär, die gegängelte und doch sprudelnde literarische Szene und die häufig politisierte Justiz. Entsprechend ihres Leitmotivs gibt Akyol den Konflikten der „gespaltenen Republik“ und den daraus hervorgehenden Umbrüchen den meisten Raum und stellt diese plausibel und eingängig dar. Hieraus folgt aber auch, dass Akyols Erzählung stets auf die großen Transformationen und Schlüsselmomente zuläuft: Das Ende des Kemalismus, die einschneidenden Militärputsche von 1960, 1980 und 1997, sowie die Triumphe von Erdoğans AKP seit 2002. Teils geschieht dies zu hastig, sodass die Epochen auf Vorläufe zu diesen Einschnitten zusammenschmelzen. Während Akyol die kemalistische Ära noch ausführlich (und ausgesprochen kritisch) aufbereitet, beschreibt sie den Charakter späterer Epochen wesentlich blasser. Unterbeleuchtet bleiben so etwa die Amerikanisierung, der Antikommunismus und das religiöse Revival der 1950er Jahre, die liberale kulturelle und politische Atmosphäre der 1960er und 1970er und die zivilgesellschaftliche Blüte der 1990er Jahre. Mit zunehmender Aktualität gerät Akyols Darstellung immer stärker zum Abriss von Ereignissen, besonders in Hinblick auf die seitens Erdoğan bevormundete Presse und Justiz. In dieser Chronologie bricht das Buch dann recht unvermittelt ab; es fehlt ein kräftiger Schusspunkt mit Überlegungen zu Entwicklungsperspektiven und Rückgriff auf die großen Erzählstränge.

Das Bild vom Gegensatz zwischen den ‚weißen‘ und ‚schwarzen‘ Türken, der urbanen, säkularen, wirtschaftsstarken Elite und der ländlichen, religiösen, wirtschaftsschwachen Masse und ihren jeweiligen politischen Vertretungen hat sich zu einem Klischee verfestigt. Auch Akyol bemüht es, zumal es sich nahtlos in das Grundmotiv der „gespaltenen Republik“ einfügt. Es ist jedoch überkommen. Schon in den 1960er Jahren schickten sich Politiker an, die konservative anatolische Bourgeoisie in den Provinzstädten zu vertreten; die hieraus hervorgegangene islamistische Partei war von Anbeginn ein urbanes Unternehmen. Anfang der 1980er Jahre hatte das Militär selbst die „Türkisch-Islamische Synthese“ als neue Leitideologie ausgerufen, freilich ohne dabei republikanische Grundfesten infrage stellen zu wollen. Finanzkapital aus der arabischen Welt wurde willkommen geheißen. Bald formierte sich das sogenannte „Grüne Kapital“ (yeşil sermaye – also das islamische Kapital), das bald vom Industrie- und Handelsverband MÜSİAD vertreten wurde. Eine islamisch-konservative Mittel- und Oberschicht entstand zügig. Ab den 1990er Jahren wählten schließlich auch die Metropolen mehrheitlich islamisch-konservativ. Ebenfalls verbaut das Klischee den Blick auf die Gemachtheit vermeintlich essenzieller Charakterzüge. So hatte etwa die Linke durchaus ihre ländlichen Bastionen – was erst mit dem Putsch von 1980 auf einen einförmigen Konservatismus zugerichtet wurde. Auch der aktuelle islamisch-nationalistische Mainstream verschärfte in zwanzig Jahren an der Macht die gesellschaftliche Polarisierung. Und trotz mehr oder weniger brutalen militärischen Intermezzos war manch frühere Epoche pluralistischer als die heutige der zivilen AKP. Ein Zusammenhang, der nicht nur mit Erdoğans Persönlichkeit und politischer Dominanz zu erklären ist.

Die tiefe Spaltung führt Akyol jedoch einzig auf das kemalistische Modernisierungsdiktat zurück. Kritik an diesem durchzieht den gelungenen ersten Teil des Buches. Der zweite Teil bleibt im erzählerischen Rhythmus, fällt im kritischen Duktus jedoch ab. Über die Ideologie und Gesellschaftsutopien der Islamisten erfährt man kaum etwas. Necip Fazıl Kısakürek, einflussreicher Vordenker der islamistischen Rechten, und andere formulierten ein autoritäres und uniformes Gesellschaftsmodell, das bis heute in den Vorstellungen Erdoğans und seiner Regierungspartei aufscheint. Ein ausgeprägter Opfergestus und die Vorstellung, Träger des ‚wahren‘ Volkswillens und Repräsentant eines unverfälschten kulturellen Selbsts der Türken zu sein, verlieh den Islamisten Durchhaltewillen und Selbstbewusstsein. Dass die Literatur zu diesem Komplex noch schwächer ist, ist jedoch nicht Akyols Versäumnis. Die kritische Auseinandersetzung hiermit steht – ungleich derer mit dem Kemalismus – noch am Anfang.

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