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Einzelrezension

Schoeps, Julius H.: Im Kampf um die Freiheit. Preußens Juden im Vormärz und in der Revolution von 1848, 368 S., EVA, Hamburg 2022.


Keywords: Review, Schoeps, Julius H., 2022, 19. Jahrhundert, Vormärz, 1848, Preußen, Juden, jüdischer Anteil an Demokratisierung, Identitätsproblem, Antisemitismus

How to Cite:

Siemann, W., (2024) “Schoeps, Julius H.: Im Kampf um die Freiheit. Preußens Juden im Vormärz und in der Revolution von 1848, 368 S., EVA, Hamburg 2022.”, Neue Politische Literatur 69(2). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-024-00579-x

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© The Author(s) 2024 under CC BY International 4.0

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2024-11-06

Das hier vorzustellende Buch aus der Hand des renommierten Potsdamer Emeritus für Neuere Geschichte und Direktors des Moses Mendelssohn Zentrums für europäisch-jüdische Studien füllt eine Lücke in der Geschichte der deutschen Freiheitsbewegungen im 19. Jahrhundert, die in der Revolution von 1848/1849 kulminierten. Erstmals systematisch behandelt es den bisher eher fragmentarisch und punktuell erwähnten Anteil deutscher Juden „im Kampf um die Freiheit“. Julius Hans Schoeps zieht hier gewissermaßen Bilanz aus seinem reichen Forscherleben, wobei er Bekanntes um Funde und Belege aus ungedruckten Archivalien, der zeitgenössischen Tagespublizistik, aus Zeitzeugenberichten und entlegenen Druckschriften ergänzt. Bei dem prägnanten Buchtitel hatte wohl der Verlag mit Blick auf den Verkaufserfolg die Hand im Spiel, denn tatsächlich beginnt der Autor mit dem ausgehenden 18. Jahrhundert, und mehr als ein Drittel des Buches weist über 1848 hinaus bis ins Kaiserreich.

Wie selbstverständlich beschränkt sich Schoeps auf Preußen, aber das ist plausibel. Erstens ist ihm der staatliche Aktionsraum als historisches Kontinuum wichtig, denn erst in diesem lassen sich Kampf, Erfolge sowie Misserfolge und überhaupt eine Entwicklung darstellen. Das verdeutlicht Schoeps biografiehistorisch an Protagonisten wie Moses Mendelssohn, Gabriel Riesser, Johann Jacoby, Aaron Bernstein, Fanny Lewald oder Ferdinand Lassalle und ihren Netzwerken. Schon allein aus pragmatischen Gründen ließe sich das nicht mit allen 38 Staaten des Deutschen Bundes machen, die alle ihre je eigenen Judengesetzgebungen hatten. Zweitens kam Preußen durch die frühe Emanzipationsdiskussion in der Aufklärung und durch das Emanzipationsedikt von 1812 eine besondere Rolle unter den deutschen Staaten zu. Und drittens beherbergte es als – von der Habsburgermonarchie abgesehen – größter Flächenstaat im Deutschen Bund die meisten politisch aktiven Juden.

Schoeps’ Leitfrage lautet, „ob und inwieweit jüdische Männer und jüdische Frauen zur Demokratisierung Preußens und Deutschlands im Vormärz und in der Revolution von 1848 einen erkennbaren Beitrag geleistet haben“ (S. 11), wobei er sich auf „die jüdische Vorhut eines neuen modernen und aufgeklärten Denkens“ (S. 14) fokussiert. Es ist aber gerade die Stärke der Darstellung, dass der Autor die Diskrepanz zur traditionell eingestellten Mehrheit der jüdischen Bevölkerung nicht unterschlägt, sondern tief in das Identitätsproblem der deutschen Juden in deren „Formationsperiode“ zwischen 1830 und 1870 (Jacob Toury) hineinführt. Dieses äußerte sich in Fragen wie: Welche Geltung sollten die Ritualgesetze behalten? Sollten Rabbiner weiterhin eine Schiedsgerichtsbarkeit innehaben? Sollte man zugunsten der Karriere konvertieren? Sollte der traditionelle Messiasglaube weiter gelten? Sollten das Studium der Bibel und die deutsche Unterrichtssprache das traditionell hebräische Talmudstudium ersetzen? Sollte man ganz auf das Jiddische verzichten? Der Leser lernt im Detail die Wortführer der ‚Orthodoxen‘ und ‚Reformer‘, deren Mittel und Foren kennen, wo der innere jüdische Emanzipationszwiespalt artikuliert wurde und in deren Horizont eine neue „Wissenschaft des Judentums“ (Abraham Geiger) entstand.

Dem Emanzipationsimpuls und -pathos der jüdischen Protagonisten im preußischen Vereinigten Landtag 1847, in der konstituierenden Berliner Nationalversammlung und in der Paulskirche stand eine beklemmende Gegenwelt gegenüber, wo sich in Teilen der jüdischen Bevölkerung, besonders in kleineren Landgemeinden, ein Klima der Angst vor judenfeindlichen Ausschreitungen breitmachte, namentlich auch zu Beginn der Revolution 1848. Der Autor bietet für die tiefreichende Verunsicherung aus den Beständen des Berliner Jüdischen Museums ein eindrucksvolles, bisher unveröffentlichtes Zeugnis aus dem Notizbuch von Moritz Veit (S. 133–135).

Allerdings steht Schoeps vor dem nicht aufzulösenden Problem, dem Liberalismus eine auch von den Juden so verstandene emanzipatorische, befreiende Kraft zuzuschreiben, andererseits aber die Leser konfrontieren zu müssen mit dem manifesten Antisemitismus in wachsenden Teilen des liberalen Bürgertums – etwa des Philosophen der Freiheit und des deutschen Idealismus, Johann Gottlieb Fichte, oder mit dem schon eliminatorischen Antisemitismus des erklärten Liberalen und Ideengebers der Urburschenschaft Jakob Friedrich Fries. Es ist nicht eigentlich ein Dilemma des Autors, sondern der noch fehlenden systematischen historischen Analyse dieser Seite des Liberalismus.

Die Zeit nach 1848 bot die paradoxe Situation, dass die preußische oktroyierte Verfassung vom 5. Dezember 1848 in ihrem berühmten Artikel 12 die Freiheit der Religionsgesellschaften ganz im liberalen Sinne garantierte, die Politik der preußischen Hochkonservativen aber in mehreren Anläufen erfolglos dessen Annullierung versuchte. Schoeps vermag die Wahrnehmung des weiter wachsenden Antisemitismus aus jüdischer Sicht durch die Verlautbarungen zweier Protagonisten herzuleiten: durch die kontinuierliche Berichterstattung der „Volks-Zeitung“, deren Chefredakteur Aaron Bernstein war (der Onkel des SPD-Politikers Eduard), und durch den weitläufigen Briefwechsel Johann Jacobys über zwei Jahrzehnte hinweg.

Allen gesellschaftlichen Anfechtungen zum Trotz bestätigte der Norddeutsche Bund 1867 unter preußischer Ägide in seiner Verfassung die Emanzipation der Juden. Diese „begannen sich nicht mehr als Juden, sondern in erster Linie als ‚deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens‘ anzusehen“ (S. 272).

Das sehr lesenswerte Buch lässt einen nachdenklichen Leser zurück, der auf leidenschaftlich politisch engagierte Juden in allen Lagern stößt, auf den konservativen Staatsphilosophen Friedrich Julius Stahl, auf wandlungsfähige beziehungsweise widersprüchliche ehemalige Revolutionäre wie Ludwig Bamberger und Bruno Bauer oder dem Judentum Entfremdete wie Karl Marx oder Ferdinand Lassalle. Gleichwohl gelingt es dem Autor, mit seiner schwerpunktmäßig auf die ‚Fortschrittler‘ gerichteten These zu überzeugen, indem er eindrucksvolle Beweise für den Anteil jüdischer Intellektueller, Politiker, Ärzte und Anwälte am „Kampf um die Freiheit“ liefert.

Hinweis des Verlags

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