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Einzelrezension

Kuukkanen, Jouni-Matti (Hrsg.): Philosophy of History. Twenty-First-Century Perspectives, 312 S., Bloomsbury Academic, London 2020.


Keywords: Review, Kuukkanen, Jouni-Matti (Hrsg.), 2020, Philosophy of History, Geschichtsphilosophie, Interpretation, Hermeneutik, Klimawandel, Posthumanismus

How to Cite:

Sarasin, P., (2024) “Kuukkanen, Jouni-Matti (Hrsg.): Philosophy of History. Twenty-First-Century Perspectives, 312 S., Bloomsbury Academic, London 2020.”, Neue Politische Literatur 69(2). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-024-00574-2

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© The Author(s) 2024 under CC BY International 4.0

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Published on
2024-07-05

Die angloamerikanische, in der Tradition der analytischen Philosophie stehende Philosophy of History und die ‚kontinentale‘, im deutschen Idealismus gründende Geschichtsphilosophie haben bekanntlich wenig miteinander gemein. Anders als letztere hat die Philosophy of History namentlich seit Carl Gustav Hempels Aufsatz „The Function of General Laws in History“ (1942) bis heute die Frage verfolgt, ob und wie Geschichtsschreibung als Wissenschaft begriffen und begründet werden könne. Es wäre übertrieben zu sagen, dass sie damit die Geschichtswissenschaft besonders geprägt hätte; die Distanz zwischen dieser und der Philosophy of History ist in der Regel so groß, wie sie zwischen zwei unterschiedlichen Disziplinen eben sein kann.

Als Historiker nimmt man daher den vorliegenden Sammelband, der die wichtigsten Beiträge einer vom Herausgeber Jouni-Matti Kuukkanen veranstalteten Konferenz an der Universität Oulu (Finnland) im Jahr 2017 enthält und in drei Teile gegliedert ist, unweigerlich mit einem etwas reservierten Interesse zur Hand. Der erste Teil zu „Key Concepts in Philosophy of History“ bestärkt den Eindruck der erwähnten Distanz auf fast beklemmende Weise. Frank Ankersmits Erörterungen zum Begriff der „Interpretation“ bei Gottfried Wilhelm Leibniz etwa, oder die von Ethan Kleinberg mit der „postmodern theory“ Jacques Derridas diskutierte Frage, ob „the past“ uns wie ein „ghost“ heimsuche, zeigen geradezu exemplarisch, dass Philosophy of History zumindest auf dieser Abstraktionsstufe wenig mit methodischen oder konzeptionellen Fragen konkreter Geschichtsschreibung befasst ist; sie mögen von Philosoph_innen gewürdigt werden.

Diese wechselseitige Fremdheit wird interessanterweise auch von Autor_innen in diesem Band immer wieder als Problem formuliert. Herman Paul regt daher in seinem „Call for Cooperation“ die Etablierung einer neuen „History and Philosophy of History“ an, um in diesem „hermeneutic space“ miteinander zu sprechen und voneinander zu lernen. Wer hier allerdings mit wem ins Gespräch kommen müsste, sagt Paul – wohl ein wenig unfreiwillig – gleich selbst: „[T]here is a wealth of cultural-historical approaches to historical studies that has not yet been subjected to philosophical scrutiny“, was den „philosophers“ erlauben würde, „to stumble upon new ideas“ (S. 178). Well, indeed, ist man versucht zu sagen, da gibt es seit Langem so einiges. Ein wiederum eher unfreiwilliges Beispiel für dieses stumbling upon new ideas liefert der Beitrag von Allan Megill mit dem Titel „The Affective Dimension. What Theory of History Can Learn from Popular History“. Nach einer länglich und konventionell erzählten Geschichte von Einwanderergemeinden in Kanada kommt er zu der Erkenntnis, dass „we theorist and philosophers of history […] ought to attend to the affective, ‚feeling‘ dimension of people’s orientation to their pasts“ (S. 125). Angesichts von, zum Beispiel, jahrzehntelangen Forschungen zum Nationalismus, für den ein affektiver Bezug zur Geschichte bekanntlich konstitutiv ist, oder überhaupt angesichts der Geschichte von Mentalitäten, Affekten und Emotionen, die bis zu Lucien Febvre und Mark Bloch, Johan Huizinga oder Norbert Elias zurückreicht und heute ganze Forschungszentren beschäftigt, erstaunt die Neuheit dieser Entdeckung für „theorist and philosophers“ schon ein wenig. Diese Eule der Minerva muss ein paar Dämmerungen schlafend verbracht haben.

Es ist dennoch nicht so, dass analytische Philosoph_innen der Geschichte sich nicht auch relevante und neue Fragen nach historiografischen Konzepten oder der paradigmatischen Ausrichtung von Geschichtswissenschaft im 21. Jahrhundert stellten. Unter den Angeboten dieses Sammelbands ist in dieser Hinsicht vor allem die Forderung von Claire Norton und Mark Donnelly interessant, die Geschichtswissenschaft solle sich, um den ideologischen Effekten ihrer Fixierung auf die Nation zu entgehen, grundsätzlich neu auf die Figuren von Migrant_innen beziehungsweise Flüchtenden ausrichten – was allerdings, wie die beiden Autor_innen zum Schluss pessimistisch meinen, im Gegensatz zur Kunst wohl nicht passieren werde.

Anderes ist nun aber hochgradig problematisch. Es geht im dritten Teil des Bandes um die Auseinandersetzung mit der Frage, welche Konsequenzen der anthropogene Klimawandel für die Sozial- und Geschichtswissenschaften haben soll. Ewa Domańska („The Paradigm Shift in the Contemporary Humanities and Social Sciences“) sowie Marek Tamm und Zoltán Boldizsár Simon („More-Than-Human History: Philosophy of History in the Time of the Anthropocene“) werfen den „humanistischen“ Wissenschaften vor, immer noch im kartesianischen Schema der Trennung von Geist und Materie gefangen zu sein, den Menschen als körperloses Wesen zu behandeln und Geschichte fern der Natur des Planeten zu denken. Stattdessen müsse man den Klimawandel als naturgesetzliches Produkt der Spezies Mensch verstehen, von der Speziesexklusivität abrücken und in neuer Weise in posthumanen Netzwerken denken – die, wie Domańska mit Bezug auf den New- Age-Esoteriker Fritjof Capra meint, bis zum „Kosmos“ reichen würden.

Es führte zu weit, diese Argumentationen hier im Einzelnen zu diskutieren; man könnte aber zumindest daran erinnern, dass Karl Marx die menschliche Geschichte ausgehend vom „Stoffwechselprozess“ mit der Natur konzipierte, die Schule der „Annales“ ausführlich über das Verhältnis von Mensch und Natur nachdachte, Marcel Mauss eine Soziologie des Körpers entwarf, Michel Foucault ein paar Sachen zur Disziplinierung von Körpern schrieb oder Gilles Deleuze nicht von Signifikanten, sondern von körperlichen „Kopplungen“ sprach. Doch das scheinen hier ganz unbekannte Autoren zu sein.

Vor allem aber: Die Warnungen vor dem anthropogenen Klimawandel beziehen ihre Dringlichkeit und ihr normatives Gewicht ausschließlich daraus, dass er uns betrifft, unsere Welt in gefährlicher Weise tangiert. „Die Natur“ selbst existiert als Wüste genauso wie als Gletscher, und es ist ihr egal – wenn sie denn ein bewusstseinsfähiger Akteur wäre –, ob Gletscher erhalten bleiben oder sich in Geröllhalden verwandeln. Nicht egal ist dies allein uns Menschen. Daher ist die Forderung, „die Humanities“ sollten sich gleichsam der Natur zuwenden, das heißt ‚postanthropozentrisch‘ werden und den Menschen aus ihren Gleichungen weitgehend rauskürzen, gelinde gesagt im höchsten Maß unplausibel und selbstwidersprüchlich. Zum Glück rettet am Schluss des Bandes Giuseppina D’Oro („In Defense of a Humanistically Oriented Historiography“) doch noch und gleichsam in extremis die Ehre der Philosophy of History, wenn sie ausführlich auf der in anderen theoretischen Kontexten sehr, sehr bekannten Tatsache insistiert, dass naturgesetzlich strukturierte Kausalzusammenhänge etwas kategorial anderes sind als durch symbolische Interaktion gestiftete menschliche Verhältnisse – und auch etwas anderes als unser immer durch Werkzeuge, Kultur, Ökonomie und Politik vermittelter Naturbezug. Jedenfalls würde die Reduktion von Menschlichem auf ‚Natürliches‘ umstandslos dazu führen, dass die krudesten Biologismen wieder satisfaktionsfähig werden – und man kann anfügen: dass diese selbsterklärte ‚Avantgarde‘ sich dann, schön hufeisenförmig, auch politisch der extremen Rechten annähert. Ob freiwillig oder nicht, sei dahingestellt.

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