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Einzelrezension

Lapp, Peter Joachim: Die DDR im Jahr 1952, 119 S., LZT, Erfurt 2022.


Keywords: Review, Lapp, Peter Joachim, 2022, Zeitgeschichte, DDR, 1952, Sperrzone, II. SED-Parteikonferenz, Zentralisierung, Versorgungsprobleme

How to Cite:

Schröder, L., (2024) “Lapp, Peter Joachim: Die DDR im Jahr 1952, 119 S., LZT, Erfurt 2022.”, Neue Politische Literatur 69(2). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-024-00572-4

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© The Author(s) 2024 under CC BY International 4.0

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2024-04-29

Die hier zu besprechende, von der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen herausgegebene Publikation von Peter Joachim Lapp nimmt das dritte Bestandsjahr der DDR in den Blick. Der 119 Seiten starke Band mit neun unnummerierten Kapiteln wird von einer Einführung und einer Zusammenfassung gerahmt. Hinsichtlich des Erscheinungsjahres vorliegender Darstellung könnte als Anlass das 70. ‚Jubiläum‘ dieses so zweifelhaften Jahres angenommen werden: Es steht unter anderem für die Errichtung einer Sperrzone an der Demarkationslinie hin zur BRD (Mai), die richtungsweisende II. SED-Parteikonferenz als Beginn einer neuen historischen Etappe der gesellschaftlichen Entwicklung im ‚zweiten deutschen Staat‘ (Juli) und für die Beendigung des Föderalismus innerhalb der DDR in Form der Ablösung der fünf Landesregierungen zugunsten von 14 Bezirksregierungen (Juli). Der dritte, vierte und fünfte Abschnitt befassen sich entsprechend ausführlich mit diesen Ereignissen und ihren Konsequenzen für die lokale Bevölkerung.

Die ersten beiden Kapitel führen dabei zunächst verschiedene Umstände aus, die nach Lapp zur Errichtung der Sperrzone geführt haben: Schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt ordneten die Sowjets in ihrer Besatzungszone eine Bodenreform und die Verstaatlichung der Industrie im insgesamt rohstoffarmen Ostdeutschland an (S. 5, 87). Ziel war schon seit 1949 die Einführung einer Planwirtschaft sowjetischen Typs, die in der Verabschiedung eines Fünfjahrplans für die Zeit von 1951 bis 1955 gipfelte (S. 5). Damit unterschied sich die Wirtschaftspolitik der DDR bereits von Beginn an grundlegend von der in Westdeutschland, wo stattdessen die ‚Soziale Marktwirtschaft‘ eingeführt wurde (S. 5f.).

Auch politisch schlug Westdeutschland naheliegenderweise einen anderen Kurs als die DDR ein. Lapp thematisiert die von Bonn angestrebte und letztendlich auch erfolgreich betriebene ‚Westpolitik‘, in der die SED Bestrebungen zu erkennen glaubte, die Zweistaatenlösung als für immer gegeben anzuerkennen. Die SED selbst verfolgte zumindest offiziell einen politischen Kurs, der zur baldigen Wiedervereinigung führen sollte. Die immer enger werdende Verbindung Westdeutschlands zu England, Frankreich und den USA sah sie laut Lapp als kontraproduktiv, ja gefährlich an, zumal sich die DDR als antifaschistisch verstand und dem Kapitalismus den Kampf angesagt hatte. Etwaige Bedrohungsszenarien sagten einen möglichen Angriff der Westmächte auf die DDR mit dem Ziel der Beendigung der sowjetischen ‚Fremdherrschaft‘ voraus, gegen den es sich zu schützen galt (S. 18f.). Mittelst der Regierungsverordnung vom 26. Mai 1952 wurde folglich eine Sperrzone an der Demarkationslinie zur BRD errichtet. Die dabei entstandenen, selbst von der SED-Führung als ‚hässlich‘ bezeichneten Wachtürme wurden als Provisorium deklariert, die man ohne großen Aufwand unmittelbar und sofort wieder abreißen können sollte, da ja offiziell auf eine Wiedervereinigung von West- und Ostdeutschland hingearbeitet wurde (unter anderem S. 99). In der Sperrzone befanden sich mehr als 500 Ortschaften mit einer Einwohnerzahl von fast 390.000 Personen sowie über 50 Industriebetriebe mit annähernd 40.000 Beschäftigten (S. 28). Ihre Einrichtung hatte in Teilen eine Ausweisung und Umsiedlung dort lebender Menschen, daraus resultierende Widerstandsaktionen sowie Fluchtbewegungen aus der DDR zur Folge. Am 7. Juni 1952 erschien eine Polizeiverordnung, die nun auch „besondere Sicherheitsbestimmungen“ für die Ostseeküste – auf dem Land innerhalb einer 5‑Kilometer-Schutzzone und auf dem Wasser/auf See innerhalb der 3‑Meilen-Zone – festlegte: Der Personen- und Fahrzeugverkehr durfte bis 1954 nur über festgelegte Kontrollpunkte an der Küste der DDR erfolgen; auch in dieser Schutzzone bestand eine Melde- und Registrierpflicht (S. 26). Die Bestimmungen wurden wohl auf sowjetisches Betreiben hin nach sowjetischem Vorbild erlassen (S. 28).

Als weiteres zentrales Ereignis wertet Lapp die, auch innerhalb der amtlichen Geschichtsschreibung der DDR als ‚historische Wende‘ kommunizierte, II. Parteikonferenz der SED, die im Juli 1952 stattfand (Kapitel 4). Mit der offiziellen Verkündung des Beschlusses über den planmäßigen Aufbau des Sozialismus sollte eine neue historische Etappe der gesellschaftlichen Entwicklung innerhalb der DDR beginnen (S. 49). In der Folge wurden noch im Juli die fünf Landesregierungen durch 14 Bezirksregierungen abgelöst. Ziel war dabei die bessere Durchorganisation, Gleichschaltung und staatliche Zentrierung der einzelnen Landesteile zulasten des „unübersichtlichen und nur schwer zu kontrollierenden“ Föderalismus (Kapitel 5, S. 55f.). Beide Ereignisse sind letzten Endes auch Ergebnis der Sperrzone und der damit einhergehenden Fokussierung auf den ‚eigenen Staat‘.

In den verbleibenden Abschnitten thematisiert Lapp die Auswirkungen dieser SED-Politik in verschiedenen Bereichen: die Blockpolitik und den Umgang mit den anderen Parteien innerhalb der DDR (S. 59–66), den Umgang mit (angeblich) ‚systemfeindlichen‘ Akteuren (S. 67–76), die Kirchen‑, Kultur- und Geschichtspolitik (S. 77–86) und die aus der Politik resultierenden Versorgungsprobleme der Bevölkerung (S. 87–112). Insbesondere letzterem Aspekt widmet der Autor (im Vergleich zu den vorherigen Kapiteln) über 20 Seiten. Als Ursache der Versorgungsnöte hebt Lapp neben der Planwirtschaft auch die chronische Geldnot der DDR hervor: Abgesehen von den hohen Reparationszahlungen floss das meiste Kapital ins Militär, zu dessen Aufrüstung die DDR durch die Sowjetunion verpflichtet worden war (S. 88). Um den Staatshaushalt zu stützen, war die DDR gezwungen, ihre besten Produkte in Länder mit festen Währungen zu exportieren (S. 111). So blieb auch im Jahr 1952 ein Hauptproblem die gleichmäßige und flächendeckende Grundversorgung der eigenen Bevölkerung mit den Dingen des alltäglichen Lebens, vor allem mit Lebensmitteln. Während die Lebensmittelkarten in der BRD schon 1950 abgeschafft wurden, erfolgte dieser Schritt in der DDR erst 1958 (S. 90).

Der kleine Überblick über das Jahr 1952 liest sich gemäß des anvisierten breiten Zielpublikums leicht. Am Ende der Darstellung steht eine Auswahl der verwendeten Literatur – hier wären bezüglich des gesetzten Schwerpunkts noch die beiden Titel von Matthias Judt zur „DDR-Geschichte in Dokumenten“ (1998) und von Ina Merkel zur „Geschichte der Konsumkultur in der DDR“ (1999) erwähnenswert gewesen. Fußnoten und Literaturangaben innerhalb des Textes wurden mit Blick auf das Zielpublikum sparsam verwendet und folgen dabei scheinbar einer gewissen Willkür: Einige durch Anführungszeichen offensichtlich als Zitate gekennzeichneten Sätze werden so unmittelbar durch eine Fußnote belegt, andere wiederum nicht. Gleiches gilt für die Literaturangaben: In einigen Fällen wird im Text auf Autoren verwiesen, in anderen nicht. Ebenfalls irritierend sind die an der einen oder anderen Stelle doch sehr wertenden Formulierungen, beispielsweise die „schrillen Formen der politischen Propaganda“ (S. 9), „[…] das SED-Politbüro kam gleich zu Anfang 1952 auf die unglückliche Idee […]“ (ebd.), „die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrigließen“ (S. 34) oder „Den Roman oder das Drama sollte es nie geben, und das war gut so“ (S. 81). Die für eine wissenschaftliche Ausführung eher unpassenden Statements lassen sich vermutlich mit der eigenen Biografie des Autors erklären: Der promovierte Politikwissenschaftler, der 1959 als 17-Jähriger von der Bundesrepublik in die DDR zog, saß dort von 1960 bis 1964 selbst in Haft und war dann später 20 Jahre lang Redakteur des Deutschlandfunks. Als Fazit lässt sich festhalten: Lapps Darstellung eignet sich gut als schneller Einstieg in die DDR-Geschichte und zeigt mögliche Verflechtungen auf, denen anhand weiterer Recherchen gezielt nachgegangen werden kann, zumal 2024 einige interessante Publikationen zur DDR-Geschichte zu erwarten sind.

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