Ansätze der feministischen Körpertheorie, der klassischen Deliberationsforschung sowie der neueren Wissensforschung aufgreifend, hat die norwegische Soziologin Amanda Machin im Jahr 2022 ein Buch vorgelegt, das sich mit den derzeitigen Umbrüchen in unseren liberalen Demokratien befasst. Wenn politische Institutionen nicht mehr funktionieren, wenn Partizipation ein leeres Versprechen bleibt und wenn die Demokratie an Strahlkraft verliert, dann liegt dies aus der Sicht von Machin möglicherweise auch daran, dass wir uns das Politische zu lange körperlos vorgestellt haben. Als eine Veranstaltung also, an der Individuen ausgestattet mit Geist und Vernunft teilnehmen, um zu debattieren, zu interagieren und zu entscheiden, ohne dass dabei ihr Körper anwesend wäre. Dabei bringt der Untertitel „Modes of Embodied Politics“ die zentrale Ausgangsfrage auf den Punkt: Wie können wir uns eine Demokratie denken, die den Körper nicht länger übersieht, sondern als zentrales Element des Politischen begreift? (Einleitung, S. 13–34). In sechs Kapiteln sucht das Buch eine Antwort auf diese Frage.
Im Rekurs auf Edmund Burke (1774) befasst sich das erste Kapitel (S. 35–39) mit unseren bisherigen Vorstellungen über politische Repräsentation. Bekanntlich ist Repräsentation die rechtlich autorisierte Ausübung von Herrschaft durch hierfür gesondert eingerichtete Organe, die beauftragt sind, im Interesse der Bürgerinnen und Bürger für diese stellvertretend verbindliche Entscheidungen zu fällen. Aber reichen unsere bisherigen Repräsentationskonzepte aus, wenn es künftig darum gehen soll, die Anwesenheit der bislang Abwesenden, etwa die der Frauen, zu garantieren? Anknüpfend an die angelsächsische Repräsentationskritik von Hanna F. Pitkin (1967) oder Anne Phillips (1995) ist es laut Machin nun an der Zeit, veränderte (Re‑)Präsentationsformen ins Auge zu fassen, um eine vielfältigere Demokratie gewinnen und das volle Spektrum politischen Lebens in unseren politischen Versammlungen abbilden zu können.
Schon bald nachdem der australische Demokratieforscher John S. Dryzek sein Konzept für eine deliberativ organisierte Diskursdemokratie (1990) vorgelegt hatte, setzte in den 1990er Jahren eine fundierte feministische Kritik, etwa von Seyla Benhabib (1996) oder Iris Marion Young (1996), ein. Diese Gegenstimmen aufnehmend, schlägt nun auch Machin im zweiten Kapitel (S. 61–83) vor, die zumeist westlich geprägten Verfahren der Deliberation zu überdenken und neben den bislang bekannten Formen rationalen Argumentierens und Verhandelns auch solche Politikformen als legitim zu akzeptieren, die berücksichtigten, dass es die Körper seien, die delibrierten („the bodies that deliberate“, S. 79).
Das dritte Kapitel (S. 87–106) ruft anknüpfend an postmoderne Ansätze, wie dem von Bonnie Honig (1993) oder Chantal Mouffe (2005), dazu auf, kulturwissenschaftliche Perspektiven des othering zu reflektieren, um die Sichtweise der Anderen überhaupt in unsere Demokratiekonzepte integrieren zu können. Solange wir ihre Körper als fremd und ‚abnormal‘ wahrnehmen, so nun auch Machin, werden wir die Anderen als Problem betrachten, das es auszugrenzen gilt. Erst wenn wir beginnen, gängiger Politik zu widersprechen und abwertende Körperwahrnehmungen zu bekämpfen („embodied disagreement“), werde es möglich, zu zukunftsfähigen Interaktionsformen zu kommen. Und erst wenn der Körper nicht mehr nur als wissenschaftliches Objekt behandelt werde, sondern als Ausdruck subjektiver Identität, erst dann könne ein demokratisches Miteinander gelingen, das auf gegenseitigem Respekt beruhe.
Der nächste Abschnitt (S. 107–135) wendet sich dem Hungerstreik als einer Protestform zu, die auf exemplarische Weise die Grenzen unserer körperlichen Existenz thematisiert. Auch wenn bei solchen Protestformen meist das Spektakuläre öffentlich wird, so handelt es sich aus körperpolitischer Perspektive, das macht Machin jedenfalls deutlich, um weit mehr. Innerhalb von sozialen Bewegungen setzen Hungerstreiks demnach ein Signal: Sie verweisen darauf, dass wir als politische Subjekte nicht nur lebendig und gesund auftreten, sondern auch fragil, leidend und krank. Zudem vermag offenbar jeder Hungerstreik, weil hier zumindest zeitweise soziokulturelle Differenzen in den Hintergrund treten, inkludierende Effekte zu zeitigen.
Anknüpfend an Michel Foucaults genealogisch-kritische Studien etwa über „Discipline and Punish“ (1975), fragt das fünfte Kapitel (S. 137–156) danach, wie wir der stets drohenden Sozialdisziplinierung unserer Körper entgehen und zu machtvoll agierenden Subjekten werden können. Wie kann hier unsere Gegenstrategie („counter-conduct“) konkret aussehen und wie können wir dabei Wege des Widerstands („roads to resistance“) finden? Auf diese Frage gibt Machin eine fünffache Antwort: Erstens, indem wir bei jedem Kommunikationsakt unsere Körperlichkeit reflektieren; zweitens, indem wir die öffentliche Sphäre als Ort begreifen, an dem wir auch körperlich präsent sind; drittens, indem wir neben Körper und Geist auch Emotionen zulassen; viertens, indem wir bei der Kooperation zwischen verschiedenen Subjekten auf eine respektvolle Körperwahrnehmung achten; fünftens, indem wir jeden Versuch einer erneuten Re-Disziplinierung durchkreuzen.
Der letzte Abschnitt des Buches (S. 157–177) greift das Politikfeld der Klimapolitik heraus, um exemplarisch zu klären, inwiefern etwa unser heutiges Wissen über Umwelt, Klima oder Temperatur berücksichtigt, dass es hier um körperlich-sinnliche Wahrnehmung geht und von daher auch körperpolitische Lösungskonzepte gefragt sein könnten. Um Umwelt- und Klimapolitik nicht unbedingt effektiver, aber doch demokratischer zu machen, so Machin, sei es ratsam, unser historisch überkommenes Wissen über Körper und Umwelt kritisch zu prüfen, um es von bislang unreflektierten Stereotypen zu befreien.
In einem erhellenden Fazit (S. 179–182) fasst die Autorin ihre Beobachtungen noch einmal pointiert zusammen: Mögen etablierte Demokratie- und Deliberationstheorien auch noch so sehr auf Geist, Vernunft und Rationalität setzen – am Ende, so Machin, seien es die Körper, die sich als mindestens ebenso relevant erwiesen wie jeder andere Modus der Politik.
Insgesamt handelt es sich beim vorliegenden Buch um eine fundierte Auseinandersetzung mit wichtigen Theoriedebatten der letzten Jahrzehnte. Brisante Fragen der Gegenwart, wie die Frage nach der Krise der Repräsentation oder die nach der Legitimität von Deliberation, werden engagiert aufgegriffen und aus feministischer und postmoderner Sicht kritisch reflektiert. Was den Beitrag der Soziologin Machin wirklich wertvoll macht, ist der Versuch, die bislang verstreuten Körperkonzepte aufzusammeln und in einer neuen, ganz anderen Demokratietheorie zusammenzuführen. Und dies mit dem Ziel, neben den gewohnten Verfahren des arguing und bargaining Formen der sinnlich erfahrbaren Körperwahrnehmung konkret zu fassen und als politisch relevant nachzuweisen.
Gleichwohl könnte man gerade die Art, wie Machin sich mit Deliberation befasst, auch kritisch sehen. Denn zweifellos besteht die Stärke von Deliberationskonzepten ja darin, die Ebene des Sprachlichen ins Zentrum zu rücken, sei es, um Maßstäbe für die Qualität von Argumenten etwa in parlamentarischen Debatten formulieren zu können, sei es, um die Legitimität etwa von Regierungsentscheidungen anhand fester Kriterien überprüfen zu können. Das Körperlose ist hier also Programm. Sieht man zumindest vorübergehend von soziophysischen Differenzen der am Diskurs Beteiligten ab, so ist dies zwar eine Fiktion, aber im Grunde auch das, was Deliberation normativ stark macht. Fordert man nun, wie Amanda Machin, dazu auf, deliberativ sich entfaltende Politik zu ‚verkörpern‘, so nimmt man der Deliberation möglicherweise ihre befriedende Kraft.
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