Der Titel der vorliegenden Studie ist vielversprechend: Der Autor Bruno Heidlberger will das Politik- und- Freiheitsverständnis Hannah Arendts auf die aktuelle politische Weltlage und auf die ökologischen und technologischen Herausforderungen anwenden. Das Buch möchte ein „systematischer und historischer Versuch“ sein, Arendts ‚Denken ohne Geländer‘ „mit Blick auf aktuelle Entwicklungen weiterzudenken“ (S. 12). Die Lektüre hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Das eigentliche Thema Heidlbergers scheint nicht Hannah Arendt zu sein, sondern der in Wladimir Putin weiterlebende Totalitarismus.
In einem umfangreichen, im Feuilleton-Stil verfassten und gut dokumentierten Teil versucht der Autor, anhand von Putins Politik das Wesen totaler Herrschaft zu ergründen. Über Putins irrationales Politikverständnis sind wir heute hinreichend informiert. Vieles wird in diesem interessanten ersten Teil angesprochen, der Abschnitt über „Das Wesen von Politik“ hätte jedoch eine ausführlichere Untersuchung der alten und neuen politischen Realitäten in West und Ost verdient.
In den zahlreichen kurzen Kapiteln wird wenig einsichtig, wie Arendt ins Spiel kommt. Man ist zwar daran gewöhnt, Arendts Argumente in eher knapper Manier dargeboten zu bekommen, sodass manches, was sie zu sagen hat, oberflächlich erscheint. Stetig wiederholte Begriffe führen aber nicht dazu, dass wir Neues vernehmen. „Politik ist Freiheit“ tönt erhaben, doch dahinter verbirgt sich keine neue Erkenntnis. Politik ist nicht Freiheit, auch wenn es freiheitlich gesinnte Politiker_innen gibt. Politik ist vielmehr eine für die Menschen wichtige, oft auch beschwerliche Angelegenheit. Wo finden wir eine Politik, die Freiheit ist und nichts anderes? Es hätte sich gelohnt, angesichts der aktuell hohen Bedeutung des Politischen genauer hinzuschauen und zu untersuchen, was Arendt gemeint haben könnte.
Die Kritik von Jürgen Habermas an Arendts Politikbegriff hält Heidlberger „weder für zwingend noch für konstruktiv“ (S. 13). Weitere kritische Auseinandersetzungen mit ihrem Politikbegriff und ihrem Verständnis von Geschichte fasst er in einem kurzen Kapitel zusammen und erklärt sie für irrelevant. Kritik an Arendt interessiert den Autor nicht; er sucht nach „produktiven Anknüpfungspunkten“ für eine „konstruktive Neubewertung“ und verweist auf die „ungebrochene Aktualität ihrer Themen“ (ebd.).
Natürlich darf eine Kritik an Karl Marx nicht fehlen. Wie wenig Heidlberger sich die Mühe gibt, genauer zu untersuchen, was Arendt mit ihren oft seltsamen Ansichten sagen will, zeigt sich besonders deutlich an diesen Ausführungen zu Marx und seiner angeblichen Schuld an der Zerstörung der Politik und des Handelns. Man muss nicht nur an die vielen Frühschriften von Marx erinnern, die sämtlich Plädoyers für liberale Politik darstellen. Wer sich seriös mit Marx auseinandersetzt, weiß, wie wichtig ihm die Werte der Freiheit und Individualität waren. Arendts Kritik an Marx ist bekannt: „Alle Theorien, in welchen Handeln als Geschichte-Machen, und also Herstellen, verstanden wird, führen letztendlich zu der in Marx’ Werk so klar ersichtlichen Konsequenz, in einer so und anders beschaffenen, endgültig festgelegten Gesellschaftsordnung das Handeln, und damit das eigentlich Politische im Menschen abzuschaffen“ (zit. S. 128). Tatsächlich trifft diese Kritik nicht Marx, sondern den Umstand, dass Politik tatsächlich Herstellen, Poiesis erfordert. Es gibt keine Politik, die nicht zum Beispiel Gesetzestexte oder Konstitutionen schafft. Dass aber Marx und die Sozialisten politisch gehandelt haben, dürfte selbst Arendt nicht verborgen geblieben sein.
Politik ist Freiheit – tatsächlich? Arendts viel gelobte, aber kaum je kritisierte „Freiheit, frei zu sein“ war historisch nichts anderes als die Freiheit der Muße, die es einer kleinen Oberschicht in einer Sklavenhaltergesellschaft erlaubt hat, sich um Politik zu kümmern. Was Arendt über die athenische Polis zu sagen hat, gehört ins Reich der Fantasie: Angeblich wurde dort ausschließlich gehandelt und geredet, Zwang und Gewalt gab es nicht, über die Staseis, die permanenten Bürgerkriege zwischen Aristokraten, Oligarchen und Untertanen, wird kein Wort verloren. Ihr Idealbild der antiken Polis war ein Wunschbild.
Wie will man Freiheit „neu denken“? Am politischen und philosophischen Versuch, Arendt als Ausweg aus dem „marxistischen Denken“ nach 1989 und als „Diagnostikerin der Fragilität […] spätmoderner Massen- und Konsumgesellschaften“ (S. 12) zu präsentieren, ist wenig Neues zu erkennen. Arendts Politik- und Freiheitsverständnis ist von zahlreichen Politikwissenschaftlern und Philosophen diskutiert und kritisiert worden. Folgender Hinweis sei erlaubt: Im „Handbuch der Politischen Philosophie und Sozialphilosophie“ sind dem Stichwort ‚Freiheit‘ zwölf Spalten gewidmet. Man würde sich einen etwas sorgfältigeren Umgang mit dem wertvollen Wort „neu“ wünschen.
In den zahlreichen, im Buch erwähnten und realpolitisch aktuellen Kampfschauplätzen, an denen Heidlberger die „Gefahren der Selbstzerstörung der Demokratie“ durchaus realistisch beschreibt – Klimakrise und Kriege, Aufstieg autoritärer Staaten, Wladimir Putin, Recep Tayyip Erdoğan, Donald Trump, Ukraine, Iran, Afghanistan, gigantische Wirtschaftsmächte, Realitätsverlust durch virtuelle Welten –, geht es nicht darum, die Freiheit mit Arendt neu zu denken. Vielmehr wird Freiheit in einem traditionellen, dem Aufklärungs- und Emanzipationsgedanken verpflichteten – das heißt wenig neuen – Sinn heute weltweit politisch eingefordert und verteidigt, weil Menschenrechte insgesamt zunehmend bedroht sind und gewaltsam zertreten werden. Paradoxerweise ist es genau das, was der Autor in seinen Kapiteln über Realpolitik detailreich über viele Seiten ausführt.
Immer größere Teile der Menschheit leben heute in Verhältnissen, die man nicht als menschenwürdig bezeichnen kann: Sklaverei, Unterdrückung, Hunger, Krieg, Verweigerung der elementarsten Rechte, Folter und Massenmorde, Morde an Frauen und Mädchen … Wäre es in einer solchen Situation nicht angemessen, sich mit diesen Realitäten politisch auseinanderzusetzen, statt die Träume Hannah Arendts weiter zu träumen?
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