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Einzelrezension

Hartmann, Anne/Müller, Reinhard (Hrsg.): Tribunale als Trauma. Die Deutsche Sektion des Sowjetischen Schriftstellerverbands. Protokolle, Resolutionen und Briefe (1935–1941), 469 S., Wallstein, Göttingen 2022.


Keywords: Hartmann, Anne/Müller, Reinhard (Hrsg.), 2022, Sowjetunion, Stalinismus, Schauprozesse, Deutsches Exil, Kommunismus, Schriftstellerverband

How to Cite:

Tosstorff, R., (2024) “Hartmann, Anne/Müller, Reinhard (Hrsg.): Tribunale als Trauma. Die Deutsche Sektion des Sowjetischen Schriftstellerverbands. Protokolle, Resolutionen und Briefe (1935–1941), 469 S., Wallstein, Göttingen 2022.”, Neue Politische Literatur 69(1). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-024-00565-3

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© The Author(s) 2024 under CC BY International 4.0

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2024-06-05

Peer Reviewed

Dieser Dokumentenband zum Schicksal der während des „Hochstalinismus“ in der Sowjetunion lebenden deutschsprachigen Schriftsteller ist eine späte Folge der „Archivrevolution“, die Anfang der 1990er Jahre stattfand. Erschienen ist er jetzt zu einem Zeitpunkt, der vermutlich das Ende der geöffneten Archive – zumindest für Forscher aus dem Westen – bedeutet. Wie jeweils in kurzen autobiografischen Bemerkungen „statt eines Vorworts“ auf den ersten Seiten dargestellt, war das Herausgeberduo Anne Hartmann und Reinhard Müller so ziemlich von Anfang an in Moskau dabei. Dort erlebten die beiden die noch eher unwilligen und stark beschränkten Archiv-Zugangsmöglichkeiten im zusammenbrechenden „real existierenden Sozialismus“. Dementsprechend lassen sie auch die nicht einfachen Lebens- und Arbeitsbedingungen jener Zeit erahnen, selbst wenn in Moskau die Möglichkeiten für mit Hartwährung ausgestattete ‚Westler‘ von ganz anderer Qualität waren als für ihre ex-sowjetischen Gegenüber in den Archiven und Bibliotheken, ohne deren Bemühungen allerdings ihre Forschungen gescheitert wären.

Beide stützten ihre wissenschaftlichen Karrieren ganz wesentlich auf die weitere Auswertung in diesen Einrichtungen, speziell unter der Fragestellung nach den Verwicklungen des deutschen kommunistischen Exils in der Stalin’schen Sowjetunion, auch wenn sie vermerken, dass es schon im Laufe der Zeit zu erneuten Einschränkungen kommen sollte. Reinhard Müller gelang schon 1991 ein erster Coup mit der Veröffentlichung des Protokolls einer Moskauer Parteiversammlung deutscher Exil-Schriftsteller vom September 1936, zwei Wochen nach dem ersten Schauprozess Stalins gegen hohe Funktionäre der KPdSU. In der Folge weitete Müller seinen Blick auf das deutsche politische Exil in der UdSSR in jenen Jahren. Vor allem seine Forschungen zu Herbert Wehner und dessen Verstrickungen im Stalinismus erregten auch über akademische Zirkel hinaus ein breiteres öffentliches Interesse. Anne Hartmann wandte sich hingegen den deutschen Schriftstellern in der Sowjetunion zu, seien es gelegentliche Besucher aus dem Westen, sei es das umfangreiche deutsche Schriftsteller-Exil in der UdSSR. Ein weiterer ihrer Schwerpunkte bildeten die Kulturbeziehungen der Sowjetunion zur SBZ beziehungsweise zur DDR.

Hier verknüpfen sich die Interessen von Hartmann und Müller in einer Dokumentation der deutschen Sektion des sowjetischen Schriftstellerverbandes während der Jahre des Stalin’schen Massenterrors. Dieser Sektion gehörten neben einigen Russlanddeutschen und bereits früher zum „Aufbau des Sozialismus“ ins Land Gekommenen vor allem Schriftsteller an, die nach 1933 dorthin geflohen und alle in der einen oder anderen Weise bereits mit der KPD verbunden waren. Hartmann gibt in einer weiteren Einleitung einen Überblick über diese Sektion. Die insgesamt 38 Dokumente sind größtenteils Protokolle der Mitgliederversammlungen oder Gremien der Sektion. Sie finden Ergänzungen in Briefen zwischen den einzelnen Akteuren sowie in einigen Artikeln aus der bis 1939 erschienenen „Deutschen Zentral-Zeitung“ (DZZ), der deutschsprachigen Parteizeitung in der UdSSR. Das liefert wichtige Hintergrundmaterialien zu den auf den Sitzungen verhandelten Streitigkeiten, etwa Attacken auf einzelne Bücher oder bestimmte Schriftsteller.

Dabei nahm die Heftigkeit der Konflikte kontinuierlich zu. Zunächst ging es noch um literarische Bewertungen, zum Beispiel wie realistisch Schilderungen der Situation in Nazi-Deutschland in einigen Werken waren, wobei es natürlich auch immer um das angemessene Verhalten des Widerstands, sprich die korrekte Linie der KPD, ging. Doch spätestens mit dem ersten Schauprozess im August 1936 und dem einsetzenden Massenterror schlugen solche Auseinandersetzungen um in die Suche nach gemutmaßten politischen Hintergründen, nach „parteifeindlicher trotzkistischer Schädlingstätigkeit“. Diesen ‚wahren Hintergrund‘ behaupteter literarischer Fehlleistungen galt es jetzt zu entlarven. Was vorher nur ein Qualitätsurteil war, wurde jetzt zum Richterspruch. Intrigen und persönliche Angriffe gerieten zu Denunziationen und Anschuldigungen auf einem ständigen Tribunal, eben zum „Trauma“ des Buchtitels.

Die Dokumente sind der Chronologie folgend in drei Teile gegliedert, die die verschiedenen Etappen dieser Entfaltung zeigen und die durch jeweilige ausführliche Einführungen von Hartmann kontextualisiert werden. Der eher persönlich bestimmten Phase 1935/1936 folgte die Hysterie während des die Schauprozesse begleitenden Massenterrors 1937/1938 und schließlich eine Art Normalisierung am Vorabend des deutschen Überfalls am 22. Juni 1941. Diejenigen, die überlebten, sollten später zumeist führende Positionen im Kulturleben der SBZ/DDR (oder einige auch in anderen Staaten) einnehmen, was aber schon außerhalb des Fokus dieser Edition liegt.

Den Dokumenten ist, nach den schon beschriebenen Einleitungen, noch eine ausführliche Chronologie von Reinhard Müller vorangestellt, die hilft, sich nicht in den vielen detaillierten Vorwürfen auf den Sitzungen zu verlieren. Zahlreiche Anmerkungen – wie Biografien oder Verweise auf erwähnte Dokumente – liefern die notwendigen Erläuterungen. An dieser Stelle sei nur noch ein Hinweis zu dem in einem Dokument erwähnten letzten verantwortlichen DZZ-Redakteur Adolf Sobolevich nachgetragen. Es handelte sich um den Agenten der sowjetischen Geheimpolizei Abraham Sobolevicius, der sich bereits vor 1933 in einer ‚Zersetzungsaktion‘ unter den deutschen Anhängern Leo Trotzkis erste Meriten erworben hatte, um dann – nach dieser Phase in der DZZ – bei der sowjetischen Atomspionage in den USA ein neues Betätigungsfeld zu finden (vgl. Hans Schafranek: Abraham und Ruvin Sobolevicius. Zwei sowjetische Agenten in den USA, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 70 [2022], H. 11, S. 907–927). Dies deutet an, dass die literarischen Kontrahenten nicht nur blitzschnell die Methoden des innerstalinistischen Parteikampfs internalisiert hatten, sondern all dies ebenso unter den ‚wachsamen Augen‘ der zuständigen ‚Organe‘ erfolgte, die alles durchdrungen hatten und manche der Schriftsteller zur Zuarbeit brachten.

Diese eindrückliche und bestens bearbeitete Dokumentation lässt in den Texten – sowohl durch die darin von den Protagonisten verwendete Sprache als auch in der dort ausgedrückten Methode immer absurderer Behauptungen und Anklagen – deutlich werden, wie sehr die Sowjetunion das genaue Gegenteil der Beschreibungen in den literarischen Lobeshymnen gerade in jenen Jahren war, in denen sie als wahre Alternative zum internationalen Faschismus gepriesen wurde.

Hinweis des Verlags

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