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Einzelrezension

Mühlhahn, Klaus: Geschichte des modernen China. Von der Qing-Dynastie bis zur Gegenwart, 760 S., Beck, München 2021.


Keywords: Review, Mühlhahn, Klaus, 2021, China, moderne Geschichte, Sozialgeschichte, Transformation, Institutionengeschichte

How to Cite:

Seifert, A., (2024) “Mühlhahn, Klaus: Geschichte des modernen China. Von der Qing-Dynastie bis zur Gegenwart, 760 S., Beck, München 2021.”, Neue Politische Literatur 69(1). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-024-00564-4

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© The Author(s) 2024 under CC BY International 4.0

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Published on
2024-08-04

Peer Reviewed

Im Mai 2018 riefen Bund und Länder dazu auf, die China-Kompetenz in Deutschland auf breiter Basis zu stärken. Das Wissen über China, so das Ergebnis einer Studie aus demselben Jahr, ist zu wenig präsent in den Köpfen der Republik. Dabei sei die Volksrepublik China ein wesentlicher Partner in der Zukunft. Sie sei wirtschaftlich, politisch und kulturell ein Schwergewicht, an dem man nicht vorbeikomme. Die Corona-Pandemie und der sich zuspitzende Machtkonflikt zwischen der kommunistischen Führung in Beijing und den USA, der auf den verschiedensten Ebenen ausgetragen wird, haben dazu geführt, dass der Erwerb von China-Kompetenz eher unter negativen Vorzeichen steht. Die Hürden sind höher geworden, sich direkt vor Ort ein Bild zu machen. Fünf Jahre nach der Ankündigung müssen wir erleben, dass nicht mehr, sondern weniger China-Kompetenz vorhanden ist, wir mehr denn je auf Annahmen, Zuschreibungen und Spekulationen in der Gestaltung unseres China-Bildes zurückgeworfen sind und uns ‚China-Insider‘ die ‚Wahrheit‘ mitteilen. Ein guter Zeitpunkt, sich mit einem differenzierten Blick der jüngeren Geschichte Chinas zu widmen.

Mit Klaus Mühlhahn hat C. H. Beck einen renommierten Sinologen gewinnen können, der sich für den Verlag erneut der modernen Geschichte Chinas annimmt – Beck hat mit der „Geschichte Chinas im 20. Jahrhundert“ von Sabine Dabringhaus seit 2009 einen Band zum selben Thema im Programm. Der Klappentext preist Mühlhahns Buch als grundlegendes Werk, um „Aufstieg, Widersprüche und Gegensätze“ begreifen zu können. Mit ihm soll es gelingen, „Chinas Entwicklung als ein Ringen um eine eigenständige Moderne“ zu verstehen. Zeitlicher Ausgangspunkt seiner Betrachtung ist nicht (wie so oft) der Sturz der letzten kaiserlichen Dynastie, sondern deren Beginn im Jahr 1644. Damit will der Autor die Probleme aufgreifen, mit denen sich das Kaiserreich abseits westlich-imperialistischer Herausforderungen konfrontiert sah und Licht auf die prägenden Debatten über die Zukunft Chinas in dieser Epoche werfen. Zur Analyse der Transformation, die China in den letzten knapp 350 Jahren durchlaufen hat, zieht Mühlhahn den sozialwissenschaftlichen Begriff der Institutionen heran, die er als „geschriebene oder ungeschriebene Regeln, konkreter soziale Regularien, die von Menschen zur Erreichung gesellschaftlicher Zusammenarbeit festgelegt werden“, umreißt (S. 14). Anhand ihres Wandels will er die Triebkräfte der Transformation wie auch die zu überwindenden Hindernisse sichtbar machen. So soll erklärt werden, warum staatlich initiierte Reform- und Veränderungsprozesse glückten oder scheiterten. Das ist spannend, betont diese Herangehensweise doch die Rolle der gesellschaftlichen Kontinuitäten, die über die sichtbaren Herrschaftswechsel hinaus ihre Wirkung entfalten.

Mühlhahn hat seine 600 Seiten starke Darstellung in vier Abschnitte untergliedert, die den Aufstieg und Fall der letzten Dynastie (1644–1900), die chinesischen Revolutionen (1900–1948), die (sozialistische) Umgestaltung (1949–1976) und schließlich den Aufstieg Chinas (1977 bis heute) behandeln. Jeder Abschnitt umfasst wiederum drei chronologisch angeordnete Kapitel, die jeweils von einer kurzen Einleitung und Zusammenfassung gerahmt sind, in denen der Autor die Entwicklung sozialer Institutionen (als Grundidee seiner Darstellung) analysiert.

Die ersten beiden Teile sind detailreich und lebendig geschrieben. Sie berühren eine Vielzahl von unterschiedlichen Themenfeldern und ermöglichen über die Nacherzählung der Chronologie hinaus einen differenzierten Blick auf die innerchinesischen Debatten der Zeit und ihre Ergebnisse. Der Untergang der Qing-Dynastie wird zu einem anschaulichen Prozess, der die Verkettung unterschiedlicher Faktoren und Ereignisse nachvollziehbar macht. Es wird deutlich, dass gesellschaftliche Debatten über die Erneuerung der kaiserlichen Herrschaft und ihrer Institutionen schon deutlich früher stattgefunden haben, als dies in einer breiteren außerchinesischen Betrachtung bekannt ist. Und auch die Phase nach dem faktischen Ende der Dynastie um die Jahrhundertwende bis zum Ende des Bürgerkriegs im Jahr 1949 schildert Mühlhahn in ihrer ganzen Komplexität. Trotz der Vielzahl an Ereignissen und Akteuren, seien sie nun Warlords, Parteigänger, Bauern, Intellektuelle oder Arbeiter, bleibt die Darstellung gut lesbar. Die schiere Masse an Informationen ist eindrucksvoll und gut arrangiert.

Teile drei und vier, die die Zeit nach 1949 behandeln, bieten demgegenüber ein verblüffend anderes Bild. Deutlich in den Vordergrund tritt hier die Frage nach der Legitimität der Führung durch die Partei unter Mao Zedong und ihrer Institutionen bis 1976. Im Mangel an Legitimität, beziehungsweise in dem Unvermögen der Partei, diese zu erreichen, sieht der Autor einen Hauptgrund, warum die angestrebte Transformation der Gesellschaft misslang: Zu sehr waren die Akteure damit beschäftigt, die Parteimacht mithilfe von Kontrolle und Strukturvorgaben zu sichern. So wurde der Aufbau effektiver Bürokratie unterbunden, deren Vertrauenswürdigkeit untergraben und die Wirtschaft in die Stagnation gezwungen. Die Darstellung dieser Zeit ist erstaunlich eindimensional und oftmals ausschließlich orientiert am (partei-)staatlichen Handeln. Formen gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse geraten dadurch fast vollständig aus dem Blick. Dies setzt sich auch in Mühlhahns Betrachtung der Zeit nach 1976 fort, in der die Nachverfolgung der Institutionengeschichte noch weiter in den Hintergrund tritt und einer eher subjektiv anmutenden Auswahl an Themen und Ereignissen Platz macht.

Die Darstellung der Zeit nach 1976 hebt die wirtschaftlichen Erfolge der Volksrepublik China als Werkbank der Welt hervor und sieht dies in der Entfesselung privater Initiative und dem Anschluss an den Weltmarkt begründet. Einmal mehr sind Partei- und Staatsführung eher Zuschauer als Visionäre, einmal mehr bereichern sich Parteikader an den Erfolgen und unterdrücken den Dissens. Hier verlässt der Autor leider zu oft die Ebene einer sachbezogenen Analyse zugunsten einer wertenden Darstellung des chinesischen Aufstiegs anhand von als positiv empfundenen Modellen westlicher Moderne und des ungebremsten Kapitalismus. Bei aller Kritik, die im Detail zu üben wäre, entsteht aber auch hier, wie in den ersten beiden Teilen des Buches, ein detailreicher und nachvollziehbarer Überblick, der wesentliche Fragen der Entwicklung aufgreift und im Kontext betrachtet.

Die Länge des Textes und sein Detailreichtum stehen außer Frage und sind auf den ersten Blick eine gute Ausgangsbasis für die weitere Lektüre. Der Blick in die Fußnoten ist dabei sowohl spannend als auch ernüchternd, denn es wird vorwiegend auf englischsprachige Literatur verwiesen. Das ist für einen Titel, der ursprünglich für den US-Markt geschrieben wurde, nicht ungewöhnlich. Für die deutsche Fassung hätte man sich jedoch eine Überarbeitung gewünscht, die auch die Themen und Argumente der chinabezogenen Forschung jenseits der US-amerikanischen Sinologie mit einbezieht.

Hinweis des Verlags

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