Der 2006 verstorbene, 1923 geborene Reinhart Koselleck war sicherlich einer der bekanntesten, wenn nicht überhaupt der international bekannteste deutsche Historiker seiner Zeit. Nicht zu verkennen ist jedoch, dass er in seinem Fach ausgerechnet in Deutschland lange Zeit weniger anerkannt war als etwa in der Philosophie, der Sprachwissenschaft oder der Kunstgeschichte. Das hat sich erst später geändert. Mit zahlreichen Studien und einer großen Gedächtnisfeier wurde er an seinem 100. Geburtstag am 23. April 2023 in Bielefeld gefeiert.
Neben einer Reihe von thematischen Einzelstudien, die seine Schüler Jörg Fisch, Willibald Steinmetz, Manfred Hettling, Christof Dipper und Lucian Hölscher über ihn verfasst haben, gibt es solche heute etwa auch von Helge Jordheim, Reinhard Laube, Sebastian Huhnholz, Jan Eike Dunkhase und besonders Ulrike Jureit. An eine Darstellung der komplexen intellektuellen Gesamtbiografie Kosellecks haben sich bisher aber nur der Däne Niklas Olsen (2012) und der Italiener Gennaro Imbriano (2018) gewagt. Beiden stand jedoch noch nicht der umfangreiche Nachlass Kosellecks zur Verfügung, der heute im Deutschen Literaturarchiv in Marbach und im Bildarchiv Foto Marburg verwahrt wird. Umso größer war die Erwartung, dass eine solche Biografie von Stefan-Ludwig Hoffmann vorgelegt würde, dem erstmals der gesamte berufliche Nachlass zugänglich war. Ursprünglich ein Schüler von Koselleck und gegenwärtig Professor für Geschichte an der University of California in Berkeley, konnte er sogar auf zahlreiche Materialien aus dem Privatarchiv der Familie Koselleck zugreifen.
Um es gleich vorwegzunehmen: Die an das Erscheinen des Buches geknüpften Erwartungen werden ziemlich enttäuscht. Das liegt nicht daran, dass sich Hoffmann nicht ausführlich mit dem Werk Kosellecks beschäftigt hätte. Er hat vielmehr darin zahlreiche Entdeckungen gemacht, aber auch Widersprüche aufgespürt, die bisher nicht gesehen wurden. Die dem Buch zugrundeliegende These ist eine doppelte: Hoffmann betont erstens die Bedeutung der eigenen biografischen Erfahrung für Kosellecks Beschäftigung mit Geschichte. Zweitens sei Kosellecks intellektuelle Biografie von Anfang an durch die Suche nach einer neuen Historik geprägt gewesen. Dass es ihm nicht gelungen ist, diese tatsächlich zu schreiben, ist bekannt. Ob er sie wirklich schreiben wollte, ist letzten Endes nicht zu klären. Hoffmann glaubt jedoch, dass sich „Kosellecks Suche nach einer Theorie historischen Wissens“ nicht „chronologisch und geradlinig erzählen“ lasse, weil sich in seinem Oeuvre ständig „Wiederholungen, Umwege und Sprünge“ ergäben (S. 23). Mit dieser nicht weiter ausgeführten Begründung glaubt Hoffmann, sich bei Koselleck nicht an eine lineare intellektuelle Entwicklung seines geschichtstheoretischen Denkens halten zu müssen.
Mit der wissenschaftlichen Arbeitsweise Kosellecks hat sich Hoffmann intensiv befasst. Koselleck sammelte größere und kleinere Gegenstände aller Art, wenn sie nur einen Bezug zur Geschichte hatten. Wie Hoffmann zeigen kann, dienten ihm für die Sammlung des schriftlichen Materials zahlreiche Mappen, in denen er Buchtitel, Zitate, Rezensionen, Briefe, Begriffe, Fotos und vor allem eigene Notizen, Einfälle und Lesefrüchte aufbewahrte. In gewissem Sinn suchen alle Historiker ständig nach neuen Quellen, wenn sie ein bestimmtes Thema bearbeiten, oder sie lassen ihre Hypothesen von neuen Quellenfunden korrigieren. Koselleck fand dafür die vielzitierte Formel vom „Vetorecht der Quellen“, welches die aus dem empirischen Material sich ergebenden Vorannahmen kritisch an dieses zurückbindet. Nach Hoffmanns bedenkenswerter These muss man bei Koselleck jedoch eher von einem Vetorecht der Theorie sprechen. Je mehr historische Quellen er sammelte, desto dringlicher sei für Koselleck eine zusammenbindende Geschichtstheorie geworden.
Hoffmanns Buch ist weitgehend assoziativ aufgebaut. Er geht auf bestimmte Veröffentlichungen Kosellecks (zum Beispiel die Dissertation „Kritik und Krise“) immer wieder ein; andere, wie die sozialgeschichtliche Darstellung Preußens im 19. Jahrhundert und vor allem die zahlreichen Artikel in den „Geschichtlichen Grundbegriffen“, kommen dagegen zu kurz und werden inhaltlich kaum behandelt. Dieses Ungleichgewicht ergibt sich auch daraus, dass es sich bei dem Buch um eine Sammlung von thematisch angelegten Essays handelt, von denen manche – wie der über „Koselleck, Arendt und die Anthropologie geschichtlicher Erfahrungen“ (S. 112–150) – schon vorher einmal erschienen sind.
Ein weiteres Manko des Buches besteht darin, dass sich Hoffmann nur am Rande mit der historischen Denkmalsproblematik befasst, die Koselleck seit den 1970er Jahren neben den „Geschichtlichen Grundbegriffen“ zunehmend beschäftigt hat. Zu Recht bezeichnet er Kosellecks Einmischung in den öffentlichen Denkmalstreit, der nach 1990 in Deutschland stattgefunden hat, als „ungewöhnlich scharf, persönlich und sarkastisch“ (S. 103). Koselleck hat hier – wie Hoffmann betont und Ulrike Jureit in einer zeitgleich erschienenen Studie ausführlicher darstellt – zweifellos die Wirkung völlig überschätzt, die er mit seiner verschlungenen, rein wissenschaftlichen Argumentation in einer politischen Debatte haben konnte. Auch zu der Denkmalsproblematik ist von Koselleck kein Buch erschienen. Der Historiker hinterließ dazu jedoch eine Reihe von Aufsätzen und Manuskripten, die neuerdings von Manfred Hettling, Hubert Locher und Adriana Markantonatos in einem Sammelband (Geronnene Lava. Texte zu politischem Totenkult und Erinnerung, 2023) veröffentlicht wurden. Auch wenn der Wandel von Kosellecks Denkmalsinteresse schwer zu erklären ist, hätte ihn Hoffmann wenigstens thematisieren müssen. Aufgrund seines statischen Interpretationsansatzes hat er die Wichtigkeit dieser Frage jedoch nicht erkannt.
Hoffmann geht davon aus, dass das Werk von Koselleck unter einer einzigen Thematik stünde. Von seinen wissenschaftlichen Anfängen bis in seine letzten Veröffentlichungen sei es ihm um die Frage gegangen, „Was sind die Bedingungen möglicher Geschichten“ (S. 22)? Er habe mit dieser Frage zu erkennen versucht, welche Erfahrungen sich in einer Zeit wiederholten und welche durch einen „Riss“ von vorausgehenden getrennt seien (S. 69). Solange es im zeitlichen Verlauf Wiederholungen gebe, könne man von einer Einheit epochaler Erfahrungen sprechen. Mit dem Begriff des ‚Risses‘ habe Koselleck die Diskontinuität mit einer neuen Zeit bezeichnet. Deshalb hat Hoffmann diesen Begriff im Titel zum Zentralbegriff seines Buches erhoben, er spielt bei Koselleck jedoch keine so zentrale Rolle. Viel wichtiger war für ihn zweifellos der Begriff der ‚Sattelzeit‘, der von der Forschung am meisten rezipiert worden ist, wenn auch zuletzt eher kritisch.
Wie immer man die von Koselleck ursprünglich nur beiläufig erwähnte ‚Sattelzeit‘ verstehen mag – er selbst hat den Begriff kaum erklärt –, steht fest, dass er ihn als Bezeichnung für einen Übergangsprozess verstand, mit dem er das allmähliche Übergleiten Europas in die Moderne meinte. Koselleck dachte nicht in Kategorien wie ‚Riss‘, mit denen zwangsläufig lineare Prozesse in der Geschichte bezeichnet werden sollten. Ihm kam es darauf an, komplexere Wandlungsprozesse zu erkennen. Die ‚Sattelzeit‘ stellt in Kosellecks Denken so keinen radikalen Bruch zwischen zwei Epochen dar, sondern einen allmählich sich beschleunigenden, multidimensionalen Vorgang, der von den Zeitgenossen reflexiv verarbeitet wurde. Der Begriff sollte für Koselleck ursprünglich auch kein historischer Allgemeinbegriff sein, der sich in der Geschichte überall anwenden ließe. Er wollte damit zunächst nur die Übergangszeit zwischen Alteuropa und der Moderne in Europa, grob gesprochen zwischen 1750 und 1850, bezeichnen. Hoffmann setzt sich damit nur kurz auseinander (S. 215).
Seine eindimensionale Interpretation von Kosellecks historischem Denken tritt besonders darin hervor, dass er unterstellt, Krieg und Gefangenschaft seien für Koselleck der einzige ‚Erfahrungsraum‘ gewesen, auf den sich seit seiner Heidelberger Antrittsvorlesung 1965 sein ganzer „Erwartungshorizont“ bezogen hätte (S. 16, 225). Das ist schon insofern nicht zutreffend, als Koselleck in den zahlreichen überlieferten Interviews, die er vor allem am Ende seines Lebens gegeben hat, zwar fast immer von seiner Gefangenschaft in der Sowjetunion erzählte, – wenn man von seinem schweren Unfall absieht (ein Geschütz überrollte seine Füße) – aber nur selten vom Krieg. Wir erfahren von Koselleck nur wenig darüber, welche Verbrechen der Wehrmacht er im Krieg miterlebt und was er bereits damals von der Judenvernichtung gewusst hat. Mehrfach berichtete er lediglich, dass er erst am 8. Mai 1945 von der nationalsozialistischen Judenvernichtung erfahren habe – was schwer glaubhaft ist. Koselleck hob auch immer wieder sowohl seine bildungsbürgerliche Herkunft als auch seine Studienjahre in Heidelberg als seine prägenden Lebenserfahrungen hervor. Diese biografischen Erfahrungen werden von Hoffmann zwar in Kürze abgehandelt, jedoch nicht in der für Koselleck existenziellen Bedeutung erkannt.
Wichtig ist allerdings, dass Hoffmann die anthropologische Dimension, welche Träume über den Krieg für Koselleck hatten, besonders herausstreicht. Seine Darstellung der intellektuellen Beziehung Kosellecks zu Charlotte Beradt, zu deren Buch „Das Dritte Reich des Traums“ er in der Nachauflage von 1981 ein Nachwort schrieb (S. 151–179), gehört zu den besten Partien des Buchs.
Hoffmann hütet sich erfreulicherweise davor, in den großen Chor einzufallen, Koselleck sei ein Schüler von Carl Schmitt gewesen. Wie der Briefwechsel zwischen beiden erkennen lässt, fühlte sich Koselleck dem allzu politischen Juristen schon früh gewachsen – nicht zuletzt, weil er sich ganz als Historiker verstand. Tatsächlich war es Werner Conze, der ihn als Historiker in die Wissenschaft führte. Conze übernahm ihn 1957 als Wissenschaftlichen Assistenten am Historischen Seminar der Universität Heidelberg, er schlug ihm das Thema über die Geschichte Preußens als Habilitationsschrift vor, wodurch er aus Koselleck „erst einen Sozialhistoriker“ machte (S. 81). Ohne Conze hätte Koselleck schließlich auch nicht in jahrzehntelanger Zusammenarbeit das große Werk der „Geschichtlichen Grundbegriffe“ zustande gebracht. Auf diesen Zusammenhang weist Hoffmann zwar hin, er weiß zu dieser für Koselleck zentralen Forschungskooperation jedoch nur wenig zu sagen (S. 82). Kosellecks Bedeutung für die moderne Begriffs- und Sozialgeschichte handelt er ausgerechnet an der Kritik von John G. A. Pocock und Quentin Skinner ab (S. 241f.). Welche Bedeutung die „Geschichtlichen Grundbegriffe“ nicht nur für die internationale Reputation von Koselleck, sondern überhaupt für die geisteswissenschaftliche Forschung in Deutschland hatten, geht aus Hoffmanns Buch nicht hervor – ein schwer zu begreifendes Defizit.
So hinterlässt das Buch insgesamt einen zwiespältigen Eindruck. Auch wenn es manche neuen Erkenntnisse liefert, ist es nicht die große Biografie Reinhart Kosellecks.
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