An Versuchen, die innere „Einheit der politischen Theorie Carl Schmitts“ (S. 10) zu rekonstruieren, bestand und besteht kein Mangel. Auch die Studie von Philip Manow will den Anschein des „Sprunghafte[n], Unsystematische[n] und Widersprüchliche[n]“ (S. 20), der nicht zuletzt durch die Kombination exoterischer und esoterischer Sprachfiguren erzeugt wird, durchdringen und zum wesentlichen „innersten Zusammenhang der Schriften“ vordringen (S. 21). Allerdings wird die Verheißung, den Bauplan der politischen Theorie Schmitts offenzulegen, auch wieder abgeschwächt, indem nur von einer „mögliche[n] Einheit des Werks“ die Rede ist, die „aus einem reichen intertextuellen Geflecht von Referenzen, Verweisen, Begriffen“ bestehen könnte.
Während ein bedeutender Forschungszweig den ‚roten Faden‘ der Schmitt-Schriften in der Politischen Theologie zu finden glaubt, wählt Manow einen anderen, nicht minder originellen Ansatz: Den Schlüssel zum verborgenen Wesen der vielgestaltigen politischen Theorie Schmitts vermutet er im letzten der 1958 publizierten verfassungsrechtlichen Aufsätze. Dessen Titel „Nehmen, Teilen, Weiden“ verweist auf Carl Schmitts Versuch, die zentralen ökonomischen Grundkategorien in ihrem geschichtsphilosophischen Zusammenhang darzustellen und vermittels dieser die Idealtypen der „Sozial- und Wirtschaftsordnung“, wie sie sich historisch entwickelt haben, zu rekonstruieren (Schmitt 1958: S. 489). Damit rekurriert Schmitt de facto auf das Forschungsprogramm des Historischen Materialismus und betont (in Anlehnung an Max Weber), dass die drei wirtschaftlichen Handlungssysteme in jedem sozioökonomischen „Nomos“ mit jeweils spezifischer Gewichtung zusammenwirken (ebd., S. 501).
Manows Studie folgt in ihren Grundzügen der Schmitt’schen Bedeutungstrias des Zentralbegriffs „Nomos“, die unter „Nehmen“ Prozesse der Aneignungsvorgänge, insbesondere solche der Landnahme, versteht, mit „Teilen“ Distinktionen zwischen dem ‚Mein und Dein‘ an Boden und Gütern meint und schließlich mit „Weiden“ Prozesse der Gütererzeugung beschreibt (Schmitt 1958: S. 491ff.). Rätselhaft an Manows Rekonstruktionsversuch bleibt allerdings, wieso der Titel seines Buches („Nehmen, Teilen, Weiden“), der wortwörtlich den Titel des Schmitt-Essays von 1953 kopiert, nicht der Kapitelabfolge des Buches entspricht: Dort ist von „Teilen, Nehmen, Weiden“ die Rede. Schmitt dagegen betont, „dass irgendein Nehmen als selbstverständliche Voraussetzung und Grundlage für das weitere Teilen und Produzieren anerkannt war“ (ebd. S. 492f.).
Schmitts Kategorie des Teilens erläutert Manow mittels der seit 1912 gebräuchlichen Begriffsdyade von „Dezision“ und „Norm“ (S. 28, 74ff.), wobei im Gegensatz zur angeblichen positivistischen Kontinuitätsfantasie Hans Kelsens das Programm einer epistemischen „Personalisierung des Rechts“ (S. 27) verfolgt wird, bei dem die erscheinende „Hierarchie der Normen“ auf ihr latentes Wesen, nämlich die jeweilige „Hierarchie konkreter Menschen und Instanzen“ zurückgeführt wird (Schmitt: Legalität und Legitimität, S. 57). Unbedingt gelungen ist Manow die illustrierende Verknüpfung des zentralen Schmitt’schen Begriffspaares „Entscheidung“ versus „Gesetz“ mit den Erzählungen und Romanfragmenten Franz Kafkas, wie etwa im „Urteil“, im „Process“ oder in „Vor dem Gesetz“. Kafka war – wie Schmitt – fasziniert (oder besser: perhorresziert) von den Lücken im Recht und spürte wie dieser (allerdings mit konträrer Wertung) dem inneren „Zusammenhang [von] Gewalt und Gesetz“, von Macht und Recht nach (S. 39, 41). Überdies kann Kafka als eine der wichtigsten Inspirationsquellen für Schmitts These von der Dialektik der „kommissarischen“ und „souveränen Diktatur“ gelten.
Allerdings hätte Schmitts zusätzliche exegetische Rückbindung dieser explosiven Begriffsdyade an Emmanuel Joseph Sieyès dann doch kritischeres Nachfragen verdient, als es bei Manow der Fall ist. Denn Schmitt neigt dazu, den pouvoir constituant des Volkes nicht – wie bei Sieyès – als legitimierenden Urgrund allen positiven Rechts, sondern als delegitimierenden Abgrund aller Legalität zu deuten. Vielleicht wäre es auch treffender, Schmitts Spekulationen über „Zwischenräume des Rechts“ (Michel Foucault 2001: S. 160) nicht als „Politische Theologie“, sondern als „Politische Romantik“ zu bezeichnen. Hatte doch seine gleichnamige Schrift von 1919 wahre Souveränität ausschließlich jenseits aller geordneten Prozeduren und Institutionen verortet und hier, wie so oft, die ‚lebendige Dezision‘ gegen die ‚tote Norm‘ ausgespielt.
Leider erfährt auch Schmitts gewaltsame Amalgamierung von Demokratie und Diktatur (S. 38f.), die er an Klassikern der politischen Philosophie glaubte belegen zu können, eine unverdiente exegetische Schonung, obwohl doch seine ideengeschichtliche Konstruktion, in der der Demokratiebegriff mit einer verselbstständigten Exekutive zusammengedacht wird, einen hermeneutischen Gewaltakt gegenüber der theoriegeschichtlichen Tradition bedeutet. Bedauerlich ist dieses Versäumnis auch deswegen, weil die Literatur zu diesem Themenkomplex nicht eben spärlich zu nennen ist (vgl. unter anderen Ingeborg Maus 1980, Ulrich Thiele 2003).
Auch die (bei Schmitt primäre) Wirtschaftskategorie des Nehmens erfährt in Manows Rekonstruktion weniger eine Problematisierung als eine illustrierende Bestätigung: Vollkommen distanzlos referiert er Schmitts Formierungstheorie des Eigentums, nach der einseitige Operationen eines Subjekts am Boden das Grundmuster allen rechtsfähigen Erwerbs von Sachen darstellen (S. 493). Damit stellt sich Schmitt in eine ideengeschichtliche Reihe mit John Locke, Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Karl Marx, ohne dabei den gewichtigen Einwand Immanuel Kants zu bedenken, der beispielweise im § 11 seiner „Rechtslehre“ ausführte, ein direktes Recht einer Person an einer Sache zu behaupten, würde bedeuten, Dingen einen eigenen Willen zuzusprechen – eine Position die aus Kants Sicht jedenfalls in epistemischer Hinsicht pathogen zu nennen wäre. Kants demokratietheoretische Fundamentalkritik an solistischen Okkupationstheorien zielt darauf, dass legitimationsfähige Eigentumsansprüche den (wie immer zu ermittelnden) Konsens der von der Nutzung einer Sache Ausgeschlossenen verlangen. So bleibt denn auch die kolonialismuskritische Pointe von Kants intersubjektiver Dekonstruktion des sogenannten Sachenrechts unbemerkt. Sonst könnte wohl kaum (unter Rekurs auf Adam Tooze) vom europäischen Streben nach „Eroberung und ‚Besiedlung‘ von riesigen leeren Regionen [Hervorh. im Orig.]“ die Rede sein (zit. S. 111f.).
Manows Ausführungen über Max Webers und Rudolph Sohms institutionenfeindliches Charisma-Konzept (S. 57ff.) auf der einen Seite und Schmitts gegenläufige institutionalistische Parteinahme zugunsten des Römischen Katholizismus (und seiner Tendenz zur absorptiven Repräsentation) auf der anderen (S. 66ff.) verdienen sicher höchste Anerkennung, weil sie auf innovative Weise ein neues Licht auf das hochkomplexe Thema der Politischen Theologie werfen.
Schließlich unternimmt Manow aus der Perspektive von Schmitts dritter ökonomietheoretischer Kategorie des Weidens den Versuch, die kollidierenden politökonomischen Interessen der Seemächte und der Landmächte (insbesondere des Deutschen Reiches) zur Erklärung des Zweiten Weltkrieges in Rechnung zu stellen. Dabei gelingt es nicht immer, Distanz zu schmittianischen Klischees zu wahren, etwa das vom „angelsächsischen Weltkapitalismus“ (S. 114, 125) beziehungsweise vom globalen „Finanzkapitalismus“ (S. 123, 128), oder das der Unvereinbarkeit zweier Völkerrechtsprinzipien, der „Freiheit der Meere“ versus der „konkreten Großraumordnung“ (S. 110ff.). Zwar benennt Manow einerseits zutreffend Schmitts antisemitische Verknüpfung dieser außenpolitischen Ideologeme mit der Imago des „staatenlose[n], heimatlose[n], ewig wandernden Jude[n]“ (S. 120), wobei er allerdings die Frage ausspart, ob Schmitt eine historisch-kulturalistische oder eine biologisch-rassistische Version des Antisemitismus vertrat (vgl. dazu zum Beispiel Andreas Koenen 1995, Raphael Gross 2000). Andererseits muss sich Manows politisch-ökonomischer Plausibilisierungsversuch der reichsdeutschen Außenpolitik der 1930er und 1940er Jahre (S. 112ff.) den Einwand gefallen lassen, durch die starke Akzentuierung der strategisch-rationalen Komponente würde die These vom antisemitischen Kern der NS-Weltanschauung und der ihr entsprechenden politischen Gesamtstrategie implizit infrage gestellt (vgl. zum Beispiel Martin Broszat 1970, Erich Goldhagen 1976, Samuel Salzborn 2022).
Doch in diesem Zusammenhang ist ein Bedenken angebracht: Hatte nicht auch schon Ernst Nolte (lange vor dem „Historikerstreit“) die politisch-ökonomische Erfolgsorientierung der NS-Politik einerseits betont und andererseits deren integrale Einheit mit der Rassenlehre hervorgehoben (ders. 1963: S. 139), ohne dass damals ein Revisionismus-Vorwurf hatte erhoben werden können?
Zweifellos ist Philip Manow eine tiefgründige Studie gelungen, die für die Schmitt-Exegese einen immensen inspiratorischen Mehrwert bietet und nebenbei zentrale Probleme der NS-Forschung anspricht.
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