Der von Robert Aldrich und Andreas Stucki gemeinsam geschriebene Band „The Colonial World“ präsentiert sich als eine umfassende Darstellung von Weltgeschichte seit dem frühen 16. Jahrhundert. Es ist vor allem eine europäische Geschichte, mit Schwerpunkten auf dem späteren 19. und auf dem 20. Jahrhundert in den entsprechenden europäischen kolonialen beziehungsweise imperialen Herrschaftsräumen.
Eine Stärke des Buches ist die zeitliche, geografische und thematische Breite: Mit wenigen Namen von Akteuren, aber anhand vieler Räume vermitteln die Autoren einen breiten Überblick über die europäische Kolonial- und Dekolonialisierungsgeschichte. Der erste Teil des Buches ist nach Epochenschwerpunkten gegliedert und behandelt die Kolonialexpansion in der Frühen Neuzeit sowie die Herausbildung des modernen Imperialismus während des 19. Jahrhunderts. Für die Zeit des Hochimperialismus zwischen 1914 und 1940 legen Aldrich und Stucki ein besonderes Augenmerk auf die vielen Verfehlungen und damit auf die Auflösung imperialer Gebilde. Der zweite Teil ist mit „Themes“ überschrieben. In Anlehnung an die „Panoramen“ in Jürgen Osterhammels Geschichte des 19. Jahrhunderts „Die Verwandlung der Welt“ (2009), sollen hier wichtige Forschungsfelder behandelt werden. Die „Themen“ bleiben jedoch eher skizzenhaft und ohne die historiografische und quellenbasierte Tiefe Osterhammels. Der dritte und umfänglichste Teil ist Fallstudien oder „Cases“ gewidmet. In 16 Kapiteln erzählen die Autoren Episoden und Einzelheiten aus unterschiedlichen kolonialen Kontexten.
Im ersten und im zweiten Teil des Buches wird eine eher abstrakte Erzählebene eingenommen. Akteure und genauere lokale Kontexte spielen zu oft keine Rolle. Diese Art der Darstellung wirkt ermüdend: Zwar zeigen die Autoren auf, an wie vielen unterschiedlichen Orten vergleichbare Themen und Entwicklungen auftraten, doch schwirrt einem der Kopf vor lauter Beispielen. Vor allem im ersten Teil ist meist von „den Europäern“ die Rede. Sie erscheinen dabei als die einzigen Akteure. Das wirkt bisweilen ahistorisch, wenn zum Beispiel beim Dammbau die vor- und nichteuropäischen Staudammbauten in den verschiedenen Teilen Asiens oder die großen Bewässerungsanlagen in den Anden unerwähnt bleiben.
Eine der großen Schwächen des Buches liegt somit in der Wahl des Fokus. Wenn sich die Autoren für den ‚großen Rahmen‘ entscheiden und den „europäischen Kolonialismus“ darstellen wollen, dann wird umso deutlicher, welche Chance sie vergeben, eine wirkliche Globalgeschichte kolonialer und imperialer Dynamiken vorzulegen. Es wird der Eindruck erweckt, als könne eine solche Arbeit ohne einen theoretischen oder zumindest historiografisch-definitorischen Rahmen auskommen. Die Autoren definieren nicht, was sie unter Kolonialismus verstehen, und ob sich nicht unterschiedliche Formen von Kolonialismen in den dargestellten fünfeinhalb Jahrhunderten finden. Das führt auch dazu, dass keine Unterschiede erkennbar sind, etwa zwischen einem Siedlerkolonialismus in der spanischen Karibik des frühen 16. Jahrhunderts und der Gründung des Staates Israels.
Kaum Erwähnung – geschweige denn eine analytische Verzahnung – finden sich zwischen europäischen Dynamiken mit denjenigen in Asien und Afrika. Zwar stellen Aldrich und Stucki diese nicht als machtfreie Räume dar – sie zeigen im Gegenteil häufiger auf, mit welchen Herrschaftsstrukturen europäische Eroberer und Kolonialakteure in Berührung kamen. Es mangelt jedoch an einer narrativen Verknüpfung dieser Herrschaftsentwicklungen als eine der Voraussetzungen für die Ausdehnung europäischer Herrschaftsansprüche. Dieser fehlende Blick über den ‚europäisierten‘ Tellerrand hinaus wiegt besonders dann schwer, wenn – wie etwa im Fall der afrikanischen Erdnusswirtschaft – Territorien diesseits und jenseits der Kolonialgrenzen eng miteinander verbunden waren und die koloniale Exportwirtschaft in europäische Länder von Produktlieferungen aus den nicht kolonial dominierten Herrschaften abhing.
Das Buch möchte keine neuen Narrative präsentieren oder einen analytischen Zugang zu Kolonialgeschichte bieten. Die Themen sind Beschreibungskategorien, eine historiografische Diskussion fehlt. Zudem erscheinen die Narrative und Themen isoliert, weswegen Chancen vertan werden, Entwicklungszusammenhänge aufzuzeigen. So bemühen die Autoren auf Quellenbasis beispielsweise das Narrativ der ‚unberührten‘ Natur in den Philippinen. Dieses wird dann als typisch koloniales Narrativ dargestellt, aber nicht mit zuvor genannten Themen der inter-imperialen Konkurrenz oder der ökonomischen Interessen verknüpft. Zudem scheint ein häufig vereinfachtes Verständnis von Kolonialismus als Eroberung mit nachfolgender Machtdominanz durch. Angesichts langwieriger militärischer Auseinandersetzungen, Herrschaftssubstitutionen und vielfältiger Versuche administrativer Durchdringung zeigen viele Studien eine größere Komplexität.
Ein weiteres Beispiel für die Unverbundenheit einzelner Ereignisse oder Episoden innerhalb eines Kapitels findet sich im Abschnitt zu „India 1876“. Auf die lobenswerte Erwähnung einer weiblichen Protagonistin folgen der Delhi Durbar, die große Hungersnot und eine Entwicklung des indischen Nationalismus, ohne dass diese in eine narrative oder historische Beziehung gesetzt würden.
Insgesamt macht die Auswahl der Themen und Beispiele einen eher eklektischen Eindruck. Dies ist angesichts der Breite des Untersuchungszeitraums nicht verwunderlich. Dennoch überraschen einzelne Schwerpunktsetzungen sehr: Warum im Kapitel zur Umweltgeschichte die überaus wichtige Trockenlegung des Texcoco-Sees (Mexiko) unerwähnt bleibt, dafür aber die Bedeutung britischer Clubs in den Städten des Empire behandelt wird, ist nicht nachvollziehbar. Zudem ist eine wichtige Auslassung zu kritisieren: Bei der Darstellung der Sklaverei auf Kuba fehlt der Hinweis auf das 1820 ergangene spanische Verbot des Handels mit versklavten Menschen. Ohne diesen Hinweis ist aber das perfide System nicht zu verstehen, das sich auch aufgrund dieses Verbots entwickelte.
Als Überblick kann das Buch von Aldrich und Stucki gute Dienste leisten. Fortgeschrittene Studierende und Berufshistoriker_innen werden lieber zu anspruchsvolleren Darstellungen greifen.
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