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Einzelrezension

Moses, A. Dirk: Nach dem Genozid. Grundlage für eine neue Erinnerungskultur, übers. v. David Frühauf, 159 S., Matthes & Seitz, Berlin 2023.


Keywords: Review, Moses, A. Dirk, 2023, Erinnerungskultur, Genozidforschung, Genoziddispositiv, Versicherheitlichungsprozesse, Sicherheitsverbrechen, Singularitätsdebatte, Shoah

How to Cite:

Lindner, U., (2024) “Moses, A. Dirk: Nach dem Genozid. Grundlage für eine neue Erinnerungskultur, übers. v. David Frühauf, 159 S., Matthes & Seitz, Berlin 2023.”, Neue Politische Literatur 69(1). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-024-00558-2

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© The Author(s) 2024 under CC BY International 4.0

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Published on
2024-03-12

Peer Reviewed

Im Frühsommer 2021 hat der australische Historiker und Genozidforscher Anthony Dirk Moses zwei bedeutende Texte veröffentlicht: zum einen den „Katechismus der Deutschen“, eine erinnerungspolitische Streitschrift, die einer der wichtigsten Beiträge zum sogenannten „Historikerstreit 2.0“ werden sollte und an der sich bis heute die Geister scheiden; zum anderen „The Problems of Genocide“, eine Monografie, die mehr als zwei Jahrzehnte von Moses’ Forschungstätigkeit zusammenfasst. Was nun auf Deutsch vorliegt, sind Fragmente dieses Opus magnum, die für das hiesige Publikum aufbereitet wurden.

Gleich zu Beginn stellt Moses klar, was seine normative Perspektive ist: die „Immunität der Zivilbevölkerung gegen militärische Übergriffe“ (S. 7). Entsprechend ist das Buch gegliedert. Zunächst untersucht er ein Hindernis, das dem effektiven Schutz der Zivilbevölkerung entgegensteht und für das sich im Anschluss an Michel Foucault die Bezeichnung „Genoziddispositiv“ angeboten hätte. In einem zweiten Schritt entwickelt Moses einen Ansatz, der jede Art von nicht-trivialem Übergriff auf die Zivilbevölkerung kritisierbar machen soll: denjenigen der „dauernden Sicherung“.

Das Genoziddispositiv ist auf Betreiben der Westalliierten entstanden, die nach einem strafrechtlichen Rahmen für die Shoah suchten, der zugleich gegen eine Verfolgung der eigenen imperialen Verbrechen imprägnieren sollte. Drei wesentliche Elemente zeichnen diesen Macht‑/Wissens-Apparat nach Moses aus: (1) eine eindeutige normative Hierarchie, in der der Völkermord als „Verbrechen der Verbrechen“ an der Spitze steht (S. 42ff.); (2) eine Irrationalisierung des Völkermords (Moses spricht von „Entpolitisierung“ und „Ethnisierung“), die Versicherheitlichungsprozesse gegenüber solchen der Rassifizierung unsichtbar macht: Genozide werden auf „Hassverbrechen“ verengt, sodass Vernichtungsaktionen, die (auch) politisch und/oder militärisch motiviert sind, herausfallen (S. 34ff.); (3) die Doktrin der Doppelwirkung, derzufolge die Tötung von Zivilist_innen als „Kollateralschäden“ in Kauf genommen werden kann, wenn die Operation einem moralisch ‚richtigen‘ Zweck dient und klar definierten militärischen Zielen folgt (S. 10f.).

Moses verbindet die Kritik des Genoziddispositivs mit einem radikalen Konsequenzialismus, der jede Hierarchisierung von Massenverbrechen ablehnt (S. 10). Das ist keineswegs zwingend. Moses ist stark darin, die Vorstellung einer eindeutigen Verbrechenshierarchie – mit dem Genozid an der Spitze – zu erschüttern. In der Tat ist es moralisch gesehen irrelevant, ob Zivilist_innen aus rassistischen/antisemitischen Motiven oder aus (anderen) politischen Gründen zielgerichtet ermordet werden. Daraus folgt jedoch nicht, dass Intentionen bei der Bewertung von Massenverbrechen keine Rolle spielen würden. Wer wie Moses die Doktrin der Doppelwirkung ablehnt, kann immer noch der Meinung sein, dass die zielgerichtete Vernichtung von Zivilist_innen ein schwerwiegenderes Verbrechen darstellt als die billigende Inkaufnahme ihrer Tötung.

Den Begriff der ‚dauernden Sicherung‘ übernimmt Moses aus dem Verhör des Einsatzgruppen-Befehlshabers Otto Ohlendorf vor dem Nürnberger Kriegsverbrechertribunal, um ihn gegen diesen zu wenden (66ff.). Zu verstehen ist darunter „eine Praxis, in der eine Gruppe von Menschen – Zivilist_innen – kollektiv und präventiv als Sicherheitsbedrohung ins Visier genommen wird“ (S. 94f.). Zugrunde liegt dieser Praxis nicht in erster Linie Hass, sondern Angst und Paranoia, auch wenn die Opfer die Verfolgung als von Hass geleitet erleben. Moses unterscheidet dabei zwischen liberaler und antiliberaler dauernder Sicherung. Letzterer geht es darum, vorbeugend Gefahren von einer Ethnie, Nation oder Religion abzuwenden, indem ganze Gruppen zielgerichtet vernichtet werden, gerade auch Kinder als zukünftige Bedrohungen (S. 78ff.). Erstere bekämpft dagegen „Feinde der Menschheit“ und normalisiert die massenweise Tötung von Zivilist_innen beziehungsweise ihre Inkaufnahme zu „Kollateralschäden“ (82ff.).

Die Coda des Buches besteht in einer Anwendung der Sicherheitsperspektive auf die Shoah. Für Moses bildet „das utopische Streben nach absoluter Sicherheit den Kern der Shoah und anderer NS-Genozide“ (S. 101), wobei die Shoah „den radikalsten Fall“ (S. 108) eines Sicherheitsverbrechens darstellt. Wird die paranoide Verteidigung der ‚Volksgemeinschaft‘ gegen innere und äußere Feinde als Zentrum der NS-Ideologie angesehen, mit dem ‚Weltjudentum‘ als absoluter Bedrohung, erscheint dieser Zugang hochgradig plausibel. Moses ist dabei so zu verstehen, dass antiliberale dauernde Sicherung keine hinreichende Erklärung für die Shoah ist. Ihm zufolge braucht es dafür mindestens noch Saul Friedländers Konzeption des „Erlösungsantisemitismus“ und, diese erweiternd, einen Blick auf „Erlösungsimperialismus“ (S. 104). Damit soll offensichtlich ein Bogen zur kolonialen ‚Lebensraum-im-Osten‘-Politik der Nazis gespannt werden. Bedauerlicherweise wird dieser vielversprechende Begriff nur beiläufig erwähnt und nicht systematisch entwickelt.

Wie schon in früheren Arbeiten kritisiert Moses die Singularitätsdebatte. Das ist insofern irreführend, als er mit seiner Extremfallkonzeption eine Krypto-Singularitätsthese präsentiert, die der Shoah ebenfalls eine besondere Bedeutung zuschreibt. Moses’ Buch verdeutlicht, dass der entscheidende Streitpunkt nicht die Singularität, sondern das ‚Wesen‘ der Shoah ist: Wird dieses allein durch ihre Besonderheiten konstituiert oder enthält es auch Gemeinsamkeiten mit anderen Massenverbrechen? Wer Ersteres annimmt, wird – wie zum Beispiel Stephan Malinowski in einer FAZ-Besprechung – die Perspektive der dauernden Sicherung als „Relativierung“, „Banalisierung“ et cetera zurückweisen. Nach der zweiten Sichtweise ist Moses’ Ansatz dagegen eine große Bereicherung, da er einen neuen Blick darauf eröffnet, was die Shoah mit anderen Massenverbrechen teilt.

Moses’ Buch liefert auch eine „Grundlage für eine neue Erinnerungskultur“ (so der Untertitel), indem es eine Dichotomie beseitigt, die für das ‚offizielle‘ Deutschland prägend geworden ist: die Irrationalisierung der Shoah zu einem ‚grundlosen‘ Hassverbrechen („Vernichtung um der Vernichtung willen“), demgegenüber andere Massengewalt (zum Beispiel koloniale Genozide) als ‚begründet‘ erscheint – als ob es ‚rational‘ wäre, Zivilist_innen zu ermorden, sobald Mitglieder einer Gruppe einen Aufstand oder Ähnliches starten. Diese Dichotomie löst sich bei Moses in verschiedene Grade von Sicherheitsparanoia auf. Es wirft kein gutes Licht auf die deutsche Erinnerungs- und Wissenschaftskultur, dass sich kein Verlag gefunden hat, der bereit gewesen wäre, die gesamten 610 Seiten von „The Problems of Genocide“ zu übersetzen.

Funding

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