Schließen Demokratie und Geheimnis sich gegenseitig aus? Und ist die aktuell gern geäußerte Forderung nach ‚Transparenz‘ wirklich immer demokratiefördernd? Diesen Fragen geht die Studie von Andreas Mix einerseits nach, beantwortet sie aber zum Teil auch gleich in der Einleitung. Denn aus demokratietheoretischer Sicht, so Mix, schlössen sich Demokratie und politisches Geheimnis auf jeden Fall aus. Lediglich auf der Ebene des „privat-emotionalen Geheimnisses“ sei das Verhältnis ambivalent, hier gelte es Kriterien für die Unterscheidung von legitimen und illegitimen Geheimnissen zu finden.
Die Studie ist in vier Teile geteilt. Im ersten Teil erläutert Mix zeitgenössische Geheimnisbegriffe sowie politik-, sozial- und geschichtswissenschaftliche Definitionen. Er schließt daraus, dass der kategorische Ausschluss des Geheimnisses aus dem öffentlich-politischen Bereich, den er in Praxis und Theorie um 1800 verortet, in der Tat notwendig gewesen sei, um politische Herrschaft weiter legitimieren zu können. Als problematisch sieht er dagegen die Tendenz der Zeitgenossen, diesen Ausschluss nicht nur auf die Sphäre der bürgerlichen Öffentlichkeit zu beschränken, sondern auch auf den privat-emotionalen Bereich auszuweiten. Private Geheimnisse könnten jedoch nicht nur legitim sein, sie trügen auch gerade durch ihren Kontrast zur politischen Öffentlichkeit ein emanzipatorisches Potenzial in sich.
Im zweiten sowie im dritten Teil des Buches möchte Mix daher die „demokratietheoretisch ambivalenten Wirkungen und Interdependenzen von Geheimnis und Öffentlichkeit“ (S. 68) beschreiben. Dabei untersucht er zunächst die Wirkungen der Affirmation des politischen Geheimnisses im Zeitraum zwischen 1720 und 1789 unter der Fragestellung, warum die Arcana Imperii, also die geheime Politik der Herrschenden unter Ausschluss der Öffentlichkeit, das Ancien Régime nicht dauerhaft stabilisieren konnte. Im dritten Teil beschäftigt er sich spiegelbildlich mit der Zeitspanne nach dem Ausschluss des Geheimnisses in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Für beide Phasen untersucht Mix jeweils die primären, beabsichtigten, und sekundären, unbeabsichtigten Auswirkungen der Affirmation beziehungsweise des Ausschlusses des Geheimnisses und zwar im öffentlich-politischen, im privat-emotionalen und im privat-ökonomischen Bereich. Dabei kann er in beiden Zeiträumen Argumente dafür finden, dass die sekundären Auswirkungen von Affirmation und Ausschluss Elemente enthalten, die sich konträr zu den primären verhalten. Insofern kann hier in der Tat auf allen Ebenen von einer Ambivalenz des Geheimnisses gesprochen werden.
Im vierten Teil untersucht Mix den „Strukturwandel des Geheimnisses“ ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, spezifisch die Folgen der Koppelung von bürgerlicher Öffentlichkeit an den Ausschluss des (politischen) Geheimnisses für die privat-ökonomische Sphäre, dies zum Teil in Zäsurmomenten: von den Revolutionen von 1848 über die Weltkriege und die 1968er bis zu den Debatten um die ‚digitale‘ Transparenz der Gegenwart. Dabei interessiert ihn besonders, welche Folgen die Tendenz, den Ausschluss des Geheimnisses über die politische Sphäre hinaus auszudehnen, für die privat-emotionale und die ökonomische Sphäre hatte. Mix argumentiert, dass die Verdrängung des Einweihungserlebnisses aus dem privat-emotionalen Bereich zur Herausbildung neuer Formen der Einweihung in der politischen Sphäre geführt habe, welche die bürgerliche Öffentlichkeit aber erneut gefährdeten, indem sie den Totalitarismus begünstigten. Im zweiten Teil dieses Kapitels stellt Mix dann spieltheoretische Ansätze vor, die auf der Grundlage der Erfahrung des Totalitarismus wiederum neue Formen des Ausschlusses des Geheimnisses fänden. Mix charakterisiert diese Entwicklung als analog zu dem von Jürgen Habermas beschriebenen Strukturwandel der Öffentlichkeit. Der Ausschluss des Geheimnisses aus der Sphäre der Politik könne nur erfolgreich sein, wenn es in der privaten Sphäre Raum für legitime Geheimnisse gebe. Die politische Theorie müsse daher Kriterien für eine saubere Unterscheidung von Politischem und Privatem finden.
Leider macht der zum Teil ausgesprochen arabeske Schreibstil Mix’ Argumentation nicht immer verständlicher. Auch die Fülle an historischen und literarischen Beispielen wirkt in einigen Fällen eher willkürlich ausgewählt. Dennoch liefert die Studie zweifellos interessante Denkanstöße, nicht nur in Bezug auf den historischen Ausschluss des Geheimnisses und seinen Niederschlag in der politischen Theorie, sondern auch im Hinblick auf aktuelle Transparenz-Forderungen an Politik und Wirtschaft sowie die Debatten um den ‚gläsernen‘ Bürger: Während das Politische transparent sein sollte, muss die Abgrenzung zwischen Privatem und Öffentlichem aufrechterhalten und damit im Privaten auch Raum für das Geheimnis bleiben.
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