Der Historiker und Politikwissenschaftler Reinhold Vetter war langjähriger Korrespondent in Warschau und hat zahlreiche Bücher über Ostmitteleuropa und auch Polen verfasst. Anders als der Titel vermuten lässt, bietet das Buch weniger einen Ausblick auf Polen im 21. Jahrhundert, sondern stellt vielmehr den Versuch einer Bilanz der Dritten Republik seit 1989 dar. Hier würde man als Leser_in erwarten, dass sich der Autor am Untertitel „Angekommen im europäischen Gemeinwesen – oder unterwegs auf nationalistischen Sonderwegen?“ orientiert. Da diese Frage jedoch weder in der Einleitung noch in der Zusammenfassung aufgegriffen wird, muss sie notwendigerweise unbeantwortet bleiben.
Das Buch beginnt mit einer kurzen Einleitung, auf die insgesamt vier Kapitel und eine Zusammenfassung folgen. Kapitel 2 zeichnet die Entwicklung Polens nach 1989 anhand von Meilensteinen wie den Beitritten zu NATO und EU, dem Regierungswechsel 2015 und dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 nach. Daran schließt das längste Kapitel des Buches an, das als „Bilanz“ des politischen Systems, der Wirtschaft und der Gesellschaft nach 30 Jahren betitelt ist, sich jedoch vor allem dem politischen System widmet. Es folgen ein kurzes Kapitel zu „Polens Position in Europa“, das sich mit den Beziehungen zu Deutschland, der EU und der NATO befasst, ein sehr kurzes Kapitel über „Nationalismus, Autoritarismus, Populismus“, das die Regierungsjahre der Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) seit 2015 in den Blick nimmt, sowie eine abschließende Zusammenfassung.
Ließe man die durch den Titel geweckten Erwartungen hinter sich, dann böte sich eine weitgehend kompilative, aber auch solide, zügig zu lesende, wenngleich auch an einigen Stellen redundante Zusammenschau der Dritten Republik, die als Einführungswerk in die Materie dienen könnte. Doch gleichzeitig offenbart das Werk zahlreiche Schwachstellen.
Hier wäre einmal der Bias des Verfassers zu nennen, der sich auf den „Gezeitenwechsel“ (S. 1) des Jahres 2015 fokussiert, als die PiS die Parlamentswahlen gewann und fortan die Regierungsgeschäfte übernahm – ein Ereignis, das der Autor wiederholt als „Machtübernahme“ (zum Beispiel S. 66, 77) bezeichnet, was angesichts der negativen Assoziation mit der Machtübernahme durch die NSDAP 1933 in Deutschland eine problematische Wortwahl darstellt. Problematisch ist zudem, dass sich Vetter bisweilen auf den bloßen Augenschein und persönlichen Eindruck verlässt, wo konkrete Zahlen als Beleg nötig wären, um aus reinen Behauptungen überzeugende Argumente werden zu lassen. In weniger drastischen Fällen führt das zu scheinbaren, da unbelegten, Gewissheiten: „Jeder, der sich eine Zeit lang in der polnischen Gesellschaft umschaut, wird schnell merken, dass es in erster Linie die polnischen Männer sind, die einer kräftigen Dosis Emanzipation bedürfen. Noch gibt es viele gerade auch junge Männer, die ein ausgeprägtes chauvinistisches Verhalten gegenüber Frauen an den Tag legen“ (S. 132). Ähnlich hier: „Mehr und mehr Bürger verzichten auf das Auto und steigen stattdessen auf das Fahrrad um, wenn es um den Wochenendausflug oder die Fahrt zur Arbeit geht. Besonders in den großen Städten sieht man mehr und mehr Abfalltonnen, die auf Mülltrennung verweisen […]. Langsam verändern sich Essgewohnheiten, was durchaus auch der Umwelt zugutekommen kann. Müllverbrennungsanlagen werden gebaut“ (S. 122f.). Man wüsste gerne, woher der Verfasser dies alles weiß, auch um es gegebenenfalls überprüfen zu können. Bisweilen führen der PiS-kritische Bias und der auf Belege verzichtende Argumentationsstil jedoch auch zu krassen Fehldarstellungen.
So wird etwa folgende Behauptung aufgestellt: „Der polnische Nationalfeiertag am 11. November war besonders ab 2015 Schauplatz großer Demonstrationen, die nicht selten in gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen den Teilnehmern und der Polizei endeten“ (S. 107). Das Gegenteil ist richtig. Ab 2011 erhielt der Unabhängigkeitsmarsch (Marsz Niepodległości) immer mehr Zulauf. Dieser Trend setzte sich auch mit der Regierungsübernahme durch die PiS im Jahr 2015 fort. Doch gerade die Jahre zuvor waren es, in denen es zu den gewalttätigsten Auseinandersetzungen zwischen Demonstrationsteilnehmern und der Polizei kam, auch unter Einsatz von Wasserwerfern und Tränengas. Im Vergleich dazu verliefen die Märsche seit 2015 ohne größere Ausschreitungen.
Hinzu kommen inhaltliche Fehler und Ungenauigkeiten. So schreibt Vetter: „Bei den Parlamentswahlen der Jahre 2001 und 2007 kam sie [die Partei Selbstverteidigung, Samoobrona RP] auf 10 Prozent der Stimmen, stürzte aber 2005 [sic!] auf 1,2 Prozent ab“ (S. 109.) Tatsächlich erreichte die Partei bei den Parlamentswahlen 2001 ganze 10,2 Prozent, 2005 bereits 11,4 Prozent, 2007 dann nur noch 1,5 Prozent. Anders als auf Seite 83 behauptet, war Radosław Sikorski zwar Außenminister in der Regierung Tusk, aber „diesen Posten schon in der Regierung Kaczyński bekleidet“ hatte er nicht. Stattdessen war er damals Verteidigungsminister. Völlig absurd wird es bei der Nennung der Mitgliederzahlen der polnischen Gewerkschaften (S. 137). Zugegeben – die Mitgliederzahlen sind schwierig zu ermitteln und bleiben umstritten. Aber die Behauptung, der Gewerkschaftsbund OPZZ hätte 3 Millionen Mitglieder und die Solidarność 900.000, ist schlichtweg unhaltbar. Die Zahlen liegen dramatisch niedriger. Schätzungsweise sind derzeit etwa 1,7 Millionen Arbeitnehmer_innen in Polen gewerkschaftlich organisiert.
Auch hätte den einzelnen Unterkapiteln ein wenig mehr thematische Stringenz gutgetan. So fragt man sich als Leser_in, was die Ausführungen zu nationalen und ethnischen Minderheiten im Kapitel über das polnische Prekariat zu suchen haben (S. 133). Ein gründlicheres Lektorat hätte derlei vermeiden können, ebenso wie die weit mehr als eine Handvoll Tippfehler sowie einige ungelenke Satzkonstruktionen.
Wer gehört zum Zielpublikum dieses Buches? Für Kenner der Materie gibt es hier im Prinzip nichts Neues zu erfahren, da Vetter ausschließlich auf bereits andernorts Publiziertes zurückgreift und zudem kaum neue Gedanken beisteuert. Laien wiederum dürften angesichts der zahlreichen Mängel mit Werken wie Gerhard Gnaucks „Polen verstehen“ (2018) oder einem hoffentlich bald aktualisierten „Länderbericht Polen“ (2009) besser bedient sein.
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