Dass sich Demokratisierung nicht in der Entwicklung politischer Institutionen erschöpft, sondern von der civic culture der Bevölkerung abhängt, ist keine neue Erkenntnis. Lange bevor Gabriel Almond und Sidney Verba diesen Begriff 1963 zur Grundlage ihrer politischen Kulturforschung machten, hatte Theodor Heuss den Westdeutschen bereits „Demokratie als Lebensform“ empfohlen, die „seelisch“ durchdrungen und praktisch eingeübt werden müsse. Wenn es sich also um altbekannte Zusammenhänge handelt, die der von Jennifer Kapczynski und Caroline Kita herausgegebene Band adressiert, so birgt dieser doch viele neue Einsichten. Selten nämlich hat ein Buch zur Demokratisierung der Westdeutschen in der Nachkriegszeit neben dem normativen auch den performativen Aspekt demokratischer Kultur so systematisch ins Zentrum gestellt wie dieses.
Als zentraler Anker der hier versammelten Essays und Analysen dient daher auch nicht die politische Kultur, sondern der Begriff der „democratic subjectivity“, der auf den subjektiven und performativen Aspekt demokratischer Prozesse abzielt – oder wie die Herausgeberinnen es ausdrücken: „democracy needs to be rehearsed“ (S. 4). Es werden folglich Situationen und Modi nachgezeichnet, in denen die Westdeutschen in der Nachkriegszeit demokratische Repräsentationen erlebten oder in denen politische und kulturelle Akteure neue Formen suchten, um „demokratische Subjekte“ auszubilden. Demokratie erscheint damit als „style as well as substance [Hervorh. im Orig.]“ (S. 11), wobei die zwei Sphären untrennbar ineinandergreifen.
Wie der geschickt gewählte Titel bereits andeutet, nimmt der Band insbesondere den Beitrag der „arts“, das heißt von Kunst und Kultur, bei der Demokratisierung der Westdeutschen in den Blick. So widmen sich die Essays von Caroline Kita, Jennifer Kapczynski, Maja Figge, Jan Uelzmann und Frank Mehring den Medien Radio, Theater, Film und Fotografie, während Paul Michael Lützeler und Tobias Boes die Literaturwelt in den Mittelpunkt stellen. Ein sehr gelungener Beitrag von Sean Forner zeigt zudem am Beispiel der Europäischen Gespräche in Recklinghausen und der Kölner Mittwochsgespräche, wie sich gesellschaftliche Eliten in der Nachkriegszeit um neue kommunikative Formate mit einem breiten, klassenübergreifenden Publikum bemühten. Interessanterweise scheint die größte Wirkung aber auf die Intellektuellen selbst ausgegangen zu sein, die ihr Publikum nicht mehr als passive Masse, sondern als aktiven politischen Demos verstehen lernten.
Während solche und andere Beiträge ein recht positives Licht auf die Demokratisierungsbemühungen der Nachkriegszeit werfen, zeichnen sich andere Essays durch eine kritischere Sichtweise aus. So zeigt Jan Uelzmann eindrücklich, wie die Wochenschau-Berichte der Ära Adenauer filmische Mittel nutzten, um die junge Republik in den Augen ihrer Bürgerinnen und Bürger als Erfolgsgeschichte zu inszenieren: als international respektierter, im Westen vernetzter Akteur mit einem quasi-religiös überhöhten pater patriae an der Spitze. Uelzmann erinnert damit daran, dass an der Ausbildung eines spezifisch bundesrepublikanischen Subjekts der Demokratie auch paternalistische und autoritäre Traditionen mitwirkten.
Mit ähnlicher Stoßrichtung unterstreicht die Filmwissenschaftlerin Maja Figge am Beispiel des westdeutschen Nachkriegsfilms, dass das vermeintlich postrassistische Selbstverständnis der frühen Bundesrepublik („democratized Germanness“, S. 190) mit der Präsenz und Pflege rassistischer Repräsentationen von Schwarz- und Weißsein einherging. Sie stellt eine „redemptive whiteness“ als Gründungsmythos der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft vor, der die Bundesrepublik als weißen, christlichen und moralisch gereinigten Raum imaginierte. Dies zeigte sich Figge zufolge nicht nur in der filmischen Darstellung von afroamerikanischen Charakteren und Musikstilen, sondern zum Beispiel auch im (farb-)symbolischen ‚Weißwerden‘ des Protagonisten im Film „Die große Versuchung“ (1952), der sich als Kriegsheimkehrer von einer „literal dark figure“ im schwarzen Ledermantel zum „white, male redeemer [Hervor. im Orig.]“ im hellen Arztkittel entwickelt (S. 192) – nur eine von mehreren kontroversen Thesen, die zur Diskussion ebenso einladen wie zur eigenen Filmbetrachtung.
Jenseits von Kunst und Kultur im engeren Sinn bewegen sich die übrigen Beiträge des Bandes, die von der Kunst des Demokratisierens berichten. Während Kathleen Canning und Anthony Kauders die großen Fragen nach dem Erbe Weimars und der Psychologie der bundesdeutschen Demokratisierung aufwerfen, thematisieren Alice Weinreb und Darcy Buerkle wichtige Zusammenhänge von Körper, geschlechtlicher Identität und Demokratie. Mit dem US Women’s Affairs Office stellt Buerkle ein Beispiel transnationaler, weiblich gegenderter Demokratisierungsbemühungen vor. Weinreb wiederum zeigt aus konsum- und körperhistorischer Sicht, wie sich in der Nachkriegszeit die für den Ost-West-Konflikt so charakteristische Gleichsetzung von Demokratie und Überfluss sowie von Diktatur und Mangel in den Augen der Bürgerinnen und Bürger herausbildete und Teil der bundesdeutschen Demokratieerfahrung wurde.
In diesem interdisziplinären Ansatz liegt – neben einem famosen Gespür für gute Aufsatz-Überschriften – eine Stärke des Bandes, dem es gelingt, diverse Stränge kulturwissenschaftlicher Forschung in die alte Debatte um die Demokratisierung Westdeutschlands einzubinden. Dass die Autorinnen und Autoren mit unterschiedlichen Perspektiven, verschiedenen methodischen Ansätzen und einer je eigenen Vorstellung davon operieren, was „democratization“ ist, gehört zu dieser Vielfalt, macht es aber schwerer, ein inhaltliches Ergebnis zu destillieren. Eines aber zeigt der Band mehr als deutlich: Die schwierige Demokratisierung Westdeutschlands hing auch davon ab, dass sich Intellektuelle, Kunstschaffende und politisch Bildende nicht nur Gedanken darüber machten, was Demokratie ist, sondern auch, wie sie gelebt wird und wie sie sich für ihre „demokratischen Subjekte“ anfühlt.
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