Die vorliegende Dissertation des Historikers Jan-Philipp Pomplun widmet sich dem wohl meistdiskutierten Phänomen der Nachkriegsgewalt in der frühen Weimarer Republik: den Freikorps. So berüchtigt die Freikorps sind, so wenig gesichert sind bei kritischem Nachhaken grundlegende Fakten zur Zusammensetzung, der Einsatz- und Nachgeschichte dieser paramilitärischen Formationen. In weiten Teilen stützte sich insbesondere die ältere Forschung auf die nationalsozialistische Militärgeschichtsschreibung, in der die Freikorps unumwunden vereinnahmt wurden, sowie auf die dieser Richtung entsprechende Erinnerungsliteratur prominenter, aber eben nicht notwendigerweise bedeutender „Freikorpskämpfer“. Zwar wurde die nationalsozialistische Erinnerungsliteratur inzwischen als solche markiert und kritisch eingeordnet, aber dies führte nicht unbedingt dazu, dass selbige auch aus der Forschungsdebatte verschwand. Zu wirkmächtig ist offenbar nach wie vor der Mythos um die Freikorps als „Vorkämpfer des Dritten Reiches“ und zu schwer wiegt der vermeintliche Mangel an unmittelbaren Quellen.
Pomplun verzichtet weitgehend auf die Produkte der späteren Mythenbildung und findet über den Umweg vornehmlich süddeutscher Archive einen direkten Quellenzugang zum Thema. Als Quellenbasis dienen primär die Stammrollen von rund einem Dutzend südwestdeutscher Freikorps, die im Gegensatz zu preußischen beziehungsweise norddeutschen Freikorpsbeständen nahezu vollständig erhalten sind. Die auf diese Stammrollen und ergänzende Bestände gestützten, umfassenden Ausführungen zur Sozialgeschichte der Freikorps sind verallgemeinerbar, was Pomplun einleitend diskutiert (S. 16–22). Hierauf gestützt stellt er in drei Hauptteilen die Sozialstruktur, die Einsatzgeschichte und Kontinuitäten zu nationalsozialistischen Organisationen dar. Kernstück ist dabei der erste Hauptteil, worin sich Pomplun den sozialen, beruflichen, familiären und religiösen Hintergründen der „Freikorpskämpfer“ widmet. Die Ergebnisse sind durchweg überzeugend und stehen mehreren Mythen über die Freikorps entgegen. So setzten sich die Freikorps zu rund zwei Dritteln aus Mitgliedern der „Frontgeneration“ zusammen, während jüngere Männer ohne Kriegserfahrung zu rund 30 Prozent in den Freikorps vertreten waren (S. 155 f.). Dies entspricht im Wesentlichen der Alterszusammensetzung des Heeres zum Ende des Ersten Weltkrieges, da auch noch 1918 frische Rekruten der Jahrgänge 1900 und 1901 eingezogen worden waren (S. 154). Das gängige Klischee, wonach in den Freikorps primär jugendliche Abenteurer aktiv gewesen seien, die ihre mangelnde Fronterfahrung ausleben wollten, ist damit widerlegt. Allgemein findet Pomplun über die Motivation der „Freikorpskämpfer“ klare Worte: „Angesichts der starken Betonung individueller wirtschaftlicher Notlagen wird der von den Freikorpsliteraten heroisierte Patriotismus der Freiwilligen zur Makulatur und kann in vielen Fällen eigentlich nur noch als individualistische Verschleierung oftmals rein ökonomischer Motive angesehen werden“ (S. 168).
Die von Freikorpssoldaten begangenen Gewaltexzesse, so wird es im zweiten Hauptteil offensichtlich, sind somit nicht primär aus einer ideologischen Disposition der Männer zu erklären, was Pomplun aber nicht explizit macht. Besonders im Baltikum, wo der „weiße Terror“ der deutschen Freikorps den bereits extremen „roten Terror“ weit übertraf (S. 201 f.), aber auch in den deutsch-polnischen Grenzgebieten und dem Ruhrgebiet begünstigte eine auch rechtlich unklare bis rechtswidrige Einsatzführung einen Verfall der Disziplin, was wiederum zu den hinlänglich bekannten Exzessen mit beitrug. Dies hätte in einer mutigeren Thesenentwicklung gerne ausformuliert werden können. Doch im zweiten, gleichwohl sehr lesenswerten Hauptteil bietet Pomplun vorwiegend Literatursynthesen und weniger Quellenanalysen, was sicherlich auch an der unvollständigen und zersplitterten Quellenlage liegt. Begrüßenswert ist dabei, dass alle Kampfesschauplätze angemessen berücksichtigt werden und nicht, wie sonst üblich, ein einseitiger Fokus auf die Kämpfe in Berlin, München und dem Ruhrgebiet gelegt wird.
Im dritten Hauptteil entwickelt Pomplun wiederum eine sehr innovative These, die bisherige Annahmen in dieser Frage über Bord wirft. Zwar gab es zahlreiche, auch sehr prominente Nationalsozialisten, die über Freikorpserfahrungen verfügten, aber statistisch betrachtet entsprach der Anteil an ehemaligen „Freikorpskämpfern“ in der NSDAP ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung (S. 234). Bei der SA, die sich in ihren Keimzellen aus einzelnen Freikorps entwickelte, lag der Anteil höher, aber der Befund, dass der Nationalsozialismus keine überdurchschnittlich hohe Anziehungskraft auf ehemalige „Freikorpskämpfer“ besaß, ist dennoch erstaunlich. Pomplun plädiert denn auch dafür, „die Freikorps“ und „den Nationalsozialismus“ nicht als Blöcke zu betrachten, sondern von einem komplexen Spektrum mit vielfältigen Interaktionsoptionen auszugehen (S. 218). In diesem Sinne ist auch Pompluns Anregung zu verstehen, gezielter nach ‚linken‘ Freikorps zu forschen, die nicht in NS-Organisationen mündeten, sondern zu den Gründungen linker Wehrverbände wie dem Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold und dem Rotfrontkämpferbund beitrugen (S. 287). Ob sich dieses Desiderat tatsächlich umsetzen lässt, muss angesichts der Quellenlage offenbleiben, aber fest steht, dass Pompluns Arbeit ein neues Grundlagenwerk zur Geschichte der Freikorps darstellt, welches sicherlich einen Ausgangspunkt weiterer Forschungen bilden wird.
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