Sieben Jahre nach seiner großen historischen Theorie der „Territorialisierung“ (Once Within Borders. Territories of Power, Wealth, and Belonging since 1500, Belknap Press, Cambridge, MA/London 2016) hat Charles S. Maier, seit vier Jahrzehnten ein heller Stern am Firmament der Harvard University, ein zweites Buch gleichen Kalibers vorgelegt. Es verdient ebenso wie das frühere Werk – und überhaupt wie alles von diesem stets originellen Autor – die sorgfältigste Aufmerksamkeit sowohl der geschichtswissenschaftlichen als auch der politologischen Leserschaft dieser Zeitschrift.
Thema, Aussagen und Verfahrensweisen des Buches sind nicht leicht zu beschreiben. Charles Maier hat solch umfassende Kenntnisse der Literatur in mehreren Disziplinen und Sprachen, er ist ein solch wacher Beobachter des Zeitgeschehens nahezu überall auf dem Planeten, dass seine „neue Geschichte“ der Welt seit dem Ersten Weltkrieg auf den ersten Blick als Wimmelbild präzise erfasster Details erscheinen kann. Man muss lange suchen, um ein solch agiles Buch zu finden. Es bewegt sich leichtfüßig von Thema zu Thema und von These zu These voran und vermeidet dabei fast immer, sprunghaft zu wirken. Nur an absichtliche Periodenwechsel muss man sich gewöhnen. Zehn Kapitel sind chronologisch in drei Teile geordnet: die Zeit der Weltkriege, „Mid-century“ (das heißt die Zeit zwischen circa 1945 und 1975) und die jüngste Epoche bis zur Gegenwart. Maier hält sich indes nicht pedantisch an seine Periodisierung. Durch Assoziationen, Analogien und Vergleiche webt er ein dichtes Beziehungsgeflecht, das diachron die Perioden verknüpft und räumlich-synchron die großen politischen und zivilisatorischen Blöcke durchlässig macht. So löst sich ein randscharf konturierter ‚Westen‘ auf, und während des Kalten Krieges treten auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs nicht selten verwandte Strukturprobleme zutage.
Maier ist unbefangen ‚präsentistisch‘ und verfolgt resolut das Vorhaben, eine lange Vorgeschichte der Gegenwart – „How did we get here?“ (S. 3) fragt er gleich zu Beginn – nicht nur erzählend darzustellen, sondern erklärend auf institutionelle Logiken im Wechselspiel mit kontingentem Handeln und Entscheiden zu untersuchen. Damit folgt er seiner eigenen Aufgabenbeschreibung: „History constantly surprises, but the job of the historian is to make it seem less surprising“ (S. 5). Von „tieferen Ursachen“ und „Triebkräften“ will Maier nichts wissen. Was in seinen Augen die Geschichte vorantreibt, ist das teils konkurrierende, teils kooperierende Zusammentreffen von „aspirations“ und Strategien kollektiver Akteure, die in der politischen Praxis von Individuen vertreten werden. Diese Individualisierung, die den Abstrakta Gesichter verleiht, ist für die Ausarbeitung der Analyse sehr wichtig. Das Buch wird von einem umfangreichen Personal belebt: von Lenin und Sun Yat-sen bis zu Yanis Varoufakis, Narendra Modi und (nahezu) sämtlichen Bundesbankpräsidenten. Selten sind Struktur- und Ereignisgeschichte so mühelos miteinander versöhnt worden.
Ein theoretisches Raster („a framework“), das Maier über die zeitlichen Verläufe legt, ermöglicht ihm, seine „protagonists“ oder kollektiven Akteure zu identifizieren. Er gruppiert sie in vier Kategorien: (a) „the project-state“, ein besonderer, im frühen 20. Jahrhundert weltweit und über ideologische Gräben hinweg aufkommender Typ von intervenierendem Staatsapparat auf der Grundlage territorialer Herrschaft, (b) „resource empires“, die als Verlängerungen von Territorialstaaten über diese hinaus in andere, zum Selbstschutz zu schwache Souveränitätsbereiche übergreifen, (c) „governance“, womit die Soft-power-Welt von Zivilgesellschaft und territorial flach verwurzelten NGOs gemeint ist, und (d) „capital“, also die zunehmend netzwerkartig organisierte Sphäre der kapitalistischen Profitmaximierung. In diesem Viereck – oder eher Dreieck, weil (b) weithin von (a) abhängig ist – macht Maiers analytischer Blick die unterschiedlichsten Arten von historischer Dynamik sichtbar.
Diese Analyse führt nicht zu einlinigen Verlaufserzählungen und großen Thesen. Vor allem in vier Hinsichten beweist sie besondere Stärke. Erstens lässt Maier als einen ununterbrochenen Strang die sozialwissenschaftliche Selbstreflexion des Jahrhunderts mitlaufen. Das bezweckt keine kohärente Geschichte der Sozialwissenschaften, weil Maier sich nur selektiv für teils symptomatische, teils einflussreiche (und oft beides) Autoren interessiert, zum Beispiel für den Ökonomen John Kenneth Galbraith, den Erfinder des politikwissenschaftlichen „Funktionalismus“ David Mitrany, oder in der Gegenwart für Thomas Piketty. Zweitens ist Maier ein überaus genauer, diesem Bereich viel Raum gönnender Kommentator von Wirtschaft und Wirtschaftspolitik mit einem besonderen Augenmerk auf Geld‑, Währungs- und Finanzfragen, eine Dimension, die in keiner der bisherigen Gesamtinterpretationen des 20. Jahrhunderts eine ähnlich große Rolle spielt. So weist er in jeder seiner drei Epochen die außerordentliche Bedeutung der Themen Inflation und Staatsverschuldung nach, nicht nur in kapitalistischen Systemen. Drittens fragt das Buch immer wieder nach der sich verändernden objektiven Lage und subjektiven politischen Orientierung von „organized labor“ zwischen Strukturwandel, Sozialstaat und dem Kampf für eigene Interessen. Und viertens besitzt Maier ein gewissermaßen seismografisches (wenngleich selbstverständlich nur retrospektives) Gespür für Trendwenden, Entwicklungsknicke und Systemkrisen (mit dem Begriff der „Krise“ geht er erfreulich sparsam um). Sätze wie der, „[that] the historian can sense the ground beginning to tremble at the end of the 1950s“ (S. 201), finden sich in nahezu allen Kapiteln und versetzen der Darstellung zeitdiagnostische Energieimpulse.
„How did we get here?“ Charles Maier beantwortet diese drängende Frage in seinem Schlusskapitel „The Populist Assertion and the Return of Authoritarianism“. Auch wenn er keine erklärende Zauberformel anzubieten hat, so hilft doch seine Begrifflichkeit ein Stück weiter. Der projektierende Staat untergrub seine eigenen Fundamente, weil er zugunsten einer – auch von der moderaten Linken getragenen und von der Arbeiterbewegung hingenommenen – Fixierung auf Wirtschaftswachstum zu viel soziale Ungleichheit zuließ. „Resource empires“ standen nach der Dekolonisation nur beschränkt zur Verfügung und gingen in den 1970er Jahren petroleumpolitisch in die Offensive. Staaten degenerierten vielfach zu „Regimen“, die ihren Bevölkerungen wenig mehr als ‚Schutz‘ vor inneren und äußeren Bedrohungen anzubieten haben, zum Beispiel das Orbán-System in Ungarn. Während es sich herausstellt, dass man durchaus gegen Institutionen (Donald Trump) oder gar ohne sie (Jair Bolsonaro) regieren kann, verliert die Sphäre von governance teils die gesellschaftliche Bodenhaftung, teils die nötige Widerständigkeit gegen Angriffe seitens der Regime. Zivilgesellschaftliche Strukturen erweisen sich weltweit als höchst verletzlich. Und das Kapital? Es ist am Schluss des Buches – und im Grunde schon seit der ausführlichen Behandlung der Schulden- und Finanzkrise von 2008 – aus der Analyse verschwunden.
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