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Einzelrezension

Welp, Yanina: The Will of the People. Populism and Citizen Participation in Latin America (Democracy in Times of Upheaval, Bd. 3), 160 S., De Gruyter, Berlin u. a. 2022.


Keywords: Review, Welp, Yanina, 2022, Politikwissenschaft, Demokratie in Lateinamerika, Krise der Demokratie, Populismus, Bürgerbeteiligung

How to Cite:

Ruderer, S., (2024) “Welp, Yanina: The Will of the People. Populism and Citizen Participation in Latin America (Democracy in Times of Upheaval, Bd. 3), 160 S., De Gruyter, Berlin u. a. 2022.”, Neue Politische Literatur 69(1). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-024-00552-8

Rights:

© The Author(s) 2024 under CC BY International 4.0

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Published on
2024-05-02

Peer Reviewed

Viel aktueller kann ein Buch nicht sein. Angesichts der zahlreichen Krisen und Proteste der letzten Jahre in Lateinamerika – von den sozialen Protesten in Chile und Ecuador bis hin zu dem Putsch in Bolivien oder der versuchten Parlamentserstürmung in Brasilien – und der Wahlgewinne von rechtsextremen Populisten – von Jair Bolsonaro in Brasilien über José Antonio Kast in Chile bis zu Javier Milei in Argentinien – stellt sich Yanina Welp in ihrem Essay die Frage nach der Bedeutung der Demokratie auf diesem Kontinent. Dabei geht das Buch von der Diagnose aus, dass die Unterstützung für die Demokratie aktuell weltweit zurückgeht, was – so die Autorin – mit der immer geringeren Rolle von Bürgerinnen und Bürgern im politischen Entscheidungsfindungsprozess zusammenhängt. Die fehlende Legitimität der Demokratie wird von Populisten und ihren Versprechen gefüllt, die bei ihrem Aufstieg die maßgeblichen Probleme der westlichen Demokratien ausnutzen. Die immer größere soziale Ungleichheit, die politische Polarisierung, die fehlende Teilnahme der Bürgerinnen und Bürger werden ersetzt durch das Triggern von Emotionalität und das Versprechen, traditionelle Werte aufrechtzuerhalten.

Diese Feststellung der aktuellen Krise veranlasst die Autorin zu einer kritischen Analyse von Geschichte und Gegenwart der Demokratie in Lateinamerika, bei der, basierend auf einem angemessenen Überblick über den politikwissenschaftlichen Forschungsstand und auf ihren eigenen Forschungen, keine einfachen Lösungen angeboten werden. Welp geht in insgesamt acht Kapiteln auf die demokratischen Innovationen in Lateinamerika, den historischen und aktuellen Populismus, die Verfassungsprozesse, die Rolle der Eliten und der Parteien sowie auf die Bedeutung des Feminismus für die Zukunft der Demokratie ein. Dabei wird schnell deutlich, um was es der Autorin geht: die institutionelle Verankerung von demokratischen Mechanismen, checks and balances und ein demokratischer Rechtsstaat sind weiterhin absolut notwendig, aber eben nicht ausreichend, um die Krise der Demokratie in Lateinamerika – und so darf angeschlossen werden, wohl auch weltweit – zu überwinden. Entscheidend erscheinen vielmehr die politische Kommunikation, das Erzeugen von Vertrauen in der Bevölkerung und die Öffnung der politischen Strukturen hin zu mehr Bürger_innenbeteiligung, sei dies über Plebiszite, Wahlverfahren für politische Ämter oder eine „Feminisierung der Politik“, also die Betonung von Zusammenarbeit, Horizontalität und Empathie. Dabei propagiert das Buch in keinem Fall eine naive Sicht auf eine ideale Welt, sondern plädiert für mehr Politik im Sinne des Versuchs, einen sozialen Pakt zu erreichen zwischen Bürgerinnen und Bürgern, Parteien und Politiker_innen, bei dem sich bessere institutionelle Mechanismen zur Machtkontrolle verbinden mit einer pluralistischen Medienlandschaft und Verfassungsvorgaben, die eine höhere Bürger_innenbeteiligung am politischen Prozess erleichtern.

Diese Forderungen werden illustriert an Beispielen aus fast allen lateinamerikanischen Ländern, wobei Welp überzeugend zeigt, dass es eben nicht darum geht, den Populismus einseitig zu dämonisieren oder schlicht auf den traditionellen Mechanismen der westlichen liberalen Demokratie zu beharren. Diese Mechanismen kommen aktuell, gerade in Lateinamerika, in zunehmendem Maße nur einer kleinen intellektuellen und wirtschaftlichen Elite zugute. Um vor diesem Hintergrund den Aufstieg von autoritären Populisten an die Macht zu verhindern, braucht es, so Welp, eine höhere Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger am demokratischen Prozess. Dabei helfen aber nicht einzelne Maßnahmen für sich allein – eine neue Verfassung, mehr Plebiszite, eine pluralistische Öffentlichkeit, programmatische Parteien, mehr Frauen in Machtpositionen, et cetera –, sondern nur eine Kombination aus all diesen Maßnahmen.

Angesichts des aktuellen, jetzt schon fast vier Jahre andauernden Verfassungsprozesses in Chile, jenem Land, in dem der Autor dieser Rezension lebt, ist Welps Analyse durchaus erhellend. Der Ausweg aus dieser Krise für die Rettung der Demokratie besteht eben nicht nur im Schaffen von neuen demokratischen Spielregeln – in diesem Fall einer neuen Verfassung –, sondern vielmehr darin, über den politischen Dialog, die Anerkennung der gesellschaftlichen Diversität und die Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger am politischen Prozess zu einem Weg zu kommen, der die soziale Ungleichheit in den Ländern Lateinamerikas eindämmt. Dabei gibt es keine einfachen Lösungen, ganz im Gegenteil, aber die Alternative – der autoritäre Populismus – sollte Motivation genug sein, es zumindest zu versuchen. Nur über mehr politischen Austausch lässt sich der Krise der Demokratie entgegenwirken.

Yanina Welp legt mit ihrem Essay zum „Willen des Volkes“ also ein hochaktuelles und wichtiges Buch vor, dass die Debatten über Krise und Zukunft der Demokratie mit einem Blick nach Lateinamerika fruchtbar bereichern kann. Einziger Kritikpunkt ist die wenig sorgfältige redaktionelle Betreuung, da in vielen Kapiteln die bibliografischen Referenzen nicht mit den entsprechenden Fußnoten übereinstimmen, was den Nachvollzug des Forschungsstandes teilweise etwas erschwert.

Hinweis des Verlags

Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.