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Einzelrezension

Hughes, Michael L.: Embracing Democracy in Modern Germany. Political Citizenship and Participation, 1871–2000, 312 S., Bloomsbury Academic, London 2021.


Keywords: Review, Hughes, Michael L., 2021, Parlamentarische Demokratie, Kaiserreich, Weimarer Republik, politische Partizipation, Pluralismus, politische Kultur

How to Cite:

Fahrmeir, A., (2024) “Hughes, Michael L.: Embracing Democracy in Modern Germany. Political Citizenship and Participation, 1871–2000, 312 S., Bloomsbury Academic, London 2021.”, Neue Politische Literatur 69(1). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-024-00551-9

Rights:

© The Author(s) 2024 under CC BY International 4.0

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Published on
2024-06-01

Peer Reviewed

Dieses Buch ist einem klassischen Problem gewidmet: dem Verhältnis der deutschen Bevölkerung zur Demokratie. Demokratie gilt dem Autor Michael L. Hughes als ein Zusammenspiel von Institutionen, Kulturen und Praktiken, die „citizen influence“ und „citizen participation“ erlauben (S. 5). Erkennbar werde dies unter anderem an regelmäßigen Wahlen (mit politischen Konsequenzen), der Anerkennung von Interessenkonflikten, demokratischen Mehrheitsentscheidungen in Verbindung mit Minderheitenschutz, Meinungsfreiheit und Rechtsstaatlichkeit.

Das Buch beginnt mit einer Darstellung des Kaiserreichs, das Hughes als ambivalent einschätzt. Einerseits habe die Einführung eines allgemeinen Männerwahlrechts breitere politische Partizipation ermöglicht, andererseits blieben die Strukturen des Staates einer prinzipiell autoritären Konzeption des Regierens verpflichtet. Das bedeutete, dass persönliche Partizipation eher im außerparlamentarischen Raum stattfand – etwa bei Streiks oder in Interessenverbänden – und sich die parlamentarische Demokratie kaum als Konkurrenz legitimer Interessen etablieren konnte. Dieses paradoxe Erbe verweist auf die Leitfrage der folgenden Kapitel: Inwieweit konnte sich ein pluralistisches politisches System, das auf Konkurrenz und Kompromiss ausgerichtet war, in dem jeweils gegebenen institutionellen Rahmen entfalten? Und wer galt überhaupt als Teil des Demos? Für das Kaiserreich urteilt Hughes, dass die Institutionen – zumal nach der Parlamentarisierung am Ende des Krieges – als Grundlage einer Demokratie grundsätzlich geeignet waren, während sich die politische Kultur mit ihrer Sehnsucht nach Einheitlichkeit und Führungsfiguren als Belastung der Weimarer Republik erwies. Diese Konstellation schloss einen Erfolg der Demokratie in der Republik nicht von vornherein aus, erwies sich aber in dem Moment als fatal, als die Republik von internen und externen Krisen geschüttelt wurde, in denen das politische Führungspersonal zudem entscheidende Fehler beging.

Für das ‚Dritte Reich‘ diskutiert Hughes den Abbau aller pluralistischen Strukturen und den Ausschluss ganzer Gruppen aus der ‚Volksgemeinschaft‘, bevor er sich der Schaffung von Konsens und Zustimmung sowie Beispielen von Resistenz und Widerstand widmet. Vor dem Hintergrund einer politischen Erfahrung, die durch antipluralistische Einstellungen geprägt war und in der antikommunistische Haltungen eine überragende Rolle spielten, schienen die Voraussetzungen für einen demokratischen Aufbruch im Nachkriegsdeutschland überaus schwierig.

Der Bundesrepublik und der DDR widmet Hughes anschließend getrennte Kapitel. Für die Bundesrepublik sieht er in der unmittelbaren Nachkriegszeit zwar pluralistische Ansätze in den Medien, der Parteienlandschaft und Initiativen wie den Ostermärschen, aber erst 1968 markiert die durch den Beginn eines neuen Kapitels unterlegte Zäsur, nach der Pluralismus weithin akzeptiert worden sei.

Für die DDR diskutiert Hughes das Ausmaß von Repression, Manipulation, Steuerung und trotz allem möglicher Partizipation (etwa durch Petitionen) sowie die wachsende Erwartung demokratischer Praktiken, die am Ende der DDR vor dem Hintergrund einer sich dramatisch zuspitzenden Wirtschaftskrise mit der Realität obrigkeitlicher Wahlmanipulation in Konflikt geriet.

In seinem abschließenden Kapitel, das die Jahre zwischen 1989 und 2019 behandelt, diskutiert Hughes Probleme, die sich aus unterschiedlichen politischen Kulturen und demokratischen Erwartungen in den alten und neuen Bundesländern ergaben. Insgesamt konstatiert er die Entstehung einer stabilen demokratischen Ordnung, die unmittelbare politische Partizipation mit einer Erwartung rechtsstaatlicher Strukturen und fairer Verfahren sowie rationaler Diskurse verbinde; allerding sei dieser Zustand – wie der Aufstieg der AfD zeige – nicht garantiert.

Das Buch versucht, möglichst viele Facetten seines Themas anzutippen – Frauenvereine im Kaiserreich kommen ebenso vor wie Bands in der DDR, „Halbstarke“ in den 1950er Jahren, die Entwicklungen des Staatsbürgerschaftsrechts, Diskussionen am Arbeitsplatz, das Bildungswesen oder Vereinskulturen. Dadurch wirkt das Buch in seiner Kombination aus einer knappen Synthese der politischen Geschichte Deutschlands und einer an Beispielen konkretisierten, differenzierten Diskussion politischer Kulturen und gesellschaftlicher Praktiken stellenweise atemlos. Insgesamt bietet der Band aber eine solide Einführung auf der Basis aktueller Forschungspositionen, die in einer 54 Seiten umfassenden Literaturliste abgebildet sind. Möglich wird diese Darstellung dadurch, dass sich Hughes auf die Ebene jeweils eines deutschen (beziehungsweise west-/ostdeutschen) politischen Systems fokussiert, was zum Beispiel dazu führt, dass die Konsequenzen der europäischen Integration kaum zur Sprache kommen. Das ändert aber nichts daran, dass sich das Buch als reflektierte, materialreiche Einführung sehr gut eignet.

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