Der Begriff „Verstehen“ ist vielsinnig und besitzt mehrere Bedeutungsebenen, da er ganz schematisch – nimmt man Martin Heideggers Fundamentalontologie mal heraus, die Verstehen als ein Existenzial begreift – auf der einen Seite einen Grundbegriff unserer sozialen und kulturellen Lebenswelt darstellt, um unsere Mitmenschen und deren Handlungen (auch im Rückblick) zu verstehen. Auf der anderen Seite müssen wir aber auch Sinn verstehen: den Sinn von Texten, von Informationen, von Zeichen, von Regeln, von Traditionen, Gesetzen, Formularen und so weiter. Damit ist Verstehen ein Grundbegriff der Hermeneutik, also der (Kunst‑)Lehre des Verstehens oder der Interpretation von Texten. Auf dieser Grundlage wurde der Begriff zu einem wissenschaftstheoretischen und -philosophischen Konzept, an dem man seit Johann Gustav Droysen und Wilhelm Dilthey die Abgrenzung der Geistes- von den Naturwissenschaften festgemacht hat (S. 3 f.). Verstehen ist – wie Dilthey formuliert hat – die Methode, die die Geisteswissenschaften erfüllt. Es „ist das grundlegende Verfahren für alle weiteren Operationen der Geisteswissenschaften“ beziehungsweise „Verstehen [ist] grundlegend für die Geisteswissenschaften“. Und andererseits ist Verstehen der Fundamentalbegriff der von ihm postulierten deskriptiven Psychologie. Hier lautet das einschlägige Dilthey-Zitat: „Die Natur erklären wir, das Seelenleben verstehen wir.“ Die Frage nach dem Verstehen zeigt sich somit immer auch als die Frage nach dem Subjekt und Objekt des Verstehens, seien es Menschen, Handlungen oder Texte. Wer versteht wen oder was? Reicht es, wenn man „Verstehen“ als rationales Erfassen, Begreifen und Erkennen tieferer Einsichten und komplexerer Zusammenhänge definiert, oder impliziert es mehr?
Ein „Historisches Verstehen“ ist dabei, wie der Titel des Sammelbandes von Zoltán Boldizsár Simon und Lars Deile bereits zeigt, nicht nur ein Problem der Vergangenheit, sondern eben auch unserer Gegenwart und sogar Zukunft. „Historisches Verstehen“ klingt auf den ersten Blick zwar selbsterklärend und methodisch neutral, vereinigt aber auf komplexe Art und Weise zwei auseinanderklaffende Zugriffe des historischen Arbeitens: systematisch und historisch, theoretisch und praktisch. Diese konträren Zugriffe, so zeigt der Band eindrucksvoll, müssen sich aber nicht immer ausschließen, sondern können gerade in Krisenzeiten bei einem historischen Verstehen zusammenwirken. Die Herausgeber begrüßen daher pluralistische Zugriffe, da historische Themen als „plurihistoricities“ verstanden werden müssen (S. 3) und damit selbst heterogen und polyvalent sind: „The current shape of historical understanding is defined by a multitude of oftentimes conflicting historicities, temporalities, and relations to past, present, and future that inform our societal, cultural, environmental, technological, and political practices, including scholarly ones“ (ebd.).
Um dieser Plurihistorizität gerecht zu werden, kommen im Band unterschiedliche Akteur_innen samt ihren Ansätzen und Konzepten zu Wort (unter anderem zur Ideengeschichte, Genealogie, Digital Humanities, Modernitätstheorien, Narrationen oder Anthropozändebatten). Durch diese Vielstimmigkeit soll es zu einer „Reorientation“ der Geschichtswissenschaften kommen, die gleichzeitig inspirieren wie verunsichern, abstoßen wie ermutigen soll (S. 293).
Wesentlich dabei ist der Aspekt der Kritik, den unter anderem Autoren wie Stefanos Geroulanos („History of the Present: Or, Two Approaches to Causality and Contingency“) und François Hartog („The Texture of the Present“) hervorheben. Versteht man nämlich „history as a critical endevour“ (S. 86), so verbindet sich ein historisches Verstehen mit einer notwendigen Kritik der Vergangenheit, Gegenwart und vielleicht sogar Zukunft (S. 80). In der historischen Kritik können sich dadurch deskriptive Praxis und normative Theorie annähern. In diesem Sinne hängt die proklamierte „need for theory“ (S. 296) auch mit einer „need for critique“ zusammen, denn für ein adäquates Kritikverständnis benötigt man eine Distanz zur Gegenwart (S. 17–19) sowie ein historisches Standpunktbewusstsein – nicht aber als Ort rückwärtsgewandter Sehnsucht, sondern als Einordnung der gegenwärtigen Gewordenheiten, die man kritisch analysiert. Nach Michel Foucault kann Kritik dabei als „historisch-philosophische“ Praxis verstanden werden, um vermeintlich zementierte Wissensstrukturen zu hinterfragen. Eine historische Kritik kann, wie die Beiträge des Sammelbandes nachvollziehbar ausführen, gegenwärtige Probleme auf Distanz bringen.
Eine historische Analyse kann – um Foucault, auf den sich auch Geroulanos bezieht, zu zitieren – demzufolge gegenwärtige Erscheinungen eines „Positivismus, Objektivismus, Rationalisierung“ oder einer „Technisierung“ kritisch einordnen, und damit eine „Herausforderung für das [sein], was ist.“ Damit ermöglicht ein historisches Verstehen emanzipatorische Formen der Kritik.
Am Ende des Sammelbandes mit seinen 24 kurzen, aber prägnanten Aufsätzen bleibt notwendigerweise eine „Unkomfortabilität“ (S. 296), eine unauflösbare Spannung zwischen Theorie und Geschichte, die aber gerade, wie der Sammelband plausibel aus unterschiedlichen Perspektiven darstellt, produktiv und notwendig für eine Geschichtswissenschaft sein kann, die sich in der Wechselbeziehung von Theorie und Praxis, Deskriptivität und Normativität den komplexen Problemen des 21. Jahrhunderts stellen muss und kann. Historisches Verstehen wird zwar nicht nur in Krisenlagen oder besser bei den „multitute of challenges“ (S. 5 f.) wichtig, dort allerdings zeigt sich vielleicht ganz besonders die produktive Möglichkeit dieses besonderen Verstehensmodus. Geschichtswissenschaftler_innen sind die Analysten und Protagonisten der „modes of sense-making“ (S. 7). Diese herausfordernde Rolle erfordert ein theoretisches wie praktisches (Kritik‑)Verständnis des eigenen Faches.
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