Der „Aufstieg der Zentralbanken“, den Leon Wanslebens soziologische Studie in den Blick nimmt, begann in den krisenhaften, von Wachstumsschwächen und Inflationserfahrungen gleichermaßen geprägten 1970er Jahren. Er wird gemeinhin mit der Verdrängung bis dahin etablierter, keynesianischer Ansätze der Konjunktursteuerung durch das neue wirtschaftspolitische Paradigma des Monetarismus und, in einer weiträumigeren Deutung, des Neoliberalismus assoziiert. Wie der Untertitel andeutet, geht es Wansleben um den Wandel staatlicher Macht – genauer gesagt, um „politische Innovationen“ – in einer Zeit, die durch einen massiven Bedeutungsgewinn der Finanzmärkte geprägt war.
Anknüpfend an Michael Manns Konzept der infrastructural power und in einer kritischen Auseinandersetzung mit kapitalismustheoretischen, theoriegeschichtlichen und institutionalistischen Ansätzen analysiert Wansleben anhand zweier Fallbeispiele, der Schweizerischen Nationalbank (SNB) und der Bank of England, die Experimente mit monetaristischen Instrumenten. In der Schweiz waren durch ein bankbasiertes System der Liquiditätsversorgung, das auf enger Kooperation von Zentralbank und Geschäftsbanken beruhte, die institutionellen Bedingungen für die erfolgreiche Etablierung von jährlichen Geldmengenzielen gegeben; dieser „practical monetarism“ (S. 10) konnte auf eingespielte Kommunikationsmechanismen und ein korporatistisches System der Lohnfindung vertrauen. Für den britischen Fall erinnert Wansleben im Anschluss an Duncan Needham (2014) daran, dass schon vor der häufig mit dem Aufstieg des Monetarismus identifizierten ersten Regierungsperiode Margaret Thatchers mit Geldmengenzielen experimentiert wurde. Wichtig ist aber vor allem die Analyse der britischen Abkehr von der Geldmengensteuerung und der Hinwendung zum unmittelbaren inflation targeting. Dieser Politikwechsel erhielt wesentliche Impulse durch die Experimente des US-amerikanischen Federal Reserve System unter Paul Volcker, wo sich die Konstrukte der monetaristischen Theoretiker besonders schnell als praxisuntauglich erwiesen, und den Transfer der amerikanischen Erfahrungen insbesondere nach Neuseeland. Ein marktbasiertes Finanzierungssystem, wie es sich infolge der Deregulierungen der 1980er Jahre auch in Großbritannien schnell entwickelte, reagierte besser auf kurzfristige Zinssignale.
Diese Zusammenhänge zwischen Wandel und Kontinuität der Geldpolitik und der spezifischen Struktur nationaler Finanzmärkte arbeitet Wansleben für den schweizerischen und den britischen Fall luzide heraus. Der besondere Reiz seiner Argumentation liegt darin, dass beide Strategien sich als tragfähig für die Etablierung einer neuen, auf der Inflationskontrolle basierenden Machtposition der Zentralbanken erwiesen. Ebendiese Konzentration auf eine heute unbestrittene Kernkompetenz implizierte aber den freiwilligen Verzicht auf Mitwirkungsansprüche in der Finanzpolitik und vor allem in der Bankenregulierung. Diese „strategic advances of disengagement“ (S. 200) leisteten dann wiederum einen gewichtigen Beitrag dazu, dass Warnsignale vor der Finanzkrise von 2007 nicht rechtzeitig in politische Gegenstrategien umgemünzt wurden und die Notenbanken unversehens als Retter des Weltfinanzsystems agieren mussten. Gerade die massiven Interventionen des quantitative easing im Gefolge der Krise erzeugten dann aber, so die Pointe von Wanslebens Argumentationsgang, das Risiko eines dauerhaften Machtverlusts der Zentralbanken, weil sie deren Legitimität an die Aufrechterhaltung eines überdimensionierten Weltfinanzsystem koppelten.
Dieser Erzählbogen, die analytische Zuspitzung und die theoretische Unterfütterung machen das Buch auch dort unbedingt lesenswert, wo die empirischen Details nicht neu sind. Erhellend und für eine soziologische Studie ungewöhnlich ist überdies der Rückgriff auf Archivmaterialien. Vor allem für die SNB, aber auch für die Bank of England hat Wansleben ausgewählte unveröffentlichte Quellen genutzt, die auch die interne Kommunikation in den Zentralbanken – und nicht nur, wie in sozialwissenschaftlichen Arbeiten vielfach üblich, die Außendarstellung ihrer Programmatiken – in den Blick rücken und bisweilen zudem Einblicke in ihre Organisation ermöglichen, die vor allem den Bedeutungsgewinn der ökonomischen Experten erhellen.
Sehr knapp fallen dabei allerdings die vergleichenden Seitenblicke auf weitere Zentralbanken aus, die den typologischen Vergleich auf eine breitere Basis stellen sollen. Das gilt auch für die Deutsche Bundesbank, die Wansleben einleitend als weiteres zentrales Fallbeispiel für ein langfristiges Festhalten an Geldmengenzielen nennt. Im Gegensatz zu den Angaben im Quellenverzeichnis greift er, folgt man den Anmerkungen, nicht auf unveröffentlichte Quellen aus dem Historischen Archiv der deutschen Zentralbank zurück. Zitiert finden sich nur einige der publizierten Monatsberichte, und zur Begründung der deutschen Besonderheiten führt der Autor recht umstandslos Peter Johnsons schon 1998 vorgelegte Interpretation eines „monetarist corporatism“ (S. 102) an, ohne die massive Kritik an der Geldmengensteuerung vor allem in den 1980er Jahren zu problematisieren.
Erstaunlich ist zudem, dass die Europäische Zentralbank nur peripher erwähnt und nicht typologisch eingeordnet wird – gerade die hier ausgehandelte Verschmelzung nationaler Traditionen könnte ein dankbares Feld zur weiteren Erprobung von Wanslebens Ansätzen darstellen. Auch für solche künftigen Fallstudien ist aber der Zugriff des Buchs sehr anregend. Historiker_innen bietet es zahlreiche Anknüpfungspunkte für vertiefende historische Studien; Sozialwissenschaftler_innen demonstriert es, dass gegenwartsinteressierte Forschung von einer gründlicheren Beschäftigung mit historischer Empirie profitieren kann.
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