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Einzelrezension

Lustig, Jason: A Time to Gather. Archives and the Control of Jewish Culture, 288 S., Oxford UP, Oxford u. a. 2022.


Keywords: Review, Lustig, Jason, 2022, Jüdische Geschichte, Archive, Gesamtarchiv der deutschen Juden, Überlieferung, Kulturerbe

How to Cite:

Friedrich, K., (2024) “Lustig, Jason: A Time to Gather. Archives and the Control of Jewish Culture, 288 S., Oxford UP, Oxford u. a. 2022.”, Neue Politische Literatur 69(1). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-024-00547-5

Rights:

© The Author(s) 2024 under CC BY International 4.0

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2024-01-22

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Jason Lustig betrachtet Archive als „highly political sites“ und „battlegrounds over control of Jewish culture“ (S. 2 f.). Im Rückblick auf das „Gesamtarchiv der deutschen Juden“ und dessen Erbe wird deutlich, in welchem Ausmaß „archives were powerful but contested symbols of control not just of the past but also of the present and future“ (S. 1). Lustigs Studie handelt somit 1. von „a vision of centralized repositories that would allow for the reconstruction of the past“, und 2. über „an aim to gain access to and serve as mediators for an ‚authentic‘ past that they would thereby control“ (S. 15).

Seinen Anfang habe all dies, wie der Verfasser es im ersten der fünf Kapitel schildert, an der vorletzten Jahrhundertwende genommen, als das „Gesamtarchiv“ entstand. Ursprünglich sei es um ein „Allgemeines Archiv der deutschen Juden“ gegangen, also eines für das gesamte Deutsche Reich. Vorbild war aber zugleich der Verein für Geschichte der Deutschen in Böhmen, dem es darauf ankam, deren Position angesichts tschechischer Ansprüche zu stärken. Auf jüdischer Seite entstand 1869 der Deutsch-Israelitische Gemeindebund als erste überregionale Dachorganisation der jüdischen Gemeinden. Mit dem Wunsch nach einer „Gesamtorganisation“ und „Gesamtvertretung“ der deutschen Juden zielte man vor dem Ersten Weltkrieg auf eine Zentralisierung und Vereinheitlichung der in Deutschland lebenden, sich regional, sozial und kulturell ganz erheblich ausdifferenzierenden Judenheiten ab – und damit auf ein an den Staatsgrenzen orientiertes Gemeinschaftsgefühl. Dabei betonte man die Verbindung des Judentums mit dem Deutschtum besonders mit Blick auf den Osten. Ein Großteil der Bestände, die dem „Gesamtarchiv“ anfänglich zuflossen, stammte aus den preußischen Ostprovinzen – wo die Abwanderung in die Städte, aber auch die Auswanderung den ländlichen Raum stärker als anderswo veränderte –, teils auch aus Hessen und dem Rheinland (S. 36). Die mit dem „Gesamtarchiv“ verbundenen Absichten ließen sich nur begrenzt verwirklichen, weil sich lokale und regionale Archivanstrengungen der Zentralisierung widersetzten (S. 43). Für Jacob Jacobson (1888–1968), der das „Gesamtarchiv“ von 1920 bis 1939 leitete, war der Sammelauftrag dessen ungeachtet viel weiter gefasst als bei den staatlichen Archiven. Er stellte sich vor, dass sich das Leben von der Wiege bis zur Bahre im „Gesamtarchiv“ niederschlagen sollte – als eine Art „total archive of the German Jews“ (S. 29).

Unterdessen brachte die nationalsozialistische Herrschaft eine verheerende „Plünderung und Vernichtung jüdischer Archivbestände“ mit sich (S. 12). Mit der Ermordung der jüdischen Bevölkerung starben auch ihre Gemeinden. Eine Neuorganisation der Archivalien, die in Europa überdauert hatten, wurde notwendig, und dies ist Thema des zweiten Kapitels. Den Vorstellungen, die von Archivaren in Berlin und anderen deutschen Städten entwickelt worden waren, kam nun eine aktualisierte Bedeutung zu. Das im Mandatsgebiet Palästina entstehende Israel erhob Anspruch, Universalerbe des europäischen Judentums zu sein. Der Gedanke stand Pate bei der Herausbildung der Jewish Historical General Archives (JHGA) in Jerusalem (seit 1969 The Central Archives for the History of the Jewish People). Die führenden Archivare in Palästina beziehungsweise Israel waren deutscher Herkunft, allen voran Alex Bein, der in den 1940er und 1950er Jahren in Europa verbliebene einschlägige Archivbestände nach Israel zu holen vermochte, darunter aus Ost-Berlin einen großen Teil der Sammlungen des „Gesamtarchivs“. Darüber hinaus übernahm man Bestände aus Hamburg, Worms, Wien und Süddeutschland mit dem Argument, dass sie mit dem offensichtlichen Ende jüdischen Lebens „in that blood-stained land“ (S. 117) nicht mehr genutzt würden. Das JHGA wurde als ein Gedenkort für die zerstörten jüdischen Gemeinden begriffen, und zugleich war das aus mitteleuropäischen Archiven übernommene Kulturerbe nicht nur Grundlage für die wissenschaftliche Forschung, sondern eine Quelle der Legitimation und Voraussetzung für die sich in Israel neu herausbildende kulturelle Identität.

Die langwierigen Verhandlungen über die Zukunft der Überlieferung in Worms und in Hamburg zeichnet Lustig im vierten Kapitel „Making the Past into History: Jewish Archives and Postwar Germany“ detailliert nach. Diejenigen, die in Deutschland ein Wiederaufleben jüdischen Lebens erwarteten und sich deswegen der Abtrennung von dessen historischen Wurzeln widersetzten, konnten sich nicht durchsetzen.

Auch das Yiddish Scientific Institute (YIVO), das 1940 seinen Sitz von Wilna nach New York verlegt hatte, übernahm seinerzeit Bestände, die nie Teil des eigenen Archivs gewesen waren (S. 164). Wie Lustig im letzten Kapitel über die Archive mit totalem Anspruch ausführt, habe Elias Tcherikower (1881–1943) die „Bestände der Historischen Sektion des YIVO 1940 von Berlin nach Paris gebracht“ (S. 159). Tatsächlich rettete Tcherikower 1921 zahlreiche Dokumente über die in der Ukraine während des Russischen Bürgerkriegs begangenen Pogrome nach Berlin, die dort als „Ostjüdisches Historisches Archiv“ bezeichnet wurden, und war 1925 unter den Mitgründern des Jüdischen Wissenschaftlichen Instituts in Wilna. 1933 musste er Berlin mit seinem Archiv verlassen, war dann in Paris und floh 1940 in die USA.

In Kapitel 3 geht es vor allem um Entwicklungen in den Vereinigten Staaten. In Cincinnati, wo das Hebrew Union College als ältestes Rabbinerseminar Amerikas bestand, begründete Jacob Rader Marcus mit den American Jewish Archives ein Archiv für das jüdische Erbe in den USA, das auch Kopien aufnimmt. Marcus, der in Berlin studiert hatte, hegte große Wertschätzung für die US-amerikanische Diaspora, der seinerzeit, 1947, die meisten jüdischen Menschen angehörten. Sie erschien ihm für die Bewahrung der Juden und ihrer Überlieferung unersetzlich, denn in Israel sah er sie nicht gewährleistet (S. 87).

Beim Vergleich seiner Geschichte dreier jüdischer Archive auf drei Kontinenten beruft sich Lustig vor allem auf deren Quellen, ergänzt sie aber durch zahlreiche weitere einschlägige Unterlagen. Wenn es heißt, 1910 hätten in Berlin fast 30 Prozent der deutschen Juden gewohnt (S. 37), so ist dies überhöht; Sieghardt von Köckritz (1928–1996) war zwar Ministerialdirektor im Bundesinnenministerium, aber niemals „westdeutscher Innenminister“ (S. 148).

In seiner sechsseitigen Schlussbetrachtung spricht Jason Lustig von einem „archive fever“ in der zeitgenössischen jüdischen Kultur (S. 178). Dabei verfolgten Archivgründungen in Jerusalem damals angesagte „nationalistische Projekte“ (S. 176). Seine Studie weise aber über die jüdische Geschichte hinaus auf andere Identitätsprojekte – von marginalisierten Gruppen, die um ihre eigene Vergangenheit bemüht sind, indem sie „Kontrolle über die Aufzeichnungen und das Kulturerbe gewinnen, die andere beanspruchen“ (S. 179).

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