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Einzelrezension

Erbe, Günter: Nicolaus Sombart. Utopist, Libertin, Dandy, 319 S., Böhlau, Köln u. a. 2023.


Keywords: Review, Erbe, Günter, 2023, Geistesgeschichte, Kultursoziologie, Nicolaus Sombart, Biografie, Bildungsbürgertum, ästhetische Existenz, Dandytum

How to Cite:

Rieß, R., (2024) “Erbe, Günter: Nicolaus Sombart. Utopist, Libertin, Dandy, 319 S., Böhlau, Köln u. a. 2023.”, Neue Politische Literatur 69(1). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-023-00546-y

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© The Author(s) 2024 under CC BY International 4.0

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2024-01-15

Peer Reviewed

Es ist hier ein zwiespältiges Buch zu einem zwiespältigen Thema anzuzeigen. Es handelt sich dabei um eine Studie zu Nicolaus Sombart, die von Günter Erbe verfasst worden ist, einem Kultursoziologen, der sich seit Jahrzehnten mit dem Dandytum und dem Adel beschäftigt.

Der Leser hat es hier mit einer eigentümlichen Mischung aus Biografie und analytischer Fallstudie zu tun, die folgender Frage nachgeht: „Am Beispiel Sombarts soll gezeigt werden, welche Lebensform der Dandy in Verbindung mit einer bestimmten Spielart des Bildungsbürgers angenommen hat […] Ob Sombart, wie behauptet, als öffentliche Figur das Opfer der nivellierten Mittelstandsgesellschaft in Deutschland wurde oder nicht vielmehr diese Gesellschaft brauchte, um sich gegen sie zu profilieren und ihr die Stirn bieten zu können, gilt es zu untersuchen“ (S. 10). Als näheres Erkenntnisinteresse formuliert Erbe: „Es geht in dieser Fallstudie um die Frage: Wie sind bildungsbürgerliche und ästhetische Existenz in der Massengesellschaft möglich“ (S. 15)?

Es folgt ein Exkurs über Geschmack, in dem von Baldassare Castiglione über Baltasar Gracián und Arthur Schopenhauer bis zu Norbert Elias das Fehlen von Geschmack in der deutschen Gesellschaft herausgearbeitet werden soll. In dieser Form aber ist das Ergebnis wenig überzeugend, zumal das 20. Jahrhundert ausgespart bleibt. Vielleicht hätte hier die Heranziehung von Pierre Bourdieus Analyse der „feinen Unterschiede“ mehr zu Sombart gebracht.

Anschließend behandelt der Autor den Einfluss dreier großer Wissenschaftler auf Sombart: Carl Schmitt, Alfred Weber und den Vater Werner Sombart. Erbe zeichnet dann das Leben Nicolaus Sombarts weitgehend anhand dessen veröffentlichter autobiografischer Schriften nach. Dies ist nicht unproblematisch, da die Bücher retrospektiv sind – sie erschienen zwischen den Jahren 1991 und 2000 – wie der Verfasser weiß – und „Inkonsistenzen der Sombartschen Erinnerungen“ (S. 47) enthalten. Auch den Nachlass Sombarts nutzt Erbe teilweise. Leider verzichtet er auf Zeitzeugeninterviews, die Aufschlussreiches zu sagen hätten, wie zum Beispiel mit Wolfgang Fietkau, der 1982 ebenso wie Sombart Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin war.

Die Biografie gipfelt in Sombarts Salon, den er nach seiner Rückkehr nach Berlin ab 1982 führte. Hier haben wir es mit der Darstellung Sombarts als durchaus liebenswürdiger Exzentriker zu tun, der eine ästhetische Existenz zu leben versuchte.

Was aber bleibt vom Werk des Bildungsbürgers Nicolaus Sombart, dem von Zuhause die besten Voraussetzungen geboten wurden? Seine Schriftstellerexistenz endete sehr bald, trotz eines erfolgreichen Auftritts bei der Gruppe 47. Die darauffolgende Hinwendung zur Wissenschaft – eine kurze Dissertation über Henri de Saint-Simon bei Alfred Weber – versandet, da er „seine vielfältigen Begabungen nicht zu nutzen weiß, da ihm sekundäre Tugenden wie Fleiß und Sorgfalt im Umgang mit Wissenschaft und Literatur nur unzulänglich zur Verfügung stehen“ (S. 47f.). Ein letzter Versuch, sich 1977 bei Wilhelm Hennis zu habilitieren, zielt wohl mehr darauf ab, den Titel eines Professors zu erlangen, als der wissenschaftlichen Erkenntnis zu dienen. Schließlich verbringt Sombart sein Leben als gut bezahlter Sekretär im Referat für kulturelle Angelegenheiten, einer untergeordneten Behörde des Europarats. Dennoch hat er hochfliegende Ambitionen: „Er will Sozial- und Kulturgeschichte in eine Psychohistorie transformieren“ (S. 184). Hierzu nutzt er zwei Zugänge: „Beide Ansätze [‚esoterische und elitäre Matriarchatsvorstellungen‘ und ‚anarchistisch-frühsozialistische Sozialutopien‘] verbindet er mit einer Elitetheorie, die Vilfredo Pareto nahe steht“ (S. 187). Des Weiteren rechnet er mit seinem geistigen Mentor Carl Schmitt ab. Dessen „geostrategische Wendung vom ‚Land‘ zum ‚Meer‘ entspreche einer Abwendung vom männlichen und einer Hinwendung zum weiblichen Prinzip“ (S. 196). Schmitt war zu diesem Zeitpunkt bereits sechs Jahre tot, was die Frage zulässt, warum Sombart diesen intellektuellen Vatermord nicht zu Lebzeiten Schmitts gewagt hat. Möglicherweise handelt es sich um die späte Antwort auf Schmitts Verdikt von 1949: „Ich stelle fest, dass Du kein Gelehrter geworden bist […]“ (S. 87).

Erbe kommt schließlich zu einem äußerst positiven Urteil über das Werk Sombarts – „Die [sexualwissenschaftliche] Fragestellung, die er in die Geistes- und Sozialwissenschaften einbrachte, ist damit aber keineswegs obsolet. Sie bleibt produktiv und anregend“ (S. 274). Auch über die Person äußert sich Erbe sehr wohlwollend: „Er ist ein glänzender Schilderer gesellschaftlicher Milieus, ein blendender Chronist der mondänen Berliner Boheme und ein Freigeist, der sich nicht scheut, sich zwischen alle Stühle zu setzen“ (S. 254f.).

Im Anhang ist Sombarts „Mission nach Venedig“ (S. 277–293), die er im Auftrag des Europarats unternimmt, erstmals veröffentlicht. Über den dort stattfindenden Kongress erfährt man fast nichts, dafür umso mehr über Diners, Abendgarderoben, Dienstboten und das tägliche Zeremoniell, als wäre es das Lever Ludwigs XIV. „Nur so ist das Leben lebenswert, – nur so!“ (S. 288), meint Sombart.

Nach den Ambivalenzen der Person Sombarts, auf die Günter Erbe trotz seines positiven Urteils mehrfach eingeht, nun zu den Zwiespältigkeiten der Darstellung des Verfassers: Erbe bewegt sich weitgehend auf dem Höhenkamm einer phänomenologischen Geistesgeschichte, die scheinbar zeitlos über den Orten schwebt, was zweifellos auch den Quellen geschuldet ist. Über Sombarts Kriegserfahrungen, zum Beispiel die Flucht aus Kurland in den letzten Kriegstagen, oder über die Studentenbewegung, von der Sombart angeblich sein Interesse an der Psychoanalyse bezogen hat, und über anderes mehr, erfährt man nichts. Seine Tätigkeit im Europarat bleibt trotz einiger Andeutungen im Dunkeln. Auch worin Erbe Sombarts „Schätze“ (S. 260) für die Kultursoziologie sieht, wird nicht explizit mitgeteilt. So bleibt das Fazit insgesamt zwiespältig. Das nicht uninteressante Buch widmet sich einer Person und deren Werk, an dessen Bestand in der Geschichte der Rezensent doch große Zweifel hat.

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