„In Turin wurde die Ankunft der Migranten als traumatisch erlebt“, in München dagegen rasch mit einer „südländisch-heiteren Lebensart“, dolce vita und touristischen Eindrücken verbunden. Hier entstand ein „rosig gefärbte[s] Bild“ der italienischen Einwanderung, während die ersten Jahre in Turin von rassistischer Segregation und Ausgrenzung geprägt waren. Aus Turiner Perspektive schätzte man die organisierte Anwerbung in Deutschland, mit Unterkünften und Arbeitsverträgen. „Der Tenor lautete, die Arbeitsvermittlung funktioniere bei der Auslandsmigration viel besser als bei der Binnenmigration.“ Insofern „blieb die organisierte Arbeitsmigration aus italienischer Perspektive […] ein Ideal.“ In Italien galt bis 1961 die legge contro l’urbanismo aus der faschistischen Zeit, die Mobilität in Städte verbot. Dieses Gesetz kontrastierte eigenartig zu den Bemühungen der italienischen Regierung um europäische Freizügigkeit, die eben 1961 erste Erfolge zeitigte.
Deutsche Leser wird diese Perspektive überraschen, sind doch Defizitbilder in Bezug auf die Gastarbeiterzeit im historischen Gedächtnis fest verankert. Olga Sparschuhs Vergleich der süditalienischen Einwanderung nach München und Turin zeigt, dass die Überschreitung einer Staatsgrenze nicht der entscheidende Unterschied für die Migranten war. Der Weg vom Land in die Stadt, die Arbeitsvermittlung, der Arbeitsmarkt, die betriebliche Gleichstellung oder die Zuweisung untergeordneter Positionen waren wichtiger für die Integration. Die Autorin geht alle diese Aspekte durch, auch die Freizeit, den Konsum, die Partizipation, den Wohnungsmarkt sowie politischen Protest und Partizipation. Auf eine Unzahl von Archiv- und Medienquellen gestützt, bietet sie historisch-deskriptive Forschung im besten Sinn und versteht es, diese Erkenntnisse systematisch zusammenzufassen.
Die Untersuchung zeigt, dass die beiden Städte auf ihrem Weg zu einer Millionenstadt mit industrieller Basis vergleichbare Entwicklungen durchliefen – unabhängig von der Tatsache, dass die Migration nach München sich mehr und mehr internationalisierte, während die nach Turin meridional, aus dem Süden Italiens, verlief. Der exakte Vergleich der beiden Städte ist ein origineller Ansatz, verbunden allerdings mit enorm viel Detailarbeit. Er ist komparatistische Forschung im besten Sinne und bricht die eingeschränkte nationale Perspektive auf, die faktisch fast überall vorherrscht. Sparschuh bietet eine Tiefenstudie mit einer unglaublichen Fülle verarbeiteten Quellenmaterials kommunaler, regionaler, staatlicher, betrieblicher, gewerkschaftlicher, verbandlicher, kirchlicher, wissenschaftlicher und Stiftungsarchive, Zeugnissen der Arbeitsverwaltung, von Selbsthilfegruppen und politischen Initiativen. Auch Zeitungen, Briefe, Zeugnisse der Arbeiter bezieht die Autorin mit ein. Das Buch ist eine Fundgrube zum Testen von Theorien. Sparschuh berücksichtigt souverän die europäische Ebene und die beiden nationalen Politiken, konzentriert sich besonders auf die kommunale Ebene und erzählt Gesellschaftsgeschichte – bis zum Hinweis darauf, dass die Pizza nicht nur in München, sondern auch in Turin ein Import war, den die Migranten mitbrachten. Auch die militanten Proteste schildert sie, die in Turin dramatischer als bei BMW in München verliefen.
Parallel gingen die beiden Städte und ihre Einwanderer durch die Konjunkturphasen mit ihren Wanderungsbeschleunigungen und Abkühlungsphasen. Diese Konjunkturphasen führten in beiden Städten zu Diskussionen, zu Befürchtungen und Steuerungsversuchen. Turin wurde als „Monsterstadt“ empfunden, München als „überfüllt“ und „überlastet“. „Im Rückblick wirkt der ausgeprägte Alltagsrassismus […] geradezu grotesk“, der sich Ende der 1960er Jahre in Turin entfaltete. Hier prägten sich Segregation und Gettobildung stärker aus als in München.
Ende der 1960er Jahre ging die Parallelität zu Ende. Da die Italiener als EU-Bürger Freizügigkeit genossen und ihren Arbeitsplatz frei wählen konnten, präferierten die Unternehmen nun die Anwerbung von Jugoslawen und Türken, die als planbarer und zuverlässiger galten, weil sie den Arbeitsplatz nicht ohne Weiteres wechseln konnten. Der Anteil der italienischen Einwanderer ging zurück und gleichzeitig entwickelte sich der Mythos von München als der nördlichsten Stadt Italiens.
Sparschuhs Untersuchung korrigiert vieles in der deutschen und der italienischen Literatur, unter anderem die Annahme, dass die inneritalienische Migration auf Dauer angelegt war und diejenige nach Deutschland auf Zeit, wie es schon der umgangssprachliche Terminus ‚Gastarbeiter‘ nahelegt. Mit ihrer Liebe zum Detail und einer immensen Arbeitsleistung kann sie die Kontingenzen aufzeigen, die die Entwicklungen bestimmten, und auch die Offenheit der historischen Verläufe. Sie bricht den viel kritisierten methodological nationalism auf, die Arbeit ist ein Markstein der vergleichenden historischen Forschung. Für die Sozialwissenschaften ist sie eine Fundgrube an Erkenntnissen und ein Anreiz, zu einfache Determinismen infrage zu stellen.
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