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Einzelrezension

Balint, Ruth: Destination Elsewhere. Displaced Persons and Their Quest to Leave Postwar Europe, 228 S., Cornell UP, Ithaca, NY 2021.


Keywords: Review, Balint, Ruth, 2020, Nachkriegsgeschichte, Migration, Displaced Persons, Flüchtlinge, International Refugee Organization, Bevölkerungskontrolle

How to Cite:

Friedrich, K., (2023) “Balint, Ruth: Destination Elsewhere. Displaced Persons and Their Quest to Leave Postwar Europe, 228 S., Cornell UP, Ithaca, NY 2021.”, Neue Politische Literatur 69(1). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-023-00540-4

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© The Author(s) 2024 under CC BY International 4.0

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Published on
2023-05-12

Peer Reviewed

Rund eine Million unter den Displaced Persons (DPs), die von 1945 an in Deutschland, Österreich und Italien in Flüchtlingseinrichtungen der Alliierten untergebracht waren, weigerten sich, in ihre frühere Heimat zurückzukehren. Die meisten erstrebten die Auswanderung nach Übersee. Ruth Balint hat nun eine neue Geschichte des Migrationsgeschehens gleich nach dem Zweiten Weltkrieg verfasst. Sie zeichnet sie vor dem Hintergrund der Entwicklung nach, welche die International Refugee Organization (IRO), eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen, von 1946 bis 1952 durchlief. Zu den Aufgaben ihrer zeitweilig mehreren tausend Mitarbeiter_innen gehörten Rückführung, Betreuung und Versorgung, rechtlicher und politischer Schutz sowie Beförderung und Neuansiedlung von Flüchtlingen.

Um von der IRO betreut zu werden, brauchte es eine Anerkennung als unterstützungsberechtigter Flüchtling. Dieser musste vom Kollaborateur und (Volks‑)Deutschen unterschieden werden; jüdischen Flüchtlingen war ein Sonderstatus zuerkannt worden, wodurch sie in aller Regel von vornherein anerkannt waren. Für die Übrigen setzte die Erlangung des DP-Status eine Überprüfung (screening) per Fragebogen voraus, mit dem Angaben zum Lebensweg, insbesondere während des Kriegs, und zur Stichhaltigkeit des Anspruchs ermittelt wurden. Daran schlossen sich Interviews mit den Kandidat_innen an. Weniger als 2 Prozent wurden abgelehnt, die dann Widerspruch einlegten, wodurch letztlich jeder Dritte eine positive Entscheidung herbeiführen konnte.

Balints Absicht ist es, die Mittel und Wege zu erforschen, „in which DPs […] sought to make their histories ‚count‘ in the brutal competition for visas to the west“ (S. 6). Sie erschließen sich über die Arbeit des IRO Review Board, des Berufungsausschusses (S. 8 f.). Dieser widmete sich über 20.000 Anhörungen (hearings) und traf nahezu 32.000 Entscheidungen, die im Fall von Beschwerden bisweilen nicht nur einmal überprüft wurden. Als grobes Vorbild für das Prozedere diente das für die Entnazifizierung geschaffene Verfahren. Eine führende Gestalt des Ausschusses war der aus Belgien gebürtige Jurist Marcel de Baer.

Bei dem Auswahlverfahren hatte man es mit sprachlichen Herausforderungen zu tun, wobei DPs als Dolmetscher arbeiteten, um die oft in schlechtem Deutsch vorgebrachten Äußerungen der Interviewten verständlich zu machen. An den Berufungsausschuss gerichtete Eingaben (petitions) mussten ins Englische übersetzt werden. Mit den beigefügten, teils umfangreichen Briefen machen sie einen großen Teil von Balints zuvor kaum beachtetem Quellenkorpus aus.

Das Interesse der Verfasserin gilt den „encounters between DPs and the authorities“, wobei ihr besonderes Augenmerk auf einer „intimate history of DP interactions […]“ liegt (S. 18). In sieben Kapiteln greift sie verschiedene Themen auf. Bei der Schilderung zahlreicher Lebenswege geht es ihr darum, die „persönlichen Erfahrungen“ der DPs herauszuarbeiten, bei denen es sich oft um „the beneficiaries of a disappearing world in Eastern Europe“ handelte (S. 10). Wie wurde gleich nach dem Krieg mit der Wahrheit umgegangen? Jene, die für treue Dienste die deutsche Staatsbürgerschaft erworben, sich auch beim Judenmord beteiligt hatten, unternahmen Anstrengungen, dies zu vertuschen. Dem standen Denunziationen gegenüber, die unter DPs verbreitet waren und manchmal Informationen über Antisemitismus und Judenverfolgung, etwa den Holocaust in Ungarn (S. 46 ff.), vermitteln. Wiederholt bezieht sich die Verfasserin auf jene, denen es glückte, ihre jüdische Herkunft zu verheimlichen und nach 1945 darauf drängten, mit beziehungsweise zu ihren Verwandten in die USA zu kommen (S. 12, 53 ff., 68).

Die Verhältnisse am Fluchtziel Schanghai unter und nach der japanischen Besatzung werden ebenfalls einbezogen. Den Angestellten der IRO ging es vor allem darum, Familienmitglieder zusammenzubringen, nachdem es unter dem Nationalsozialismus (wie schon unter dem Kommunismus) zur Schwächung von Familienbindungen gekommen war. Balint spricht auch die Schwierigkeiten an, denen sich Eheverbindungen zwischen Deutschen und DPs gegenübersahen (S. 63 f.).

Ein weiterer Schwerpunkt ist die Perspektive des Einwanderungslands Australien, das zwischen 1947 und 1951 etwa ein Sechstel der Schutzbefohlenen der IRO aufnahm und damit nur von den USA übertroffen wurde. Und Balint nimmt auch jene in den Blick, die aus eugenischen Grundsätzen zu den Unerwünschten zählten, wie Behinderte, Alte, Kinderreiche, Kranke. Noch darunter standen die auf ständige Betreuung Angewiesenen, weil sie völlig chancenlos waren.

Australien verlangte nach kerngesunden „weißen Einwanderern“ (S. 116). Ausgewählt wurden sie von australischen Militärangehörigen mit nur dürftigen Kenntnissen über Mittel- und Osteuropa. In ihrer Wertschätzung ganz oben standen Flüchtlinge aus dem Baltikum, später auch aus Polen, die zunächst oft als bloße Wirtschaftsflüchtlinge gegolten hatten. Beinahe leitmotivisch bezieht sich Balint auf ein australisches Werbeplakat, das unter der Aussage „There’s a man’s job for you in Australia“ 1947 um die Anwerbung muskelbepackter Land- und Industriearbeiter bemüht war (S. 120, 177 Anm. 28, und im Bildteil). Während einige hundert durch den Nationalsozialismus Belastete in Australien Zuflucht fanden, zielte das australische Einwanderungsregime auf den Ausschluss von Juden; den meisten der über 22.000, die dennoch ins Land kamen, gelang dies durch die Unterstützung US-amerikanischer Hilfsorganisationen. Ein Problem stellten die Ukrainer da, die nicht als Sowjetbürger gelten wollten und sich gegen die eigentlich verpflichtende Repatriierung sträubten (S. 28). Mit dem Heraufziehen des Kalten Kriegs spielten neben humanitären und wirtschaftlichen Belangen politische Gründe für die Entscheidungen der IRO eine zunehmende Rolle.

Die Verfasserin gibt einen knappen Überblick zur neuesten Forschungsliteratur, auf die sie sich oft bezieht (S. 18), aber der Anhang des Bands weist kein Literaturverzeichnis auf, und selbst der Standort des über Europa, Nordamerika und Australien verstreuten Quellenmaterials muss aus den Endnoten erschlossen werden. Balint beginnt ihre Darstellung mit überhöhten, hier nicht belegten Zahlen der durch den Zweiten Weltkrieg Entwurzelten (S. 1 f.). Am Ende blieben in den DP-Lagern 150.000 ‚ungelöste‘ Fälle zurück, die sie bedauert, etwa dramatisierend feststellt: „The family was now trapped in Germany“ (S. 157). Das nachnationalsozialistische Deutschland erscheint hier als „an unfriendly foreign country“ (S. 133), wird als neue Heimat, und sei es der Nachkommen, nicht gewürdigt. So ignoriert die Verfasserin, welche Veränderungsprozesse der Kontakt mit den DPs auszulösen vermochte – dass etwa die Zustände im Philippshospital im südhessischen Goddelau, das die schwerstbehinderten Kinder aufnahm, Tom Mutters (1917–2016) dazu brachten, 1958 den Verein „Lebenshilfe für das geistig behinderte Kind“ ins Leben zu rufen (S. 110).

In ihrer Schlussbetrachtung bestätigt Ruth Balint, dass mit dem Jahr 1945 kein Bruch mit der „Bevölkerungskontrolle“ (population control) und gesellschaftlichen Exklusion eintrat (S. 98 ff., 112). Aber für sie ist „das besetzte Europa – und vor allem Deutschland – ein intensiver Workshop gewesen, von dem Ideen und politische Maßnahmen ausgingen, welche die Nachkriegsordnung zutiefst geprägt haben“. Und die Displaced Persons konnten dabei mitreden, ihre Stimme hörbar machen.

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