Zu Recht verweisen die Herausgeber in ihrer Einleitung zu diesem Sammelband darauf, dass Briefmarken als Dokumente zum Zeitgeschehen und als historische Quellen überhaupt bisher zu wenig Beachtung gefunden haben. Da Briefmarken von Regierungen herausgegeben werden, sind sie insbesondere sehr anschauliche Zeugnisse dafür, wie die von ihnen regierten Staaten in Geschichte und Gegenwart „im In- und Ausland gesehen werden möchten“ (S. 8). Unter anderem kann die Beschäftigung mit Briefmarken gerade für die in den Kulturwissenschaften zurzeit intensiv erforschten Erinnerungskulturen wichtige Erkenntnisse ermöglichen, denn „Briefmarken prägen und vermitteln das kulturelle Gedächtnis einer Nation“ (S. 29).
Achim Thomas Hack schlägt in einem einleitenden Beitrag vor, dazu eine neue historische Hilfswissenschaft zu etablieren, die er aber nicht als Philatelie, sondern als „Timbrologie“ bezeichnen möchte. In der Tat passt die Etymologie des Begriffs Philatelie nicht zur wissenschaftlichen Beschäftigung mit Briefmarken. Es ist allerdings zu bedenken, dass es schwierig werden wird, den weltweit eingeführten Begriff Philatelie zu ersetzen. Die Bedeutung von Worten hängt gerade nicht an der Etymologie, sondern daran, wie sie verwendet und verstanden werden. Ein Umstand, der allerdings in der aktuellen Kulturwissenschaft allzu oft vernachlässigt wird, sodass immer wieder neue Begriffe für eigentlich schon benannte Phänomene erfunden, aber im Wesentlichen nur im Kreis der Erfinder rezipiert werden. Zudem würde die neue Begrifflichkeit eine Distanzierung von den vielfältigen Forschungstätigkeiten von denjenigen implizieren, die sich seit über hundert Jahren Philatelisten nennen. Es wäre viel sinnvoller, diese im Rahmen von Citizen-Science-Projekten in die akademischen Forschungen einzubinden.
Als erstes Fallbeispiel analysiert Klaus Ries diejenigen Briefmarken, die von 1920 bis 1935 und von 1947 bis 1959 im Saargebiet herausgegeben wurden. In den 1920er Jahren erschienen dort vor allem Marken mit regionalen Motiven wie der Saarschleife bei Mettlach, der Ludwigskirche in Saarbrücken und Bergbauszenen. Ausgerechnet im Jahr des im Deutschen Reich mit nationalistischem Getöse ausgiebig gefeierten Rheinlandjubiläums 1925 gelang es im Saargebiet, mit zwei Marken mit der Statue der Madonna von Blieskastel ein antifranzösisches Zeichen zu setzen. Das gotische Kunstwerk fügt sich nur scheinbar in die Serie der regionalen Motive, denn für die saarländische Bevölkerung verwies die Geschichte ihres Aufstellungsortes auf französische Aggressionen in der Vergangenheit. So ist es zudem nach Ries kein Zufall, dass diese Marke zu denen gehörte, die 1934 mit dem Aufdruck „Volksabstimmung“ erneut ausgegeben wurden.
Hans-Werner Hahn stellt in seinem Beitrag die deutschen Briefmarken, vor allem die der Bundesrepublik und der DDR, zusammen, die sich auf das 19. Jahrhundert beziehen. Er gliedert sie in die Bereiche „Kampf um Einheit und Freiheit“, „Industrialisierung und wirtschaftlicher Wandel“, „gesellschaftlicher Wandel“ und „Kulturnation“. Bemerkenswert ist die Erwartung von Hahn, dass – wie schon 1971 zum 100. Jahrestag der Reichsgründung – auch 2021 eine Marke an dieses Ereignis erinnern würde (S. 60). Da man noch 2017 dem Norddeutschen Bund eine Marke widmete, ist es in der Tat überraschend, dass nur fünf Jahre später die eigentlich viel bedeutsamere Reichsgründung nicht mehr Teil der postalischen Erinnerungskultur wurde. Wenn man berücksichtigt, dass die Planungen für das Markenprogramm 2017 der Öffentlichkeit im Oktober 2015 vorgestellt wurden, kann der veränderte Umgang mit der Nationalgeschichte als Indiz für eine Zäsur in der deutschen Geschichtskultur 2016 interpretiert werden.
Ein europäisches Panorama skizziert Achim Thomas Hack in seinem Beitrag zu Karl dem Großen als Markenmotiv. Neben Deutschland, der französischen Besatzungszone Rheinland-Pfalz und Frankreich haben auch Italien, Andorra, der Vatikan und Kroatien Karl für ihre Marken verwendet.
Auf intensiven Archivstudien beruht der Beitrag von René Smolarski zur Gedenkmarke der Bundespost anlässlich des zehnten Jahrestages der Flucht und Vertreibung aus den deutschen Ostgebieten im Jahr 1955. Die Marke löste einen sogenannten „Postkrieg“ aus, bei dem osteuropäische Postverwaltungen die Beförderung von Sendungen, die mit dieser Marke frankiert waren, verweigerten. Smolarski kann mithilfe der archivierten Eingaben an das bundesdeutsche Postministerium eindrucksvoll herausarbeiten, dass die Marke auch in der Bundesrepublik keineswegs unumstritten war und differenziert diskutiert wurde.
Im abschließenden Beitrag wendet sich Hack den historischen Jubiläen zu, die der häufigste Anlass für Briefmarkenausgaben mit historischen Bezügen sind. Dazu skizziert er zunächst die Genese des Phänomens der historischen Jubiläumsfeiern seit der Antike. Für die ersten Briefmarken waren sie zunächst noch nicht von Bedeutung, aber mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelten sie sich bis zur Zeit des Nationalsozialismus zu einem sehr bedeutenden Ausgabeanlass, was Hack anschaulich nachzeichnet. Insgesamt sind zwischen 1924 und 2020 in Deutschland 1.750 historische Gedenktage Anlass einer Briefmarkenausgabe gewesen. In einem systematischen Zugriff ordnet Hack sie in seinem Beitrag Zeitintervallen zwischen Ereignis und Gedenktag zu, wobei er einige aufschlussreiche Beobachtungen macht, wie zum Beispiel, dass die DDR sehr viel weniger Jubiläen feierte, die an das Mittelalter erinnerten, als die BRD. Dies demonstriert, dass auf Basis von Briefmarkenausgaben allgemeine Thesen zur Geschichtspolitik abgeleitet werden können, die sonst aufgrund der Fülle und Disparität des Materials oft nur mit großem Aufwand begründet werden können.
Die Beiträge des Bandes zeigen damit beispielhaft auf, wie weitreichend die Erkenntnispotenziale der Betrachtung von Briefmarken für die Analyse der politischen Kultur und insbesondere der Erinnerungskultur sind, sodass weitere Forschungen auf diesem Gebiet wünschenswert sind.
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