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Einzelrezension

Economy, Elizabeth C.: The World According to China, 304 S., Polity, Cambridge u. a. 2022.


Keywords: Review, Economy, Elizabeth, 2022, Internationale Beziehungen, China, Außenpolitik, Einflusssphäre, Internationale Ordnung, Privatwirtschaft, Infrastrukturprojekte, de-risking

How to Cite:

Stepan, M., (2023) “Economy, Elizabeth C.: The World According to China, 304 S., Polity, Cambridge u. a. 2022.”, Neue Politische Literatur 69(1). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-023-00536-0

Rights:

© The Author(s) 2024 under CC BY International 4.0

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Published on
2023-01-11

Peer Reviewed

Elizabeth C. Economy gehört zu den profundesten Kenner_innen der Volksrepublik China. Ihre Bücher basieren auf und überzeugen mit einer tiefreichenden Analyse und verweisen auf zahlreiche, auch chinesische Quellen. Mit „The World According to China“ legt sie ein Buch vor, dass sich der großen Fragestellung widmet: Wie macht sich das bereits seit einer Dekade von Partei- und Staatschef Xi Jinping politisch dominierte China auf, die Welt zu dominieren?

In sieben Kapiteln beschreibt die Autorin, wie China unter Xi das Ziel verfolgt, die bestehende internationale Ordnung zum Nutzen der Volksrepublik umzubauen. Hierzu geht sie auf Initiativen wie die „Neue Seidenstraße“ (Belt and Road Initiative – BRI), den Ausbau technologischer und militärischer Fähigkeiten des Landes, den Einsatz seiner kulturellen Anziehungskraft (Stichwort: Soft Power) und nicht zu vergessen Spionage, Unterwanderung und Drohung ein.

Economy beschreibt eindringlich und prägnant, was die chinesische Staats- und Parteiführung sowie andere chinesische Akteure unternommen haben, um den Einflussbereich Chinas systematisch auszudehnen. Das ‚Wie‘ – konkret die Methoden und Instrumente – ist ebenfalls exzellent herausgearbeitet. Im Kapitel „From Bricks to Bits“ zeigt die Autorin beispielsweise am kometenhaften Aufstieg von chinesischen Privatunternehmen, wie diese die Digitalisierung im Land vorangetrieben und auch im Ausland Fuß gefasst haben. Neben dem Anwerben von Top-Personal aus dem Ausland profitierten chinesische Ingenieure und ihre Arbeitgeber von der Offenheit von Wissenschaftler_innen in den USA und europäischen Ländern (S. 135).

Darüber hinaus zieht Economy an verschiedenen Stellen bereits eine Bilanz, welche Resultate – welche Erfolge und welche Fehlschläge – China zu verbuchen hat. Im Kapitel „The Dragon’s Bite“ präsentiert sie konkrete Zahlen zu Kosten und Nutzen seitens China mitfinanzierter Infrastrukturprojekte in Ländern wie Myanmar, Pakistan und Ungarn.

Während all diese Fragen aus der Warte der Leser_innen in sehr informativer und illustrativer Manier beantwortet werden, hätte sich der Rezensent lediglich bei der Frage nach dem ‚Warum‘ mehr analytische Tiefe gewünscht. Was sind die Beweggründe der chinesischen Staats- und Parteiführung, aber auch anderer chinesischer Akteure? Ist ihr Handeln rational? Zeugt es von langfristigem Denken oder kurzfristiger Nutzenmaximierung? Wird dieses Handeln jenseits von Indoktrinierung und parteistaatlich befördertem Nationalismus in der Breite der chinesischen Bevölkerung unterstützt, kritisch beäugt oder gibt es innerhalb Chinas gar Präferenzen für andere Handlungsansätze? Economy benennt vereinzelt chinesische Akteure, die außerhalb der und teilweise gar gegen die Parteilinie agieren und argumentieren. Ein Beispiel für Kritik ist der offene Brief eines emeritierten Professors an die chinesische Regierung mit dem Vorwurf, dass sie zu viele Milliarden im Ausland investiere (S. 116f.).

Das letzte Kapitel widmet Economy in erster Linie einer Zusammenfassung und dem Ausblick, wie zukünftig mit Chinas Ambitionen umzugehen sei. Den letzten Absatz beginnt sie mit einem düsteren Szenario: „The emergence of two separate, value-based technology – and even maybe economic and military – ecosystems […]“ (S. 225) – kurz: einer Blockbildung, die ausgehend von getrennten Technologieökosystemen möglicherweise auch die Wirtschaft und das Militär beträfe. Noch verkürzter formuliert würde das das Ende der fortschreitenden Ära der globalen Vernetzung und des grenzenlosen Austauschs bedeuten. Im Herbst 2023 – beinahe zwei Jahre nach der Fertigstellung des Manuskripts – scheint das Eintreten dieses Szenarios noch wahrscheinlicher geworden zu sein. Im vorletzten Satz des Kapitels greift Economy erstmalig den Buchtitel auf: „The content and character of Chinese foreign policy suggest that the world according to China – one which celebrates Chinese centrality as a geographic, as well as political and economic, construct – is one that leaves little room for the United States, its allies, and the values and norms they support [Hervorh. d. Verf.]“ (S. 225). Paraphrasiert hieße dies, eine Analyse der chinesischen Außenpolitik deutet darauf hin, dass es laut der chinesischen Staats- und Parteiführung nur eine globale Führungsmacht geben kann und das ist China. Diese Einordnung scheint mir etwas zu kurz gegriffen und wenig austariert. Obgleich man Chinas öffentlichen Narrativen nicht unreflektiert Glauben schenken sollte – wie beispielsweise, dass die Volksrepublik in erster Linie eine multipolare Weltordnung zur Wohlstandsmaximierung aller anstrebt –, ist auch das entgegengesetzte Narrativ eines umfassenden und erbarmungslos geführten Systemwettbewerbs kritisch zu betrachten.

Der letzte Satz des Buches deutet jedoch gerade in diese Richtung. Er liest sich wie ein Appell an alle Länder, welche die aktuelle internationale Ordnung stützen – „the United States, allies and partners“ –, sich zusammen gegen China und seine Ambitionen zu stellen. Economys Empfehlungen hat die US-amerikanische Regierung zum Großteil bereits in die Tat umgesetzt. Hierzu gehören der Aufbau von Koalitionen mit anderen Ländern, aber auch eine Anpassung, wie über China als Herausforderung gesprochen wird („reframing the challenge“, S. 214). Vor dem Erscheinen des Buches nutzten Kommentator_innen verstärkt den Verweis auf die Thukydides-Falle, um den Wettbewerb zwischen China als aufstrebender Macht und den USA als etabliertem Hegemon zu beschreiben. Mit der Anpassung geht es fortan nicht mehr alleinig um den Konflikt zwischen den USA und China. Stattdessen ist China eine Herausforderung für alle Länder, die sich und die gelebte freiheitliche demokratische Ordnung langfristig von Chinas Aufstieg bedroht sehen sollten.

Wären die Begrifflichkeiten de-coupling und de-risking Ende 2021 bereits so prominent im Diskurs gewesen wie 2023, wären sie in diesem Kapitel sicherlich zahllose Male aufgetreten. Für all diejenigen, die sich dafür interessieren, warum wir uns aktuell in der besagten Diskussion um de-risking befinden und welche Rolle die Aktivitäten chinesischer Akteure im Ausland spielten, sowie für eine Einordnung durch amerikanische Beobachter_innen, ist dieses Buch ein must-read. Wer sich dezidierter mit der Einflussnahme chinesischer Akteure in Deutschland und seinen europäischen Nachbarstaaten auseinandersetzen möchte, dem sei das 2020 erschienene Buch „Die lautlose Eroberung“ von Clive Hamilton und Mareike Ohlberg empfohlen.

Für diejenigen, die sich generell für Defizite der bestehenden Lösungsvorschläge für die zukünftige internationale Ordnung interessieren, sind weitere Bücher verfügbar. Insbesondere Lektüren, welche die Rolle und Sicht aufstrebender Volkswirtschaften berücksichtigen, erweitern die Perspektiven auf das Sujet. Zu diesen Volkswirtschaften zählen allen voran Indien und Brasilien, aber auch die Türkei, Indonesien, Mexiko oder Nigeria. Eine realistische, alternative Vision für die Zukunft der Weltgemeinschaft benötigt nicht nur Befürworter_innen der wenigen hochindustrialisierten, demokratisch organisierten Länder, sondern die Unterstützung der Mehrheit der Weltgemeinschaft.

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