Ulrich Johannes Schneiders Essay über den am Collège de France vorlesenden und sprechenden Michel Foucault ist das Ergebnis eines Ärgers. Eines Ärgers, der darauf beruht, dass die Veröffentlichungen der 13 Vorlesungen, die Foucault in den Jahren 1970 bis 1984 gehalten hat, nicht in chronologischer, sondern in zufälliger Reihenfolge erfolgt sind (auf Französisch ab 1997, in deutscher Übersetzung ab 2001). Dies habe Schneider zufolge einen „konsekutiven Nachvollzug“ der fortgehenden (Denk‑)Arbeit Foucaults verhindert (S. 8). Diese gelte es jetzt zu entdecken. Ob sie entdeckt worden ist? Das kommt darauf an, was man darunter versteht.
Diese Ankündigung und der Titel des Buches eröffnen eine gewisse Spannung, die das gesamte Buch durchzieht. Die Frage, die sich immer wieder beim Lesen stellt, lautet: Worum geht es? Um das Nachzeichnen eines roten Fadens, der allen Aus- und Umschweifungen zum Trotz die Kohärenz eines Denkens aufzuzeigen versucht? Oder darum, deutlich zu machen, dass das mündliche Philosophieren andere Qualitäten hat oder Schwerpunkte setzt als das schriftliche – wenngleich letzteres oftmals das Mündliche reflektiert? Dass Foucault selbst nicht immer Lust hatte, alles den akademischen Gepflogenheiten entsprechend niederzuschreiben, und vielmehr große Freude an der immer auch unverbindliche(re)n und zuweilen freien Vorlesungsrede hatte, wird eindringlich durch Belege bezeugt. Aber warum? Und was hat das mit seiner Philosophie, seinem Denken essenziell zu tun?
Foucault habe in seinen Vorlesungen Argumente ausprobieren und schleifen, aber eben auch die Billigung durch das Publikum erzielen wollen (S. 19f.), indem er immer wieder von vorne, aus anderen Perspektiven, mit anderen Aspekten begonnen habe, um der Heterogenität der Zuhörenden Rechnung zu tragen. Die Vorlesungen hätten demnach einen vorsichtigen, probierenden, gar dialogischen Charakter gehabt. Demgegenüber schreibt Schneider dem Publikum Erwartungen in Form von dreierlei Hoffnungen zu: die Hoffnung auf Originalität, die Hoffnung auf politische Handlungsanleitung und die Hoffnung darauf, „selber zum Philosophen zu werden“ (S. 27). Dass sie nicht enttäuscht wurden, habe sich am „Erfolg als Dozent“ (S. 127), also insbesondere an der Ermöglichung des Redens, Mitdenkens und Mitsprechens – ich will das mal eine Einladung zu gelebtem Respekt nennen – im Hörsaal gezeigt, die weitreichende Transformationen im „Fühlen, Vorstellen und Wollen“ (S. 29) mit sich bringen konnte. Darum geht es auch im Kapitel „Verabschiedung der Philosophie vom Katheder herab“. Denn Foucault habe nicht innerhalb der Philosophiegeschichte argumentiert; vielmehr: „Lehren heißt töten“ (S. 38), wie es Foucault selbst zusammenfasste, weil der Lernende im Lernen ein anderer wird. Das bedeute aber nicht, dass Foucault das prozessuale Denken den – traditionellen – Wissensansprüchen entgegengesetzt habe (S. 40).
Auch zeichneten sich Foucaults Vorlesungen dadurch aus, dass er das Vorgetragene inklusive der Referenzen in die Antike und Geschichte überhaupt aktualisiert habe, zum Hier und Jetzt in eine Beziehung zu setzen wusste (S. 74). Sie seien zudem getragen gewesen von der Reflexion auf das eigene Vorgehen, auf die Sichtbarmachung der Zusammenhänge zwischen den Analysen des Besonderen, die Foucault allerdings nur als Vorschläge und keinesfalls als einzige Wahrheiten interpretiert wissen wollte (S. 91). So habe es auch keine direkten Anweisungen politischer Art gegeben (S. 119), was Foucault von Zeitgenossen wie etwa Louis Althusser unterscheidet.
Foucault tritt hier als ein Denker zutage, der sich – glücklicherweise – subversiv selbst dazu ermächtigt hat, sich nicht den akademischen, philosophischen, disziplinierenden Gepflogenheiten zu unterwerfen. Stattdessen hat er immer wieder neue Topoi ausfindig gemacht, an die immer weitergehende und grenzüberschreitende Fragen zu stellen waren, auf deren letztgültige Beantwortung er sich nicht festlegen ließ. Das lässt sich mit der „Entwicklung der Gedanken im Reden“ (S. 134), mit „ein[em] im laufenden Reden entwickelten Forschungsprogramm der Philosophie, ein[em] Denken in Bewegung“ (S. 146) sehr trefflich beschreiben. Die konstatierte „Aufhebung jeder Unterscheidung von Methode und Gegenstand“ (S. 151) wird durch Schneiders Lesart auch in Foucaults Vorlesungen selbst sichtbar, weil sie sich der Gefahr, „im Vorher und Nachher des Textes Methode zu wittern statt Entdeckung, im Nacheinander System zu vermuten statt Erfahrung“ (S. 152), nachdrücklich entzieht.
In dieser Hinsicht ist die vorgelegte Studie der gelungene Versuch, die Chronologie eines im besten Sinne aufregenden Denkens auf eine andere Weise fruchtbar zu machen: als Beobachtung eines Werdens, das sich nicht systematisieren lassen will, obwohl es dennoch einer bestimmten Haltung, einem großartigen und Freiheit eröffnenden Respekt dem Hörenden, dem Mitdenkenden, dem Gelesenen gegenüber treu bleibt und sich dadurch vom Anderen affizieren lässt. En passant führt Schneider auch in die Weite und Breite Foucaultschen Nachdenkens, Neuordnens und Anderssehens ein, wenn er zum Teil lange Zitate aus weiteren, kürzeren Gastvorlesungen an verschiedenen Universitäten zitiert. Das gilt zudem und vor allem für die letzten Kapitel, in denen er Foucaults leidenschaftliche Referenzen auf antike Figuren, wie etwa Ödipus, Sokrates, Alkibiades oder Diogenes vorträgt. Hier wird der Vergleich dieser Figuren mit den Themen Foucaults und eventuell seiner (gewünschten) Ähnlichkeit mit ihnen deutlich: „Das philosophische Wahrsprechen […] ist niemals affirmativ, immer analytisch, auflösend, fragend. […] Sagen ohne auszusagen heißt: die Wahrheit leben und dabei nicht ganz und gar ins Schweigen zu verfallen [Hervorh. d. Verf.]“ (S. 203).
Mit Foucault philosophieren hieß und heißt also nicht, das Wiedererkennbare vorgesetzt zu bekommen, sondern die richtigen Fragen zu stellen, sich darauf einzulassen und so das Gewusste und Seiende zu überschreiten. Denn „Philosophie [ist] Arbeit, auch an sich selbst“ (S. 209). Wer das bislang noch nicht wusste, dem sei Ulrich Schneiders Hommage an Michel Foucaults mündliches Philosophieren dringend empfohlen.
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