Die historiografische Beschäftigung mit dem Orient beziehungsweise mit den Orientwissenschaften konzentriert sich nicht selten auf Personen und deren Handeln. Immerhin aber sind etliche Arbeiten breit angelegt und betten die Protagonisten in die Rahmenbedingungen ein. Ein gutes Beispiel hierfür bietet Amir Theilhaber mit seiner Biografie zu Friedrich Rosen (1856–1935). Auf diesen trifft inzwischen die sprachlich inzwischen recht strapazierte Bezeichnung „Grenzgänger“ in vielerlei Hinsicht zu.
Geboren und aufgewachsen in Jerusalem als Sohn eines deutschen Diplomaten, bewegte sich Rosen zeit seines Lebens zwischen Orient und Okzident und darüber hinaus zwischen Deutschland und dem britischen Empire. Durch die Tätigkeit als Hauslehrer auf Einladung des britischen Vizekönigs von Indien Frederick Hamilton-Temple-Blackwood, Lord Dufferin, an dessen Hof 1886/87 erhielt er früh eine entscheidende Prägung. Danach durchlief Rosen eine für einen bürgerlichen Staatsbediensteten typische Karriere im höheren diplomatischen Dienst, das heißt vom Dragoman zum Konsul über Beirut, Bagdad und Jerusalem. In die höchsten Machtpositionen stieg er indes nie auf. Sein Hauptinteresse galt vor allem dem Iran, insbesondere der persischen Kultur und Literatur. Hierzu übersetzte und interpretierte er wichtige Werke, so etwa von Omar Khayyam und Dschalāl ad-Dīn Muhammad Rūmī.
Eine dauerhafte Karriere im Orient war ihm jedoch nicht vergönnt. Nach Verwendungen in Äthiopien und Marokko endete Rosens diplomatischer Weg im Orient dann 1910. Nach Ende des Ersten Weltkriegs wurde er Reichsaußenminister, dies allerdings nur für wenige Monate. Er engagierte sich weiterhin in den Orientwissenschaften und vertrat dazu auch entsprechende politische und kulturpolitische Auffassungen. Wegen seiner jüdischen Herkunft angefeindet, lavierte er sich bis zu seinem Tod 1935 durch das NS-Regime, war auch Pressionen ausgesetzt.
Die Arbeit fokussiert in erster Linie auf die wissenschaftlich-literarische Beschäftigung Rosens in Verbindung mit dessen Tätigkeit im diplomatischen Dienst. Damit bietet Theilhaber eine sehr gute Basis für eine kritische Diskussion des Verhältnisses zwischen Orientwissenschaften und Politik, hier insbesondere des Einflusses ausgewiesener ‚Orientkenner‘ und deren Nutzen beziehungsweise deren Wirkung für und auf die Politik.
Das Urteil des Autors fällt hierzu weitgehend negativ aus. Rosen konnte trotz zeitweiser Nähe zum Kaiser keine wirklichen Erfolge in der Umsetzung politischer Ziele oder in der Beeinflussung maßgeblicher Entscheidungsträger verbuchen, blieb insgesamt untergeordneter Außenseiter. Generell wurde er eher als ‚Übermittler‘ mit Kontaktpflege und atmosphärischen Aufgaben betraut, so etwa beim Besuch des persischen Schahs Mozaffar ad-Din Schah in Potsdam im Jahre 1902.
Entgegen ernsthafter Versuche Rosens brachte seine Tätigkeit in Äthiopien und in Marokko ebenfalls keinen bleibenden Ertrag, auch nicht in wirtschaftlicher Hinsicht. Im Falle Marokkos kam es gar zu ernsthaften Angriffen der französischen Presse gegen Rosen als ‚Indigenenfreund‘ beziehungsweise als Agent des deutschen Imperialismus. Bei all diesen Themen hätte Theilhaber im Interesse der Leser durchaus teils erheblich kürzen können, insbesondere im Bereich der zeremoniellen Details, die den wissenschaftlichen Ertrag nicht wirklich steigern.
Die eigentlichen Stärken Rosens lagen auf literarischem beziehungsweise literaturwissenschaftlichem Gebiet, worin er seine größten Leistungen erbrachte. Kein Geringerer als Martin Hartmann zollte ihm dafür Respekt, wenn dieser auch im Übrigen ansonsten keineswegs Rosens Meinungen etwa zur Rolle der europäischen Imperialstaaten im Orient teilte.
Theilhaber versteht es sehr gut, Rosen im politisch-kulturellen Beziehungsgeflecht zu verorten. Rosens bürgerliche Herkunft setzten seiner Karriere von vornherein Grenzen. Dennoch gehörte er zum Kollektiv des diplomatischen Dienstes und wurde davon nachhaltig geprägt. Die dadurch entstehende Spannung beleuchtet der Autor sehr gut. Im Speziellen kommt Rosens besondere, vielleicht teils sogar fast singuläre Stellung deutlich zum Ausdruck. Seine überaus anglophile Haltung, der er immer wieder Ausdruck gab, nicht zuletzt seine Kontakte mit prominenten Vertretern Englands im Orient, wie zum Beispiel mit Gertrude Bell, die sich mit Rosen hinsichtlich Herkunft und Bildung durchaus vergleichen lässt, nutzten seiner Karriere nicht sonderlich. Rosen vertrat durchgängig die Meinung, dass ein Ausgleich mit dem Empire unbedingt nötig war.
Seine kritische Haltung setzte sich in Rosens Meinung zum ‚Heiligen Krieg‘ und zum Panislamismus fort. Diesen Komplex analysiert Theilhaber ausführlich und unter souveräner Einbeziehung des Forschungsstandes in einem eigenen Kapitel, das den eigentlichen Mehrwert für Orienthistoriker bringt. Die entsprechenden Hoffnungen und Bestrebungen betrachtete Rosen als irregeleitete und an der Realität vorbeigehende Fantasien à la Karl May. Derlei wollten die maßgeblichen Personen nicht unbedingt hören, da sie unter ganz anderen Prinzipien und Prioritäten agierten.
Erneuerung, so Rosen, könne der Orient, insbesondere Persien, nur dann erfahren, wenn er sich auf seine historischen und kulturellen Wurzeln zurückbesinne und sich von innen heraus selbst reformiere – gerade nicht durch europäische Machtfantasien manipuliert und gesteuert. Rosen teilte auch nicht das Narrativ, dass orientalische (zum Beispiel indische) Volkskunst bestenfalls gegenüber der okzidentalen zweitrangig – wenn überhaupt existent – sei. Dabei zeigte sich Rosen mitunter eher retrospektiv, gab hier immer wieder die Trauer und die Wehmut der untergehenden orientalischen Kultur infolge des Eindringens westlicher Effizienz, Technik und nicht zuletzt des Kapitalismus zum Ausdruck, worin sich ein ebenfalls verbreitetes Narrativ abendländischer Orientbetrachtung im 20. Jahrhundert zeigt.
Die Erkenntnisse zum Verhältnis von Orientwissenschaft und Politik bieten neben den primären Fakten zu Friedrich Rosens Lebensweg und Schaffen das herausragende Ergebnis der Arbeit Theilhabers – dies besonders in Zeiten, in denen die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft angezweifelt wird. Gerade die Geisteswissenschaftler können sich nicht mehr automatisch auf ihren Ruf als souveräne rationale Forscher verlassen, sondern müssen mehr denn je reflektieren, wie man sich zur Politik stellt, ohne wohlfeile Ergebnisse zu präsentieren.
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