Noch immer zeigt sich, dass die jahrzehntelange Fokussierung der italienischen Geschichtsforschung auf die Resistenza in Italien zur Vernachlässigung der empirischen Faschismusforschung geführt hat. Die amerikanische, die britische und auch die deutsche Forschung können daher immer wieder in die Bresche springen. Das gilt in hohem Maße auch für die vorliegende Publikation von Jana Wolf, ursprünglich eine Dissertation an der Technischen Universität Dresden. Welche Mühen mit der Erschließung historischer Quellenbestände allerdings in Italien verbunden sind, beweist das Buch ebenfalls. Zu den parteilichen Ausleseschulen im italienischen Faschismus gibt es keinen zentralen Aktenbestand. Die Verfasserin war gezwungen, über 20 Archive zu kontaktieren und sich darüber hinaus mit der Befragung von über 30 Zeitzeugen zusätzliche Informationen zu beschaffen. Entscheidend für die Durchführung des Forschungsprojektes war ein Aktenfund in Monterotondo, einem kleinen Ort nördlich von Rom, wo – abseitig genug – die Akten der Gioventù Italiana (GI), der faschistischen Jugendorganisation, lagern. Trotz allem bestehende Lücken musste Wolf durch Interpolationen überbrücken, was ihr auf intelligente Weise gelungen ist. Überhaupt zeichnet sich die Arbeit dadurch aus, dass die Verfasserin sich bemerkenswerterweise nicht damit begnügt hat, eine reine Organisationsgeschichte der Ausleseschulen zu liefern, sondern dass sie auch eine Sozialgeschichte der Schüler, der Lehrer und der Erzieher sowie eine Untersuchung des pädagogischen Systems, nach dem an den Schulen unterrichtet wurde, vorlegt. Sie hat sich sogar darum bemüht, den nachhaltigen ideologischen Erfolg der Schulen für den Faschismus zu untersuchen, wozu die Interviews mit den Zeitzeugen besonders dienlich waren.
Wichtig ist schließlich, dass Wolf ebenfalls den Vergleich mit den Parteischulen des Nationalsozialismus im Auge hat, obwohl ihr Buch nicht explizit komparativ angelegt ist. Auch wenn für beide Regime die ideologische Indoktrinierung einer politischen Führungselite der Grund dafür war, weshalb die Ausleseschulen geschaffen wurden, gab es doch keinen gegenseitigen Transfer. Während im NS-Regime möglichst einheitliche Standards der Ideologisierung geschaffen wurden, war für das faschistische Regime in Italien eine Differenzierung charakteristisch. Heer, Marine und Luftwaffe beanspruchten jeweils eine eigene Ausleseschule für ihren militärischen Nachwuchs, was zu latenten Konflikten mit der faschistischen Partei führte. Dass die bisher besonders bekannte Schule in Orvieto der Ausbildung einer weiblichen Führungsschicht diente, wird von der Verfasserin mit Recht heruntergespielt. Frauen spielten im Faschismus keine Rolle. Wichtig ist auch, dass es innerhalb der faschistischen Führung „kein einheitliches Modell“ (S. 24) für die Ausleseschulen gab. Zu Recht hebt Wolf deshalb hervor, dass es zwischen Benito Mussolini, der die Jugend für den Krieg fit machen wollte, dem Parteisekretär Achille Starace, der den Nachwuchs für Führungspositionen in der faschistischen Partei im Auge hatte, und dem faschistischen Jugendführer Renato Ricci, der nur an die Jugendorganisation des Faschismus dachte, unterschiedliche Auffassungen gab. Sie spricht deshalb mehrfach auch von einem „polykratischen System“ der Ausleseschulen (S. 71, 230), ohne diesen Aspekt allerdings zu vertiefen.
Das Ergebnis ihrer sozialgeschichtlichen Analyse der Schüler der Ausleseschulen ist durchaus bemerkenswert. Wie die Forschung mehrfach herausgearbeitet hat, war Mussolini in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre darüber besorgt, dass die faschistische Partei zunehmend verbürgerlichte. Die Ausleseschulen sollten dem ganz offensichtlich entgegenwirken. Die Italiener sollten wieder aktiviert und zu einem ‚Volk der Krieger‘ werden. Auch die italienischen Rassengesetze von 1938 gehörten, wie wir heute wissen, in diesen Zusammenhang. Das kommt in dem Buch leider zu kurz, die Rassengesetze werden nur kurz erwähnt (S. 280 f.).
Insgesamt handelt es sich bei Jana Wolfs Studie um ein bemerkenswertes Buch, das zum Verständnis des italienischen Faschismus erheblich beiträgt. Offen bleibt nur eine grundsätzliche Frage. Die Verfasserin erklärt den Begriff des „neuen Menschen“ zum „Leitbegriff des italienischen Faschismus“ (S. 21). Sie hat jedoch nicht darüber nachgedacht, ob es tatsächlich dieser universalistische Begriff war, der in der faschistischen Ideologie eine zentrale Rolle spielte. Alle zentralen Zitate, die sie selbst in ihrem Buch aufführt, sind nationalistisch zu interpretieren. Das beginnt mit Mussolinis zentraler Rede vom 22. Juni 1925, die zur Einrichtung der Eliteschulen führte. Darin ist ausdrücklich nicht vom „neuen Menschen“, sondern vom „neuen Italiener“ die Rede (S. 29). Starace spricht ebenfalls vom „neuen Italiener“ (S. 43). Und auch Ricci beschwört einen „neuen faschistischen Menschen“, den es zu schaffen gilt (S. 53). Immer geht es um die Erziehung der Italiener zum Krieger, nicht um einen neuen Menschen generell, wie er in den Avantgarden des beginnenden 20. Jahrhunderts beschworen wurde. Diese Terminologie ist keineswegs unwichtig, da sich Mussolini nach der Machtergreifung von Adolf Hitler zwar gerne als Führer der internationalen faschistischen Bewegung stilisierte, es ihm aber immer um die Alleinstellung seines Faschismus ging. Der ‚Neue Mensch‘ war immer als Italiener gedacht.
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