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Einzelrezension

Zakaras, Alex: The Roots of American Individualism. Political Myth in the Age of Jackson, 432 S., Princeton UP, Princeton, NJ/Oxford 2022.


Keywords: Review, Zakaras, Alex, 2022, Demokratietheorie, Tocqueville, Individualismus, Egoismus, USA, Jackson-Ära, politische Mythen

How to Cite:

Krause, S., (2023) “Zakaras, Alex: The Roots of American Individualism. Political Myth in the Age of Jackson, 432 S., Princeton UP, Princeton, NJ/Oxford 2022.”, Neue Politische Literatur 68(3). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-023-00530-6

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© The Author(s) 2023 under CC BY International 4.0

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2023-10-12

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Alexis de Tocqueville trifft in „De la démocratie en Amérique“ (1835/1840) die Unterscheidung zwischen der Demokratie als Staats‑, Regierungs- und Gesellschaftsform und streift mit seinen Ausführungen zur amerikanischen Familie und zur Kultur und Sprache die Demokratie auch als Lebensform. Dabei hebt er ein Charakteristikum hervor, für das er den neu geprägten Begriff „Individualismus“ (individualism) verwendet, den er vom „Egoismus“ (egoisme) abgrenzt:

Unsere Vorfahren kannten nur den Egoismus. Der Egoismus ist eine leidenschaftliche und übersteigerte Liebe zu sich selber, die den Menschen dazu treibt, alles nur auf sich zu beziehen und sich selbst vor allem den Vorzug zu geben. Der Individualismus ist ein reflektierendes und friedfertiges Gefühl, das jeden Bürger dazu veranlasst, sich von der Masse der Mitmenschen fernzuhalten und sich mit seiner Familie und seinen Freunden abzusondern; nachdem er sich eine kleine Gesellschaft für seinen Bedarf geschaffen hat, überlässt er die große Gesellschaft gern sich selbst. Der Egoismus entspringt einem blinden Trieb; der Individualismus geht mehr aus einem irrigen Urteil als aus einem entarteten Gefühl hervor. […] Der Egoismus ist ein Laster, das so alt ist wie die Welt. Er ist allen Gesellschaftsformen in der gleichen Weise zu eigen. Der Individualismus ist demokratischen Ursprungs und droht sich in dem Grade zu entfalten, wie die Bedingungen zur Gleichheit tendieren.

(Tocqueville, Alexis de: Democracy in America. Historical-Critical Edition of De la démocratie en Amérique, hrsg. v. Eduardo Nolla, Indianapolis 2010, Bd. 3, S. 882)

Tocqueville, der hier als Zeitzeuge des von Alex Zakaras untersuchten Zeitraumes im Amerika der Jackson-Ära (1820–1850) gelesen werden kann, hat dem Individualismus nicht nur positive Effekte zugeschrieben, sondern ihn auch als eine Gefahr für die Demokratie bezeichnet. Die Kritik am Rückzug auf rein private Interessen war in der Literatur des Republikanismus freilich ein feststehender Topos seit der Antike. Bereits Perikles hatte in seinen von Thukydides überlieferten Reden an die Bürger Athens appelliert, sich nicht ins Private zurückzuziehen, sondern sich aktiv für das Gemeinwesen zu engagieren und öffentlichen Gütern die gleiche Aufmerksamkeit zu widmen wie den persönlichen. Die politische Gemeinschaft, wie Perikles sie stilisierte, war auf aktive politische Bürger geradezu angewiesen, weil sie sich nur so vor inneren und äußeren Feinden schützen konnte. Politisches Engagement war für Perikles aber mehr als bloß eine Funktionsvoraussetzung und Überlebensgarantie des Gemeinwesens; er begriff es zugleich als den erfolgversprechendsten Weg menschlicher Selbstverwirklichung, als den Königsweg gelingenden Lebens schlechthin (vgl. Thukydides: Geschichte des Peloponnesischen Krieges, hrsg. v. Georg-Peter Landmann, München 1973, Bd. 1, S. 143).

Tocqueville betrachtete den Individualismus indes nicht aus einer republikanischen Perspektive. In „De la démocratie en Amérique“ heißt es, dass die Vorstellung, sich in seinen individuellen Selbstentfaltungsmöglichkeiten den öffentlichen Interessen unterordnen zu müssen, der Vergangenheit angehöre. Die anerkannte Doktrin der Demokratie verlange nicht mehr, sich für seine Mitmenschen opfern zu müssen. Der Gedanke allein, ein Opfer zu bringen, widerstrebe dem demokratischen Geist, es sei denn, ein solches „Opfer“ komme auch demjenigen zugute, der es auf sich nimmt (Tocqueville: Democracy, 2010, Bd. 2, S. 610; ders.: OC II, S. 636). In diesem Sinne erwies sich für Tocqueville die Doktrin des wohlverstandenen Eigeninteresses als die adäquateste philosophische Lehre für das demokratische Zeitalter, da sie weder große Opfer noch außergewöhnliche Tugenden abverlange. In dem Augenblick, da die Welt nicht mehr von einigen wenigen wohlhabenden und mächtigen Individuen regiert, sondern von einer Klasse unbekannter Herkunft und bescheidenen Vermögens dominiert werde, gewinne diese individualistische, aber gemeinnützige Moral, und in deren Folge die Leidenschaft für das materielle Wohlergehen an Gewicht. „Man muss also damit rechnen“, erklärte Tocqueville, „dass der persönliche Vorteil mehr denn je zur hauptsächlichen, wenn nicht einzigen Triebkraft der menschlichen Handlungen wird“ (Tocqueville: Democracy, 2010, Bd. 2, S. 613; ders: OC II, S. 638).

Zakaras geht in seinem Buch dem Begriff des Individualismus als spezifische Form des moralischen, sozialen, ökonomischen und politischen Selbstverständnisses der Amerikaner Mitte des 19. Jahrhunderts nach (S. 287–294), in der sich die politischen Akteure nicht nur der Ausweitung ihrer privaten Freiheit verschrieben hatten, sondern in der auch der Einzelne für sein Leben und das, was er daraus machte, als selbstverantwortlich galt (S. 20). Dabei beleuchtet er auch die Schattenseiten des neuen individualistischen Selbstverständnisses, das in den 1830er Jahren noch auf Thomas Jeffersons Traum von der egalitären Eigentümergesellschaft beruhte, in den späteren Jahrzehnten aber deutlich regressive Züge annahm.

Um dies zu zeigen, konzentriert sich Zakaras auf jene „politischen Mythen“, wie er sie nennt, die sich auf das Selbstverständnis des amerikanischen (weißen) Mannes beziehen. Es handelt sich um den Mythos des unabhängigen Eigentümers (independent propriertor), den Mythos des Rechteinhabers (rights-bearer) und den Mythos des Selfmademan (S. 5). Jeder Mythos, dem Zakaras ein eigenes Kapitel widmet, hatte in der Jackson-Ära eindeutig demokratische Implikationen, weil damit die ständische Gesellschaft, wie sie in Europa noch anzufinden war, infrage gestellt wurde. Jeder Mythos bot aber auch eine eigene Vision des freien Individuums und der Gefahren, die es bedrohten. Die gemeinsame Untersuchung dieser drei Mythen gibt daher ein durchaus komplexes Bild des egalitären sozioökonomischen und politischen Selbstverständnisses der Amerikaner im 19. Jahrhundert, das aber, wie Zakaras durchaus überzeugend deutlich macht, für viele konkurrierende politische Zwecke geeignet war. So präsentierten sich politische Wortführer im gesamten 19. Jahrhundert – von Jefferson bis William Jennings Bryan – als Wortführer der Kleinbauern und Kleinunternehmer. Sie feierten einen Lebensstil, der auf Arbeit und Eigentum, persönlicher Verantwortung und nachbarschaftlicher Selbsthilfe, einer traditionellen Familie und dem Zugang zu freien Märkten beruhte. Mit ihren Idealen standen sie aber auch für ein Misstrauen gegenüber dem Staat, der in ihren Augen die Eigenverantwortung der Individuen untergraben und tiefgreifende sozioökonomische und kulturelle Veränderungen mit ungeahnten Folgen für die gesamte Gesellschaft vorantreiben konnte, und begründeten das Musterbild des freien weißen Mannes, um egalitäre Reformen nicht nur gegenüber Sklaven, Schwarzen, Indigenen und eingewanderten Minderheiten, sondern auch gegenüber Frauen zu vereiteln.

Genau hier ist auch die politische Zielrichtung des Bandes zu suchen. Zakaras stellt immer wieder eine direkte Verbindung zwischen den Denkströmungen der Jackson-Jahre und den zeitgenössischen politischen Diskursen her, die sich bewusst auf die Mythen vom unabhängigen und selbstverantwortlichen Individuum beziehen. Aber er betont auch, dass es von den Abolitionisten des 19. Jahrhunderts über die Bürgerrechts- und die Frauenbewegung im 20. Jahrhundert bis hin zu den heutigen Debatten über Gesundheitsversorgung als Menschenrecht immer wieder Diskurse gab, die die selbstregulierende Rolle des Marktes infrage stellten und die Rolle des Staates beim Schutz der Rechte des Einzelnen betonten. Am ausführlichsten weist er dies anhand des Kampfes der Abolitionisten (S. 162–165) nach, obwohl auch die Arbeiterbewegung breite Aufmerksamkeit findet. Diese brachen im 19. Jahrhundert am deutlichsten mit den Mythen des unabhängigen Individuums und Selfmademan (S. 195).

Zakaras bietet den Lesern ein reichhaltiges, fesselndes und gut geschriebenes Buch, das eine ganze Reihe von Primärquellen und Sekundärliteratur auswertet, und einen neuen Blickwinkel auf verschiedene Strömungen des amerikanischen politischen Denkens zu Beginn und in der Mitte des 19. Jahrhunderts wirft. Er zeigt dabei die Wirkmächtigkeit der von ihm beschriebenen „Mythen“, die als Selbstbehauptungsdiskurs sowohl progressive als auch als Selbstermächtigung und Abschottungsdiskurs regressive Züge annehmen konnten. Deshalb bleibt es für ihn wichtig, sie in den politischen Kämpfen ihrer Zeit zu verankern und ihre Zielrichtung zu hinterfragen. Ob sie für einen Prozess der Demokratisierung der Gesellschaft stehen, liegt nicht in den „Mythen“ selbst begründet, sondern bei den politischen Akteuren, die sie verwenden.

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