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Einzelrezension

Rudeck, Lena: Vergnügen in Besatzungszeiten. Begegnungen in westalliierten Offiziers- und Soldatenclubs in Deutschland, 1945–1955, 316 S., transcript, Bielefeld 2023.


Keywords: Review, Rudeck, Lena, 2023, Gesellschaftsgeschichte, Alltagsgeschichte, Nachkriegsdeutschland, Besatzungspraxis, Westalliierte, Soldatenclubs, Offizierskasinos

How to Cite:

Schors, A., (2023) “Rudeck, Lena: Vergnügen in Besatzungszeiten. Begegnungen in westalliierten Offiziers- und Soldatenclubs in Deutschland, 1945–1955, 316 S., transcript, Bielefeld 2023.”, Neue Politische Literatur 68(3). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-023-00529-z

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© The Author(s) 2023 under CC BY International 4.0

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Published on
2023-09-24

Peer Reviewed

Die Fremdherrschaft der alliierten Mächte über die deutsche Bevölkerung ab 1944/45 war eine direkte Folge des Zweiten Weltkriegs. Die Deutschen befreiten sich nicht selbst von der nationalsozialistischen Diktatur, vielmehr mussten die alliierten Soldaten Deutschland militärisch niederwerfen. Nie wieder sollte Deutschland den europäischen Kontinent mit Krieg überziehen können, lautete der Konsens der Siegermächte. Dieses Ziel schien nur erreichbar, wenn die alliierte Vormachtstellung auf absehbare Zeit durch die physische Präsenz ihrer Besatzungssoldaten auf deutschem Boden untermauert werden würde.

Während diese politischen Zusammenhänge aus der Vogelperspektive wohlbekannt sind, gilt dies weniger für ihre gesellschaftlichen Folgen. Hier setzt die geschichtswissenschaftliche Dissertation von Lena Rudeck an, die 2022 an der Freien Universität Berlin verteidigt wurde. Die alliierten Besatzungssoldaten mussten während ihres Dienstes nicht nur bei Laune, sondern vor allem auch unter Kontrolle gehalten werden. Ein „weitverbreitetes Phänomen“ (S. 16) und zentrales Instrument bei diesem Vorhaben stellten die Offiziers- und Soldatenclubs der Besatzungsmächte dar. Sie stehen „als Vergnügungsräume zwischen militärischer und ziviler Sphäre“ (S. 17) im Zentrum der Studie. Wie die Verfasserin plausibel darlegt, wissen wir über diese Einrichtungen trotz ihrer Relevanz für den Besatzungsalltag bislang wenig. In ihrer Anlage greift die Arbeit somit Prämissen jüngerer Forschungsströme auf, die stärker als bisher die Besatzungspraxis sowie die dynamische Machtkonstellation zwischen Besatzern und Zivilbevölkerung hervorheben.

Die Studie nimmt vergleichend die Geschichte der Clubs der drei westalliierten Besatzungsmächte USA, Großbritannien und Frankreich ins Visier. Sie leitet keine regionale Schwerpunktsetzung, sondern die Besatzungszonen werden in ihrer Gesamtheit behandelt. Die sowjetische Zone klammert Rudeck hingegen aus, weil dort „keine vergleichbare Struktur“ (S. 32) bestanden habe. Der Untersuchungszeitraum reicht von 1945 bis 1955; sein Ende wird nur indirekt überhaupt begründet. Im Mittelpunkt stehen Fragen nach der Funktion und der Bedeutung der Clubs ebenso wie nach den Erfahrungen, die mit ihnen verbunden waren. Die Vielfalt und Dichte der Quellengrundlage ist beeindruckend: Sie reicht von einschlägigem staatlichen Archivgut der drei Mächte über Egodokumente und zeitgenössische Presseveröffentlichungen bis hin zu Materialien aus Stadt- und Spezialarchiven.

Neben Einleitung und Schluss setzt sich die Studie aus fünf Kapiteln zusammen, die keinem chronologischen Aufbau, sondern einem thematischen Zuschnitt folgen. Während zunächst Vorläufer der Clubs in früheren Zeiten und anderen Regionen erörtert und Ausgangsbedingungen wie das Fraternisierungsverbot dargestellt werden (Kapitel 2), geht es anschließend in einem vielschichtigen Panorama um das alliierte und deutsche Personal der Clubs. Rudeck gelingt es zum einen, anhand der amerikanischen Clubleiterinnen eine relevante Akteursgruppe der Besatzung erstmals sichtbar zu machen und ihre Handlungsmöglichkeiten quellennah auszuloten. Zum anderen vermag sie zu zeigen, dass sich in den Clubs die Beziehung zwischen deutschen Angestellten und Besatzern von vorneherein nicht hierarchisch ausprägte, sondern sich eine „gegenseitige Abhängigkeit“ (S. 131) entwickelte, zum Beispiel wegen Arbeitskräftemangel (Kapitel 3). Das vierte Kapitel behandelt Einlasskriterien und Zutrittsverbote. Diese „verfestigten […] bestehende Inklusions- und Exklusionsprozesse“ (S. 133) innerhalb der Besatzungsarmeen, etwa in Form militärischer Rangfolge und rassistischer Diskriminierungen. Ebenso aber berührten sie den Kern der disziplinarischen Herausforderung, der sich die Militärführungen gegenübersahen: Es gab schlicht zu wenige alliierte Frauen, mit denen die Soldaten Zeit verbringen konnten. Als deutsche Frauen in einem aufwendigen Regulierungsverfahren allmählich doch Zutritt erhielten, ging es auch hier letztlich darum, die amerikanischen „Soldaten an die Clubs zu binden und sie zu kontrollieren“ (S. 154). Dieses Kapitel durchzieht, wie das Buch insgesamt, eine kritisch-abwägende Sensibilität gegenüber zeittypischen Geschlechtervorstellungen. Gängige Klischees – so die Vorstellung, deutsche Besucherinnen hätten „aus Not (sexuelle) Kontakte im Tausch gegen Konsumgüter“ (S. 167) gesucht – werden dabei fundiert ausdifferenziert. Im Folgenden stellt Rudeck den Alltag der Clubaufenthalte detailreich dar (Kapitel 5) und verfolgt schließlich weitschweifend die Rezeption der Clubs in der deutschen Nachkriegswahrnehmung. Hierbei verliert die Studie etwas an Fokus und Profil (Kapitel 6).

Licht und Schatten kennzeichnet die vergleichende Vorgehensweise: Aufschlussreiche Einzelbeobachtungen zur britischen und französischen Besatzung bereichern das in der Literatur vorherrschende Bild, auch wenn sie darstellerisch eher additiv präsentiert werden. Obwohl Rudeck eingangs treffend bemerkt, dass in der Forschung häufig pauschal von der amerikanischen Besatzungsmacht auf die anderen westlichen Mächte geschlossen werde, reproduziert die Studie faktisch diese klassische Hierarchisierung selbst. Denn die britischen und französischen Clubs werden viel kursorischer abgehandelt als ihr US-Pendant. Dies liegt nicht zuletzt an der schmaleren Quellenüberlieferung, was der Autorin nicht anzulasten ist. Allerdings wäre es wünschenswert gewesen, diesen konzeptionellen Widerspruch zu reflektieren – insbesondere, was dies nun in der historischen Bewertung über den relativen Stellenwert der jeweiligen Mächte aussagt. Der – nicht näher problematisierte – nicht-chronologische Aufbau bringt wiederum Redundanzen mit sich und lässt zuweilen die zu unterschiedlichen Zeitpunkten voneinander abweichenden Kontextbedingungen der Besatzung verschwimmen.

Insgesamt aber handelt es sich um eine wichtige, verdienstvolle Studie, die unserem Wissen über die Alltagsgeschichte der alliierten Besatzung bislang ungekannte Facetten hinzufügt.

Funding

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