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Einzelrezension

Saravanan, Velayutham: Environmental History of Modern India. Land, Population, Technology and Development, 276 S., Bloomsbury India, Neu Delhi 2022.


Keywords: Review, Saravanan, Velayutham, 2022, Indien, Umweltgeschichte, Landnutzung, Bevölkerungsplanung, (post-)koloniale Umweltpolitik, Wasserverschmutzung, Technologie, Elektroschrott

How to Cite:

Homberg, M., (2023) “Saravanan, Velayutham: Environmental History of Modern India. Land, Population, Technology and Development, 276 S., Bloomsbury India, Neu Delhi 2022.”, Neue Politische Literatur 68(3). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-023-00528-0

Rights:

© The Author(s) 2023 under CC BY International 4.0

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Published on
2023-11-09

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Die wechselvolle Geschichte des modernen Indiens war zugleich eine Geschichte sich wandelnder ökologischer Überzeugungen, Wegentscheidungen und Ziele. Wer die gegenwärtigen Probleme im Bereich von Landgewinnung und Bodennutzung, Urbanisierung und Bevölkerungspolitik sowie deren staatliche Lösungsversuche in Indien verstehen will, muss daher bis in die (vor-)koloniale Periode zurückblicken, so das Credo Velayutham Saravanans. Der Autor der vorliegenden Studie zur „Environmental History of Modern India“, einer der profiliertesten Umwelthistoriker Indiens und ehemaliger Direktor des Centre for Jawaharlal Nehru Studies an der Jamia Millia Islamia in Delhi, hat sich in den vergangenen Jahren bereits verschiedentlich dieses weiten Themenkomplexes angenommen (vgl. z. B. Colonialism, Environment and Tribals in South India, 1792–1947, 2017; Water and the Environmental History of Modern India, 2020; Political Economy of Development and Environment in Modern India, 2023).

In seinem neuen Buch widmet er sich den zentralen umwelthistorischen Wegmarken des modernen Indiens ab dem späten 18. Jahrhundert, wobei vor allem die Entwicklungen ab 1850 und ganz besonders die Periode nach 1947 im Fokus stehen. In seiner klar gegliederten, überzeugend argumentierenden und zugleich quellengesättigten Darstellung demonstriert er, wie sehr die lange Geschichte des Abbaus von Bodenschätzen, der Umweltverschmutzung, der ungeplanten Verstädterung und der ungleichen Landnutzung die Umweltprobleme des Landes bis heute prägt. Damit ist der Band für Forschende an der Schnittstelle verschiedener Disziplinen von Interesse, die die sozialen, kulturellen und ökonomischen Voraussetzungen, Bedingungen und Folgen, aber auch die konkreten materiellen Konsequenzen der indischen Umweltpolitik verstehen möchten. Einer der zentralen Verdienste des Buches ist die eindrückliche Darstellung der Kontinuitäten zwischen kolonialem und postkolonialem Regierungshandeln, etwa hinsichtlich der Ausbeutung der Umwelt, sowie die präzise Rekonstruktion der Verschiebungen regionaler Politiken und Praktiken, die sich in zahlreichen Statistiken abbilden. Dabei spricht Saravanan jenseits abgehobener politischer Direktiven und Diskurse immer wieder auch die konkrete Bedeutung dieser Verschiebungen im alltäglichen Leben der Menschen in Indien an.

Eingerahmt von einer konzisen Einleitung und einem prägnanten Schluss gliedert sich der Band in sieben thematisch geordnete Kapitel. Das zweite Kapitel des Bandes analysiert dazu die Geschichte der Landnutzung in Indien von der vorkolonialen Zeit bis zur Gegenwart, unter besonderer Beachtung der sozialen Rahmenbedingungen und Implikationen der Kultivierung des Landes ab dem Ende des 18. Jahrhunderts. Insbesondere der wachsende Bevölkerungsdruck habe, wie Saravanan schlüssig argumentiert, eine Ausweitung der Produktion verlangt, und zugleich eine beschleunigte Erschließung des Landes durch Verkehrs- und Elektrizitäts- sowie Wasserversorgungssysteme, aber auch den Ausbau von Bildungseinrichtungen, verstärkten Wohnungsbau und neue Pläne zur Gesundheitsversorgung erzwungen. Das dritte Kapitel untersucht alsdann die demografischen Veränderungen und die daraus resultierenden ökologischen Fragen, die vom Wechselverhältnis zwischen kolonialer Landgewinnungspolitik und Hungersnöten bis hin zu den Ideen und Grenzen der postkolonialen Bevölkerungs- und Familienplanung und der Neuordnung der Gesundheitssysteme reichen. Vor dieser Folie wird in der Folge der Frage nachgegangen, wie sich die Politiken des Umweltschutzes im kolonialen und postkolonialen Indien gestalteten und welche Grenzziehungen und Widersprüche sie auszeichneten. Dazu entwirft der Autor ein breites Panorama der kolonialen Kommerzialisierung und Kontrolle natürlicher Ressourcen, wobei er einen Fokus auf den Bereich der kolonialen Forstpolitik setzt, die sich zur Mitte des 19. Jahrhunderts anschickte, die natürlichen Ressourcen Indiens zu gewinnen und auszubeuten. Am Beispiel der „Indian Forest Acts“ werden so im vierten Kapitel die Veränderungen der kolonialen Rhetorik und Politik besonders plastisch.

Das fünfte Kapitel zeichnet dagegen die Anpassung und Neuausrichtung kolonialer Direktiven in der postkolonialen Ära nach. Dabei kann der Autor zeigen, dass der Umweltschutz in Indien bis in die 1970er Jahre ein vernachlässigtes Thema blieb; gewichtige Probleme wie die Wasserverschmutzung überdauern deshalb, trotz erster gesetzlicher Regulierungsanstrengungen, bis in die jüngste Gegenwart, so Saravanan. Im sechsten Kapitel beschreibt er – wiederum in einer longue-durée-Perspektive – die rechtlichen Rahmenbedingungen und sozialen Konsequenzen der staatlichen Akquisition von Land, wobei besonders die erzwungenen Umsiedlungen und die (mangelnden) Entschädigungen lokaler Landbesitzer und Bauern, die über das Landeigentum auch ihre Existenzgrundlage verloren, zur Sprache kommen.

Das siebte Kapitel, das – schon wegen seines starken Schwerpunkts in der bislang kaum durchleuchteten Periode des postkolonialen Indiens – zu einem der Highlights des Bandes gehört, widmet sich der Erzeugung, Verarbeitung und Entsorgung von Elektronikschrott, dessen ökologische Konsequenzen insbesondere in den letzten rund drei Jahrzehnten zusehends in den Fokus hitziger publizistischer Debatten gerückt sind. Die Kehrseite des raschen Wachstums der indischen Elektronik- und Computerindustrie an der Schwelle zu den 1990er Jahren war demnach, auch angesichts der beschleunigten Obsoleszenz der Produkte, ein Zuwachs an elektronischem Müll, dessen Kontrolle und Regulierung die indische Regierung viele Jahre hintanstellte. Freilich wäre hier – wie auch in anderen Passagen des Buches – die internationale Dimension der ökologischen Fragen und der dazu diskutierten politischen Antworten noch stärker hervorzuheben gewesen. Das Beispiel des globalen Müllhandels, in dessen Zuge zu Beginn des 21. Jahrhunderts das Gros des weltweiten Elektroschrotts in den Globalen Süden gelangte, hätte sich etwa angeboten, um noch eingehender über die Möglichkeiten und Grenzen nationalstaatlicher Regulierungen nachzudenken. Indem es neuerlich die Menschen in den Fokus rückt, diskutiert das achte Kapitel schlussendlich die komplexen Auseinandersetzungen um Land, Bevölkerung, Technologie, Entwicklung und Ökologie am Beispiel sozial marginalisierter Gruppen, der Scheduled Castes und der indigenen Scheduled Tribes. Wie diese Gruppen zu Verlierern der Entwicklungsvorhaben wurden und zugleich unter dem ökologischen Raubbau der indischen Regierung litten, wird einmal mehr eindrücklich beschrieben.

Saravanans „Environmental History of Modern India“ stellt, gerade aus der Perspektive einer Vorgeschichte der Gegenwart, eine wichtige Pionierarbeit dar, die sowohl durch ihre Präsentation akribisch recherchierter Daten und Fakten als auch durch ihre analytischen Interventionen, die zentrale Felder der Geschichte des modernen Indien produktiv verbinden, überzeugen kann. So hat das Buch die besondere Qualität, die neuere Forschung, aber auch die praktische Arbeit von (Entwicklungs‑)Ökonomen und politischen Entscheidungsträgern in den nächsten Jahren voranzubringen.

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