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Einzelrezension

Heinrich, Horst-Alfred/Klumpp, Lorenz (Hrsg.): Demokratie im Bild, 154 S., Steiner, Stuttgart 2022.


Keywords: Review, Heinrich, Horst-Alfred/Klumpp, Lorenz (Hrsg.), 2022, politische Kommunikationsforschung, Demokratie, Demokratievorstellungen, Visualisierung, Bildanalyse

How to Cite:

Baringhorst, S., (2023) “Heinrich, Horst-Alfred/Klumpp, Lorenz (Hrsg.): Demokratie im Bild, 154 S., Steiner, Stuttgart 2022.”, Neue Politische Literatur 68(3). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-023-00527-1

Rights:

© The Author(s) 2023 under CC BY International 4.0

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2023-09-25

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Der hier zu besprechende Sammelband über die bildlichen Vorstellungen und die Sichtbarkeit von Demokratie basiert auf sechs Beiträgen zu einer Passauer Vorlesungsreihe aus dem Wintersemester 2019/2020. Machen sich Bürger_innen überhaupt ein Bild von der Demokratie und – wenn ja – welches, sind die Leitfragen des ersten Beitrags von Herausgeber Horst-Alfred Heinrich. Aufschluss darüber gibt eine für Bayern repräsentative Studie, in der Proband_innen in Anwendung der draw-&-write-Technik gebeten wurden, ihr Bild von Demokratie zu zeichnen und dieses gegebenenfalls schriftlich zu erläutern. Die eingegangenen Zeichnungen kategorisiert Heinrich in einer Bildtypenanalyse nach visualisierten Demokratievorstellungen. Fast die Hälfte der eingereichten Zeichnungen ordnet er der Kategorie „Wahlrecht und Wahlen“ (S. 16) zu, doch assoziieren Bürger_innen mit Demokratie nicht nur Institutionen der elektoralen Demokratie. Gezeichnet wurden zum Beispiel auch Formen nicht-elektoraler Partizipation oder Bilder eines auf Heterogenität gegründeten gesellschaftlichen Zusammenhalts als soziokulturelles Merkmal demokratischer Gesellschaften. Insgesamt zeigt sich eine große Vielfältigkeit der Zeichnungen, in denen Demokratie nicht nur als Herrschaftsform, sondern auch als „Gesellschafts- und Lebensform“ (S. 37) wahrgenommen wird.

Im nächsten Beitrag differenziert Gerhard Göhler nach einer kurzen symboltheoretischen Einführung zwischen Ton‑, Text-, und Handlungssymbolen. Als besondere Leistung politischer Symbole in Gemeinwesen im Allgemeinen wie in der Demokratie im Besonderen stellt Göhler ihre Fähigkeit zur Verdichtung der „grundlegenden Werte und Ordnungsvorstellungen“ (S. 50) und ihre damit verbundene „wichtige integrative Funktion“ (ebd.) heraus. Die Visualisierung von Gefahren der liberalen Demokratie untersucht Lorenz Klumpp am Beispiel der visuellen Konstruktion von Donald J. Trump auf Titelbildern des „Spiegel“-Magazins. Im zweiten Beitrag von Horst-Alfred Heinrich werden Analogien und Unterschiede in der bildlichen Darstellung von politischen Kompositkörpern auf Covern des „Spiegel“ und dem bekannten Frontispiz des „Leviathan“ von Thomas Hobbes herausgearbeitet. Die Fallanalysen von Lorenz und Heinrich basieren auf der Auswertung eines umfangreichen Datenkorpus von „Spiegel“-Titelbildern. Sie zeigen: Grundwerte liberaler Demokratien lassen sich in politischen Bildanalysen auch ex negativo aus der Darstellung von Autokraten und populistischen Führern in politischen Leitmedien liberaler Demokratien ableiten. Die vier politikwissenschaftlichen Beiträge werden ergänzt durch Aufsätze zur Ikonografie der politischen Architektur in der Demokratie (Matthias Bruhn) sowie zum historischen Wandel des Dresscodes von Politiker_innen und der Diskursivierung von Politiker_innenkörpern (Viola Hofmann).

Einstellungen zur und Vorstellungen von Demokratie werden in der politischen Kultur- und Kommunikationsforschung trotz des sogenannten pictorial oder iconic turn der 1990er Jahre noch immer primär über Surveys abgefragt oder in Deutungsmusteranalysen öffentlicher Diskurse rekonstruiert. Aufgrund der unmittelbaren Evidenz, Überzeugungskraft und starken affektiven Wirkung von Bildern haben Bildanalysen politischer Kommunikation zwar in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen, doch bilden sie noch immer ein eher marginales Forschungsgebiet der deutschen Politikwissenschaft. Der Sammelband liefert eine lesenswerte Bereicherung der Forschungsliteratur, da er unterschiedliche disziplinäre Perspektiven auf die Thematik zusammenbringt und neben einführenden theoretischen Ausführungen zur Funktion von Symbolen für die Demokratie innovative empirische Fallstudien präsentiert. Besonders interessant ist die Kopplung von Top-down- und Bottom-up-Perspektiven der bildlichen Darstellung von Demokratie: Zwar wissen wir inzwischen einiges über die visuelle Darstellung von Politik und Politiker_innen in den Medien, doch sind die visuellen Bilder politischer Ordnungen in den Köpfen des Souveräns noch weitgehend unerforscht. Trotz der im Band angesprochenen methodischen Schwierigkeiten, die mit der draw-&-write-Technik verbundenen sind, sollten weitere Studien noch genaueren Aufschluss über das erkenntnisgenerierende Potenzial dieser innovativen Methode zur Erfassung bildlicher politischer Vorstellungen von Bürger_innen geben.

Demokratietheoretisch reflektiert und im methodischen Vorgehen gut nachvollziehbar sind vor allem die politikwissenschaftlichen Beiträge. Die Überlegungen im architekturgeschichtlichen Text zur Bedeutung von Glas und Transparenz für bauliche Repräsentationen von Demokratie sowie im medienwissenschaftlichen Beitrag zum Designbegriff und Wandel körperbezogener Politikerinszenierungen sind demgegenüber eher essayhaft; sie bieten aber dennoch interessante kulturhistorische Perspektiven.

Kritisch anzumerken ist, dass Differenzen im theoretischen Zugang der einzelnen Beiträge zu wenig expliziert und nicht in einer allgemeinen Einleitung oder einem resümierenden Abschlusskapitel diskutiert werden. Insbesondere die zentrale These von Göhler, wonach Symbolen „eine wichtige integrative Funktion“ (S. 54) zukommt, wird in den empirischen Beiträgen kaum aufgenommen. Vielleicht liegt dies daran, dass sie zu unspezifisch ist und gerade auch für nichtdemokratische Ordnungen und Gesellschaften zutrifft. Um die empirisch innovativen Beiträge stärker an demokratietheoretische Diskussionen zur Krise der Repräsentation anzuschließen, wäre auch ein intensiverer Rekurs auf wichtige Vorarbeiten von Herfried Münkler und Paula Diehl wünschenswert.

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