Die britische Historikerin Helen Roche legt mit ihrer Studie über die „Nationalpolitischen Erziehungsanstalten“, die auch als Napolas oder NPEA bekannt waren, eine umfassende, zeitgemäße Darstellung über die Eliteschulen des ‚Dritten Reichs‘ vor. Sie füllt damit eine Forschungslücke, denn die letzten größeren Beiträge seitens der deutschen Bildungsforschung liegen ein halbes Jahrhundert zurück; eine französischsprachige Publikation von 2000 (Bouvier, Herma/Geraud, Claude: NAPOLA. Les écoles d’élites du troisième Reich) ist gleichfalls veraltet, während eine polnischsprachige Studie über die „junge Elite Adolf Hitlers“ (Butkiewicz, Tomasz: Napola. Młoda elita Adolfa Hitlera, Szczecin 2018) hierzulande unbeachtet blieb.
In den Zukunftsprojektionen nationalsozialistischer Erziehungspolitiker und -funktionäre war den Internaten eine wichtige Rolle zugedacht, da sie die künftige, in einer extrem nationalistischen Ideologie fest verankerte Führungsschicht im NS-Staat heranbilden sollten. Die Wertschätzung für die Heimschulen lässt sich schon daran erkennen, dass sie vom holsteinischen Plön über Putbus auf Rügen bis nach Bensberg bei Köln und Oranienstein bei Diez mitunter in prächtigen Schlossanlagen untergebracht waren. Am Ende gab es 43 Napolas, die meisten exklusiv für sogenannte Jungmannen. Die letzten entstanden 1944 in den luftkriegfernen böhmischen Gebieten. Drei waren (nur) für Mädchen bestimmt. Wie Roche andeutet, waren unter den Schülern ein späterer österreichischer Justizminister, ein NATO-Oberbefehlshaber für Mitteleuropa und ein enger Mitarbeiter Erich Honeckers aus der FDJ-Funktionärsriege (S. 2). Weitere ließen sich unschwer hinzuzählen, etwa Heinrich Hitler (1920–1942), ein Halbneffe des Diktators, der rechtsextreme Terrorist Manfred Roeder (1929–2014), der evangelisch-lutherische Landesbischof von Thüringen Werner Leich (1927–2022) oder der SPÖ-Politiker und österreichische Außenminister Leopold Gratz (1929–2006).
Die mutwillige Vernichtung zahlreicher Unterlagen in der Endphase des Kriegs machte eine mühsame Suche nach dem erforderlich, was dennoch überdauert hat. Fündig wurde Roche vor allem in einigen Dutzend städtischen, Staats- und Privatarchiven in Deutschland. In den Worten der Autorin heißt es: „This monograph presents an entirely original synthesis of primary source-material collated over the past decade from eighty archives in half a dozen countries worldwide […]“ (S. 5). Beeindruckend sind Roches Erfolge bei der Einbeziehung von Aussagen von über einhundert Zeitzeugen, die – wie die Autorin im Vorwort bekennt – sich ihr gegenüber weitaus bereitwilliger öffneten und aufgeschlossener berichteten, als sie dies auf die Fragen ihrer Landsleute hin getan hätten (S. vii f.). Zudem hat Roche die noch greifbaren Publikationen der einzelnen Schulen ausfindig gemacht und herangezogen.
Auf dieser Grundlage beabsichtigt Roche, Bildungsgeschichte als Zeitgeschichte und insbesondere als Alltagsgeschichte unter dem NS-Regime darzustellen, wobei sozial- und kulturgeschichtliche Aspekte ebenso Berücksichtigung finden. Dabei verzichtet sie auf fixe zeitliche Begrenzungen, geht es doch auch um Kontinuitäten, die zu 1933 hinführten und über 1945 hinausreichen.
Die Untersuchung ist in drei Abschnitte gegliedert. Nach der Einführung beschreibt die Autorin die Position der Schulart im NS-Staat, den Gedanken der Auslese im nationalsozialistischen Erziehungswesen und den Schulalltag, der von sportlichem Training und ‚Einsätzen‘ jenseits festgelegter Unterrichtsroutinen erheblich geprägt war. Ziel war die Gesamterziehung in der Gemeinschaft, in die sich die Zöglinge einzupassen hatten. Feste Bezugspunkte waren Erziehungsvorstellungen, die in „Mein Kampf“ geäußert wurden. Im Grunde ging es um eine an rassistischen Kriterien ausgerichtete Gemeinschaft in Gestalt eines „elitären Mikrokosmos der Volksgemeinschaft als Ganzem“ (S. 59). Nationalpolitischer Unterricht diente der Abrichtung und Indoktrination. Ein Beispiel dafür ist der Aufenthalt einer Spandauer NPEA-Klasse auf Föhr, die im Sommer 1935 der Abrichtung zum Antisemiten dienen sollte, indem die Schüler etwa Plakate anfertigten und anbrachten, die sich gegen jüdische Badegäste – insbesondere zweier jüdischer Kinderheime – wandten (S. 96 ff.). Im Rundbrief der Kösliner Napola von Ende 1938 berichtet der „Jungmann“ Boneß über „Juden in Polen“, nachdem er das Judenviertel von Sosnowiec betrachtet hatte (S. 98 f.). Er bedient sich der Versatzstücke eingeführter judenfeindlicher Propaganda, hat die ideologische Vorbereitung zum Vernichtungskrieg also schon internalisiert. Hier wäre zu ergänzen, dass Siegfried Boneß (*1920) drei Jahre später, im Dezember 1941, im nordwestlichen Russland als Gefreiter ums Leben gekommen ist.
Der zweite Abschnitt über „Einheit in der Vielheit“ in Bezug auf regionale und institutionelle Traditionen der einzelnen Anstalten befasst sich mit ihrer Herkunft, Errichtung beziehungsweise Umwandlung und der organisatorischen Entwicklung. In den ehemaligen preußischen Kadettenanstalten Köslin, Potsdam und Plön erschienen 1933 die ersten Napolas. Roche forscht den Schnittmengen zwischen preußischem Militarismus und Nationalsozialismus nach. In einigen der Schulen, die 1920 in Staatliche Bildungsanstalten umgewandelt worden waren, hatte sich republikanisches Denken nie durchsetzen können. Unterdessen befanden sich die Einrichtungen in Bensberg und bei Diez (Oranienstein) jahrelang unter französischer Besatzung. Von 1938 an kamen acht Schulen für Jungen und zwei für Mädchen in Österreich hinzu, und weitere entstanden in den Regionen nahe der Reichsgrenzen beziehungsweise in den daran anschließenden besetzten Gebieten. August Heißmeyer, seit 1936 „Inspekteur der Nationalpolitischen Erziehungsanstalten“, tat sich bei der Auflösung der Klöster hervor und leitete später die für die militärische Ausbildung der Napola-Schüler zuständige „Dienststelle Heißmeyer“. Von 1941 an unterstanden ihm alle Heimschulen. Inzwischen war den Napolas auch eine wichtige Rolle bei den Plänen für die (künftige) Eindeutschung der angrenzenden Gebiete in Ost- und Westeuropa zugedacht. Ein eigenes Unterkapitel gilt den Napola-Schulen für Mädchen, die in Niederösterreich und im luxemburgischen Colmar-Berg eingerichtet wurden.
Im dritten Abschnitt geht es um die kriegsbedingten Entwicklungen und den schließlichen Untergang der Nationalpolitischen Erziehungsanstalten im „Endkrieg“ (S. 358).
Helen Roches auf langjährige Quellenarbeit gestützte Synthese über die „Avantgarde der Volksgemeinschaft“ (S. 425) bietet einen höchst willkommenen Beitrag zur Geschichte einer pervertierten Erziehungspraxis im Nationalsozialismus. Sie setzt sich dabei durchaus in Widerspruch zur Eigenwahrnehmung ihrer Zeitzeug_innen, wenn sie feststellt, die Indoktrination sei oft so unterschwellig erfolgt, dass frühere Napola-Schüler_innen „noch heute unfähig sind, genau zu erkennen, wie sehr ihre Schulerziehung politisiert war“ (S. 59).