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Einzelrezension

Weber, Fabian: Projektionen auf den Zionismus. Nichtjüdische Wahrnehmungen des Zionismus im Deutschen Reich 1897–1933, 377 S., Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2020.


Keywords: Review, Weber, Fabian, 2020, Zionismus, Deutsches Reich, Kolonialdebatten, Antisemitismus, christliche Mission, Diskurse

How to Cite:

Vianden, B., (2023) “Weber, Fabian: Projektionen auf den Zionismus. Nichtjüdische Wahrnehmungen des Zionismus im Deutschen Reich 1897–1933, 377 S., Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2020.”, Neue Politische Literatur 68(3). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-023-00523-5

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© The Author(s) 2023 under CC BY International 4.0

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2023-09-29

Peer Reviewed

Fabian Weber untersucht in seinem Werk über Projektionen auf den Zionismus im Deutschen Reich vor allem drei Bereiche in Bezug auf deren Sichtweise auf den politischen Zionismus: Erstens kolonial- und außenpolitische Debatten, zweitens explizit judenfeindliche Polemik, und drittens protestantische, eschatologisch ausgerichtete Perspektiven. Die Bereiche sind in drei Hauptkapitel gegliedert, deren chronologische Anordnung damit auch eine zeitliche Fokussierung in der Betrachtung widerspiegelt. Innerhalb der Kapitel hat der Autor jeweils noch einmal eine Schwerpunktsetzung auf bestimmte Zeitabschnitte gesetzt, für die Kolonialdebatten ist dies beispielsweise die Zeit des Ersten Weltkriegs. Bereits früh fällt hier das Fußnotenmanagement auf, welches für eine Arbeit aus der Neueren Geschichte teils übermäßig ausschweifend ausfällt. So sind etwa vier Zeilen Haupttext neben 40 Zeilen Fußnoten auf einer Seite keine Seltenheit (vgl. S. 33, 41f., uvm.). Generell hätte es dem Text nicht geschadet, manche relevante Fußnote schlicht in den Haupttext mit aufzunehmen.

Inhaltlich ist anzumerken, dass die behandelten Sichtweisen teils durch eine begrenzte Anzahl von Autoren repräsentiert werden, ohne dass Weber ihre tatsächliche Relevanz und Wirkung angemessen einordnet. Es bleibt stellenweise unklar, nach welchen Kriterien er bestimmte Autoren auswählt, warum er gerade diese nennt und andere nicht. Obwohl Weber gelegentlich Auflagenhöhen erwähnt, um die Relevanz mancher Beiträge zu verdeutlichen, konzentriert er sich in diesen Fällen meist auf Bestseller, wodurch die Bedeutung der vermeintlich ‚kleineren‘ Autoren im Dunkeln bleibt. Besonders aufschlussreich ist dagegen Kapitel 4 über die christlichen Judenmissionare, in welchem Vereine und Komitees mit einer breiteren Öffentlichkeit eine bedeutendere Rolle als einzelne Akteure spielen und sich so der Streit um den Zionismus besser einordnen lässt. Im Gegensatz zu den vorherigen Kapiteln zeigt dieses Kapitel, dass der Diskurs um den Zionismus vielschichtiger war und durchaus von einer breiten Öffentlichkeit geführt wurde.

Bei der Untersuchung der Kolonialbewegung bezieht Weber hingegen nur vereinzelt Zeitschriften als Quelle oder Debattenräume mit ein, obwohl deren Bedeutung für die Kolonialbewegung durch die hohen Auflagen, beispielsweise der „Deutschen Kolonialzeitung“, durchaus naheliegend sind. Möglicherweise hätten die Kolonialzeitschriften weitere wichtige Einblicke in die koloniale Publizistik bieten können. Es wäre zudem sehr interessant gewesen, auch die Alldeutschen als Vertreter der Kolonialbewegung mit aufzunehmen, oder diese vielmehr als Bindeglied zwischen Kolonialbewegung und Antisemiten zu nutzen, da sie für beide eine relevante Gruppe darstellten.

Es fällt weiterhin auf, dass im Buch vorwiegend Perspektiven des politisch ‚rechten‘ Spektrums behandelt werden, während eine dezidiert ‚linke‘ Sichtweise auf den Zionismus das Thema hätte sinnvoll ergänzen können. Obwohl Weber vereinzelt linke Perspektiven andeutet, wie zum Beispiel Eduard Bernsteins Standpunkt zum Zionismus, bleiben andere Stimmen aus der Sozialdemokratie unberücksichtigt. Es wäre aufschlussreich zu erfahren, ob es dort eine ähnlich politisch-instrumentelle Sichtweise auf den Zionismus gab, wie es bei den anderen Gruppierungen der Fall war. Letztlich entwickelte die SPD gegen Ende des Kaiserreichs ja bekanntermaßen auch eine differenzierte Haltung zum deutschen Kolonialismus. Diese Aspekte könnten einen Beitrag zum tieferen Verständnis der politischen Diskurse jener Zeit liefern. Überdies wäre ein Ausblick auf die Gegenwart und die aktuelle Debatte über den Zionismus auch aus dieser Perspektive wünschenswert. Heutzutage kommt Israelkritik schließlich oft von linken Gruppen, während die Vereinnahmung Israels durch die Rechte in Deutschland nur einen vergleichsweise kleinen Teil der medialen Debatte um den jüdischen Staat ausmacht.

Trotz dieser Punkte gelingt es Weber eindrucksvoll herauszuarbeiten, wie so unterschiedliche Akteure wie liberale Imperialisten, völkische Antisemiten und christliche Judenmissionare den Zionismus als für die eigenen Zwecke nützliche Bewegung betrachteten. Aus der Außenperspektive erwies er sich offenkundig als äußerst anpassungsfähiges Konzept. Weber liefert eine detaillierte Analyse der Dynamiken und Motivationen hinter den verschiedenen Standpunkten zum politischen Zionismus. Dabei wird insbesondere die Verbindung zwischen Antisemitismus und Zionismus untersucht und widerlegt. Durch eine kritische Auseinandersetzung mit den wichtigsten deutschen Antisemiten zeigt Weber auf, dass diese entweder den Zionismus lediglich als nützliches Instrument zur Demagogie betrachteten oder ihn als Ausdruck einer angeblichen jüdischen Weltverschwörung ansahen, die lediglich eine regionale Machtzentrale für subversive Zwecke schaffen wollte.

Insgesamt durchzieht das Buch durch seinen Fokus auf die nichtjüdische Wahrnehmung des Zionismus ein stringenter roter Faden, der verschiedene Perspektiven von Bewegungen aufzeigt, die die Zeit von 1871 bis 1933 und darüber hinaus maßgeblich geprägt haben, darunter die völkischen, kolonialistischen und christlichen Strömungen. Es werden sowohl unterschiedliche als auch sich überschneidende Sichtweisen auf das Phänomen des politischen Zionismus detailliert dargestellt. Das Buch von Weber stellt einen wichtigen Beitrag zur Erforschung des politischen Zionismus aus deutscher Sicht dar und bietet trotz einiger Kritikpunkte einen umfangreichen Einblick in die vielfältigen politischen und ideologischen Strömungen, die den Zionismus beeinflusst und auf ihn eingewirkt haben. Es regt dazu an, den politischen Zionismus als ein komplexes Phänomen zu betrachten, das von unterschiedlichen politischen Lagern interpretiert und instrumentalisiert werden konnte und wurde.

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